II. Die Verwandlung der Diebin. (Willkürliche Verbindung mit Maria.)

[250] 1. Aus Schweden.


a) Der hl. Jungfrau Dienerin stahl ein rotes, seidenes Knäuel nebst einer Schere aus dem Nähkorbe Marias und versteckte das Knäuel im Busen. Sie leugnete den Diebstahl, Maria schlug sie, und sie wurde in eine Schwalbe verwandelt, die noch das gestohlene, seidene Knäuel vorne an der Brust trägt, die Schere aber im Schwanze, und sie ist verdammt, nimmer auf dem grünen Zweige Ruhe zu finden, und so singt sie zwischen Himmel und Erde fliegend: Jungfru Maria skyllde mig, att jag stal en sax och ett silxe-nysta; jag svor om Gud, jag tog' et inte, jag tog' et v l ilell, jag tog' et v l il-ell! [Jungfrau Maria beschuldigte mich, daß ich eine Schere und ein seidenes Knäuel stahl; ich schwur bei Gott, ich stahl es nicht; ich stahl es doch wohl, ich stahl es dennoch].


  • Literatur: Cavallius, Wärend och Wirdarne 1, 344.

b) Man sagt, daß die Schwalbe einst Kammerjungfer bei der hl. Jungfrau gewesen sei, aber eines Tages habe sie ihrer Herrin ein Knäuel roten Fadens und eine Schere gestohlen. Zur Strafe für diese Missetat wurde sie in einen Vogel verwandelt und dazu verurteilt, ewig die gestohlenen Gegenstände zu tragen, den[250] ersten unter der Kehle, den zweiten am Schwanze. Seit dieser Zeit wiederholt sie ohne Unterbrechung mit trauriger Stimme:

»Meine Frau hat verloren, meine Frau hat verloren ihren roten Zwirnsknäuel und ihre Schere.«


  • Literatur: Mélusine 1, 554.

c) Der Kiebitz war einst eine Dienstmagd der Jungfrau Maria. Der stahl sie eine Schere, und weil sie das Vergehen leugnete, wurde sie zur Strafe in jenen Vogel verwandelt. Jetzt ruft dieser daher: »tyvit! tyvit!« (ich stahl sie!), und als deutlichen Hinweis auf die gestohlene Schere trägt er einen gespaltenen Schwanz.


  • Literatur: Afzelius, schwedische Volkssagen, übs. von Ungewitter 3 (1842), 243, Swainson, British Birds, p. 186.

2. Sage der Schweden in Finnland.


Jungfrau Maria hatte eine diebische Kammerjungfer, die ein rotes Seidenknäuel und eine Schere stahl. Als der Diebstahl entdeckt wurde, wollte sie sich entschuldigen, aber wurde zur Strafe für ihr Vergehen in eine Schwalbe verwandelt. Daher hat die Schwalbe noch heute einen braunen Fleck unter der Kehle und einen gespaltenen Schwanz als Merkmal des Knäuels und der Schere, und noch immer zwitschert sie von ihrer Unschuld:

»Jungfru Marias nyckelpiga sägir att jag stulit af henne ett silkesnystan och en silfra sax, men det har jag ej gjort.« (Jungfrau Marias Kammerjungfer sagt, ich hätte ihr gestohlen ein Seidenknäuel und eine silberne Schere, aber das habe ich nicht getan).

Nach einer anderen Erzählung schob die Jungfer die Schuld auf die Schwalbe, die einen braunen Fleck unter dem Kinn und einen gespaltenen Schwanz hat, alles Merkmale des Knäuels und der Schere, weshalb sich die Schwalbe noch heute entschuldigen will mit ihrem Gezwitscher: »Jungfru Marias nyckelpiga« usw.


  • Literatur: Nyland, S. 220, Nr. 190.

Variante der Stimmdeutung in Finnland.


»Viti viti via, Jungfru Maria, som stal mett seltjenystan o fingersaxs.«

[Viti viti via, Jungfrau Maria, die meinen seidenen Knäuel und Fingerschere stahl (sic)].


  • Literatur: Nordlander, 166, 304.

3. Aus Norwegen.


Die hl. Jungfrau bedurfte einst einer Dienerin. Sie ließ daher alle Vögel der Welt kommen und wählte die Schwalbe. Aber eines Tages nahm der Vogel der Jungfrau ein Knäuel rotes Garn und eine schöne Schere. Die Mutter Gottes bemerkte das sogleich und sagte zu ihrem Sohne, daß die Schwalbe es gestohlen hatte. Zur Strafe verurteilte sie der Herr, die geraubten Gegenstände ewig zu tragen. Daher trägt sie einen großen roten Fleck unter der Kehle und hat einen gegabelten Schwanz. Ihr Ruf lautet: »Min fru har fœrlorat, min fru har fœrlorat ett rædt nystan och en sa ... ax!« (Meine Frau hat ihr rotes Knäuel und ihre Schere verloren.)


  • Literatur: La Tradition 3, 124 f.

4. Aus Dänemark.


a) Ein Mädchen stahl die goldene Schere seiner Frau, die hernach das Mädchen fragte, ob es die Schere nicht genommen hätte, und bat sie, die Wahrheit zu[251] sagen und zu gestehen. Das Mädchen erklärte, wenn es die Schere gestohlen hätte, so wolle es ein Kiebitz werden, alle Tage umherfliegen und Leute Diebe schelten. Gleich wurde es ein Kiebitz, der noch immer heute ruft: »tyv it!« (muß wohl heißen: Dieb nicht!)


  • Literatur: Kristensen, Folkeminder 8, 373, Nr. 666.

b) Ein Dienstmädchen, das für ihre Frau nähen sollte, stahl einen roten Lappen und eine Schere. Die Frau vermißte die Sachen und fragte das Mädchen. Es antwortete aber: »Einen roten Lappen und eine Schere, die sah ich nimmer!« Zur Strafe wurde es in einen Vogel verwandelt. Die Schere wurde sein Schwanz, der rote Lappen an seine Kehle befestigt. Wenn die Schwalbe ihr »vit, vit, videvit« singt, fügt sie immer hinzu: »en rød klud gen saxs, en rød klud gen saxs, det har ji aldij sét!«


  • Literatur: Kristensen, Sagen 2, 264 Nr. 56.

c) Das Mädchen sagte: »Habe ich die Sachen gestohlen, so will ich ein Kiebitz werden!« Daher hat der Kiebitz eine Schere im Schwanze.


  • Literatur: Ebenda 264, Nr. 60.

d) Dasselbe von der Weihe (milvus), daher hat die den Schwanz gegabelt.


  • Literatur: Ebenda 265, Nr. 62.

e) Es war einmal eine Kammerjungfer, die war sehr stolz und schnippisch, wie manche sein können; sie ging an Werktagen in dunkelblauem Seidenkleide und an der Brust mit weißem Besatz. Unter anderen Sachen nahm sie von ihrer Herrin einen Garnknäuel, eine Nadel und eine Schere. Das merkte die Frau und setzte ihr zu, sie sollte bekennen, daß sie es gestohlen hätte. Das wollte sie nicht, sondern schwur, daß es nicht wahr wäre; ja sie sagte, sie wollte zu einem Vogel werden, der draußen herumflöge, wenn sie ein Dieb wäre. Mit einem Mal wurde sie ein dunkelblauer Vogel mit weißer Brust, mit einem Kopf wie ein Garnknäuel, einem Schnabel wie eine Nadel und einem Schwanz wie eine Schere und schwirrte zum Fenster hinaus und zum nächsten Hause hin. Da setzte sie sich und wollte sich von der Beschuldigung reinwaschen, zwitscherte und sagte: »Die Frau beschuldigte mich, ich hätte ihr Nadel und Garn gestohlen, Nadel und Garn, Nadel und Garn und eine kleine Schere.« (Svelle, Svala, ski, svet. Fruen skyldte mig for, jeg har stjålet Nål og Tråd, Nål og Tråd, Nål og Tråd og en bitte Saks. Svelle, Svala, ski, svet.) Darauf flog sie weg, und so soll sie es an jedem Orte treiben, solange die Welt steht. So entstand die erste Schwalbe.


  • Literatur: Grønborg, Optegnelser på Vendelbomål (Kopenh. 1882), S. 121 f.
Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 250-252.
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