VII. Freundliches und feindliches Verhalten der Pflanzen.

A. Der Ginster und andere Pflanzen.

[58] 1. Aus Frankreich.


Als Jesus vor seinen Verfolgern floh, hatte er sich hinter dem Stechginster (ulex europaeus) verborgen. Zur Belohnung hat er ihm gewährt, das ganze Jahr zu blühen.


  • Literatur: Rolland, flore populaire 4, 89 aus Lencloître (Vienne); auch Sébillot, Folklore 3, 370.

2. Aus Sizilien.


Christus verfluchte den Ginster, als er von den Juden verfolgt wurde und diese in den Garten Gethsemane gingen, um ihn festzunehmen. Er verbarg sich inmitten eines Ginstergesträuchs, das so stark zu rascheln begann, daß die Juden ihn entdeckten.[58] Seitdem würde der Ginster verurteilt, stark zu knistern, wenn man ihn zum Heizen des Ofens nimmt.


  • Literatur: Pitrè, Fiabe e leggende pop. Sic. 1, 147 und Usi e costumi ... del pop Sic. 3, 293. Vgl. Pitrè, Appunti ... Lett. seconda p. 3 = Rivista Europea 1876; Gubernatis, Myth. d. plantes 2, 151.

3. Aus Toskana.


Als die Madonna mit dem Jesuskinde floh und Herodes' Soldaten sie verfolgten, machten der Ginster und die Kichererbse unterwegs ein Geräusch, um jene zu verraten. Während nun der Flachs sich sträubte [sie zu verbergen], nahm der Wacholderbusch sie in seine geöffneten Zweige auf (vgl. oben). Da verfluchte die Jungfrau Maria den Ginster und die Kichererbse, daß sie seit jenem Tage immerfort klappern; dem Flachs verzieh sie seine Schwachheit. Den Wacholder segnete sie.


  • Literatur: Gubernatis, Mythologie des plantes 2, 153. – Die Kichererbse in anderer Verbindung mit Jesu Leben bei Rolland 4, p. 186: Als Christus am Palmsonntag nach Jerusalem kam, ging er durch ein Kichererbsenfeld. Daher hat sich der Brauch erhalten, zum Gedächtnis jenes Tages Kichererbsen zu essen. (Aus Montpellier.) Ebd. p. 185: Am Palmsonntag pflegt man Kichererbsen zu essen, um das ganze Jahr vor Blutgeschwüren bewahrt zu sein.

4. Aus Sizilien.


Eines Tages suchte sich Christus unter dem Judasbaum (Cervis siliquastrum) zu verbergen, weil die Juden ihm nach dem Leben trachteten. Als sie fragten: »Wo ist er?« antwortete der Baum: »Gib acht (ital. talía), da ist er!« und enthüllte so sein Versteck. Christus verfluchte darum diesen Baum. Wenn man seine Zweige verbrennt, sagen sie immerwährend: Tà' tà' tà'! d.h. talía (gib acht), das Wort, das von diesem Baume ausging, als er zum ersten Male sprechen wollte.


  • Literatur: Pitrè, Usi e costumi Sic. 3, 295.

5. Aus Portugal.


Als die Jungfrau nach Bethlehem ging, verfluchte sie die Kiefernzapfen, weil sie, eben im Begriff, sich infolge der Hitze zu öffnen, Lärm machten und das Vorbeigehen der Jungfrau verrieten.


  • Literatur: Leite da Vasconcellos, trad. pop. Nr. 231 c.

B. Die Lupine (Wolfsbohne) und andere Pflanzen.

1. Aus Portugal.


Als unsere liebe Frau auf der Flucht mit ihrem Knäblein durch ein Feld mit Wolfsbohnen kam und diese zu zanken begannen, sagte sie ihnen, daß sie verflucht sein und niemand nähren sollten. Und so geschah es. – Die Zirbelnüsse wurden ebenfalls verflucht, weil sie das Vorübergehen unserer lieben Frau mit ihrem Gezanke verraten hatten. Ebenso das Farnkraut, es blieb mit den Händen auf dem Kopf (die Blätter nach oben gekehrt).


  • Literatur: Freundliche Mitteilung von Consiglieri-Pedroso, vgl. Leite da Vasconcellos, trad. pop. Nr. 231 b.

2. Aus Bologna und Sorrent.


Es heißt, daß die Wolfsbohne von der Madonna verflucht wurde wegen des Geräusches, das ihre trocknen Früchte machten, als sie vorbeiging. Die Madonna wurde über das Geräusch ungeduldig und verfluchte die Pflanze. Seitdem sind ihre Früchte bitter.


  • Literatur: Carol. Coron. Berti, Appunti di Botanica Bolognese Lett. al Prof. Pitrè (Firenze 1876) p. 6. Amalfi, Cred. ed. Usi nella penisola Sorrentina p. 80. Vgl. Rivista 1, 270:

[59] Als das Lasttier über Wolfsbohnen ging, machten diese Lärm. Da sagte Maria zu ihnen:


Mi an ve banadiss nè av maladiss,

Ma chi av magna el sara ben trist.


3. Aus Palermo.


Es geschah einst, als Maria und Joseph auf der Flucht nach Ägypten waren und das Kind verborgen trugen, damit die Juden es nicht fänden, daß die Soldaten ihnen schon ganz nahe auf dem Fuße folgten. Da liefen sie schnell zum Stamm einer Lupine (denn damals waren diese sehr groß) und kauerten dort nieder. Es erhob sich aber ein Wind, daß der Stamm der Lupine zu knacken begann und die Soldaten beinah wie ein Mann stehen blieben. Da verfluchte Maria die Lupinen: »Möget ihr von nun an bitter werden!«


  • Literatur: Pitrè, Fiabe e Leggende 1, 145.

4. Aus den Abruzzen.


Jesus Christus floh eines Tages vor der Wut der Juden und verbarg sich in einem Lupinenfeld, aber die Lupinen machten ein Geräusch und verrieten so den Aufenthaltsort des Erlösers. Da verfluchte er sie: »Möge keiner, der von euch ißt, davon satt werden!« Und so ist es geworden.


  • Literatur: Savini, La Grammatica e il Lessico del Dial. teram., p. 161, Nepine. Vgl. Busk, Folklore of Rome 173.

Erweiterungen.

a) Maria suchte ihren Sohn und kam an einem Feld voll trockner Wolfsbohnen, Kichererbsen und Mais vorbei. Sie ärgerte sich über das Geräusch, das ihre Schritte auf den Schoten mit dem trocknen Samen machten, und wünschte, die Wolfsbohnen sollten bitter werden, die Kichererbsen scharf und der Mais stets verflucht sein. Darum sind nun die Wolfsbohnen bitter, die Kichererbsen scharf und der Mais verflucht.


  • Literatur: Rivista delle trad. pop. 1, 207.

b) Als die Madonna nach Ägypten floh, glitt sie aus in den Erdbeeren und sagte: »Seid verflucht, daß niemand, der euch ißt, an euch satt wird, und daß ihr nicht wie die übrigen Bäume (denn in jenen Zeiten wuchsen die Erdbeeren so hoch wie die Nuß- und Kirschbäume) nützlich seid, euch zu notwendigen Dingen im Leben zu verarbeiten.« Von dort trat sie ein in ein Wolfsbohnenfeld, und da diese beim Zubodentreten Geräusch verursachten, wurden sie verflucht, und zu der gewohnten Strafe fügte sie noch hinzu, daß, wer sie äße, von ihnen nicht satt werden solle. Auf einem andern Felde wurde auch das Korn verflucht, weil es mit den langen Grannen ihrem Auge schadete. Sie durchschritt von da ein Flachsfeld und verwickelte sich darin. Da sie von den Soldaten des Königs Herodes verfolgt wurde und Eile hatte zu entkommen, so fehlte nicht das geringste, daß sie nicht auch noch diese Pflanze verfluchte. Aber plötzlich bedachte sie, daß der Flachs ihr nützlich sein könne; sie versteckte sich darin und blieb verborgen, so daß sie, ohne Gefahr gelaufen zu sein, wieder heil und gesund daraus hervorging. Und ihre Freude wuchs um so mehr, als sie sehr weit weg von dem Flachs sah, wie die Schergen, die sie zusammen mit ihrem Söhnchen suchten, sich dermaßen darin verwickelten, daß sie keinen Schritt taten, ohne das Gesicht auf den Boden zu richten. Da segnete die Madonna den Flachs und sprach: »Gott gebe es, daß man aus dieser Pflanze hunderttausend Künste machen kann!« Und so wurde es.


  • Literatur: Archivio 9, 528.

[60] c) ... So gingen sie durch ein Wolfsbohnenfeld. Die Wolfsbohnen waren trocken und stachelig, daher raschelten sie und verletzten die Füße der hl. Jungfrau. Da verfluchte sie die Pflanze: »Mögest du niemals jemanden satt machen, auch nicht, wenn deine Hülsen dem Menschen, der dich ißt, bis ans Knie reichen!«

Sie gingen ein Stück weiter und kamen zu einem Felde, wo Saubohnen gesteckt wurden. Die hl. Jungfrau segnete das Feld und ging weiter. Die Pharisäer kamen an die Grenzen dieses Feldes und fragten die Bauern: »Ist hier eine Frau mit einem Kinde und einem Alten vorbeigekommen?« Sie antworteten: »Ja, ihr Herren.« »Wann denn?« »Als wir diese Bohnen steckten.« Da die Pharisäer aber sahen, daß die Bohnen schon blühten, kehrten sie wieder um.

Darauf kamen Maria und Joseph zu einem Flachsfeld. Die Pharisäer waren ihnen schon ganz nahe, da sagte Maria zum Flachs: »Flachs, o Flachs, verbirg mir dies Kind!« Der Flachs verbarg es, er begann hin und her zu wogen, und die glänzenden Wellenlinien blendeten die Pharisäer, so daß sie nichts sahen. Als die Gefahr vorüber war, sagte Maria: »Gesegnet sei der Flachs!« und es gibt stets so viel, daß die Frauen müde werden, ihn zu spinnen.


  • Literatur: De Nino, Usi, Cost. Abr. IV, 36.

d) Joseph, im Traume aufmerksam gemacht, nach Ägypten zu entweichen, weil Herodes das Jesuskindlein zu töten trachtete, ließ den Esel umgekehrt beschlagen, damit niemand an den Spuren des Tieres erkennen könnte, welchen Weg er gehen würde: und so begab er sich mit der hl. Familie auf die Reise. Bei Tagesanbruch befanden sich die Reisenden nahe einem Lupinenfelde und suchten dort ein Ruheplätzchen; aber die Schoten der schon reifen Lupine verursachten Geräusch, so daß sie gezwungen waren, umzukehren und ihre Reise fortzusetzen.

Sie gehen weiter und weiter, kommen schließlich an ein Roggenfeld und denken dort sich zu verbergen und zu ruhen. Aber auch hier mußten sie den Wunsch fahren lassen, weil die Ähren bei ihrem Durchschreiten sich krümmten, ohne sich wieder aufzurichten, so daß sie ganz und gar unbedeckt waren.

Endlich fanden sie ein sicheres Versteck in einem Curcillafeld (Korn, dessen Ähren ohne Grannen sind).

Der Herr verfluchte alsdann die Wolfsbohne und das echte Korn und segnete von ganzem Herzen das Curcillakorn. Daher kommt es, daß die Wolfsbohne und das Brot von echtem Korne nicht sättigen, um so mehr aber das Brot aus Curcilla.


  • Literatur: Pitrè, Usi e cost. Sic. 3, p. 294.
Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 58-61.
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