VI. Freundliches und feindliches Verhalten der Tiere.

A. Der verräterische Zuruf und Ähnliches.

[51] 1. Aus Ungarn.


a) Als sie Jesum Christum fangen wollten, auf daß sie ihn ans Kreuz schlügen, da verbarg er sich vor seinen Verfolgern in einem Walde. Wie ihn die Verfolger suchten, wollte die kleine Lerche sie auf eine andere Fährte weisen, daß sie Jesum Christum nicht fänden. Aber die Wachtel begann zu schreien: »Hier läuft er, hier läuft er, hier läuft er!«1 Und darauf der Kiebitz: »Birgt sich, birgt sich, birgt sich!«2 Und schließlich die Taube: »Im Buschwerk da, im Buschwerk da, im Buschwerk da!«3 So griffen die Verfolger Jesum.

Da verfluchte Jesus die drei Vögel. Die Wachtel, weil sie gerufen hatte »hier läuft er«, verfluchte er dazu, daß sie nicht hoch fliegen könne, nur immer zwischen der Saat umherlaufe; den Kiebitz, weil er ihn mit seinem »birgt sich« verraten, verfluchte er dazu, daß er immer auf der Wiese unter Riedgras, unter Binsen sich berge; die Taube, weil sie den Verfolgern zugerufen hatte »im Buschwerk da«, verfluchte er dazu, daß sie niemals auf einem Baum nisten, sich nur im Buschwerk aufhalten solle. Aber die kleine Lerche segnete er, weil sie die Verfolger auf eine andere Fährte weisen wollte, daß sie am höchsten fliegen und nur sie allein im Fluge singen könne.


  • Literatur: Sklarek, Ung. Volksm. S. 284 = Arany-Gyulai, Magyar Népköltési Gyüjtemény 1, 508.

b) Als Christus sich unter Gethsemanes Olivenbäumen verbarg, während die römischen Soldaten ihn suchten, flog ein Regenpfeifer (charadrius) in die Höhe und rief: »Er birgt sich, er birgt sich!« (búvik, búvik!) und verriet ihn so. Darum ist der Regenpfeifer seitdem unbeliebt.


  • Literatur: Folklore Journal 1, 358.

c) Der Rabe war früher weiß und lebte von reinlicher Speise. Als Jesus vor seinen Verfolgern floh und der Rabe sah, daß man ihn nicht erwischen konnte, rief er: »Schade!« (kár). Jesus fluchte ihm, daß er schwarz werden und sich von Aas nähren sollte.


  • Literatur: Ethnographia 10, 331.

2. Aus Rußland (Grouv. Charkow).


Als die Juden Christus im Garten suchten, versuchten alle Vögel, außer dem Sperling, sie von seinem Versteck abzulenken. Der Sperling aber lenkte sie durch schrilles Zirpen dahin, worauf der Herr ihn verfluchte und den Menschen verbot, von seinem Fleisch zu essen.


  • Literatur: Afanasjev, narodn. russk. legendy, London 1859, S. XIII.
    Übereinstimmend mit der vor. Sage: Wallonia 2, 208, auch Sébillot, Folklore de France 3, 161.

[51] 3. Aus Frankreich.


a) Aus Saintonge:


Jesus setzte sich einst im Walde auf den Rasen, um sich von einem langen Weg im Schatten auszuruhen; den Weg hatte er gemacht, um den Juden zu entrinnen, die ihn töten wollten. Da kamen die Elstern, die in dem Walde waren, in Menge und stachen Dornen in die unbekleideten Füße und das entblößte Haupt des Heilandes. Die mitleidige Schwalbe aber machte sich daran, die Dornen zu entfernen. Da sprach der Herr: »Du, Elster, wirst dein Nest in die höchsten Gipfel der Bäume bauen und wirst von allen verachtet werden, aber du, freundliche Schwalbe, wirst deine Brut sicher vor Gefahren aufziehen, und die Menschen werden dich Heben.«


  • Literatur: Rolland, Faune pop. 2, 320 = Bull. de la Soc. hist. de St.-Jean-d'Angély 1865. Vgl. Sébillot, Folklore de France 3, 170.

b) Aus Ille-et-Villaine:


Als der Heiland erfahren hatte, daß sein Tod von den Juden beschlossen war, ging er in ein Krautfeld zum Beten. Die Feinde suchten ihn. Da schrie eine Elster, die auf einem Baume saß, aus Leibeskräften: »Im Kraut ist er!« Ein Rabe aber schrie entrüstet: »'s ist nicht wahr!« Als Jesus sein Gebet beendet hatte, wandte er sich zu seinen Henkern und ließ sich fesseln. Zum Lohn verhieß er dem Raben, daß sein Nest immer vor Regen geschützt sein solle; das Nest der Elster aber sollte das allerschlechteste sein.


  • Literatur: Ad. Orain, Folklore de l'ille-et-Villaine 2, 68. 70; Sébillot, Folklore de France 3, 160. 170 (= Dardy, Anthologie de l'Albret 2, 11).

c) Aus Albret:


Die Waldschnepfe vertilgte die Spuren, die die hl. Familie während der Flucht nach Ägypten hinterließ; zur Belohnung bestimmte die Jungfrau, daß sie ein bevorzugter Vogel sein solle, und daß man niemals ihr Nest werde auffinden können.


  • Literatur: Sébillot, Folklore 3, 171 = Dardy, Anthologie de l'Albret 2, 11.

d) Volkstümliches Lied aus Limousin von Häher und Schwalbe.


La Legenda del Jai e de l'Iroundela.

La Vierja.


Bounjourn, bounjourn, bouier Bounherme;

Lou bel blat que vous samenatz.


Lou Bouier.


Bounjourn, Bounjourn, Maria Vergena!

Lou bel efan que vous pourtatz!


La Vierja.


Fasetz me vist' una grand 'reja

Per que puesche lei me sousterrar.

Lou blat poussa e madura viste,

Ben leu coupat e enjavelat.4 (Eroda arrieba)


Eroda.


N'avetz pas vist passar 'na Dama,

Un bel efan entre sous bratz?


[52] Lou Bouier.


Sai be, vraiment, fier capitani,

Lou tems qu'ieu samenava moun blat.


Eroda.


Tu n'as mentit, bouier Bounherme,

I a tres mes qu'as samenat toun blat.

Se ieu l'agnessa rescountrada,

Leu n'auria be coupat sous dous bratz

E mais sas doas mamelas blanchas

Que n'aurian pus pourtat de lach.5


Lou Jaian, que n'es sus la brancha,

Creda, creda: »Jous lou javelat«

Mas l'Iroundela pu'es sus l'autra

Doussamen dis: Jaian n'as mentit!6


L'Iroundela.


Se Paugnessa pas descialada,

Las plumas d'aur tu n'aurias pourtat:

Mas de Sen-Jan can vendra l'auba,

Tu tombaras e redoularas.

Merces per ieu, Maria Vergena,

L'ome amarai e rejauvirai.7


  • Literatur: La Tradition 1904, p. 308.

In Tulle spielt die Legende am Gründonnerstag im Ölgarten, als Judas den Herrn sucht, der unter Schwaden verborgen ist. Der (Nuß-)Häher verrät ihn: »Jous lou javelat!« Der Zaunkönig ruft: »Tais-toi, tros de couqui (= espèce de coquin)!« Christus verflucht den Häher »qui dès lors tombera, en punition, du mal caduc, la Saint-Jean venue.«


  • Literatur: La Tradition 1904, p. 309.

4. Aus Dänemark.


Da der Heiland auf der Erde umherwandelte, kam ein Kiebitz an ihm vorüber geflogen und schrie: »Tyvit, tyvit!« (tyv = Dieb). Da sprach er: »Verflucht seist du, Kiebitz, nicht aber deine Eier!« Daher ist der Kiebitz von den Menschen verabscheut, seine Eier aber nicht, sie werden zu Menschennahrung benutzt.


  • Literatur: Kristensen, Sagn 2, 265, 65.

Variante:


Daher darf der Kiebitz nimmer auf den Zweigen eines Baumes ruhen.


  • Literatur: Kristensen, Sagn 2, 265, 64.

5. Aus den Niederlanden.


Die Schwalbe war die stete Begleiterin der hl. Jungfrau, wenn sie fliehen mußte. Darum gilt sie als der Vogel der Maria und bringt Glück.


  • Literatur: Joos, Vertelsels, 38, Nr. 21.

[53] Übertragung auf andere Begebenheiten des Neuen Testaments:


6. Als der Heiland am Morgen des Grünen Donnerstages nach Jerusalem ging, war eine Krähe, die »Hurra!« rief, der erste Vogel, der ihm begegnete. Sie war Zeuge gewesen vom Verrat Judas' und hatte den Vertrag betreffend die 30 Silbermünzen gehört.


  • Literatur: Kristensen, Sagn 2, 266.

7. Es heißt, der Grünfink habe das Grab Christi entdecken helfen, und sein Schrei wird gedeutet: »Dizo, dizo sis' pîr« = »unter, unter diesem Stein.«


  • Literatur: Sébillot, Folklore 3, 161 = Monseur, Folklore Wallon, S. 17.

8. Parallele Sage zum Alten Testament.


Zur Belohnung dafür, daß die Hunde in Ägypten beim Auszug der Israeliten sich ruhig verhielten, soll das Fleisch des zerrissenen Viehes den Hunden gegeben werden.


  • Literatur: Grünbaum, Zeitschr. d. deutsch. morgenl. Gesellsch. 31, 192.

Parallele Sagen.

1. Aus Rumänien.


a) Sage slavischen Ursprungs.


[Der gewaltige Held Sisin erhielt im Traume den Befehl des Herrn, seine Schwester Melintie vom Teufel zu befreien, der ihre fünf Kinder geraubt habe und auch das sechste holen wolle. Der Heilige machte sich auf und kam zur Schwester, die sich mit ihrem Kinde eingeschlossen hatte. Er bat um Einlaß, doch als er eintrat, drang auch der Teufel heimlich mit ein unter der Gestalt eines Hirsekornes unter dem Hufe des Pferdes unseres Heiligen und raubte das Kind. Sogleich jagte ihm der Heilige nach und kam zu einer Weide] und sprach: »Baum Gottes, Weide! sahst du den Teufel mit einem Kinde flie hen?« Und die Weide hatte ihn gesehen und sprach: »Ich habe ihn nicht gesehen.« Da sprach der hl. Sisin: »Du sollst Blüten tragen, aber keine Früchte.« Und er eilte weiter und sah einen Brombeerstrauch und sagte: »Holz Gottes, Brombeerstrauch! sahst du den Teufel mit einem Kinde fliehen?« Der Brombeerstrauch aber hatte ihn gesehen und sprach: »Ich habe ihn nicht gesehen.« Und er sprach zu ihm: »Verflucht seist du! Wo Wurzel ist, dort soll deine Krone sein. Wer an dir vorbeikommt, den sollst du aufhalten, und er soll dich verfluchen.« Und er ging weiter und kam zu einem Ölbaum am Ufer des Meeres und sprach: »Baum Gottes! Sahst du den Teufel fliehen mit einem Kinde?« Er antwortete: »Ich sah ihn, wie er sich ins Meer stürzte.« »Gesegnet seist du und geheiligt, Ölbaum! In allen Kirchen sollst du zur Erleuchtung dienen und den Menschen zur Erlösung!« Und so geschah es.

[Der Heilige wirft dann seine Angel aus und fängt den Teufel, der das Kind ausspeien muß.]


  • Literatur: M. Gaster, Chrestomathie Roumaine I, 6, Leipzig 1891.

b) Rumänisches Lied (Colinda).


Ein junger Gott liegt unter einem Baume und träumt; die Schwalben kommen und belästigen ihn; zur Strafe bestimmt er, daß sie hinfort auf den Böden nisten sollen, wo sie dem Rauche ausgesetzt sind.


  • Literatur: Marianu, Ornitologia 112 = Marianescu, poesia populară. Pesta 1859.

[54] 2. Aus Galizien.


Elstern gibt es in einigen Ländern deshalb nicht, weil, als der hl. Adalbert auf der Flucht vor seinen Verfolgern sich im Reisig versteckte, die Elstern durch ihr Geschrei sein Versteck verrieten. Der hl. Adalbert wurde ermordet, aber verfluchte vor seinem Tode die Elstern, daß sie in das Land, wo er verfolgt und erschlagen wurde, nicht kommen sollten.


  • Literatur: J. Swiętek, Lud nadrabski S. 589, Nr. 18.

3. Aus Frankreich (Morbihan).


Als sich Saint Gildas auf dem Steine niederlegte und sich mit Baumzweigen zudeckte, sammelten sich die Elstern um ihn und schrieen: »gib acht, gib acht!« und entrissen sie ihm. Schließlich verfluchte sie der Heilige, daß sie immerdar ihr Nest zudecken müßten und doch den Regen nie hindern könnten, ihre Eier einzuweichen.


  • Literatur: Sébillot, Folklore de France 3, 170 = Revue des trad. pop. 14, 251.

4. Aus Ungarn.


Als Johannes der Täufer verfolgt wurde, leuchtete ihm das Johanniswürmchen.


  • Literatur: Ethnographia 12, 221.

5. Aus Ostindien.


Badrakáli (Gemahlin des Schiwen) machte sich auf, als sie nach Verlauf von sechs Tagen ihren Mann nicht wiederkommen sah, ihn zu suchen, und erhielt von neun verschiedenen Dingen, die sie nach ihm fragte, verschiedene Erwiderung. Zuerst antwortete ihr eine Taube, die ihr entgegengeflogen kam, sie hätte ihn sehen hinwärts gehen, aber nicht zurückkommen, und zeigte ihr zugleich den Weg, den er genommen hatte. Zur Vergeltung ihres guten Bescheides verlieh ihr Badrakáli, daß es ihr in dem heißesten Monat der trockenen Jahreszeit nicht an Wasser fehlen sollte, und zugleich schenkte sie ihr ein Stück ihres goldenen Halsbandes zu einem Ring um den Hals, wie ihn die Turteltauben seitdem haben. Die Göttin verfolgte den Weg, den die Taube ihr gezeigt hatte, und als ihr ein Vogel entgegen kam, dessen Hals mit einem Ringlein geziert war, fragte sie ihn abermals nach ihrem Manne und erhielt dieselbe Antwort, wie vorhin von der Taube. Aus Dankbarkeit setzte sie dem Vogel eine Rose auf den Kopf. Einen Mangobaum dagegen, welcher auf ihre Frage keine Antwort gab, verfluchte sie und sagte, von nun ab solle kein Leichnam mit anderem Holze als dem dieses Baumes verbrannt werden; die von seinem Stamme gemachten Fahrzeuge aber sollten in der See verfaulen, am Strande von den Würmern gefressen werden. Gleichergestalt verfluchte sie eine Kuh, einen Krieger, die Tochter eines Kriegers und einen Mann von geringem Geschlecht, einen Jaketbaum aber und einen Paria, die ihr freundlich begegneten, segnete sie.


  • Literatur: Majer, Mytholog. Lexikon 1, 183 = Baldaeus, Beschr. d. ostind. Küsten 454 ff.

Übertragung auf einen andern Stoff:


6. Aus Rußland (Smolensk).


Der Herr schickt den hl. Nikolaus und den hl. Petrus in die Ukraine, Pferde für die weißrussischen Bauern zu kaufen. Das mitgegebene Geld wird vertrunken, die beiden Heiligen eignen sich aber zwei herrenlose Tabune (Herden von Pferden) an, was außer der Krähe, der Elster und dem Kuckuck niemand bemerkt. – Von Gott gefragt, behaupten die beiden Heiligen, die Pferde gekauft zu haben, Krähe[55] und Elster aber strafen sie Lügen, der Kuckuck dagegen ruft: »ku-ku-pili, ku-ku-pili« (d.h. »sie haben sie gekauft«). Dafür wird er von den beiden belohnt und braucht im Sommer nur bis zum Peter-Paulstag (29. Juni) zu rufen, Krähe und Elster aber finden keine Ruhe und müssen das ganze Jahr lang krächzen.


  • Literatur: Dobrovolskij, 2, 290 f., Nr. 61 (vgl. Natursagen 1, 262).

7. Aus Rumänien.


Ursprünglich waren die Juden nicht so begütert wie heutzutage; sie hatten auch noch nicht die ganze Habe der Christen in ihren Händen, sondern waren Taugenichtse, Lumpen und von Läusen bedeckt, so daß kein Christ ihnen nahe kommen konnte. Der Zaunkönig wußte das und schrie deshalb, sobald sich ein Christ dem Juden näherte: »Nehmt euch vor den Läusen in acht, denn die Juden sind voller Läuse, die auf deren Rücken ein Festgelage abhalten.« Daher konnten die Juden den Zaunkönig nicht leiden und verfolgten ihn. Aber Gott nahm ihn in Schutz und ließ ihn sich verstecken, und wenn ihn heute jemand fangen will, springt ihm der Zaunkönig ins Gesicht. Noch heute schreit er: »Nehmt euch vor Läusen in acht!« (pitpăduchĭ!)


  • Literatur: Marianu, Ornitologia 316.

B. Das Versteck unter dem Schafsschwanz.

1. Aus Naxos.


Als Christus geboren war, ging der Stern des Königs von jenem versunkenen Lande unter. Da ließ er alle kleinen Kinder umbringen, die in seinem Reiche geboren waren, um auch Christus mit ihnen abzutun. Obwohl die Henker soundsoviele Kinder umgebracht hatten, wußten sie doch nicht, ob Christus darunter war. Und um jeden Verdacht auszulöschen, kehrten sie wieder um und gingen dahin, wo die Baracke und der Stall waren, und suchten ihn. Sie sehen durch eine Spalte hinein, sehen ein Kind drinnen und sagen sich: das muß Christus sein. Sie machen die Holztür auf und gehen hinein, können aber nichts finden. Ein Blitz, und fort war es. »Potz Tausend! Wo mag es nur sein?« sagen sie. Aber wie sollten sie es auch sehen, die Verblendeten, daß in jenem Augenblick, wo sie die Tür öffneten, alle Lämmer herauskamen, und wie sollten sie merken, was geschehen war? Erst später wurde es ihnen klar, daß Christus sich unter dem Schwanz eines Lammes versteckt hatte und so entkommen war. Der Henker wußte nicht, daß dort ein Stall war, und hätten nicht die Esel geschrieen, als er draußen vorbeikam, hätte er es nicht gemerkt. Und gut, daß auch Lämmer da waren, die das Christkind beschützten, sonst hätten sie es erwischt. Denn als die Ziegen, die im Stalle waren, den Lärm von draußen hörten, stoben sie auseinander wie die Raben im Winde, und es gab drinnen ein wirres Durcheinander. Das Christkind verbarg sich bei dem Lärm unter dem Schwanz einer kleinen Ziege, da es wußte, daß die Ziegen besser laufen: die aber hob nur den Schwanz hoch und lief davon. Da wandte sich das Lamm um und sprach zu Christus: »Komm nur her, ich will dich verstecken.« Und so geschah es. Das Lamm rettete das Christkind und brachte es in ein anderes Reich. Wie nun Christus gerettet war, verfluchte er die Esel und sprach: »Geht, ihr unseligen Tiere, ihr alle sollt schreien – denn die Esel schrieen nicht von jeher –, Prügel sollt ihr haben und euer Fleisch soll niemand essen.« Und zu den Ziegen sprach er: »Gehet hin, ihr sollt euer Leben lang dürre Zweige auf kahlen Felsen fressen, und euer Schweif soll sich emporheben.« Darum ist es noch jetzt so, und alle Könige bekämpfen sie wegen des[56] Betragens, das sie Christus gegenüber gezeigt hatten, und ließen ein Gebot ergehen und sagten: »Die Ziegen soll man töten, wenn man sie in den Besitzungen der Menschen antrifft, aber den Lämmern soll man nichts zu leide tun, denn sie sind gesegnet.«


  • Literatur: Μαρκόπολις, Ἑστία 1891, 2, 394 ff. (Variante aus Siphnos bei Politis, μελέται Nr. 191.)

2. Aus Malta.


a) Als der kleine Jesus auf freiem Felde spielte, geschah es, daß rohe Gesellen ihm ein Leid antun wollten. In seiner Weisheit sah er aber ihre schlechte Absicht voraus und versuchte es, sich unter einer schönen, fetten Ziege zu verstecken. Aber die Ziege war bösen Sinns und streckte den Schwanz aufwärts, um ihn zu verraten. So suchte er sich unter einem Schafe zu verbergen, und es glückte ihm auch, da dieses sanfte Tier den Schwanz fest niederdrückte. Da sagte der kleine Jesus: »Dein Schwanz, o Ziege, stehe von nun an aufwärts und sehe kümmerlich aus, den Menschen zum Greuel, dein Schwanz aber, o Schaf, gedeihe an Fett und Wolle, den Menschen ein Leckerbissen! Auch bedecke er deine Blöße!« Und darum ist das Schaf ein anständiges Tier, während die Ziege der schamlose Schreier auf den Gassen ist.


  • Literatur: Bisher ungedruckt. Frdl. Mitt. von Frl. B. Ilg in Valletta.

b) Einmal spielte der kleine Jesus mit seinen Kameraden Versteckens und verbarg sich in einer Scheune. Dort war aber eine Ziege angebunden, die fing gleich laut an zu meckern. Er befahl ihr, stille zu sein, und drohte ihr zuletzt. Sie aber versetzte höhnisch: »Vor wem soll ich mich fürchten? Eine Ziege schlägt man nicht!« Da legte ihr Jesus die Strafe auf, daß sie naschhaft und wählerisch sein und mit ihrem Speichel wie mit ihren Zähnen großen Schaden anrichten solle. Seitdem wächst an Stellen, die die Ziege benagt hat, wo sie gegrast hat, nichts mehr nach; und da sie wirklich arg wählerisch ist und schaden froh zugleich, so sind ihr häufige Schläge gewiß.


  • Literatur: Mitt. von Frl. B. Ilg.

3. Von der vor der westirischen Grafschaft Mayo gelegenen Insel Achill.


Einstmals, da der Heiland von den gottlosen Juden verfolgt wurde und sie ihn von Ort zu Ort hetzten, weil sie ihm ans Leben wollten, begegnete er einer Ziege und hätte sich gern unter ihr versteckt. Allein das garstige Tier schlug den Schwanz hinauf und ließ den Heiland seinen Verfolgern sehen. Er sprang also hurtig weiter, und da er ein Schaf in der Nähe sah, so kroch er auf Händen und Füßen zu ihm hin und versteckte sich unter ihm, und das gute Geschöpf ließ seinen Schwanz geschwind hängen und duckte sich fest und sorglich zusammen, so daß es ihn vor aller Augen verbarg.

Von dem Tage an kehrt sich der Schwanz der Ziege aufwärts, während der des Schafes niederhängt.


  • Literatur: Erin 6 = Sagen u. Märchen von K. Killinger 2, 1849, S. 401.

4. Aromunisch.


a) Als die Juden Christus fangen wollten, flüchtete dieser sich in einen Hof, wo er sich unter ein Schaf versteckte. Sogleich wurde der Schafschwanz viel dicker und wolliger, und deshalb blieb Christus wohlverborgen. Er segnete zum Danke den Schafschwanz, daß er fett und dickwollig werde.


  • Literatur: Papahagi, lit. pop. a. Aromînilor. Buc. 1900, 765.

[57] b) Bevor Christus unter dem Schaf Deckung suchte, wollte er sich hinter dem Schwanz der Ziege verstecken. Die aber streckte den Schwanz in die Höhe und sprang davon. Deshalb verfluchte sie Christus: sie solle fortan allein weiden und den Schwanz in die Höhe halten.


  • Literatur: Ebda 766.

Eine freie Nachbildung, in der man Sagen des 2. Kapitels (S. 13 ff.) wiedererkennt, liegt in folgenden Sagen vor:


5. Als Christus vor den Juden floh, versteckte er sich im Stroh in der Krippe des Maulesels. Dieser aber versuchte auszuschlagen und von Christus das Stroh wegzuziehen. Deshalb belegte ihn die Mutter Maria mit dem Fluche der Unfruchtbarkeit.


  • Literatur: Papahagi, din lit. pop. a Aromînilor. S. 795.

6. Aus Rußland.


[Als die Juden den Herrn verfolgten, um ihn zu töten, fand er bei den Tieren Zuflucht. Das Schwein warf eine Grube aus und bedeckte sie mit ihrem Körper; die Schafe rülpsten beim Wiederkäuen und erschreckten damit die Juden; auch die Wölfe verbargen ihn.]

Schließlich versteckte er sich bei Pferden in der Krippe und blieb dort die ganze Nacht. Bis zum Morgen hatten die Pferde alles Stroh aufgefressen und so den Zufluchtsort Christi offenbar gemacht. Die Juden kamen, ergriffen ihn und quälten ihn zu Tode.

Dafür verfluchte Christus die Pferde: »Ihr sollt fressen und nie satt werden!«


  • Literatur: Etnografičeskoje Obozrěnije 13, 4, 7.

7. Das Schaf kommt als widerspenstiges Tier nur einmal vor, in Portugal:


Als die Jungfrau nach Ägypten zog, begann das Schaf auf dem Berge zu blöken: Bethlehem! Bethlehem (port. Belem)! Die Jungfrau wünschte nicht, daß es blöke, damit man nicht wissen sollte, daß sie dort ging; doch das Schaf fuhr immer fort zu rufen. Darum verfluchte es die Jungfrau und verdammte es zum Blöken.


  • Literatur: Leite da Vasconcellos, trad. pop. p. 198.

Fußnoten

1 Ungarisch: itt szalad.


2 búvik.


3 a bukorba.


4 Grabe mir schnell eine tiefe Furche, daß ich mich dort verbergen kann. Korn treibt und reift schnell. Bald ist es geschnitten und in Schwaden gelegt.


5 Wäre ich ihr begegnet, hätte ich ihr die beiden Arme abgeschnitten. Ebenso ihre beiden weißen Brüste, die dann keine Milch tragen würden.


6 Der Häher, der auf dem Aste saß, rief: »Unter den Schwaden!« Aber die Schwalbe, die auf dem andern Aste saß, sagte sanft: »Häher, du hast gelogen!«


7 Hättest du sie nicht verraten, du würdest Goldgefieder tragen, aber wenn der Sankt Johannestag anbricht, wirst du herabfallen und herumrollen (? »rouleras«); mit deiner Gnade, Jungfrau Maria, werde ich die Menschen lieben und sie erfreuen.


Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 58.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Reigen

Reigen

Die 1897 entstandene Komödie ließ Arthur Schnitzler 1900 in einer auf 200 Exemplare begrenzten Privatauflage drucken, das öffentliche Erscheinen hielt er für vorläufig ausgeschlossen. Und in der Tat verursachte die Uraufführung, die 1920 auf Drängen von Max Reinhardt im Berliner Kleinen Schauspielhaus stattfand, den größten Theaterskandal des 20. Jahrhunderts. Es kam zu öffentlichen Krawallen und zum Prozess gegen die Schauspieler. Schnitzler untersagte weitere Aufführungen und erst nach dem Tode seines Sohnes und Erben Heinrich kam das Stück 1982 wieder auf die Bühne. Der Reigen besteht aus zehn aneinander gereihten Dialogen zwischen einer Frau und einem Mann, die jeweils mit ihrer sexuellen Vereinigung schließen. Für den nächsten Dialog wird ein Partner ausgetauscht indem die verbleibende Figur der neuen die Hand reicht. So entsteht ein Reigen durch die gesamte Gesellschaft, der sich schließt als die letzte Figur mit der ersten in Kontakt tritt.

62 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon