I. Die Verwandlung des Saatfelds.

[95] Eine orientalische Erzählung von einem Bauer, dessen Acker von Jesus in ein Steinfeld verwandelt wird, ist vermutlich durch Kreuzfahrer nach Europa gebracht worden. Schon in einer Handschrift des 13. Jahrhunderts (jetzt in der Pariser Nat.-Bibl.) finden wir folgende Legende:


Factum est autem iterum in una dierum tempore serendi, cum transiret Jhesus Christus per Asiam, vidit quendam agricolam quoddam genus leguminis, qui cicer dicitur, seminantem in campo, qui dicitur campus iuxta tumbam Rachel, inter Jerusalem et Bethleem, cui Jhesus Christus ait: Homo, quid seminas? At ille indignans deridensque, quod puer id aetatis habens eum super hoc interrogaret, ait: Lapides. Ait ei Jhesus Christus: Vere dicis; car lapides sunt. Et facta sunt gramina illa omnia ciceralia lapides durissimi omne scema ciceris colorem et etiam ocellos in capitibus usque hodie detinentia; et sic omnia gramina solo verbo Jhesu, tarn sata quam serenda, sunt in lapides mutata; et usque hodie in agro illo a diligenter quaerentibus lapides illi inveniuntur.


  • Literatur: O. Schade, Die Pseudoevangelien ..., S. 9 f. Vgl. Sepp, Symbolik 5, 21.

In der mündlichen Überlieferung kommt der Erbsenacker in mehreren Varianten vor:


1. Aus dem Orient ist eine kleinasiatische Fassung bekannt, die mit jener handschriftlichen Erzählung im wesentlichen übereinstimmt: La Tradition 2, 1888, S. 52.[95]


2. Aus Portugal.


Auf dem Wege nach Bethlehem fragte die Jungfrau einige Landsleute, die sich anschickten, Weizen zu säen: »Was sät ihr da?« »Wir säen Steine,« antworteten sie. »So mögen euch Steine wachsen,« erwiderte die Jungfrau. »In drei Tagen kommet, die Felsblöcke zu brechen.«


  • Literatur: Leite da Vasconcellos, trad. pop. Nr. 231 d.

3. Aus Sizilien.


Petrus fragte einen Bauern, was er auf seinem Acker gesät hätte. Der Bauer wollte ihn zum besten haben und antwortete statt Getreide »Tausendgüldenkraut.« Da wurde das Getreidefeld plötzlich in ein Tausendgüldenkrautfeld verwandelt. Christus hat aber später das Wunder bewirkt, daß sich das Kraut wieder in Korn verwan delte.


  • Literatur: Pitrè, Usi e costumi 3, 261.

4. Aus Estland.


Als Jesus noch auf Erden war, sah er einst einen Mann säen. Er fragte, was für ein Getreide er säe. »Ich säe Steine!« antwortete der Wirt. – »Wenn du Steine säst, sollst du auch Steine ernten,« sprach Jesus. Als der Wirt im Herbst die Erbsen einerntete und sie kochte, wurden sie nicht weich, sondern blieben hart wie Steine, während sie früher immer sehr schön weich gekocht waren.

Und noch heute sagt man von den Erbsen: sie sind hart wie Steine.


  • Literatur: Aus dem handschriftl. Nachlaß von Dr. J. Hurt.

5. Aus Deutschland.


Man erzählt sich von einem Felde bei Geislingen, wo eine Menge so kleiner Steine gefunden wird, es sei hier einmal der Herr Jesus vorübergegangen und habe, da ein Bauer eben Erbsen säete, diesen gefragt, was er mache, auf die Lüge aber die Verwünschung folgen lassen.


  • Literatur: Sepp, Symbolik 5, 21.

In Deutschland findet sich noch eine andere Fassung, in der die Handlung so verändert ist, daß man zweifeln muß, ob hier ein genetischer Zusammenhang oder eine zufällige Stoffähnlichkeit vorliegt:


In einer Zeit großer Teuerung trug sich's zu, daß ein reicher Bauer in der Mark, der noch mehrere Ernten liegen hatte, vermeinte, er werde Hungers sterben müssen. Denn solche Zagheit befällt oft die Geizigen, und weil das Korn sich nicht mehren und nicht wohlfeiler werden wollte, so besäte der Geizige seinen Acker mit Erbsen, aber ganz heimlich, und sprach dazu:


»Ich säe Erbeis (so im alten Deutsch = Erbsen),

Daß's weder Gott noch die Welt weiß.«


Aber ein Nachbar, welcher der Erbsen wirklich bedurfte und deren ebenfalls säte, hörte diese Worte und rief jenem auf seinen Acker hinüber:


»Lieber Nachbar! Ich säe auch Erbeis,

Aber daß Gott und die Welt darum weiß.«


Da geschah das Wunderbare, daß dieses Mannes Erbsensaat keimte und fröhlich aufgrünte, aber die Saat des Geizigen ist durch Gottes Schickung samt der Ackerkrume versteinert. Und die in Steine verwandelten Erbsen sind noch heutigestags vorhanden. Man kann darin Erbsen aus der versteinerten Ackerkrume[96] gleichsam wie aus einer Hülse lösen, und die Hülsen selbst lösen sich vom Gestein ab und sind steinern.

Solcher Erbsensteine und Erbsenäcker finden sich aber nicht allein in der Mark, sondern auch in Thüringen und in Westfalen.


  • Literatur: Ludw. Bechstein, Deutsches Sagenbuch, Leipzig 1853, S. 318 f.

Dagegen weisen die folgenden Varianten, in denen Christus eine ungezogene Antwort durch, eine ihr entsprechende Verwandlung straft, einige Stoffverwandtschaft mit der Legende vom Erbsensteinfeld auf; doch ist wohl weniger an die gleiche Herkunft, als an Verchristlichung heidnischer Mythen zu denken.

Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 95-97.
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