II. Verschiedenes.

[97] 1. Aus Malta.


a) Einst erblickte Jesus am Meeresgestade einen armen Mann, welcher sich an Austern gütlich tat. Jesus näherte sich ihm, und da der Mann keine Anstalt machte, etwas von seinem Vorrate anzubieten, fragte er ihn: »Was issest du, Freund?« Der Mann aber, der ein rechter Murrkopf war und unhöflich obendrein, versetzte: »Ich eß einen Schleimbatzen (gaidra = Hustenauswurf)!« worauf Jesus erwiderte: »Du hast es gesagt! Einen Schleimbatzen sollst du finden!« Seitdem sind die Austern so schleimig.

b) Auf seiner Wanderschaft begegnete Christus einst einem geizigen und selbstsüchtigen Manne, der Knoblauch kaute. Christus wollte ihm nun eine Ermahnung geben und fragte: »Freund, was issest du?« worauf der Mann mürrisch versetzte: »Nichts!« Christus aber wollte sich ihm freundlich zeigen und fragte noch einmal: »Was zermalmen deine Zähne, Freund?« Ärgerlich rief jener aus: »Gesehen hast du's ja, also möchtest du's wohl riechen?« Und in spöttischer, verächtlicher Weise riß er seinen Mund weit auf. Da versetzte Christus: »Ich wußte es, daß sich in deinem Munde Knoblauch befand, aber deines unhöflichen Betragens wegen soll der Knoblauchesser von nun an von weitem kennbar sein, und die Zwiebel dieses Gewächses soll übel riechen und den Atem verpesten!« Seit der Zeit ist der Knoblauch scharf riechend und brennt Zunge wie Gaumen, während er vordem süß war und Wohlgeruch ausströmte. Nur seine Blüte hat sich nicht verändert.


  • Literatur: Frdl. Mitt. von Frl. B. Ilg.

2. Aus Deutschland und Tirol.


Einst ging ein neidischer, habgieriger Knabe in den Wald, um Erdbeeren zu suchen, und hatte schon ein hübsches Körbchen fast voll. Da begegnete ihm die Mutter Gottes und fragte in ihrer liebreichen Art: »Was hast du in deinem Körbchen?« Das Kind sagte trotzig: »Nichts!« Denn es fürchtete, sie wolle von den Beeren haben. »Ei!« sprach die Mutter Gottes, »ist es nichts, so wird es dir auch nichts nützen!« Und von da an wird keiner von Erdbeeren satt, er mag deren noch so viele essen.


  • Literatur: Wolfs Zschr. f. dt. Mythol. 4, 414, Reiser, S. 361, E. Meier, Sagen aus Schwaben 1, 250, Birlinger, Volkst. aus Schwaben 1, 382.

3. Aus Rußland.


Es kommt einst der Herr zu einem Menschen, ihn um Almosen zu bitten. Der Mann reicht ihm Brot und sagt zu ihm:

[97] »Ich hätte dir gern irgendeine Speise zu essen gegeben, aber ich habe nichts im Hause.«

Auf dem Regal stand bei ihm aber eine Schüssel mit Klößen. Da fragt der Herr:

»Was hast du da in der Schüssel?«

»I, gar nichts! Da hat meine Frau Mollusken in Wasser gelegt!«

»Es seien Mollusken!« sprach der Herr und ging aus dem Hause.

Als jener nach der Schüssel sah, lagen dort im Wasser wirklich Mollusken.


  • Literatur: A. Dragomanow, Malorusskija narodnija predanija S. 386.

4. Aus Estland.


Als Jesus auf Erden wandelte, begegnete ihm ein Weib mit einem Melkgefäß. Er fragte die Frau, was sie in dem Gefäß habe. »Wasser«, antwortete diese. Darauf sagte Jesus: »So möge nun wirklich Wasser in Deinem Melkgefäß sein.« Die Frau erschrak, bereute ihre Lüge und gestand, es sei reine warme Milch gewesen. Jesus hatte Mitleid mit der Frau und sagte: »Die reine Milch kann ich Dir nicht zurückgeben, aber es sei halb Milch, halb Wasser.« So geschah es, und seitdem enthält die Milch einen Teil Wasser und nur zum Teil noch reine Milch.


  • Literatur: Handschriftlich im Nachlaß von Dr. J. Hurt.

5. Aus Schweden.


Eines Tages säeten Reiche-Pälle und Arme-Pälle Weizen, der Herr ging vorüber. »Was säest du?« fragte er Reiche-Pälle. »Nasen!« antwortete er, denn er meinte, die Frage wäre unverschämt. »So werde es!« sprach der Herr. Dann richtete er dieselbe Frage an den Armen-Pälle. »Ich säe Weizen und wünsche nur, daß er gut gelinge!« – »So werde er!« – Bei der Ernte war Reiche-Pälles Acker voll Nasen, und er fluchte Tag und Nacht über sie. Der andere Acker war voll schönen Weizens.


  • Literatur: Aug. Bondeson, Svenska Folksagor 1882, Nr. 12.

Parallele aus Norwegen.


Während der Zeit, da unser Herr und St. Peter miteinander auf der Erde umherwanderten, langten sie eines Tages an einem Bache an, wo eine Frau mit Waschen von Linnen beschäftigt war.

»Was tust du?« – »Ich wasche die Lumpen der Jungen.« – »Nennst du die schöne Leinwand Lumpen?« – »Gewiß, es ist hoffnungslose Arbeit, die Lumpen für die unnützen Kinder zusammenzuhalten.« – »Du hast vielleicht viele Kinder?« – »So viele, daß die Hälfte mehr als genug wäre.« – »Wie viele?« – »Sechs.« – Sie schämte sich zu sagen, daß sie deren zwölf hatte. Und der Herr sprach: »Die, welche du mir verborgen hast, sollen dir verborgen (huld) bleiben, und wie du es haben willst, wirst du es erhalten.«

Da sie in ihr Haus zurückkehrte, war ihre Wäsche lauter Lumpen, sechs von den Kindern verschwunden, die übrigen verkrochen sich lumpig in alle Winkel, sie redeten nicht, wollten keine Speise, sie war gezwungen, sie wie Steine und Stöcke umherzutragen.

Am Ende suchte sie den lieben Gott und bat ihn, daß sie alles wieder wie vorher erhalten dürfe.

Das geschah. Zurückgekehrt fand sie alles in der alten Ordnung, lustige, lärmende Kinder. Da es ihr wegen der lärmenden Unruhe nicht gelang, die Zahl[98] der Kinder zu erfahren, befahl sie ihnen, ihre silbernen Löffel auf den Tisch hinzulegen. Da sie zwölf fand, wußte sie, daß sie diese Zahl hatte.


  • Literatur: Halv. A. Bergh, Nye Folkeeventyr og Sagn 3, 34.

Diese Geschichte enthält dieselbe Formel wie die Sage von den »Huldren«, die von Evas verborgenen Kindern herstammen (Bd. 1, S. 247).

Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 97-99.
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