1. Der Kuckuck.

[376] 1. Rumänische Sagen.


a) Der Vogel, den wir jetzt Kuckuck nennen, das ist nicht der richtige Kuckuck, der goldenes Gefieder hatte und jetzt »in der anderen Welt« lebt, sondern seine Frau Sava.

[376] Früher lebte der Kuckuck mit seiner Frau Sava auf der Erde, doch als diese ihm untreu wurde und zu enge Verbindungen mit der Nachtigall (im Rumän. Mask.) anknüpfte, machte sich der Kuckuck auf, sie zu verlassen.

Sava war sehr traurig, daß ihr Mann weggehen wollte, und fragte ihn, wann und wo sie ihn finden könne. »Suche mich von Maria Verkündigung bis Johanni,« sagte der Kuckuck, »und wenn du mich dann nicht gefunden hast, so suche nicht mehr.« Damit flog er fort, um nicht wiederzukehren.

Sava bereute ihre Untreue und sucht nun überall den Entschwundenen, indem sie von einem Baum zum anderen fliegt und sich nirgends lange aufhält. Und immerfort ruft sie ihn bei Namen: »Kuckuck! Kuckuck!«


  • Literatur: Marianu, Ornitologia poporană română 1, S. 3. Vgl. Revue des trad. pop. 8, 40.

b) Es war einmal ein Kaiser, der hatte zwei Söhne: Kuckuck und Stephan. Beide hatten Goldhaar, auf den Schultern zwei Sterne, auf der Brust das Zeichen der Sonne und des Mondes, und ihr Gesicht leuchtete wie Diamanten. Der Kaiser mußte aber in den Krieg ziehen und wurde von dem Feinde getötet. Doch ehe er hinausgezogen war, hatte er seinen Söhnen befohlen, in Frieden zu leben, und seinen Thron dem Sohne Kuckuck vermacht.

Kuckuck bekam nun also das Reich. Aber Stephan beneidete seinen Bruder. Die Mutter versuchte, sie zu versöhnen, allein jeder wollte entweder das Reich oder den Tod. Ein erbitterter Kampf entspann sieh zwischen ihnen, und Kuckuck wurde von Stephan besiegt und verjagt.

Als ihr Vater, der Kaiser, der »in der andern Welt« war, dies hörte, schrieb er einen Brief und trug dem Raben auf, ihn in diese Welt zu seinem Sohn, dem neuen Kaiser, zu bringen. Doch Stephan kümmerte sich nicht um die Ermahnungen seines Vaters, und alles blieb beim alten. Da wurde ihre Mutter schwer krank, ließ die beiden Söhne kommen und befahl ihnen, sich zu versöhnen, und als sie sich weigerten, verwünschte sie sie und sagte: »So möget ihr immer getrennt leben, der eine im Osten und der andere im Westen, und möget ihr euch niemals begegnen können!« Als sie diese Worte gesprochen hatte, starb sie.

Seitdem ruft Stephan, der Vogel, der bei uns ist, immer seinen Bruder in der anderen Welt: »Kuckuck, Kuckuck!«


  • Literatur: Revue des trad. pop. 8, 40 wohl nach Marianu, Ornitologia S. 4, wo es ausführlich heißt: Die Mutter -will ihre Söhne noch auf dem Totenbett versöhnen, sie verflucht sie, falls sie nicht einträchtig leben. Nach dem Tode der Mutter streiten sich die Brüder weiter; da werden sie durch böse Träume bedenklich gemacht. Sie versöhnen sich, aber schon ist's zu spät; ihre Mutter erleichtert den Fluch (Trennung der beiden) dahin, daß Stephan in dieser Welt bleibt, Kuckuck zu den Eltern in jene Welt kommt.

c) Eine Frau gebar einmal Zwillinge, die weinten Tag und Nacht bis zu ihrem Tode, der bald eintrat; da wurden sie in zwei Vögel verwandelt. Der eine kam ins Paradies, das ist der Kuckuck, der andere ist noch heute bei uns auf der Erde, das ist Stephan. Der ruft von Maria Verkündigung bis Johanni nach seinem Bruder: »Kuckuck, Kuckuck!«


  • Literatur: Marianu, Ornitologia poporană română 1, S. 4 = Revue des trad. pop. 8, 40.

d) Zwei Brüder, Kola und Goyu, beide Schäfer, liebten einander innig und weideten ihre Tiere möglichst nahe beieinander. Eines Tages entfernte sich der eine, Kola, etwas weiter als gewöhnlich und schlief, da er müde war, unter einem Baume ein. Erst nach dreihundert Jahren erwachte er wieder, suchte vergebens nach Hund und Herde und vor allem nach seinem geliebten Bruder. Betrübt[377] ging er ins Dorf, kehrte im Gasthaus ein und merkte beim Zahlen, daß sein Geld seit 300 Jahren außer Kurs war, daß er also so lange geschlafen hatte. Darüber wurde er traurig, ging hinaus auf die weite Flur und weinte bitterlich, so stark, daß seine Tränen einen Fluß bildeten. An dessen Ufern aber entstanden schöne Frühlingsblumen: »Kuckucksbrote« (Oxalis acetosella). Schließlich betete er zu Gott, daß er ihn in einen Vogel verwandele, um so die Welt zu durcheilen auf der Suche nach seinem geliebten Bruder. Sein Gebet wurde erhört. Noch heute sucht Kola beständig und ruft: »Kuku, kuku«, d.i. aber »Goyu, Goyu!« (Im Aromunischen werden Kuku und Goyu ähnlich ausgesprochen.)


  • Literatur: Papahagi, Basme Aromâne, S. 24.

2. Aus Bulgarien.


a) In Bulgarien glauben die Bäuerinnen, daß der Kuckuck eine Frau war, die einen einzigen Sohn hatte, der hieß Gugo, d.i. Georg. Dieser starb frühe. Ihr Gram und Kummer um ihn war grenzenlos, und vor gewaltigem Leid ging sie morgens und abends aufs Grab und weinte und klagte. Da wurde Gott ihres endlosen Jammers überdrüssig, kam eines Morgens hin zu ihr und sagte: »Was plärrst und kuckst du da, närrisches Weib, so ohne Unterlaß auf dem Grabe?« »Solange ich lebe,« antwortete sie, »werd' ich weinen und nie verstummen! O Gugo, mein liebstes Kind, Gugo, Gugo!« Gerührt sprach der Herr: »Du sollst gesegnet sein und dich in einen Kuckuck verwandeln und von nun an bis in alle Ewigkeit nach deinem Sohne kucken!«

Im selben Augenblick ward sie zum Kuckuck und flog davon, um zu kucken und zu klagen. Und mit jedem neuen Frühling erschallt ihre Klage um den Sohn Gugo aufs neue.


  • Literatur: Krauß, Der Tod in Sitte, Brauch und Glauben der Südslaven: Ztschr. des Vereins für Volkskunde 2, 182. Vgl. Strausz, Die Bulgaren, S. 61 = Sbornik umotvor. 3, 134.

b) In einem Liede wird erzählt, wie der Held Jankula, der neun Jahre lang an neun Wunden krank ist, seine Schwester Jana an die Donau schickt, frisches Wasser zu holen. Sie verirrt sich auf dem Rückwege, und nachdem sie drei Tage und drei Nächte im Walde verbracht hat, bittet sie Gott, daß er sie in den grauen Kuckuck verwandle. Nun fliegt sie von Baum zu Baum, sucht ihren Bruder »Jankula, den Junak« (= junger Held) und ruft ihn.


  • Literatur: Strausz, Die Bulgaren, S. 61–63 = Sbornik umotvor. 10, 16.

c) Einst war es so im Kaiserreich, daß die Burschen jedes Jahr, so gegen Monat März, in die Schlacht zogen und nur zur Zeit des Mähens oder gar zur Zeit der Ernte heimkehrten. Den Burschen zogen auch ihre Schwestern nach und stiegen auf Bäume hinauf, damit sie von dort aus sähen, was in der Schlacht geschehe; und dort auf den Bäumen weinten sie: »Bratu, bratu!« (Bruder, Bruder!) Weil die Mädchen so sehr die Burschen beweinten (kukali), so wurden sie Kuckucke und weinten ihren Brüdern nach. Deshalb fliegen die Kuckucke auf den Bäumen herum und weinen ihren Brüdern nach. Auch heute noch brüten sie ihre Eier nicht aus, denn sie sind ja Mädchen.


  • Literatur: Strausz, Die Bulgaren, S. 63 = Sbornik umotvor. 7, 137.

3. Serbische Sagen.


a) Eine serbische Sage erzählt, der Kuckuck (Kukavica, weibl.) sei ein Weib gewesen, dem der einzige Bruder gestorben. Sie habe so maßlos geklagt und[378] und gejammert (kuku lele = wehe geschrieen), bis sie sich in einen Kuckuck verwandelte.


b) Der Geist eines Verstorbenen wurde im Elend auf der Erde zurückgehalten, weil seine Schwester unaufhörlich an seinem Grabe weinte. Endlich wurde er zornig über ihren unverständigen Schmerz und verfluchte sie, worauf sie in einen Kuckuck verwandelt wurde und nun genug zu tun hat, um sich selber zu klagen.


c) Gott verdammte die Schwester, weil sie den Bruder, den er zu sich genommen, unablässig beweinte und sich dadurch gegen seinen Ratschluß auflehnte. Er verwandelte sie in einen Kuckuck.


  • Literatur: Krauß, ebd. S. 181. (Vgl. Ztschr. f. dt. Myth. 3, 284. Swainson, British Birds, p. 120, Folklore Record 2, 61. Ralston, Songs of the Russian people S. 119. Hauffen, Gottschee S. 439.)

d) Eine um zwei Brüder trauernde Schwester wird durch den dritten, der sie bemitleidet, verwünscht, daß sie sich in den Kuckuck verwandle.


  • Literatur: Die Natur N.F. 5, 1879, S. 201.

4. Aus Bosnien.


Der Kuckuck war Kaiser Lazarus' Schwester. Nachdem der Kaiser zu Leitengeben (Kosovo polje) sein Leben verloren, weinte und kuckte (kukula) seine Schwester ohne Aufhören. Am Test der hl. drei Könige (Epiphanias) wurde sie von Gott verflucht mit den Worten: »Du sollst in alle Ewigkeit vom Lazarsamstag (Sonntag vor dem Palmsonntag) bis zum Peterstag (29. Juni) nur Kuckuck rufen.« So geschah es, und so geschieht es noch heute.


  • Literatur: Krauß, ebd. S. 182.

5. Aus Rußland.


a) Die böse Zauberin-Schwiegermutter tötet den Vater. In ihrem Gram verflucht die Mutter sich selbst und die Kinder. Sie wird zum Kuckuck und schreit ihr Weh klagend: »Jakub, Jakub!«


  • Literatur: Dobrovolskij, Smol. Ethnogr. Sbornik 1, 277, Nr. 40.

b) Der Kuckuck ist eine trauernde Witwe.


  • Literatur: Ebd. S. 276, Nr. 38.

c) Der Kuckuck ist eine Witwe. Ihr Mann ertrank, und jetzt ruft sie in großem Gram Kuckuck.


  • Literatur: Federowski, Lud białorußski 1, Nr. 632.

6. Aus Litauen.


Die Schwester dreier Brüder, die im Kriege gefallen sind, irrte voll Verzweiflung und Trauer in den Wäldern umher, bis sie in einen Kuckuck verwandelt wurde.


  • Literatur: Die Natur N.F. 5, 1879, S. 201. Vgl. Schacherl, Geheimnisse der Böhmerwäldler, S. 5.

7. Aus Böhmen.


Der Kuckuck ist ein verwandeltes Mädchen, das nach seinem Bruder ruft oder durch seinen Ruf verkündigt, daß er gefunden ist.


  • Literatur: Swainson, British Birds, p. 120 – Grohmann, Abergl. u. Gebr. Nr. 475 = Krolnaus 1, 42. Vgl. Schacherl, Geheimnisse der Böhmerwäldler, S. 5.

[379] 8. Aus Pommern.


a) Ein armes Weib hatte sieben Kinder. Da sie glaubte, daß sie sie nicht länger ernähren könne, ging sie mit ihnen in den Wald, um sie dort auszusetzen. Um sich von ihnen fortschleichen zu können, sagte sie zu ihnen: »Wir wollen Versteck spielen. Ich werde immer ›Kuckuck!‹ rufen, und ihr sollt mich suchen.« Auf diese Weise gelang es ihr, sich weit von den Kindern zu entfernen. Die Kinder mußten elend zugrunde gehen. Aber die Strafe blieb nicht aus. Der liebe Gott verwandelte die Rabenmutter in einen Vogel, der immerfort »Kuckuck« rufen muß. Auch darf er nie mehr die eigenen Kinder pflegen, sondern muß sich scheu und ängstlich in den Kronen der Bäume versteckt halten und Tiere und Menschen meiden.


  • Literatur: Asmus und Knoop, Kolberg-Körlin, S. 69 f.

b) Einem Bauern ging es in seiner Wirtschaft so schlecht, daß er keinen Bissen Brot mehr im Kasten hatte. Da nahm er seine beiden Kinder, führte sie in den Wald und sprach: »So, hier sucht euch nur Beeren, und wenn ich rufe: »Guck, guck!« so bin ich wieder in eurer Nähe und bring euch nach Hause zurück.« Damit ließ er die Kinder allein auf der wilden Heide zurück und ging an seine Arbeit.

Als der nächste Sommer kam, hatte sich sein Wohlstand wieder gehoben, und nun sehnte er sich nach seinen Kindern zurück. Er ging in den Wald und rief, so laut er nur konnte, den ganzen Tag: »Guck, guck!« Sogleich ward der Bauer zum Vogel und konnte nichts anderes aus seiner Kehle herausbringen als nur »Guck, guck«, weshalb er auch von den Menschen den Namen Kuckuck erhielt.


  • Literatur: Jahn, Volkssagen aus Pommern und Rügen, S. 472.
Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 376-380.
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