D. Verschiedene Erinnerungen an das Menschenleben.

[398] 1. Aus Pommern.


a) Der Wiedehopf ist einst ein Damenschneider gewesen, und wer sieht es ihm jetzt wohl an, daß er vormals in feiner und zierlicher Gesellschaft gelebt hat? Er hat in einer großen, reichen Stadt gewohnt und sich wie ein hübscher und feiner Gesell gehalten und einen bunten, seidenen Rock getragen und ist von einem vornehmen Hause in das andere und von einem Palast in den andern gegangen und hat die kostbarsten Zeuge und Stoffe, woraus er Kleider machen sollte, nach Hause getragen. Und weil er hübsch und manierlich gewesen ist, haben alle hübschen Frauen ihn zu ihrem Schneider genommen, und immer hat er Arbeit bei ihnen gehabt, und auch der Königin, als sie gekrönt werden sollte, hat er den Rock zugemessen.

So ist Meister Wiedehopf bald ein sehr reicher Mann geworden und hat doch nicht genug kriegen können, sondern ist immer herumgelaufen und hat Arbeit nach Hause geschleppt und oft so viel zu tragen gehabt, daß er wie ein Karrengaul unter seiner Last stöhnen und, wann er die Treppen hinaufstieg, »Huup, Hupupp!« schreien mußte. Diese Arbeitseligkeit und Freude am Verdienst hätte Gott ihm wohl vergeben, aber es ist eine arge Habsucht daraus geworden, und die hat der Herr nicht länger mit Geduld ansehen können. Der Schneider hat zuletzt gestohlen und von allen Zeugen, die er in die Mache bekam, seinen Teil abgekniffen und abstibitzt. Da ist es ihm denn geschehen, daß er eines Abends, als er mit einem schweren Bündel und noch schwererem »Hupupp, Hupupp!« die Treppe[398] hinaufächzte, plötzlich in einen bunten Vogel verwandelt worden ist, welcher Wiedehopf heißt und um die Häuser und Ställe der Menschen umfliegen und dort mit unersättlicher Gier das Allergarstigste auflesen und in sein Nest tragen muß. Er trägt bis diesen Tag einen bunten Rock, aber einen solchen, der an einen schlimmen Ort erinnert, wohin die Diebe und Schelme gehören. Der eine Teil des Rockes ist rabenschwarz, der andere feuerrot, und sind beide Teile Farben der Hölle, denn das Schwarze des Rockes soll die höllische Finsternis und das Feuerrote das höllische Feuer bedeuten. Einen ähnlichen Rock als Meister Wiedehopf trägt auch der Totengräber, ein blanker, garstiger Wurm, der auf den Landstraßen herumläuft und tote Maulwürfe, Käfer und anderes Aas begräbt, auch die bunte Blattwanze hat fast ganz dasselbe Kleid an: beide sind wahrscheinlich auch einst Diebe gewesen. – Das hat der Wiedehopf noch so beibehalten aus seiner Schneiderzeit, daß er immer »Hupupp, Hupupp!« schreien muß, als trüge er noch die Diebeslast, die ihm zu schwer wird. Die Leute nennen ihn deswegen häufig den Kuckucksküster, weil sein Laut aus der Ferne wirklich oft so klingt, als wolle einer dem Kuckuck seinen Gesang nachsingen, wie der Küster dem Pastor. Aber der Kuckuck ist ein lustiger Schelm und kann sein Lied in Freuden singen, der Wiedehopf aber ist ein trauriger Schelm, und darum muß er seufzen und klagen, und sein »Hupupp, Hupupp!« geht ihm gar schwer aus der Kehle.


  • Literatur: U. Jahn, Volkssagen aus Pommern = E.M. Arndt, Märchen u. Jugenderinn. 1, 425 (plattdeutsch).

b) Die Unke soll einst eine schöne Prinzessin gewesen sein, die aus Hochmut alle Freier, die sich um ihre Hand bewarben, höhnisch zurückwies. Zur Strafe dafür wurde sie in eine Unke verwandelt und muß seitdem Tag für Tag ihr Schicksal beklagen. Ihre Klagerufe lauten folgendermaßen:


»Unk, Unk,

Einmal war ich jung!

Hätt' ich mir 'n Mann genommen,

War' ich nicht in 'n Sumpf gekommen.«


  • Literatur: Haas, Rügensche Sagen u. Märchen S. 100. Dazu Wossidlo, Volksüberl. 2, Nr. 1055 und S. 395.

2. Lettische Sagen.


a) Eine Mutter hatte zwei Töchter, Kosekind und Nachtigall. Kosekind war ihre leibliche, Nachtigall ihre Stieftochter. Ihre Stieftochter haßte die Mutter, schalt und zankte sie beständig, und eines Tages schlug sie sie auf dem Viehhof sogar so stark, daß die Arme bewußtlos liegen blieb. Als sie nach geraumer Zeit wieder zu sich kam, stieg sie in den Viehstall hinauf, trat an die Luke, faltete die Hände und betete: »Lieber Gott, wenn ich doch von der Plage dieser Welt befreit würde, wenn ich ein Vöglein würde, dann wollte ich für alle singen, für Gute und Böse!«

Sogleich wurde das Mädchen zu einer Nachtigall und sang »mit neun Zungen«.


  • Literatur: Lerchis-Puschkaitis VI, 20.

b) Der Taucher war einst eine Jungfrau, die nach ihrer Hochzeit erfuhr, daß ihr Mann zugleich ihr eigener Bruder sei. Aus Kummer verwandelte sie sich in einen Vogel, und als Jungvermählte behielt sie an dem Kopf einen herrlichen, leuchtenden Kranz. Sie fliegt über die Seen und ruft mit klagender Stimme: »Bin dem Manne nicht Weib, dem Bruder nicht Schwester, der Mutter nicht Schwiegertochter, – bin ein Vogel geworden und irre über den Wassern.« [Ni es wiejram siwa, ni eś brolam mosa, ni eś motiaj wadakła! Eś pałyku par putnu i skreju pa jiŭdni!)


  • Literatur: Živ. Starina 5, S. 439. Vgl. Zbiór 15, 267, Nr. 13.

[399] 3. Rumänische Sagen.


a) Eine betrügerische und freche Kellermeisterin eines großen Gasthauses wird wegen ihres schlechten Lebenswandels in die Elster verwandelt. (Vorher gab es noch keine Elstern.) Wie in ihrer früheren Stellung, so kündigt sie auch jetzt noch durch ihr Geschrei Gäste an. (Volksglaube: Wenn die Elster schreit, kommen Gäste.)


  • Literatur: Marianu, Ornitologia 2, 52.

b) Der Pirol ist ursprünglich ein betrügerischer ungarischer Jude gewesen, den Gott zur Strafe für seine Schandtaten in einen Pirol verwandelt habe. Er schreit auf ungarisch: »Solgobiro ... solgobiro ... viţişpanŭ,« d.h. Jude, Jude ... (?).


  • Literatur: Marianu, Ornitologia 2, 133.

c) Ein Kaiser verheiratete seine schöne Tochter. Beim Hochzeitsmahl begann der nun mare (Trauzeuge oder Beistand) die nună mare (Trauzeugin) zu verspotten und zu beschuldigen, sie habe eben ein Brot gestohlen und bei sich verborgen.

Die Frau war zu schüchtern, um sich zu rechtfertigen; sie bat vielmehr Gott, sie in einen Vogel zu verwandeln, wenn er von ihrer Unschuld überzeugt sei. So geschah's; sie wurde zur Nachtigall und beschuldigte nun ihren Beleidiger, er habe das Brot genommen. Das war auch der Fall. Man strafte ihn, die Nachtigall kann aber immer noch nicht die angetane Schmach vergessen, sondern schreit noch heute, man solle den Dieb fangen, um des willen sie zum Vogel geworden sei. Der Nachtigallenruf soll lauten:


»Acesta, acesta (dieser, dieser)

a furatŭ, a furatŭ (hat gestohlen, hat gestohlen)

pânea, pânea! (Brot, Brot!)

cătaţi, cătaţi (fangt, fangt)

ĭute, ĭute (schnell, schnell)

prindeţĭ, prindeţĭ (fangt, fangt)

tălhariulŭ, tălhariulŭ (den Dieb, den Dieb)

ĭute, ĭute!« (schnell, schnell.)


  • Literatur: Marianu, Ornitologia 1, 248. Vgl. Revue des trad. pop. 8, 44.

d) Eine Stiefmutter wollte ihre Stieftochter beseitigen. Eines Tages gab sie ihr zwei Pfund schwarze Wolle mit dem Befehl, sie ganz weiß zu waschen. Das arme Mädchen quälte sich ab, aber ohne Erfolg, und betete schließlich zu Gott: »Pu, Pu! Lieber Gott, verwandle mich doch in einen Vogel!« Das Gebet wurde erhört, und das Mädchen wurde zu einem Vogel, den wir von April bis August »Pu! Pu!« schreien hören, zu einem Wiedehopf. (Rum. pupăză.)


  • Literatur: Papahagi, Basme S. 21. Vgl. Marianu, Ornitologia 2, 172.

4. Aus Finnland.


Es war ein Feiertag. Da kam eine Frau aus einem anderen Gehöft zur Bäuerin, um sie zur Kindtaufe zu bitten. Die Bäuerin sagte: »Ich habe keine Zeit dazu, ich muß meine Kühe suchen.« Und sie band ein rotes Seidentuch um den Kopf, ging hinaus und fing an, die Kühe zu locken: »Ptrŭ, ptrŭ, ptrŭ!« Und so lockt sie noch heutzutage. Gott hatte sie in einen Schwarzspecht verwandelt.


  • Literatur: Frdl. Mitt. von Herrn Prof. K. Krohn.

[400] 5. Aus Serbien.


Vor alters war die Lachtaube bei den Heiligen der beliebteste Vogel. Sie liebten sie so, daß Allah nach ihrem Wunsche ihr die menschliche Rede schenkte. Und sie war allein von allen Vögeln der Rede fähig. Einmal ärgerten sich die Heiligen über die Welt, und sie verhängten den Menschen großen Hunger und Krankheit. Es tat aber der Lachtaube leid, und sie flog ganz schnell auf die Erde und in die Städte, um die Menschen zu warnen. Sie sagte jedem, was kommen werde und daß jeder seine Scheune mit Getreide füllen solle, und sie rief nur immer: »Kupuj kruh! Kupuj kruh!« (Kaufe Brot!) Als die Heiligen das erfuhren, berichteten sie es gleich Allah, und zur Strafe nahm er der Lachtaube ihre Sprache; nur diese Worte: Kupuj kruh! sind ihr geblieben. Die Lachtaube aber baut noch heute ihr Nest auf den Menschenwohnungen und warnt durch ihre Stimme die Menschen vor dem Hunger.


  • Literatur: Zbornik za nar. život i običaje južnih slavena 4, 135.

6. Aus Indien.


In Çamkar P. Pandit's Ausgabe der Vikramorvaçiyam heißt es: »Einst war der Hornvogel eine grausame Schwiegermutter, die ihrer Schwiegertochter nicht erlauben wollte zu trinken, wie durstig sie auch war. Unter anderen Grausamkeiten ließ sie sie auch in einem hölzernen Trog den Rindern Wasser bringen, während sie den eigenen Durst nicht löschen durfte. Die grausame Schwiegermutter wurde in den Hornvogel (cātaka) verwandelt, und der Trog wurde zu dem Schopf auf dem Kopf; der, so sagt das Volk, verhindert ihn, das Wasser zu berühren. Çamkar Pandit sagt, er rufe: »Pāwasā go = o Regen, o Regen!« (Der Vogel wird in keinem Vedischen Text erwähnt, aber oft in Kālidāças Werken, in Raghuvamça, Ritusamhāra, Meghadūta und dem Drama Amarakosha.)«


  • Literatur: Journal of the Royal Asiatic Society, New Series, vol. 23, p. 599.
    Vgl. Folklore Journal 5, 354: Der Kandetta (Hornvogel) darf nur Regen trinken und ruft immer nach Regen (Ceylon). In dem frühen bengalischen Gedicht Candi findet sich die Zeile (105, 1): »Im Monat Caitra bittet der Cātaka (coccystes melanoleucos) die Wolke um Wasser.«

b) Zwei anonyme indische Gedichte des Mittelalters enthalten die Bitten des Cātaka um Wasser, doch ist nichts von der Verwandlung erwähnt, sondern der Cātaka sagt, er wäre zu stolz, anderes Wasser als das der Wolken zu trinken.


c) Der Ruf des Vogels soll: Sphotik jol, d.i. bengalisch: Klares Wasser! bedeuten. Vgl. Southey:


That strange Indian bird,

Who never dips in earthly streams her bill,

But when the sound of coming showers is heard,

Looks up and from the cloud receives her fill.


d) Eine Kibitzart (red wattle lapwing) war eine Frau, die sich tötete, als all ihr Geld (30 Silberstücke) ihr von ihrem Schwiegersohn geraubt wurde. Der Ruf des Vogels klingt wie: »Gib das Silber, gib die 30 Silberstücke!«


  • Literatur: Ceylon. Folkl. Journ. 5, 353.

7. Ostafrikanische Sage.


Es heißt, daß der Regenvogel eine Frau hatte. Er sagte zu einem Menschen: »Ich werde deine Tochter heiraten.« – »Heirate sie.« Da heiratete der Regenvogel diese Frau. Da sagten seine Schwiegereltern, weil sie beinahe vor Durst starben: »Gehe, um uns Wasser zu schöpfen.« Er ging hin, kam ans Wasser und trank.[401] Als er mit Trinken fertig war, sagte er zu sich: Was für einen Schabernack könnte ich ihnen denn antun? Da sagte er sich: Ich werde Sand in die Gefäße tun. Dann füllte er die Gefäße ganz mit Sand, nahm ein ganz klein wenig Wasser und goß es auf den Sand. Dann trug er das Wasser ins Dorf, und dort angekommen, gab er es seinen Schwiegereltern. Sie waren sehr fröhlich, als sie die großen Gefäße sahen. Sie sagten: »Heute werden wir viel Wasser zu trinken haben.« Dann trugen sie ihre Gefäße in die Hütten und sagten: »Nun gut.« Da sagte er sich: Ich habe ihnen einen guten Streich gespielt. Seine Trau fragte ihn: »Wo ist das Wasser?« Ihr Mann antwortete: »Ich habe es meinen Schwiegereltern gebracht.« Da sagte die Frau des Regenvogels: »Gieße mir etwas Wasser in meine Tasse.« Die Schwiegermutter neigte das Wassergefàß; sie sah, daß das wenige Wasser in die Tasse lief und daß es sehr wenig war. Da sagte sie zu ihrem Mann: »Es ist kein Wasser darin, es ist nur Sand, es ist kein Wasser.« Der Schwiegervater rief seinen Schwiegersohn und sagte zu ihm: »Warum hast du Sand geschöpft anstatt Wasser?« Der Regenvogel sagte: »Ich habe versucht, Wasser zu schöpfen, aber es gab da viel Sand; daher kommt es, daß er mit in den Gefäßen ist.« Der Schwiegervater sagte zu ihm: »Die Wahrheit ist, daß du uns einen schlechten Streich gespielt hast.« Der Regenvogel antwortete: »Wirklich, ich habe euch keinen schlechten Streich spielen wollen.« Sein Schwiegervater verjagte ihn und sagte: »Scheide von meinem Kind.« Er fügte hinzu: »Von jetzt an wirst du kein Flußwasser mehr trinken, du wirst nur noch Regenwasser trinken.« Darum trinkt er das Flußwasser nicht, sondern nur das Wasser vom Tau und vom Regen.


  • Literatur: R. Basset, Contes d' Afrique p. 355 = Jacottet, Études sur les langues du Haut-Zambèze, II. partie, fasc. I, p. 128–130.

8. Sage der Golden (Amurgebiet).


Der Schwan (Gaa) war nach den Golden früher ein Mädchen, das auf seine Bitte um Wasser von der Mutter eine abschlägige Antwort erhalten hatte. Das Mädchen verließ darum das Haus, wanderte weit umher und weinte bitterlich. Endlich verwandelte es sich in einen Schwan und flog davon.

Wenn ein Zug Schwäne fliegt und schreit, so sagen die Golden, daß die Vögel beim Anblick von Menschen weinen, denn auch sie seien früher Menschen gewesen.


  • Literatur: Etn. Obozrěnie IX, 3, 137.

9. Aus Estland.


Eine Mutter hatte drei Töchter. Die beiden jüngeren waren boshaft und neidisch und hatten beständig etwas über die ältere Schwester der Mutter zu klagen und sie zu verleumden. So kam es, daß auch die Mutter ihre älteste Tochter nicht leiden konnte und schlecht zu ihr war. Sie gab ihr kein Essen und zwang sie auch am Sonntag zur Arbeit. Eines Sonntags wurde die älteste Tochter wieder hinausgeschickt, Heu zu rechen. Dabei befahl ihr die Mutter, so eifrig zu arbeiten, daß ihre Stirn immer naß vom Schweiß sein müsse. Als die Kirchenglocken läuteten, überkam das Mädchen ein großes Verlangen, auch nach langer Zeit einmal in die Kirche zu gehen. Sie ließ ihre Arbeit stehen und ging. In der Kirche war es so schön, daß sie am liebsten immer darin geblieben wäre. Als sie nun heraustrat, sah sie einen großen Vogel vorüberfliegen. Sehnsüchtig schaute sie ihm nach und sagte: »Wenn ich doch ein solcher Vogel wäre und auch so frei in der Luft herumfliegen könnte! Da würde mich der Schwestern Neid nicht mehr erreichen.« Ein starker[402] Wind erhob sich und trag das Mädchen in die Lüfte. Sie ward zu einem weißen Vogel, dem Schwan. (Kirchspiel Hallist.)


10. Aus Annam (Provinz Quangbinh).


Einst lebten eine Tante und ihr Neffe zur Zeit einer großen Hungersnot. Sie hatten schließlich nichts weiter zu essen als ein einziges Reiskorn, an dem sie abwechselnd sogen. Damals waren aber die Reiskörner viel größer als heute. Eines Tages suchte die Tante nach eßbaren Kräutern auf den Feldern. Unterdessen verzehrte der Neffe das einzige Reiskorn. Die Tante hatte nun nichts mehr zum Leben und starb bald darauf vor Hunger. Zur Strafe wurde der Neffe in einen Vogel verwandelt, welcher zur Zeit der Ernte folgende Worte ruft: »Tante! Tante! Das Getreide ist reif, die Kürbisse werden alt; aber unser Haus ist zerstört, und die Fremden ziehen ein.«


  • Literatur: Globus 81, 303.

11. Malaiische Sagen.


a) Es war einmal ein Mädchen, das lebte bei ihren Eltern mit ihrer Schwester zusammen. Der Vater begann sich auf einem Hügel eine Reisfarm anzulegen und ging jeden Tag mit seiner Frau zur Arbeit. Die ältere Tochter bat die Eltern, mithelfen zu dürfen, aber da sie gerade im heiratsfähigen Alter war, wurde sie nach malaiischer Sitte im Hause gehalten. [Es folgt, wie sie stets bittet und die Erfüllung immer wieder hinausgeschoben wird.] Da legte sie ihre Ohrringe und Armbänder hinter die Tür, legte ihre kleine Schwester in die Wiege und behielt nur ihre Halskette um. Dann flog sie als Taube [turtur nigrinus] zur Farm. Sie rief ihrer Mutter zu: »Mutter, Mutter, ich habe Ohrringe und Armbänder hinter die Tür gelegt und die Schwester in die Wiege getan.« Sie ließ sich nicht fangen und ruft noch heute dasselbe.


  • Literatur: Folkl. Journal 5, 330.

b) Ein Malaie will sich an seiner Schwiegermutter rächen, schlägt die Pfosten, auf denen ihr Haus ruht, mit der Axt um und lacht. Er wird in den Vogel onceros rhinoceros verwandelt, dessen Ruf klingt, als wenn die Axt schallt und ein Gelächter folgt.


  • Literatur: Folkl. Journal 5, 329. (Etw. gekürzt.)

12. Aus der Torresstraße.


(Gekürzt.) Ein Mann namens Sesere (Ssisihr) geht einst in einen Nachbardistrikt und findet dort einen Teich mit vielen Fischen, die er alle schießt. Aber die Leute von Tul, denen diese Gegend gehört, beneiden Sesere und sagen, er solle auf seinem eigenen Grund und Boden fischen, nehmen ihm die Fische weg und zerbrechen ihm Pfeil und Bogen. Am nächsten Tag geschieht ganz dasselbe noch einmal. Abends aber geht Sesere scheltend am Ufer entlang und sieht dabei, daß das Gras kurz abgebissen ist, als ob ein Fisch es getan habe. Er wundert sich, was das wohl für ein Fisch gewesen sein möge, und befragt die Schädel seiner verstorbenen Eltern darum, und sie sagen ihm, wie er den Fisch, genannt Dugong, fangen könne. Es gelingt ihm auch, und er kocht sich das Fleisch des Dugong. Als er den zweiten dugong fängt, kommen die Leute von Tul zu ihm, und er gibt ihnen einige Stücke Fleisch, behält aber das beste für sich. Am nächsten Tag machen die Leute von Tul einen Hund aus einem Holzgestell, einer Art Tuch von den Blättern der Kokospalme und haarähnlichen Kokosnußfibern. Inwendig hinein stecken sie einen Mann, der auf allen Vieren laufen muß. Der Hund läuft zu Sesere, der ihn freundlich[403] aufnimmt und ihn füttert. Er stiehlt aber in einem unbemerkten Augenblick das Dugongfleisch und läuft damit weg. Am nächsten Tag kommen zwei solcher Hunde, die sich genau so betragen, dann drei und vier. Da schöpft Sesere Argwohn und befragt die Schädel seiner Eltern, die ihm sagen, daß Männer in diesen Hunden stecken, und ihm raten, sie zu töten. Sesere tut das, aber nun kommen alle Leute von Tul nacheinander, um ihn zu töten. Er besiegt jeden Trupp, indem er sich in einen kleinen schwarz und weißen Vogel verwandelt und sich auf den Kopf eines Kriegers setzt, den die anderen erschlagen, als sie ihn treffen wollen. So macht er es, bis die meisten getötet sind. Zuletzt fliegt Sesere in den Busch, und die übriggebliebenen Männer rufen ihm zu: »Dein Name ist Sesere, du wirst nun immer im Busch bleiben, und wenn du Menschen siehst, so wirst du ihnen deinen eigenen Namen zurufen!«

Da gewinnt Sesere für einen Augenblick seine menschliche Gestalt zurück und sagt: »Und ihr werdet als Kakadus umherfliegen, und auch eure Frauen werden Vögel werden!«

Noch jetzt fliegt der schwarz und weiße Vogel im Busch herum und zwitschert: »ssisihr, ssisihr, ssisihr«.


  • Literatur: Folklore 1, 69.

13. Von den Vancouver-Inseln.


Es hatte ein Fischer einem anderen einen Fisch gestohlen, nachdem er ihn auf den Kopf geschlagen hatte; um ihn am Sprechen zu verhindern, schnitt er ihm die Zunge ab. Der Fischer kommt mit seinem Kanoe wieder und läßt einen Ruf ertönen, wie der Ruf des Tauchers (colymbus). Der Gott Qwateath verwandelte den einen in einen Taucher, den andern in einen Raben. Der Ruf des Tauchers ist der des Fischers, der dem anderen seine schlechte Tat vorhält und versucht, sich Gehör zu verschaffen.


  • Literatur: Sébillot, Folklore des Pêcheurs p. 369.

14. Indianersagen.


a) In ein Birkhuhn wurde die ungetreue Frau Hoots, des Bären, verwandelt zur Strafe für ihre Untreue, und jetzt sitzt sie im Wald und wehklagt die ganze Zeit.


  • Literatur: Nach Philipps, Indian Fairy Tales S. 184 ff.

b) Ein junger Mann heiratete ein schönes Mädchen. Seine Mutter aber liebte ihre Schwiegertochter nicht und gab ihr eines Tages kochendes Wasser zu trinken. Als sie den ersten Löffel davon trank, verbrannte sie ihren Mund und wurde sogleich in den Vogel Anustsūt'sa (= verbrannter Schnabel) verwandelt. Seitdem schreit sie immer: »anananatsutsatsē«! (Sage der Bilqula.)


  • Literatur: Boas, Indianische Sagen S. 270.
Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 398-404.
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