B. Tiere, die zuletzt oder gar nicht kommen.

[182] 1. Aus Annam.


a) Im Anfange, als Himmel und Erde gerade eben erst die belebten Geschöpfe hervorgebracht hatten, waren diese noch unvollkommen; dem einen fehlten die Füße, dem andern die Flügel. Drei Genien [Lý bach, Hón chung lý und Lú dòng tàn] stiegen in die Bergwälder nieder und ließen allen Tieren verkünden, sie sollten sich binnen drei Tagen bei ihnen einstellen; dann würden sie erhalten, was ihnen mangelte.

Die Frist war verstrichen und die Verteilung vorüber, als die Ente, die nur ein Bein hatte, und der Hund, der nur drei hatte, davon erfuhr. Sie begaben[182] sich sogleich zum festgesetzten Ort und baten jeder um ein Bein mehr; doch die Genien hatten schon ihren ganzen Vorrat verteilt. Die Klagen der Ente und des Hundes rührten sie jedoch, und sie brachen zwei Tischbeine ab, und nach einer Zauberhandlung gaben sie eins dem Hund und eins der Ente. Sie sprachen zur Ente: »Wenn du schläfst, laß dieses Bein, das wir dir gaben, nicht auf der Erde ruhen, damit es nichts Unreines berühre; es würde sonst verschwinden, und du hättest dann die Folgen zu tragen.« Eine gleiche Warnung gaben sie dem Hunde, und deshalb schläft die Ente auf einem Bein, und der Hund hebt die Hinterpfote in die Höhe.

Der Hund und die Ente zogen von dannen. Unterwegs begegneten sie verschiedenen Vögeln, die noch keine Beine hatten. Sie rieten ihnen, eiligst welche von den Genien zu erbitten. Die Genien schlugen es erst ab; aber schließlich, um sie zufrieden zu stellen, machten sie ihnen Beine aus den Resten der Raucher-Stäbchen. Die Vögel meinten, sie seien zu dünn und würden zerbrechen. »Fürchtet euch nicht,« sprachen die Genien, »neigt euch dreimal auf euern Füßen, ehe ihr euch niedersetzt, um zu versuchen, ob sie fest sind; wenn sie brechen, tauschen wir sie euch um.« Darum schaukeln sich diese Vogelarten bis auf den heutigen Tag dreimal auf ihren Füßen, ehe sie sich niedersetzen.


  • Literatur: Landes, légendes annamites Nr. 50 = Revue des trad. pop. 2, 436.

b) Eine Frau, die sich an den Priestern rächen wollte, lud sie zu einer Zeremonie ein, und um sie zu verderben, tat sie das Fleisch eines Hundes in die Kuchen, die sie ihnen vorsetzen wollte. Der Obere war darüber unterrichtet und befahl den Priestern, die Kuchen zu bringen und sie zu essen, aber diejenigen beiseite zu lassen, die man ihnen vorsetzen würde. Ein einziger vergaß den Befehl und aß einen Kuchen, in welchem er ein Hundebein fand. Seitdem hatte der Hund nur drei Pfoten, weil ihm der Priester eine aufgegessen hatte, und darum hebt er die vierte hoch, weil sie ein himmlisches Geschenk ist.


  • Literatur: Landes Nr. 51.

2. Aus Sumatra.


Im Anfang der Welt beauftragte der große Antu den Keron (fliegenden Fuchs), jedem fliegenden Tier die Nahrung zu wählen. Da verteilte der Keron die Früchte. Dem einen sagte er: »Iß du Bananen«, dem anderen: »Du Kokosnüsse« usw. Als er so alle Früchte verteilt hatte, bemerkte er, daß nichts mehr für ihn übrig blieb. Da ist er zum Dieb geworden und wartet auf die Nacht, um die Früchte der anderen zu nehmen.


  • Literatur: La Tradition 11, 82

3. Aus Afrika.


a) Berberische Sagen von Tázerwalt.


1. Als die Tiere hingingen, um vom Schöpfer Köpfe zu erhalten, da bekam die Eule natürlich auch einen. Auf dem Heimweg traf sie den Skorpion. Der fragte sie: »Wo bist du gewesen?« Die Eule versetzte: »Ich habe einen Kopf erhalten.« Da sprach der Skorpion: »Wenn man dir so einen wie den jetzigen gegeben hat, so mag ich überhaupt keinen haben!« Deswegen hat der Skorpion keinen Kopf.


  • Literatur: Hans Stumme, Zeitschr. d. deutsch, morgenl. Ges. 48, 381.

2. Der Stieglitz ging einmal auf Reisen und kam an eine Tenne. Da packte ihn der Übermut, und er kollerte sich auf der Tenne herum. Und als er sich so kollerte, stieß er sich an den Rücken. Gleich hing ihm der liebe Gott ein Röcklein[183] darüber. Er stieß sich an den Kopf. Gleich legte ihm Gott ein seidenes Kopftuch um. Er verletzte sich an der Stirn. Gleich hing ihm Gott eine silberne Stirnkette darüber. Er verletzte sich an den Ohren. Sofort steckte ihm Gott ein Paar Ohrringelchen hindurch. Er schlug mit der Brust auf. Sogleich befestigte ihm der liebe Gott ein Paar silberne Schließnadeln über der verletzten Stelle. Er stieß sich in die Mitte des Leibes. Sofort schenkte ihm Gott eine Schärpe, die mit Silber bestickt war. Er tat sich an seinen Händen weh. Sogleich schenkte ihm Gott ein Paar Armbänder. Er stieß sich an seine Füße. Da zog ihm der liebe Gott ein Paar Schuhe an. Als Gott ihm das alles gegeben hatte, betrachtete sich der Stieglitz mit freudigem Erstaunen, und dann ging's weiter in die Welt.


  • Literatur: Aus einem Märchen bei Hans Stumme, Märchen der Schluh von Tázerwalt (Südmarokko) S. 186.

b) Negersagen.


1. An dem Tage, an dem Schwänze ausgeteilt wurden, hatte der Himmel sich bewölkt. Und während andere Tiere, um ihre Schwänze zu holen, an den Ort gingen, wo sie vergeben wurden, ließ sich der Klippdachs (Felshase, hyrax) von den Wolken abhalten, mit ihnen zu gehen, und er bat alle Tiere, die jetzt Schwänze haben: »Liebe Nachbarn, bringt mir meinen Schwanz mit, denn ich kann meine Höhle nicht verlassen; es wird regnen!«

So kehrten denn die andern mit Schwänzen zurück, nur der Klippdachs hat bis heute keinen.


  • Literatur: Sage der Zulu. Henry Callaway, Nursery Tales, S. 355. Danach auch bei Bleek, Reineke Fuchs in Afrika S. 80.

2. Es scheint, daß einst allen Tieren Schwänze zuerteilt waren. Es kamen alle, einer nach dem andern, und jeder empfing seinen Schwanz. Nur der Klippdachs war zu faul, um den seinigen zu erbitten: er trug einem anderen Tiere auf, ihm seinen zu bringen. Dieser vergaß die Bestellung, und als endlich der Klippdachs sich entschloß, selbst hinzugehen, stellte es sich heraus, daß schon alle Schwänze von anderen Tieren in Besitz genommen waren und für ihn keiner mehr übrig war. Darum blieb er bis heute ohne Schwanz.


  • Literatur: Sage der Bassuto. Revue des trad. pop. 4, 110.

4. Aus Malta.


Als der liebe Gott den Vögeln Farbe gab und ihnen Namen verlieh, kamen sie nach und nach alle herbei. Der Papagei aber saß auf einem Baume und sah zu. Da bemerkte er, daß der Herr viel dunkle Farben austeilte und nur manchmal mit dem Pinsel in die bunten und glänzenden fuhr, um dem einen Vogel ein Häubchen, dem andern ein Hemdchen, dem dritten ein Halstüchlein zu geben. Da sagte sich der Vogel: »Ich bleibe hier, bis die gemeinen Farben verausgabt sind, so daß mein Gefieder nur eine der schönsten Farben erhält!« Und so tat er. Nachdem alle Vögel gefärbt waren, flog er hin zum Schöpfer und bat um Farbe. Aber da gab es nur noch einige Schälchen mit Resten, die übrigen waren leer. Da wurde der stolze Vogel betrübt; der liebe Gott aber sprach: »Nimm es dir nicht zu Herzen, ich schenke dir ein besonders schönes Federkleid!« Also strich er ihm von jedem der Schälchen, in welchen bunte Farbe gewesen war, den Best auf die Federn; von roter und gelber Farbe konnte er noch am meisten bekommen. Der Papagei freute sich darüber und zeigte sich, kaum trocken, den übrigen Vögeln. Diese aber machten sich über sein buntscheckiges Kleid unendlich lustig und hänselten ihn, weil er sich nur mit Resten hatte begnügen müssen. Da flog er zurück zum lieben Gott[184] und sagte: »Ich möchte irgend einen Vorzug vor den andern haben und etwas Besonderes sein! Gib mir doch ein anderes Aussehen!« Da versuchte es Gott und gab ihm einen stark gekrümmten Schnabel, der war sehr stark und kräftig. Aber die Vögel machten sich noch mehr über sein verändertes Aussehen lustig und hießen ihn ›Zerhackmichschnell‹, so daß er wieder nicht froh werden konnte. Also bat er um eine weitere Gunst, und Gott gewährte ihm, daß er sich von allem Eßbaren das Beste wählen dürfe! Da wurde der Papagei froh und flog fort. Er hatte sich nämlich eine arge List ersonnen. Eines Tages erschienen die Vögel vor dem Schöpfer und klagten darüber, daß viele der Tiere am Morgen tot aufgefunden wären mit zerhackten Augen und zerfleischtem Körper, und das Herz hätte gefehlt. Zugleich berichteten sie, daß es ihnen bald an Nahrung gebrechen müsse. Denn ein boshaftes Geschöpf hacke alles Genießbare auf, um das Beste, das Herz, herauszuholen. Der liebe Gott wurde sehr zornig über diesen Frevel und rief: »Verflucht sei das schuldige Geschöpf, verflucht sein Name!« Er hatte sofort an den Papagei gedacht und dessen grobe List durchschaut. Seitdem wird der Papagei von den anderen Vögeln gemieden. Doch hat er sich bis auf den heutigen Tag nicht geändert: er ist launisch, bös, eigennützig und undankbar. Und noch immer holt er sich von allem Genießbaren das Beste, das Herz.


  • Literatur: Frdl. Mitt. von Frl. ß. Dg.

5. Aus Deutschland, Holland, Rumänien.


Es gibt viele Vögel und darunter auch recht hübsche bunte, aber keiner hat doch so viele Farben wie der Stieglitz. Nicht eine einzige fehlt ihm, da ist rot und gelb und blau und violett und schwarz und weiß, kurz alle Farben. Das kommt aber daher: Als der liebe Gott alle Tiere und Vögel geschaffen hatte, da malte er sie auch an, den Fuchs rot, den Schimmel weiß, die Hunde braun und weiß und schwarz, das Schaf weiß, und so fort. Aber als er ganz fertig war und sich alles ansah, was er gemalt hatte, da kam noch ein kleiner Vogel, den hatte er vergessen zu malen, weil er nicht zur rechten Zeit gekommen war. Da sagte der liebe Gott: »Warum kommst du so spät? Nun mußt du ganz ohne Farbe bleiben, ich habe keine mehr.« Aber der kleine Vogel jammerte so, daß er allein keine Farbe haben solle, und sagte: »Da ist doch noch von jeder Farbe ein kleines Bißchen im Topf. Schmier' mir von jeder Farbe auch nur ein kleines Kleckschen an!« Das tat denn der liebe Gott, und so kriegte der Vogel von allen Farben etwas.

Der Vogel aber ist der Stieglitz.


  • Literatur: Aus Strelitz. Nach der mundartl. Erzählung bei Firmenich, Germaniens Völkerstimmen 3, 61.
    Vgl. U. Jahn, Volkssagen aus Pommern2 S. 474. Mont en Cock, Vlaamsche Vertelsels S. 53. Marianu, Ornitologia 1, 393 = Revue des trad. pop. 8, 602.

6. Aus Finnland.


a) Als der Schöpfer den Hasen fertig gemacht hatte und ihm das Schwänzchen fehlte, hüpfte er davon; denn es war ein ängstliches Tier. Da hatte der Schöpfer seinen Schwanzkasten neben sich und griff hinein. Er erwischte ein kurzes Stümpfchen und steckte es dem Hasen an das Hinterteil, da er nicht Zeit hatte, lange zu wählen. Und so ist der Schwanz des Hasen noch heutigen Tages ganz klein.


  • Literatur: Aus Loppi. Frdl. Mitt. von Prof. K. Krohn.

b) Von einem Menschen, der eine schwere Zunge hat, sagt man: Er kam nicht rechtzeitig zur Stimmen Verteilung, wie der Regenpfeifer; deshalb gab ihm der liebe Gott so wenig.


  • Literatur: Aus Rantapiru. Frd. Mitt. von Prof. K. Krohn.

[185] c) Als Gott die Welt und ihre Bewohner schuf, da schuf er auch die Vögel. Aber die Vögel hatten damals noch keine Stimme, und der Schöpfer beschied sie noch einmal zu sich. Aber der Sandpfeifer (Actitis hypoleucos) spiegelte sich von einem Stein am Strande aus in dem ruhigen Wasser, und es war ihm so schön, daß er nicht zur rechten Zeit zur Sprachen Verteilung kam. Er wurde gefragt: »Wo bist du gewesen?« Darauf antwortete er: »Auf einem Stein,« und seitdem heißt sein Lied: »Ich blieb auf einem Stein ... kivellä viivyin, kivellä viivyin, viivyin, viivyin.«


  • Literatur: Krohn, Suomalaisia Kansansatuja 1, 282, Nr. 302.

d) Einst wurden allen Vögeln ihre Stimmen gegeben. Der Weidensänger (phyllopneuste collybita) begab sich des Morgens früh an den Ort, wo die Sprachen verteilt wurden, und er bekam auf seinen Teil mehr als zwölf Sprachen. Danach erhielt jeder seine besondere Sprache. Nur ein kleiner Vogel war zurückgeblieben. Er kam zu allerletzt, am späten Abend, und man konnte ihm keinen Namen und keine Stimme mehr geben. Es ereignete sich aber, daß das Bier heruntertröpfelte; und dabei machte es das Geräusch tin, tin, tin. So wußte man ihm keinen andern Namen zu geben als ›Biertröpfler‹, und so heißt er noch jetzt. Das einzige, was er rufen kann, ist tip-pun! tip-pun! (Tropfen, Tropfen!)


  • Literatur: Krohn, Suomalaisia Kansansatuja 1, 225, Nr. 201.
Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 182-186.
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