I. Sagen von Tieren, die im Walde leben.

[204] Wie die Wohnstätte der Tiere die Sagen beschäftigt, so auch ihr Aufenthalt in Wald und Feld, im Wasser, bei den Menschen und ob sie mit andern Geschöpfen zusammen oder ungesellig für sich allein leben. Zu den Sagen vom Aufenthalt des Raben (1, 64. 248), des Wolfes (1, 148), der Katze (1, 274 Anm.), der Schwalbe (1, 145. 224. 282. 333 f.; 2, 52. 221), der Taube (1, 285), der Taube und des Kiebitzes (2, 51), der Hunde, Katzen und Mäuse (1, 256), der Seidenwürmer (1, 330. 336 f.), des Krebses (1, 191), der Affen (2, 101) kommen folgende hinzu:


1. Sage der Achingim (am Niger).


Es war einmal ein König, der zog einen großen Hammel auf. Eines Tages ging der Hase und stahl diesen Hammel. Er schlachtete ihn, zog ihm das Fell ab, richtete es als Schurzfell her und bewahrte es in seiner Hütte auf. Als der König einen Aufruf erließ, daß sich alle Leute an dem bekannten Versammlungsplatz versammeln sollten, stellte sich heraus, daß die Hyäne kein Umhängefell hatte. Sie ging daher zum Hasen und bat ihn, ihr eins zu leihen. Der Hase nahm das Fell des Hammels und gab es ihr. Beide brachen nun auf, um sich zum Versammlungsorte zu begeben. Als der König sie von weitem kommen sah, erkannte er das Fell seines Hammels und wollte sie gefangen nehmen. Die Hyäne aber merkte es und floh in den Wald.

[204] Früher lebte die Hyäne in der Stadt, jetzt aber im Walde und kommt nur nachts in die Stadt, um zu stehlen.


  • Literatur: Krause, Beiträge zum Märchenschatz der Afrikaner, Globus 72, 230. In frans. Übe. bei Basset, Contes d'Afrique, p. 403.

2. Sage der Evheer in Togo.


[Adxevi, ein Kind der Spinne, geht in den Busch und fangt einen Vogel in einer Falle.] Es rupfte ihm die Federn aus, aber hatte kein Feuer, ihn zu braten. Als es umherwanderte, sah es ein hellbrennendes Feuer in einem Plantagendörfchen. Als es hinkam, war die Hyäne am Feuer und hatte das Maisbreiwasser aufs Feuer gesetzt. Das Kind näherte sich ihr und sagte: »Guten Tag, Großvater!« Die Hyäne antwortete auf seinen Gruß. Das Kind sagte zur Hyäne: »Nimm dein Maisbreiwasser vom Feuer, damit ich den Vogel röste.« Die Hyäne antwortete ihm: »Nimm Feuer weg und röste ihn.« Das Kind sagte zu ihr: »Nimm bloß dein Maisbreiwasser vom Feuer, damit ich ihn in der Mitte des Feuers röste.« Die Hyäne sagte: »Was für ein verkommenes Kind ist das?« Auch das Kind sagte: »Was für eine dickköpfige Hyäne ist das?« und die Hyäne stand auf, es zu schlagen, aber das Kind nahm einen Stock und schlug sie damit. Die Hyäne floh zu den Ihrigen und sagte, daß sie nicht mehr im Dörfchen wohnen werde. Darauf schickten sie den Leoparden hin, damit er das Maisbreiwasser aufs Feuer setze. Als er ins Dörfchen kam und das Maisbreiwasser aufs Feuer setzte, kam das Kind und schlug ihn wie die Hyäne. Nach ihm sandten sie den Hund. Als er kam, jagte ihn das Kind bis an den Stadteingang, und er floh zu den Seinigen. Das Kind folgte ihm zu ihnen und schlug sie alle. Der Hund floh nach Hause und sagte, daß er nicht länger im Busch bleiben, sondern nur unter den Menschen wohnen werde. Aber die Hyäne und der Leopard blieben im Busch.


  • Literatur: Härtter, Zeitschr. f. afrik. u. ozean. Spr. 6, 135.

3. Aus Togo.


Einmal hatte die Wildkatze den ganzen Tag gejagt, ohne etwas zu fangen. Sie war müde und setzte sich zum Ausruhen hin, aber die Flöhe wollten sie nicht in Ruhe lassen. Da sah sie einen Affen vorbeikommen und rief ihn an: »Lieber Affe, bitte, komm her und such mir meine Flöhe ab!« Der Affe willigte ein, und während er die Flöhe ablas, schlief die Wildkatze ein. Da nahm der Affe den Schwanz der Wildkatze, band ihn an einen Baum und flüchtete. Die Wildkatze wachte auf und wollte fortgehen, aber sie entdeckte, daß ihr Schwanz an einen Baum gebunden war. Sie wollte sich befreien, aber sie tat sich weh dabei, und es gelang ihr nicht. Keuchend blieb sie hängen. Da kam eine Schildkröte vorbei. »Ich bitte dich, befreie meinen Schwanz«, rief die Wildkatze, als sie sie erblickte. »Und du wirst mich nicht töten, wenn ich dich befreie?« fragte die Schildkröte. »Nein, ich werde dir nichts tun«, antwortete die Wildkatze. Darauf befreite die Schildkröte sie, und die Wildkatze ging nach Hause. Aber dann ging sie zu allen Tieren und sagte zu ihnen: »In fünf Tagen verkündet, daß ich tot sei, und daß ihr kämet, mich zu begraben.« Am fünften Tage legte sich die Wildkatze auf den Rücken und tat, als ob sie tot wäre. Alle Tiere kamen an und tanzten um sie herum. Plötzlich sprang sie auf und machte einen Satz, um den Affen zu ergreifen. Aber der war schon auf einen Baum gesprungen und entwischt. Darum lebt der Affe auf den Bäumen und kommt nicht wieder auf den Erdboden herunter. Er hat zu viel Angst vor der Wildkatze.


  • Literatur: René Basset, Contes d' Afriques, p. 213.

[205] 4. Afrikanische Sagen von Gefräßigkeitsproben. (Vgl. Kap. 5.)


a) Sage der Bullom.


Der Elefant und die Ziege stritten sich, wer von ihnen am meisten essen könne. Der Löwe, vor den sie ihren Streit brachten, sagte: »Ich werde euch morgen an ein großes Feld führen. Wer dann am meisten ißt, soll unter gesittetem Volk wohnen, der andere aber soll mein Angesicht fliehen.« Am folgenden Morgen wurden beide an ein großes Feld geführt und begannen zu grasen. Endlich ging die Sonne unter, da legten sie sich auf einem Felsen nieder, um ihre Glieder zu strecken. Die Ziege aber reckte und dehnte sich, dann begann sie wiederzukäuen. »Was kauest du denn?« fragte der Elefant. »O, ich kaue nur den Felsen. Wenn ich den aufgezehrt habe, kommst du an die Reihe.«

Als der Elefant das hörte, eilte er in den Wald, so schnell er laufen konnte.

Daher ist die Ziege jetzt ein Haustier und lebt unter gesittetem Volke, der Elefant aber flieht des Menschen Angesicht.


  • Literatur: Bleek, Reineke Fuchs in Afrika S. 122 = 6. R. Nylander, Grammar of the Bullom Language (London 1814), S. 52.

b) Sage der Temne.


Der Elefant und die Ziege hatten einst einen Streit, wer von ihnen am längsten grasen könne. Der Löwe, an den sie sich wandten, damit er ihren Streit schlichte, gebot ihnen, mit ihm in den Wald zu kommen. Als sie dort angelangt waren, sprach er: »Ihr sollt nun hier grasen; der Elefant grase zu meiner Rechten, die Ziege zu meiner Linken. Hernach werde ich mein Urteil fällen.«

Die Tiere gehorchten. Der Elefant knickte mit seinem Rüssel die stärksten Bäume um und fraß die Blätter ab, wobei er die kleine Ziege laut verlachte. Die aber graste unverdrossen weiter und sagte: »Wir wollen schon sehen, warte nur!« Um die Stunde des Reisstampfens [zwei Stunden vor Sonnenuntergang] ging der Löwe mit den beiden auf ein Grasfeld und ließ sie dort weiter grasen. Als die Sonne unterging, sprach der Elefant: »Ich dächte, wir gingen ein wenig zur Ruhe!« »Ich habe noch lange nicht genug«, meinte die Ziege, »laß uns bis Mitternacht grasen.« Die Mitternacht kam endlich heran, und der Löwe sagte: »Kommt jetzt mit mir auf jenen Felsen und laßt uns ruhen.« Alle drei legten sich nun auf dem weiten, nackten Felsen nieder, auf dem kein grüner Halm wachs; der Elefant hatte sich die bequemste Stelle ausgesucht. Bald war er eingeschlafen, und auch der Löwe schlief. Die Ziege aber fing an wiederzukäuen; das gab ein vernehmliches Geräusch, und der Löwe erwachte. »Was machst du da?« fragte er. »Ich esse«, war die Antwort, »ich bin noch nicht satt.« »Aber was ißt du denn?« fiel der Elefant ein, der gleichfalls wach geworden war. »Ich esse den Felsen«, entgegnete die Ziege, »Grünes sehe ich nicht; und wenn ich damit fertig bin, dann werde ich etwas ganz besonders Süßes essen.« Da sagte der Löwe: »Kommt nur beide her, daß ich den Streit zwischen euch schlichte.« Der Elefant und die Ziege gehorchten. Diese kaute noch immer geräuschvoll wieder. »Die hat noch immer nicht genug«, murmelte der Elefant. Der Löwe gab darauf sein Urteil. »Die Ziege,« sagte er, »soll unter den Menschen wohnen. Da sie allein nicht satt werden kann, so mögen ihr die Menschen dazu behilflich sein. Der Elefant aber, der die Zäune und Häuser der Menschen beschädigt, darf nicht unter ihnen weilen. Er gehe in den Wald und bleibe dort, denn die Ziege hat ihn im Essen überwunden. Nimm dich vor ihr in acht, Elefant, sie, die vom Felsen gegessen, will gewiß auch dich noch vertilgen.«

[206] Da enteilte der Elefant in den Wald, suchte den Leoparden auf und sprach zu ihm: »Leopard! Ich gebe die Ziege in deine Gewalt: fange sie ein und töte sie! Wenn sie mich findet, wird sie mich sicherlich fressen! Darum töte sie, wenn du kannst.«

Seit der Zeit streift der Elefant einsam im Walde umher, der Leopard aber stellt der Ziege nach, die der Elefant in seine Gewalt gegeben hat.


  • Literatur: Bleek, Reineke Fuchs in Afrika, S. 123 = B.F. Schlenker, Collection of Temne Traditions (London 1861), S. 60.

[Die beiden folgenden Varianten zeigen Vermischung mit dem Motiv der Abneigung eines Tieres gegen ein anderes; vgl. Kap. 10, S. 243.]


c) Sage der Bornu.


Der Elefant hatte einst Streit mit dem Huhne, wer von beiden wohl am meisten essen könne. »Du Hühnchen, du bist just ein Maulvoll für mich, und du willst behaupten, daß du mehr essen kannst als ich? Warte, wir wollen morgen zusammen in den Wald gehen und sehen, wer von uns beiden nicht satt werden kann.«

Demgemäß gingen beide am folgenden Morgen zum Walde und begannen zu essen. Der Elefant weidete die Spitzen der höchsten Bäume ab, und der Hahn scharrte sich allerlei Gewürm aus der Erde hieraus. Gegen Mittag war der Elefant satt und legte sich unter einen Baum zur Ruhe. Als das Huhn ihn dort liegen sah, verhöhnte es ihn und fragte: »Du kannst doch noch nicht satt sein, Elefant? Komm doch und laß uns weiter essen.« Unwillig erhob sich der Elefant und weidete von neuem etliche Bäume ab; aber das Huhn sah ihn bald wieder unter dem Baume liegen. Inzwischen ging die Sonne unter. Da kam das Huhn zum Elefanten und rief lachend: »Schon satt? Nun, morgen wollen wir es weiter versuchen.«

Am folgenden Morgen gingen beide von neuem aus; plötzlich sprang das Huhn auf den Fuß des Elefanten zu und pickte mit dem Schnabel daran; es hatte dort ein Würmchen gesehen. Als der Elefant das sah, rief er: »Mit dem Huhn will ich nicht wieder um die Wette essen; ich bin schon längst satt, und nun sucht es sogar noch an meinem Körper nach Nahrung. Am Ende verzehrt es mich selbst noch.« Damit gingen sie auseinander.

Wenn sich nun im Bornugebiete ein Elefant zeigt und Kuskus und Wälschkorn [grobe und feinere Art Hirse, Pferdefutter und Speise] in einer Farm abfrißt, so greifen die Bewohner schnell ein Huhn und kneifen es, so daß es aufschreit. Dann läuft der Elefant davon. Das ist der Brauch in Bornu.


  • Literatur: Bleek, Reineke Fuchs in Afrika S. 125 = S.W. Koelle, African Native Literature (London 1854) S. 47.

d) Märchen der Dinka.


Eines Tages forderten der Elefant und der Hahn einander zum Wettstreite auf, wer von ihnen ein beharrlicherer Fresser wäre. Als sie an dem vereinbarten Orte sich getroffen hatten, machten sie sich sofort ans Werk. Gegen Mittag legte sich der Elefant gesättigt nieder und versank in Schlaf. Nach einigen Stunden wachte er auf und bemerkte zu seiner großen Verwunderung den Hahn, wie er immer noch unter dem Grase scharrte und piekte. Auch er begann zu fressen, und neuerdings gesättigt, zog er sich zurück, indem er mit stets wachsendem Staunen den Hahn Nahrung zu sich nehmen sah. Als sich die Sonne zum Untergang wendete, beeilte sich der Hahn, sich auf den Rücken des Elefanten zu setzen, der sich[207] mittlerweile gelegt hatte. Kurze Zeit verstrich, da fühlte der Elefant Stiche auf seinem Rücken. »Was machst du?« rief er halb erschreckt. »Nichts; ich nähre mich von den Insekten, die ich in den Borsten deiner Haut finde.« Entsetzt über eine derartig ausdauernde Gefräßigkeit, erhob sich der Elefant und suchte wie ein Narr das Weite. Und seit diesem Tage flieht er stets, wenn er das Krähen des Hahnes hört.


  • Literatur: Casati, Zehn Jahre in Äquatoria 1, 45. Vgl. La Tradition 19, 77.

5. Negersage aus Bahama.


Eines Tages ging das Kaninchen am Ufer entlang. Es sieht einen Walfisch. Es sagt: »Walfisch!« Der sagt: »He!« Das Kaninchen sagt: »Walfisch, ich wette, ich könnte dich ans Land ziehen.« Der Walfisch sagt: »Du kannst es nicht.« Das Kaninchen sagt: »Ich wette um 12000 Mark.« Der Walfisch sagt: »Nun gut.« – Es geht weg. Es begegnet dem Elefanten. Es sagt: »Elefant, ich wette, ich kann dich in die See ziehen.« Der Elefant sagt: »Mich! Es gibt keinen Menschen in der Welt, der mich in die See ziehen könnte.« Das Kaninchen sagt: »Ich will es morgen um 12 Uhr versuchen.«

Es geht und holt sich lange Stricke. Es sagt: »Also heute wollen wir es versuchen.« Es bindet einen Strick um den Hals des Elefanten und einen um den des Walfi sches. Es sagt: »Wenn du mich sagen hörst: ›Fang an‹, so fange an.« Es sagt: »Nun zieht.« Als nun der Walfisch zieht, zieht er den Elefanten in die Brandung der See. Es sagt: »Du denkst, das Kaninchen tut das alles.« Als der Elefant zieht, zieht er den Walfisch in die Brandung der See. Der Walfisch hält sich unter einem Felsen und der Elefant an einen großen Baum. Dann ziehen sie beide so sehr, daß der Strick reißt.

Der Walfisch ging ins Meer und der Elefant in den Busch (pine-yard). Darum sieht man heutzutage den Walfisch im Meer, und darum sieht man den Elefanten im Busch.


  • Literatur: Edwards, Bahama Songs S. 65. Vgl. Lederbogen, Kameruner M.S. 28. S.-Anna Nery, Folkore brésilien S. 189.

6. Sage der Micmac-(Indianer).


Als Glooscap mit dem Gedanken umging, den Menschen zu schaffen, fragte er das Eichhörnchen, was es tun würde, wenn ein Mensch käme. Das Eichhörnchen erwiderte: Ich würde auf einen Baum klettern. Und seit der Mensch auf der Erde ist, ist dies Tierchen auf die Bäume geklettert.


  • Literatur: Journ. of Am. Folklore 9, 50.
Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 204-208.
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