Nachträge.

[486] Zu S. 3 ff.


1. Sage der Tsimshian.


Txä'msen ging ans Ufer und suchte nach Nahrung, fand aber keine. Da erblickte er einen Fisch im Wasser. Dieser bewegte sich nicht. Txä'msen rief ihn ans Ufer, um mit ihm zu reden. Der Fisch kam ans Ufer. Er hieß Kaulkopf. Txä'msen dachte bei sich, er wolle ihn töten, aber kaum kam er in sein Bereich, da schwamm er wieder ins Wasser zurück. Da war Txä'msen ganz niedergeschlagen, denn er war hungrig. Der Fisch kannte seine Absicht, schwamm vom Ufer weg und sagte: »Denkst du, ich kenne dich nicht?« Da tat Txä'msen, als ob er das Bild des Fisches ergriffe, reckte seine Hand aus und sagte: »Du wirst einen dünnen Schwanz bekommen. Nur dein Kopf soll dick bleiben.« Da wurde es der Kaulkopf. Früher war der Kaulkopf sehr stark. Txä'msen verfluchte ihn, und darum ist er nur an einem Ende dünn.


  • Literatur: Boas, Tsimshian Texts, S. 37. u. 237.

2. Sage der Zuñi.


Der Tausendfuß half den Zwillingen, den kleinen Kriegsgöttern, als sie den Regengöttern Blitz und Donner stahlen. Diese straften den Tausendfuß mit dem Blitzstrahl, der ihn so versengte, daß er ganz einschrumpfte und so klein wurde, wie er es heute noch ist. Seine Nachkommen sehen alle aus wie ein geröstetes Stück Buckskin, das an den Enden ausgefranst ist.


  • Literatur: Cushing, Zuñi Folk Tales, S. 184.

3. Sage der Arapaho-Indianer.


... Als Nih'ānçān eine Weile gegangen war, brüllte etwas, und er sah sich um. Zu seinem Erstaunen kam der Fels gerade auf ihn zu, indem er rollte und sich überschlug. Nih'ānçān lief, aber der Fels kam ihm nach und wirbelte den Staub auf. »Ich wollte, es käme ein Loch, worein ich mich retten könnte! Ich wollte, ich könnte einen sicheren Ort erreichen!« sagte er und lief, so schnell er konnte, während der Fels ganz nahe hinter ihm war. Wie war der alte Mann erschöpft! Er legte sich unter eine Böschung. »Jetzt wird er sich über mich rollen,« dachte er. Der Fels kam, rollte langsam und rollte auf seinen Rücken. »O nimm ihn mir fort,« rief Nih'ānçān jedem Tier zu, aber keins hörte darauf. Endlich kam der Ziegenmelker dahergeflogen. Der hilft ihm und befreit ihn vom Felsen. Nih'ānçān stand auf und rief: »Mein Freund, komm her, ich will mit dir sprechen. Du hattest Mitleid und hast mir geholfen, komm öffne deinen Mund!« Er weitete den Schnabel des Ziegenmelkers. »Du dummes Ding, nun wirst du so weitmäulig bleiben!«


  • Literatur: Dorsey and Kroeber, Trad. of the Arapaho, S. 70.

4. Sage der Eskimo an der Hudson Bay.


Vor langer Zeit kam ein Geist in ein Dorf und heiratete eine Frau. Er brauchte keine Nahrung und ging nicht aus, um zu jagen, darum sagten ihm die Männer oft, daß er für seine Frau sorgen und jagen müsse. Endlich wurde er zornig und machte mit seinem Speer ein Loch in die Erde. Da sprang ein Karibu heraus, das tötete er und nahm es mit nach Hause. Das nächste Mal folgte ihm ein Mann heimlich und sah, wie er das Karibu fing und das Loch wieder schloß. Sobald er[487] im Dorfe war, öffnete der Mann das Loch wieder [und ließ die Tiere heraus (?)]. Als der Geist die Karibus sah, wurde er böse, schlug sie auf den Kopf, um ihn flach zu machen, und sagte ihnen, sie sollten fortlaufen und immer den Menschen fürchten.


  • Literatur: Bull. Am. Mus. of Nat. Hist. XV, 306.

5. Sage der Maori.


Das erste große Werk Mauis war die Erfindung der Aaaltöpfe, das zweite die Erfindung der Widerhaken an Vogelspeeren, das dritte die Erfindung der Angelhaken. Danach dehnte er die Füße des Kokako-Vogels, um sie länger zu machen.


  • Literatur: White, Ancient History of the Maori 2, 109.

6. Sage der Fang (am Kongo).


Der Affe und das Wildschwein begegneten einander und schlössen ein Bündnis. Der Affe sollte die Früchte von den Bäumen holen, das Wildschwein sie aus dem Erdboden wühlen. Darnach hatte der Affe keinen Schwanz, der Eber hatte eine spitze Schnauze. Da sah der Affe eines Tages, wie Dorfleute eine Hütte bauten, und machte es ihnen nach. Der Eber hielt es nicht für notwendig, da es trockene Jahreszeit war. Als nun die Regenperiode begann, bat der Eber den Affen, ihn mit einzulassen. Der Affe weigerte sich und nahm zuletzt den Herdstein und schlug damit auf die Schnauze des Ebers, daß sie ganz platt wurde. Dann schlug er auf den Hals, der dadurch verlängert wurde. Seitdem haben die Wildschweine diese beiden Merkwürdigkeiten. Seitdem verstecken sie sich auch unter abgefallenem Laub, um ihre Häßlichkeit zu verbergen. Darauf strafte der Eber den Affen; er stieß ihm einen Stock ins Hinterteil, und dieser wurde zum langen Schwanz; die Schmerzen, die er erleiden mußte, ließen ihn Grimassen schneiden, wie er sie noch heute schneidet. (Gekürzt.)


  • Literatur: Bull, de la Soc. Neuchât. de géographie 16, 176.

Zu S. 7.


Sage der Aschanti.


Die Fledermaus meinte, es tauge nichts, allein zu leben, da niemand sie dann begraben könne. Sie ging zum Reiher und bot ihm Freundschaft an. Er willigte ein und gab ihr seinen Kopf als Verwandtschaftszeichen. Darum hat die Fledermaus einen Reiherkopf. Das genügte ihr noch nicht. Sie ging zum Affen, der gab ihr einen Teil seiner Haare. Die tat sie sich auf den Rücken und ähnelt darum in dieser Hinsicht dem Affen. Vom Gürteltier bekommt sie Schuppen unter dem Schwanz. Von einer anderen Affenart den schwarzen Schwanz. Darauf starb sie. Der Reiher kam zum Begraben und sagte: »Der Kopf trägt mein Verwandtschaftszeichen, aber die anderen gehören nicht in meine Familie« und ging fort. Entsprechend redeten die anderen Tiere. Und so hatte die Fledermaus doch niemand zum Begraben.


  • Literatur: Bull, de la Soc. Neuchât. 17, 229.

Zu S. 8 f.


1. Aus Estland.


a) An einem warmen Sommertage kam Kalewipoeg vom Peipussee. Er war recht müde und legte sich auf dem Berge »Linnutaja« schlafen. Dieser Berg ist ungefähr zwei Werst südostwärts von der Torma-Kirche. Er ist ein hübscher Berg und wird Kalewipoegs Bett genannt.

Der Teufel, welcher beständig Kalewipoeg irgendeinen Schabernack spielte,[488] fand ihn hier schlafend. Auch diesmal hatte er einen bösen Gedanken: er wollte Kalewipoeg die Füße festbinden und ihn in den Fluß ziehen (vom Berge Linnutaja nach Osten ist ein kleiner Fluß). Kalewipoeg erwachte, noch bevor der Teufel seine böse Absicht ausführen konnte, und wehrte sich.

Der Streit wurde immer heftiger. Das sah der Igel aus einem nahen Busch und rief: »Kalewipoeg, lauf in den Flachs, dahin kann dir der Teufel nicht folgen.« Doch Kalewipoeg sagte zuversichtlich: »Ich werde auch schon so mit ihm fertig werden.« Und es gelang ihm auch wirklich, den Teufel den Berg hinunterzustoßen. Als der Kampf beendet war, suchte Kalewipoeg den auf, der ihm einen so wohlgemeinten Bat erteilt hatte, und rief in den Busch: »Komm heraus, ich will dich sehen!« Aber der Igel antwortete: »Ich bin kahl, ich kann nicht kommen.« Da schnitt Kalewipoeg von seinem Rock einen Zipfel ab und gab ihn dem Igel zur Bedeckung als Dank für den guten Rat.

Kalewipoegs Rockzipfel wuchs dem Igel als Haut an. Dadurch können wir noch heute sehen, wie stachelig Kalewipoegs Rock beschaffen war. (Kirchsp. Torma.)

b) Einmal ging Kalewipoeg durch den Peipussee und trug fünf Dutzend gesägte Bretter auf dem Rücken. Weil das Wasser etwas tief war und es unbequem zu waten war, hatte er die Hosentaschen mit Sand gefüllt, um sich eine Brücke zu machen. Nur eine Tasche konnte Kalewipoeg leeren, da kam der Teufel, es ihm zu verbieten. Kalewipoeg nahm ein Brett nach dem anderen und zerschlug es auf dem Teufel. Aber der Teufel fing an, Sieger zu werden. Da rief plötzlich der Igel: »Schlag mit der Kante!«

Wie Kalewipoeg das tat, da brachen die Bretter nicht mehr, und er besiegte den Teufel.

Als der Teufel geflohen war, sah sich Kalewipoeg nach seinem Retter um. Aber der Igel hielt sich im Gebüsch versteckt und sagte, er sei nackt, er dürfe sich nicht zeigen. Kalewipoeg aber rief: »Komm nur, ich werde dir einen Zipfel meines Pelzes geben, damit kannst du dich bedecken.« Da kam nun der Igel, und Kalewipoeg hielt sein Versprechen.

Jetzt ist der Igel nicht mehr nackt. Er ist mit einem Zipfel von Kalewipoegs Pelz bedeckt. Er war aber mit etwas zu rauher Wolle. (Kirchsp. Kl.-Marien.)


  • Literatur: Aus d. hdschr. Nachl. von J. Hurt.

2. Litauische Sage (auch zu S. 146 ff.).


Der Igel begegnete einmal im Walde einem Wolfe; damals waren sie noch beide nackt und beklagten sich bei dem Gott Kwarabas, warum er ihnen kein solches Gewand gegeben habe, damit sie im Falle der Gefahr vor den Menschen in Sicherheit leben könnten. Da sagte Kwarabas: »Legt euch einmal, und wer von euch morgen früher aufstehen wird, wird schon sein Gewand bei sich finden: die Sonne wird euch bekleiden.« Der Igel und der Wolf legten sich nun gegen Abend; der Igel stand früher auf, der Wolf hörte nichts, er schlief. Gott Kwarabas kam zu ihnen und fragte: »Wie freut ihr euch über mein Gewand?« Der Wolf hob seinen Kopf im Schlafe. Es war schon wieder Abend, die Sonne ging unter. Der Igel spricht zum Wolfe: »Ich habe dir gesagt, du sollst auf den Sonnenaufgang warten; wann die Sonne aufgehen wird, dann wirst du ein neues Gewand bekommen.« – Der Wolf meinte, daß die Sonne erst aufgehe, aber sie ging schon unter. Er schämte sich vor dem Gott Kwarabas, daß der Igel ihn betrogen hatte, darum senkte er seinen Kopf und wendete seine Augen zur Erde.

[489] Und von jener Zeit schaut der Wolf immer zur Erde, der Igel aber hat ein stacheliges Fell vom Gott Kwarabas.


  • Literatur: M.D. Syłwestrowicz, Podania jmujdzkie II, 343 S. (Warszawa, 1894). Freundlichst übersetzt von Herrn Dr. Páta.

Zu S. 9 f.


1. Sage der Cherokee.


Das Opossum und die Schildkröte gingen zusammen, um Dattelpflaumen zu sammeln, und fanden einen Baum voll reicher Früchte. Das Opossum kletterte hinauf und warf die Dattelpflaumen der Schildkröte hinunter, als ein Wolf hinzukam und sie auffing, ehe die Schildkröte sie erreichen konnte. Das Opossum wartete auf einen günstigen Zufall. Zuletzt gelang es ihm, eine große herunterzuwerfen (einige behaupten, es wäre ein Knochen gewesen, den es bei sich hatte), so daß sie sich in des Wolfes Rachen einbohrte, als er aufsprang, und er daran erstickte. »Ich werde seine Ohren als Maisbrei-Löffel nehmen,« sagte die Schildkröte, schnitt des Wolfes Ohren ab, ging damit nach Hause und ließ das Opossum Früchte essend auf dem Baume zurück. Nach einer Weile kam sie an ein Haus und wurde dort eingeladen, kanahe'na-Grütze aus einem Gefäße zu essen, welches immer vor die Türe gesetzt wurde. Sie setzte sich neben den Krug und aß die Grütze mit einem von des Wolfes Ohren als Löffel. Die Leute umher bemerkten es und staunten. Als sie satt war, ging sie weiter. Bald kam sie zu einem anderen Hause, und wiederum wurde ihr etwas kanahe'na-Grütze angeboten. Sie löffelte sie wieder mit des Wolfes Ohr aus und ging weiter, als sie genug hatte. Bald verbreitete sich die Neuigkeit, daß die Schildkröte den Wolf getötet hätte und seine Ohren als Löffel benutze. Alle Wölfe kamen zusammen und folgten der Spur der Schildkröte, bis sie sie erreichten und sie gefangen nahmen. Dann beratschlagten sie, was mit ihr zu tun sei, und kamen überein, sie in einem Lehmtopfe zu kochen. Sie brachten einen Topf herbei, aber die Schildkröte lachte darüber und sagte, daß, wenn sie sie in das Ding legten, sie dasselbe mit ihren Füßen zerstampfen würde.

Sie sagten, sie würden sie im Feuer verbrennen. Die Schildkröte lachte abermals und sagte, sie würde es auslöschen. Dann entschlossen sie sich, sie in das tiefste Loch des Flusses zu werfen und sie zu ertränken. Die Schildkröte bat und flehte, das nicht zu tun, aber sie achteten nicht darauf, schleppten sie zum Flusse und warfen sie hinein. Das war es gerade, worauf die Schildkröte die ganze Zeit gewartet hatte, und sie tauchte im Wasser unter, kam auf der andern Seite wieder hervor und lief fort.

Einige behaupten, daß, als man die Schildkröte in den Fluß geworfen hatte, sie gegen einen Felsen gefallen sei, der ihren Rücken in ein Dutzend Stücke zerbrochen habe.

Sie sang einen Medizin-Gesang (eine Besprechung):

»Ich habe mich selbst zusammengenäht, ich habe mich selbst zusammengenäht,« und die Stücke fügten sich wieder zusammen, doch die Narben auf der Schale sind bis zum heutigen Tage geblieben.


  • Literatur: Mooney, Myths of the Cherokee, S. 278.

2. Sage der Zuñi (auch zu S. 3).


Den Zwillingen Ahaiyúta und Mátsailéma sind Truthähne geraubt worden. Sie unternehmen mit Hilfe ihrer Großväter, des rainbow worm und der Schildkröte, einen Rachezug. Erst alarmieren sie die Feinde, dann laufen sie fort und nehmen die Schildkröte auf den Rücken, von deren Panzer alle Pfeile wieder auf die Feinde[490] zurückspringen. Dann kommt der rainbow worm zu Hilfe, indem er den Verfolgern die Blätter, die er den ganzen Tag gefressen hat, ins Gesicht spuckt, daß sie nicht sehen können und leicht von den Brüdern getötet werden. Der Wurm verliert dabei seine ursprüngliche Größe, und die Nachkommen sind alle nur fingerlang. Seit dieser Zeit sind auch die Schildkröten der fernen Wasser der Welt viel größer als die im Zuñiland und haben viele Zeichen auf dem Panzer, die von den Pfeilen herrühren.


  • Literatur: Cushing, Zuñi Folk Tales, S. 317 ff. (Gekürzt.)

Zu S. 10 f.


Aus Estland.


Der Teufel sah, wie die Dorfweiber Schafe schoren. Seiner Ansicht nach konnte man alle Haustiere scheren, so Schwein wie Schaf.

Einmal ging der Teufel über die Dorfweide und sah eine Herde Schweine im Sonnenschein schlafen. Er packte ein Schwein und wollte es scheren. Beim Magen fing er an und schnitt ihm die Borsten vom Bauche weg. Das Schwein schrie aber fürchterlich, so daß dem Teufel das Hören und Sehen zu vergehen drohte. Außerdem kamen all die anderen Schweine auf ihn los. Um ihren Gefährten zu befreien, bedrohten sie den Teufel. Ihm blieb schließlich nichts anderes übrig, als das Schwein laufen zu lassen.

Seit der Zeit hat das Schwein am Bauche keine Borsten. Wenn der Teufel es ganz geschoren hätte, wären dem Schwein wohl keine Borsten mehr geblieben. (Pleskau.)


Zu S. 15.


Lettische Sage.


Als Gott alle Fische erschaffen hatte, bestimmte er, was jeder fressen dürfe. Aber der Hecht vergaß einmal, als er sehr groß ausgewachsen war, im Übermut die Bestimmung: er verschlang einen Fischer. Da sagte Gott: »Damit du nicht wieder vergißt, daß Fischer nicht zum Fressen sind, sollst du zeitlebens das Fischergerät im Kopfe tragen.« Und siehe da! Noch heute kann man dies Fischergerät im Kopf des Hechtes finden: den Rachen (das Setznetz), die Zähne (das Stechgerät), die Kiemenhaare (die Angel). Was in das Setznetz gerät, ist gefangen; was die Stecher fassen, sitzt fest, was die Kiemen erreichen, haftet.


  • Literatur: Aus der Sammlung von Lerchis-Puschkaitis, übers. von M. Boehm.

Zu S. 23.


Aus Estland.


In uralten Zeiten hatte der Winter mit dem Hasen gestritten, er werde den Hasen erfrieren. Die Kälte nahm das erste Mal die halbe Kraft zusammen. Der Hase tat, als ob er sie nicht fühlte, und legte sich schlafen. Das zweite Mal war die Kälte schon stärker, der Hase stand auf und zeigte seine Lagerstätte, die tief in den Schnee gesunken war: der Schnee war unter dem Hasen geschmolzen. Das dritte Mal nahm die Kälte alle ihre Kraft zusammen und fragte den Hasen, ob er sie jetzt fühle. Der Hase war schon dem Tode nahe, alle seine Glieder waren erstarrt, aber mit letzter Kraft raffte er sich auf und rief: »Pah! wie warm!« Nun sah der Winter ein, daß er den Hasen nicht erfrieren könne, und die Kälte ließ nach.

Der Hase war ungemein froh, daß er durch seine Schlauheit sich und seine Brüder vor dem Erfrieren gerettet hatte; der Winter strengte sich nämlich nie[491] mehr so an. Der Hase lachte vor Freude, daß ihm die Lippe platzte, die bis heute geplatzt ist.


Zu S. 26.


Sage der Zuñi.


Der Präriewolf will die Schildkröte um das erlegte Tier, das sie erjagt hat, betrügen; er läuft fort, als er meint, daß die Schildkröte tot ist, um seine Familie zu holen.

Vorher hat er einen Ofen in der Erde zurechtgemacht, in dem der gefüllte Magen des erlegten Tieres als Pudding backen soll. Als er fort ist, öffnet die Schildkröte den Magen und tut rote Ameisen hinein. Als der Präriewolf wiederkommt, stürzt er sich auf den Pudding und wird jämmerlich gebissen. Seitdem haben alle Präriewölfe Narben, wo die Barthaare wachsen, und kleine Narben auf der Innenseite der Lippen.


  • Literatur: Cushing, Zuñi Folk Tales, S. 264.

Zu S. 36 ff.


Aus Estland.


a) Die Hirten aßen im Walde nahe an einem Ameisenhaufen. Weil die Ameisen sie immer stachen, so verbrannten sie den Ameisenhaufen. Die Ameise ging und verklagte die Hirten beim himmlischen Vater. Weil die Ameise aber selbst auch, schuld war, darum wagte sie Gott nicht zu sagen, warum die Hirten das Ameisennest angesteckt hatten, und sie beschuldigte die Hirten auf eine ganz andere Weise. Sie sagte, die Hirten würfen Brotkrümchen auf die Erde. Gott verlangte einen Zeugen. Die Ameise holte die Spinne.

Gott fragte die Spinne: »Ist es wahr, daß die Hirten un dankbar ihr Brot verwerfen?« Die Spinne sagte: »Es ist wohl wahr, daß sie die Brotkrümchen verschütten, aber sie haben ja keinen Tisch bei sich. Und undankbar sind sie deswegen nicht.«

Da ärgerte sich Gott über die Ameise und warf sie vom Himmel hinunter, so daß die Ameise sich beinahe beim Fallen zur Hälfte brach.

Deswegen ist die Ameise in der Mitte so dünn.

Die Spinne aber bekam von Gott ein seidenes Seil, woran sie sich hinunterließ.

Diese seidene Schnur hat die Spinne noch jetzt.


b) Die Ameise ist ein böses Tier, sie beißt, wenn sie an einen Menschen kommt. Deswegen lieben die Hirtenkinder die Ameisen nicht. Die Ameise war böse auf die Hirtenkinder und beklagte sich bei Gott über sie. Sie sagte, die Hirten schütteten Brotkrümchen auf die Erde, und außerdem sollten sie die Ameisen stechen und töten und ihre Wohnungen zerstören. Gott verlangte einen Zeugen, der das alles bestätigte. Die Ameise ging traurig davon. Ihr begegnete eine Spinne. Die Ameise brachte sie als Zeugen vor Gott. Aber die Spinne sagte: »Die Hirten haben doch keinen Tisch auf dem Felde, es sei zu entschuldigen, wenn einige Krümchen zur Erde fallen.« Auf die andere Frage Gottes, ob die Hirten die Ameisen mißhandelten, sagte die Spinne: »Die Ameisen kriechen in den Brotsack des Hirten, und sie beißen die Hirten, wo sie können.« Nun war Gott böse auf die Ameise. Er band ihr ein rotes Band um den Leib und warf sie vom Himmel auf die Erde. Die Ameise fiel und brach in der Mitte zur Hälfte, nur eine kleine Sehne hielt die Hälften noch zusammen.

Deswegen hat die Ameise auch solch eine Gestalt, in der Mitte ist der Leib ganz schmal.

[492] Die Spinne wurde mit einer seidenen Schnur vom Himmel herabgelassen. Den seidenen Faden hat die Spinne noch heute.


  • Literatur: Aus d. hdschr. Nachl. v.J. Hurt.

Zu S. 24.


Aus Finnland (Südkarelen).


Der Schweinerüssel ist halbfertig und stumpf geblieben. Wenn er richtig spitz geworden wäre, würde das Schwein die ganze Erde aufgewühlt haben. Aber zum Glück ist es so stumpfnasig geblieben, daß es nicht wühlen kann, wenn es auch genugsam zu wühlen und zu ackern versucht. Daher sagt das Sprüchwort: Der ist halbfertig geblieben wie ein Schweinerüssel.


  • Literatur: Frdl. Mitt. von Prof. K. Krohn in Helsingfors.

Zu S. 40.


Aus Bulgarien.


[Die Spinnen sind Geister, die Gott am Anfang der Welt erschaffen hatte, und die sich gegen ihn empörten. Gott verfluchte sie, sie entflohen vor ihm in die Luft und wurden Spinnen.] Deshalb schwebt die Spinne auch heute noch in der Luft, denn sie ist ein Teufel; und wenn der Mensch eine Spinne sieht, so soll er sie töten.


  • Literatur: Strauß, Die Bulgaren.

Aus Polen.


[Twardowski entdeckte ein sicheres Mittel, dem Tode zu widerstehen. Er befahl seinem Schüler, ihn in Stücke zu hauen, und lehrte ihn, wie er mit dem Leichnam zu verfahren habe. Der Schüler bestrich die Stücke mit Salben und Säften, setzte den Körper wie früher zusammen und begrub ihn unter der Kirchhofsmauer. Nach 7 Jahren, 7 Monaten, 7 Tagen, 7 Stunden will der Schüler ihn wieder ausgraben. Er findet ein allerliebstes Kind, das in dem verkleinerten Gesicht Twardowskis Züge trägt. Nach 7 Monaten ist es bereits zum Jüngling herangewachsen.]

Damit das Geheimnis nicht bekannt würde, verwandelte er den Schüler in eine Spinne und bewahrte diese mit Sorgfalt in seinem Zimmer. Seit später der Teufel den Zauberer aus dem Wirtshaus holte und er in der Luft hängen blieb [vgl. Woycicki, S. 82], läßt sich die Spinne, die sich immer, wenn Twardowski ausging, auf seinen Rock zu spinnen pflegte, an ihrem Faden auf die Erde herunter, sieht mit an, was hier geschieht, kehrt dann zu ihrem Meister zurück, setzt sich auf sein Ohr und erzählt ihm, was sie hier gehört und gesehen. So wird der arme Zauberer in seinem Elende noch getröstet.


  • Literatur: K.W. Woycicki, Polnische Volkssagen und Märchen. Aus dem Polnischen von Friedr. Heinr. Lewestam. Berlin 1839. S. 94 f.

Aus Preußen.


Bei Tettau und Temme, Volkssag. Ostpr., Litth. u. Westpr., S. 128, steht eine hierher gehörige Sage, in der sich ein Schwarzkünstler an einem seidenen Faden, den er in die Luft wirft, emporschwingt und vor den Augen der Anwesenden verschwindet.


Zu S. 42.


Aus Estland.


a) Im Herbst, als es kalt geworden war und die Pfützen ausgetrocknet und das Wasser gefroren war, kam die Kröte zu einer Gesindewirtin und bat dieselbe, sie möchte ihr in ihrem Dünnbierfaß ein Winterquartier geben. Dafür werde sie[493] der Wirtin im Frühling vier gute Lehren geben. Die Wirtin hörte die Bitte der Kröte, und die Kröte lebte den Winter hindurch im Dünnbierfaß. Im Frühling half die Wirtin der Kröte aus dem Faß, und die Kröte sagte:

1. »Nadle die alten Bastschuhe, so stehen die neuen heil und ganz.

2. Bieg eine krumme Linde, so bekommst du eine grade Linde.

3. Wenn du über den Zaun ins Innere des Zaunes gehst, so faß einen Zaunstecken, der nach innen gerichtet ist; willst du aber aus der Umzäunung hinaus, so faß einen Zaunstecken, der nach außen gerichtet ist, sonst bricht der Stecken.

4. Wenn du deine Notdurft verrichten gehst, so kehr dich so, daß der Wind dir von hinten ist, dann bekommst du es fest.«

Über die letzten Worte ärgerte sich die Wirtin, nahm einen leichten Stecken und schlug die Kröte auf den Rücken.

Davon bekam die Kröte einen Buckel.


b) Eine Kröte war in einem Herbst in die Dünnbiertonne einer alten Jungfer gekrochen. Das Mädchen hatte sie vertreiben wollen, die Kröte aber bat: »Laß mich bis zum Frühling hier, dann werde ich dir drei gute Lehren geben.« Und so blieb sie denn da. Im Frühling kroch die Kröte aus der Tonne und sagte zu dem Mädchen:

»Bring mich ans Ufer des Flusses, dann werde ich dir die guten Lehren geben.« Das Mädchen trug sie zum Fluß. Die Kröte:

»Wenn du deine Notdurft verrichten gehst, so wende deine Nase dem Winde zu. Wenn du über den Zaun gehst, so halte dich an einem Stecken jenseits des Zaunes. Wenn du Bast aus dem Walde holen gehst, so sieh nicht darauf, daß die Weide krumm ist, denn sie kann doch guten Bast haben.« Als die Kröte das gesagt hatte, sprang sie ins Wasser. Das Mädchen ärgerte sich über diese Lehren der Kröte und warf ihr ein Strauchbeil nach, das sie gerade in der Hand hatte. Daher der Buckel. (Kirchsp. Oberpahlen.)


  • Literatur: Aus d. hdschr. Nachl. von J. Hurt.

Zu S. 43 f.


Aus Santal (Indien).


Die Brüder waren eines Tages wie gewöhnlich im Dschungel, um Wurzeln zu graben, von denen sie lebten. Sie kamen zur Höhle eines Tigers, boten ihm Kohlenstücke an und sagten, es seien Wurzeln; die halbgerösteten hätten sie selbst behalten. Der Tiger sagte ihnen ein Rätsel: »Einen will ich zum Frühstück fressen und einen ähnlichen zum Abendbrot.« Sie antworten: »O Onkel, das wissen wir nicht, aber wir wollen dir ein anderes Rätsel sagen: der eine wird den Schwanz, der andere das Ohr umdrehen.« Als der Tiger dies hört, fürchtet er sich sehr und will fortlaufen. Kauran ergreift ihn beim Schwanz und reißt ihn im Kampfe ab. Der Tiger läuft fort, um seine Freunde zu holen, und kommt mit einer Anzahl von ihnen zu dem Baum, auf den die Brüder sich geflüchtet haben. Der Tiger ohne Schwanz schlägt vor, daß sie sich einer auf den Rücken des andern stellen wollen, bis sie zu den Brüdern reichen. Dies tun sie auch, aber Kauran ruft unterdessen seinem Bruder zu: »Gib mir die Axt, ich will den schwanzlosen Tiger töten.« Letzterer, voll Schrecken, versucht zu entfliehen, und wirft alle dabei um, wodurch er zu Tode gedrückt wird. Die anderen Tiger entfliehen.


  • Literatur: Aus Indian Antiquary IV in Clouston, Popular Tales, S. 148. Ebd. eine slavische Sage (= Leger Nr. 18), die der S. 43 mitgeteilten entspricht. Eine andere slavische Fassung bei Gonet, Nr. 40 (nach Polívka, Zeitschr. f. öst. Vk. 7, 199).

[494] Aus der Haute-Bretagne.


[Vorgeschichte: Der Fuchs verleitet den Wolf, in einen Schafstall einzubrechen. Da der Wolf sich zu voll gefressen hat, kann er nicht durch das Fenster hinaus. Er will sich nun an dem Fuchs rächen.]

Eines Tages traf der Wolf den Fuchs in einer Waldlichtung; der Fuchs packte sich, so schnell er konnte, und der Wolf setzte ihm nach. Schon hatte er ihn fast erreicht, als der Fuchs auf einen sehr hohen Felsen sprang. Der Wolf versuchte vergebens, es ihm nachzumachen; er stimmte daher ein lautes Geheul an und sammelte alle Wölfe des Waldes um sich. Sie beschlossen, einer auf den anderen zu klettern, um bis zum Fuchse hinaufzugelangen. Der Wolf, der den Fuchs verfolgt hatte, stellte sich zuunterst auf, die anderen stiegen hinauf. Plötzlich – als der Gipfel fast erreicht war – schrie der Fuchs: »Stoßt dem Stumpfschwanz glühende Eisen hinten hinein!« Der Wolf rannte voller Angst auf und davon, während die anderen herabstürzten, und erschien nie wieder in dieser Gegend.


  • Literatur: Revue des trad. pop. 23, 91.

Wallonische Variante.


Ein hungriger Wolf klopft an die Hütte von Jean und Catherine. Jean erkennt, ehe er öffnet, wer draußen ist, und ruft seiner Frau zu: »Verse, Catherine!« (Schutt' hinaus!) Sie gießt ihm heiße Suppe über den Rücken, daß er heulend davonläuft. Ein paar Tage darauf begegnet ihm Jean im Walde und flüchtet auf einen Baum. Der Wolf holt, wie gewöhnlich, seine Gefährten, und sie bilden den Turm. Jean ruft: »Verse, Catherine!« Der untenstehende Wolf reißt aus, der Turm stürzt zusammen. Es folgt ein neuer Schluß: Auf dem Heimweg wird Jean von Wegelagerern angefallen, und weil er kein Geld hat, stecken sie ihn zornig in eine Tonne und lassen ihn so liegen. Der Wolf entdeckt Jean durch das Spundloch und erweitert es mit seinen Zähnen und Tatzen, um ihn zu packen. Jean kriegt aber den Schwanz zu fassen und zieht aus Leibeskräften. Der Schwanz bricht ab, die Tonne ist entzweigegangen, und Jean kann heimkehren. (Vgl. Fritz Reuters Tigerjagd. Hier umgekehrte Situation.)


  • Literatur: Gittée et Lemoine, Contes pop. du pays wallon p. 152.

Zu S. 59.


Slowenische Sage.


Die Sage knüpft sich an ein Märchen, worin man erzählt: Ein Sohn von riesiger Körperkraft hat seine Mutter ermordet, weil sie mit dem Teufel zusammenlebte; er tötete auch den Teufel und zerhackte beide Körper mit der Axt und band die Stücke an den Pferdeschwanz. Der Rabe und die Krähe flogen herbei und fraßen das Fleisch; die Krähe fraß von beiden, der Rabe aber nur von dem Teufel. Deshalb ist die Krähe bis heutzutage schwarzweiß, der Rabe aber ganz schwarz.


  • Literatur: Valjavec, Nar. pripovijesti, S. 116. Frdl. übers. von Herrn Dr. Páta.

Zu S. 61.


Sage der Zuñi.


Der Präriewolf belauscht zwei Raben beim Spiel. Sie schießen ihre Augen aus den Augen heraus um einen Felsen herum und fangen sie dann wieder mit dem Kopfe auf. Er wünscht dies auch zu lernen. Die Raben reißen ihm die Augen aus,[495] aber sie kommen nicht wieder geflogen, und die Raben machen sich davon. Der Präriewolf sucht lange nach seinen Augen, findet zwei gelbe Moosbeeren, hält diese für die verlorenen Augen, setzt sie sich ein und kann leidlich sehen. Seitdem haben die Präriewölfe gelbe Augen und können nicht allzugut sehen.


  • Literatur: Cushing, Zuñi Folk Tales, S. 262 ff.

Parallelen:


a. Sage der Osage.


Der Präriewolf fragte das Präriehūhn, woher es komme, daß es gefleckt sei. Das Präriehuhn antwortete, daß es in einen hohlen Baum gegangen sei, unten einen Stock hineingesteckt und angezündet habe. So sei es im Baum geblieben, bis es gefleckt worden sei. Der Wolf versucht das gleiche, und seine Augen springen dabei heraus. Das Präriehuhn läuft mit ihnen fort und sagt, es habe die Augen von jemand; es glaube, daß es die vom Präriewolf seien. Einige Wölfe hören das, und Bob-tail, ihr bester Läufer, fängt und tötet es; andere kommen und fressen es.


  • Literatur: Dorsey, Trad. of the Osage, S. 10.

b. Sage der Arapaho-Indianer.


α) Nih'ānçan reiste wieder. Er kam zum dichten Wald am Flusse und hörte etwas wiederholt rufen: »Çançankantcei!« Er hörte zu, ging dann der Stimme nach und sah verstohlen zu. Ein Mann stand vor einer Ulme, und seine Augen hingen an dem Baum.

Der Mann sagte: »Çançankantcei!« und die Augen flogen wieder in den Kopf. Dann sagte er wieder: »Çançankantcei!« und die Augen waren wieder auf dem Baum. So ging es immer weiter. Nih'ānçan wünschte sich diese Macht sehr. Er tat, als ob er weine, ging zu dem Manne hin und sagte zu ihm: »Ich habe gehört, Ihr könnt Eure Augen hinaus- und hereinfliegen lassen, und ich möchte dies von Euch lernen.« Der Mann sagte: »Das ist kein Zauber, das ist Spiel.« »Nun, so möchte ich spielen wie Ihr,« sagte Nih'ānçan. Endlich überredete er den Mann, es ihm zu sagen. Der Mann sagte: »Sage Çançankantcei'!« »Danke schön,« sagte Nih'ānçan sehr erfreut. »Aber tue es nicht zu oft,« sagte der Mann. »Wenn du dort am Hügel bist, kannst du es so oft tun wie du willst, aber bis du dahin kommst, darfst du es nur viermal tun. Sonst kommst du in Not.« Dann löste er Nih'ānçans Augen und ging seines Weges. Als er zu einer Ulme kam, sagte er: »Çançankantcei!« und war ohne Augen. Er legte den Finger an die Augen und fühlte nur die Höhlen. »Das ist ein guter Spaß,« sagte er, rief das Wort wieder, bekam seine Augen und konnte sehen. Da war er noch mehr erfreut. Er spielte viermal. Dann wollte er weiter spielen. »Ich will es nur noch einmal versuchen,« sagte er, »ich habe es nun viermal getan, und die Augen werden auch das fünfte Mal sicher zurückkommen.« So sagte er: »Çançankantcei!« und seine Augen flogen auf den Baum. Er sagte wieder: »Çançankantcei!« aber sie kamen nicht zurück. Er rief »Çançankantcei!« den ganzen Tag, bis er heiser war und er es nur noch in Pausen sagen konnte. Unterdessen begannen seine Augen schon einzutrocknen. Der Mann, der ihn gelehrt hatte, hörte ihn rufen, kam herbei und sagte zu ihm: »Du hast nun deine Augen verloren, und von mir wirst du sie sicher nicht wieder bekommen.« So ging er weiter. Sobald Nih'ānçan ein Geräusch hörte, rief er: »Mein Bruder, bist du es, ich glaube, ich habe dich gekannt, was ist dein Name?« Endlich kam der Maulwurf zu ihm und sagte: »Mein Bruder, was wünschest du?« Nih'ānçan sagte zu ihm: »Leihe mir deine Augen!« und der Maulwurf gab sie[496] ihm. Er tat die kleinen Augen in seine Augenhöhlen und konnte nun oben seine Augen am Baume sehen. Er kletterte hinauf, holte seine Augen herunter und tat sie wieder an ihren Ort. Aber die kleinen Augen des Maulwurfs warf er fort und sagte: »Was kümmern mich deine Augen, hole sie selber!« Damit ging er seines Weges. Und darum ist der Maulwurf blind.


  • Literatur: Dorsey and Kröber, Arapaho Traditions p. 51.

β) Zweite Version.


Fast gleich wie die vorige bis zum Blind werden Nih'ānçans. Dann heißt es: Endlich hörte er Tiere laufen, Mäuse, Ratten, Kaninchen. »Höre, Bruder,« rief er zur Maus, »leihe mir deine Augen.« Da gab ihm die Maus ihre Augen, aber sie waren zu klein und wollten nicht in den Höhlen bleiben, und er konnte damit nicht sehen. So gab er sie der Maus wieder und ging von einem Tier zum andern und lieh sich ihre Augen, bis er zuletzt die Eule traf. »Höre, Bruder,« sagte Nih'ānçan, »leihe mir deine Augen!« Die Eule lieh sie ihm, und seit der Zeit hat er die gelben Augen. Aber Nih'ānçans Augen hängen noch am Baum, und man kann sie das ganze Jahr hindurch an der Rinde des Baumwollbaumstrauches sehen.


  • Literatur: Dorsey and Kroeber, Arapaho Traditions p. 50.

c. Sage der Shuswap.


Coyote sagte: »Ich muß etwas Spaß haben. Ich will mit meinen Augen spielen.« Damit riß er sich die Augen aus. Er warf sie dann in die Höhe und fing sie wieder. Einmal warf er sie sehr hoch. Da fing die Dohle seine Augen und flog damit fort. Da stand er nun ohne Augen und wußte nicht, was er tun sollte. Er fühlte umher und fand einen Hagebuttenstrauch. Da pflückte er einige Hagebutten und setzte sie sich als Augen ein. Er konnte nun wieder sehen und wanderte fürbaß. Bald kam er an ein Loch, aus dem Rauch aufstieg. Eine alte Frau saß dort und fragte ihn, woher er komme. Er antwortete, er reise ohne bestimmten Zweck umher, und fragte, ob sie allein dort wohne. »Nein,« antwortete sie, »ich habe vier Töchter, aber sie sind hingegangen, die Spiele anzusehen.« »Was für Spiele?« fragte der Coyote. »O, viele Leute tanzen dort,« sprach sie, indem sie nach der betreffenden Stelle wies. »Warum tanzen sie denn?« »Sie spielen um Coyotes Augen. Die Dohle hat sie gestohlen.« »Das möchte ich sehen,« versetzte Coyote, »zeige mir doch den Weg.« Die Alte erfüllte seine Bitte, und er ging zu dem Platze, wo alle Tänzer versammelt waren. Die Leute saßen alle im Kreise umher. Nachdem einer mit den Augen getanzt hatte, gab er sie seinem Nachbar, der dann einen Tanz begann. Coyote setzte sich an die Türe und wartete, bis an ihn die Reihe kam. Dann sang er zu seinem Tanze: »Wie hübsch die Augen sind. Früher habe ich nie dergleichen gesehen.« Viermal tanzten sie herum Als nun das vierte Mal an ihn die Reihe kam, nahm er die Augen und rannte zur Türe hinaus. Dann warf er sie in die Höhe, und sie fielen von selbst in die Augenhöhlen zurück, wo sie sogleich festwuchsen. Die Tiere verfolgten ihn, konnten ihn aber nicht einholen. Als er in Sicherheit war, setzte er sich bin und lachte, weil er seine Augen wieder hatte. Er sang: »Ich wußte, ich würde euch besiegen. Hier habe ich meine Augen wieder. Hier habe ich mein Eigentum wieder.«


  • Literatur: Boas, Indianische Sagen von der nordpacifischen Küste, S. 8.

d. Weitere Varianten bei Matthew, Navaho legends, p. 90, Grinnel, Blackfoot[497] Lodge Tales, p. 153, Journal of American Folklore 13, 168 (Sage der Cheyenne), Stevenson, Ann. Rep. Bur. Ethn. 11, 153 (Sage der Sia), Russell, Explor. Far North, p. 215 (Sage der Cree).


Diese Erzählung gehört zu denen, die in Nordamerika und Nordostasien übereinstimmend vorkommen. Bei den Korjaken finden sich folgende drei Varianten:


a. Der Fuchs fällt ins Wasser, hängt Augen, Haut und Eingeweide zum Trocknen auf, muß fliehen, läßt Augen zurück, findet Blaubeeren, tut sie in die Augenhöhlen, sie fallen wieder heraus, nimmt Kieselsteine, die fallen auch wieder heraus. Endlich macht er sich Eisaugen.


  • Literatur: Jochelson, the Koryak p. 266.

b. Die Fuchsfrau wird über ihre Augen ärgerlich, zerschlägt sie und sucht sich andere. Sie findet zwei Heidelbeeren und probiert sie; sie sind aber zu dunkel. Da nimmt sie zwei kleine Stücke harten Schnees, und die Tränen laufen ihr das Gesicht herunter. »Sie weinen zwar zu viel,« sagt sie, »aber das wird sie wenigstens hell machen.«


  • Literatur: Jochelson, The Koryak, p. 321.

c. Der große Rabe schneidet der Yiñe'a-ñe'ut das rechte Bein ab. Nach langer Zeit sieht sie Regenpfeifer ziehen. Sie fängt einen und bindet sich sein Bein unter. Das hält noch nicht. Dann nimmt sie ein Gänsebein und kann damit ihr eigenes suchen gehen, das sie schließlich wiederbekommt.


  • Literatur: Jochelson, the Koryak (Jessup Exp.) p. 306.

Zu S. 64, Nr. 6.


Sage der Zuñi.


Ein Jüngling kommt zur Versammlung der Klapperschlangen, und als sie die glänzend schwarze Bemalung seines Gesichtes sehen, bitten sie, ihr Gesicht auch so malen zu dürfen, aber sie machten es so ungeschickt, wie man noch heute sehen kann, denn alle Klapperschlangen haben unebene Bemalung.


  • Literatur: Cushing, Zuñi Folk Tales, p. 169.

Zu S. 68.


1. Sage der Maidu-Indianer.


Der Erd-Benenner blieb über Nacht bei Mink und dessen Bruder. In der Nähe war eine große Schlange, die alles tötete. Mink und sein Bruder baten den Erd-Benenner, die Schlange zu fangen. Er tat dies und ging am nächsten Morgen weiter. Beim Abschied sagte er: »Geht und seht nach, ob die Schlange in der Falle tot ist, dann nehmt das Fett, und des Nachts, wenn alle im Schwitzhans beisammen sind, klettert hinauf und werft es ins Feuer.« Als die Schlange in die Falle geraten war, sprang sie hoch in die Luft, aber die Minke sprangen ihr nach und schnitten sie entzwei. In der Schlange war eine milchige Flüssigkeit, die lief heraus, als sie entzwei geschnitten wurde. Als die Minke aufsahen, fiel etwas davon auf sie und verursachte einen weißen Fleck auf ihrem Kinn. [Durch das Fett werden dann alle versammelten Leute verbrannt.]


  • Literatur: Dixon, Maidu Myths p. 47.

[498] 2. Sage der Zuñi.


Ein Präriewolf sieht viele Eulen, die einen ihnen heiligen Tanz begehen. Jede hat ein Gefäß mit Schaum auf dem Kopf, und beim Tanzen darf nichts verschüttet werden. Der Präriewolf findet Tanz und Gesang wunderschön und belästigt die Eulen fortwährend mit Fragen. Um ihn zu strafen, antwortet eine der Eulen auf die Frage, was sie denn auf dem Kopfe trügen, in den Gefäßen seien die Köpfe ihrer Großmütter, und um diesen heiligen Tanz besser ausführen zu können, würden allen Eulen die Füße gebrochen.

Der dumme Coyote glaubt es und fragt, ob er nicht mittanzen dürfe. Es wird ihm erlaubt, wenn er dieselben Bedingungen erfülle. Er geht also fort, tötet seine Großmutter und zerschlägt seine Beine. Mühsam kommt er angehumpelt, kann aber nicht tanzen. Die Eulen verspotten ihn und lachen so, daß der Schaum ihrer Gefäße überläuft, so daß ihr Gefieder grau und weiß gefleckt wird, wie man noch heute sehen kann. Seitdem fürchten die Präriewölfe die Eulen. Aber auch die Eidechsen fürchten sie und beleidigen sie nie, denn als der arme Präriewolf halbtot dalag, kam eine Eidechse zu seinem Maul hereingekrochen bis ans Herz und tötete ihn aus Rache für alle Beleidigungen, die er den Ihren oft angetan hatte.


  • Literatur: Cushing, Zuñi Tales, p. 203. (Gekürzt.)

Zu S. 69.


Sage der Fang (am Kongo).


Die Boa hatte Hunger und wollte gern ein Schildkrötenjunges fressen. Die kleinen Schildkröten fischten und spielten am Fluß, und die Boa ließ sich wie ein Stück totes Holz den Fluß hinabschwimmen. Die Kinder spielten damit, und sie verschlang eins. Vater Schildkröte beschloß, sich zu rächen, zog an einen anderen Ort, holte Pflanzenfarben und bemalte Blätter, die er alsdann den Fluß hinabschwimmen ließ. Die neugierigen Leute ließ er von seinen Kindern belehren, daß ein großer Zauberer da sei, der alle Tiere, die damals noch ganz schwarz waren, mit glänzenden Farben bemalen könne. Die schillernde Amsel wagte es zuerst und bekam ein herrliches Gefieder. Andere Tiere folgten, und zuletzt kam auch die Boa. Die Schildkröte ließ sie des Abends allein wiederkommen, damit das Färben besonders schön würde. Ihr Haus hatte aber ein Loch. Dahinein ließ sie die Boa ihren Schwanz stecken, band ihn fest und nahm nun Stück für Stück Hautflecken von der Boa ab, bis sie beim Kopf anlangte. Die Boa war halbtot, als sich die Schildkröte zu erkennen gab und ihr den Bauch aufschnitt. Da das Junge noch lebte, durfte auch die Boa mit dem Leben davonkommen. Doch behielt sie die Flecken auf der Haut, und so oft sie die Haut auch abstreift und versucht, sie dadurch verschwinden zu lassen, so nützt es ihr doch nichts. Die neue Haut hat nur noch mehr Flecke. Schildkröten fressen die Schlangen nicht mehr.


  • Literatur: Bull, de la Soc. Neuch. de géogr. 16, 229.

Sage der Zuñi.


Der bösartige Spieler Mítsina ist bestraft worden und hat seine Augen verloren. Er macht sich nun auf nach der Stadt der Götter und der Seelen und hält ein Licht in der Hand. Die Vögel sehen ihn, rufen: »Ha, der Elende, er hat die Augen verloren, das ist recht; löscht sein Licht aus!« Die Adler kommen zuerst, verbrennen sich aber nur ihre damals weißen Federn. Darauf versuchten es die [499] Krähen und versuchten es so lange, bis ihr damals ebenfalls weißes Gefieder vollkommen schwarz geworden war.


  • Literatur: Cushing, Zuñi Folk Tales 385 ff.

Zu S. 72.


Aus Estland.


Früher soll der ganze Magen der Kuh mit Zitzen bedeckt gewesen sein, deswegen hat sie auch viel mehr Milch gegeben.

Einmal trieb der Hirt die Herde Kühe nach Hause, überließ sie dem Hunde und ging selbst essen. Der Rattenkönig, die Katze, hatte großen Hunger. Sie ging zur Kuh und fing an, ihre Zitzen zu fressen. Der Hund versuchte wohl, die Kuh zu schützen, aber nur vier Zitzen konnte er der Kuh erhalten, weil er sie mit seinen vier Pfoten bedeckte.

Deshalb bekommt der Hund stets die erste Milch der jungen Kuh.

Gott hatte die Kuh erschaffen, aber ohne Zitzen. Die letzteren schuf er später einzeln. Als die Zitzen der Kuh fertig waren, stellte Gott sie auf den Ofen zum Trocknen. Sie mußten trocknen, bevor sie unter dem Magen der Kuh angebracht werden sollten, damit sie beim Melken nicht aufgeweicht würden. Die Katze war auf dem Ofen, wo die Zitzen trockneten, und sprang so unvorsichtig hinab, daß die Zitzen alle ins Feuer fielen. Der Hund sah das und holte sie aus dem Feuer heraus, wobei er sich das Haar unter den Pfoten verbrannte.

Seit der Zeit sind die Pfoten des Hundes unten ohne Haar.

Der Katze verbot Gott, Milch zu trinken, und sagte, daß die Milch ihre nährende Kraft verlieren solle, wenn die Katze sie trinke. Die Katze erhielt die Erlaubnis, Mäuse als tägliche Speise zu essen.

Seitdem wurde der Hund ein viel nützlicheres Haustier als die Katze.

Niemand wird auch anfangen, einer Katze Essen zu kochen, sie muß ihre Nahrung sich selbst schaffen, wohl aber kocht ein jeder seinem Hunde Essen, ebenso wie sich selbst.


  • Literatur: Aus dem hdschr. Nachlaß von J. Hurt.

Aus Finnland (Südkarelen).


Ein böses Weib warf das Euter einer Kuh, das sie in zwei Teile geteilt hatte, ins Feuer. Hund und Katze waren dabei, und die Katze sagte: »Wenn's brennt, mag's brennen! Ich brauche keine Milch, ich werde mein Leben schon fristen, zumal da ich auch bei Nacht sehen kann!« Aber der Hund sprach: »Ich lasse es nicht brennen, ich hole es mir, sonst kann ich nicht leben!« Und er holte sich die eine Hälfte des Euters. Da bereute die Katze, daß sie die andere Hälfte nicht hatte haben wollen, und riß sie flugs an sich. Seitdem hat sie krumme Krallen und krumme Pfoten, der Hund aber eine verbrannte Schnauze.


  • Literatur: Frdl. Mitt. von Prof. K. Krohn in Helsingfors.

Zu S. 82.


Sage der Woiworung (Australien).


Die Fledermaus ist der Bruder der Menschen. Vor langer Zeit war das ganze Land mit hohem Gras bedeckt, so daß die Leute nicht darübergehen konnten. Bunjil sagte zur Fledermaus: »Komm mit auf meine Seite.« Die Fledermaus erwiderte: »Nein, bei dir ist so trockne Erde, du solltest lieber zu uns kommen.« Da sagte Bunjil: »So will ich euch verlassen,« und sandte zwei seiner Leute, den[500] braungelben Turmfalken (tinnunculus cenchroides) und den braunen Habicht (jericidea berigora?), um das Land der Fledermaus zu verbrennen, und er selbst ging mit sei nen Kindern an einen Ort, der Mansfield heißt und den die Weißen den Dom nennen. Dort tat er sie an einen sicheren Ort, den er mit Steinen umgab. Das Land brannte bis zum Murray-Fluß. Bunjil hatte zum Falken und zum Habicht gesagt: »Wenn ihr das ganze Land verbrannt habt, könnt ihr dableiben und zu Stein werden.« In der Nähe von Berwick kann man sie als Steine sehen, wie der Falke den Habicht trägt. Einige von Bunjils Kindern wurden verbrannt, aber die Fledermaus und all ihre Kinder wurden versengt. Darum ist sie jetzt so schwarz und hat so ein grinsendes Gesicht.


  • Literatur: Journ. of the Anthr. Inst. 18, 59.

Zu S. 83.


Varianten ohne Ätiologie siehe bei Boas, Indian. Sagen S. 64 f., 70, 117, 157, 173, 215, 278 und Globus 53, 316. Vgl. ferner Wundt, Völkerpsychologie 2, 3, 222 ff.


Zu S. 86.


Sage der Jicarilla-Apachen.


Djo-na-aì'-yì-ĭn kann von einem Felsen nicht herunterkommen. Eine Fledermaus hilft ihm herunter. Zur Belohnung füllt Djo-na-aì'-yì-ĭn ihren Korb mit Adlerfedern. Er warnt sie aber, nicht zur Ebene zu fliegen, wo es viele kleine Vögel gibt. Die Fledermaus vergaß seinen Bat und war bald unter den kleinen Vögeln, die ihr alle Federn raubten. Darum ähnelt das Gefieder des kleinen Vogels klo'-kĭn den Schwanz- und Flügelfedern des Fischadlers. Die Fledermaus kam viermal zurück, um sich neue Federn geben zu lassen, aber als sie das fünftemal ihren Korb voll Federn haben wollte, wurde Djo-na-aì'-yì-ĭn ärgerlich. »Du kannst nicht auf deine Federn aufpassen, so sollst du auch keine haben. Diese alte Haut in deinem Korb ist gut genug.« »Gut,« sagte die Fledermaus resigniert, »ich konnte nicht auf die Federn achtgeben, so verdiene ich es auch, daß ich sie verloren habe.«


  • Literatur: Journal of Am. Folklore 11, 258.

Zu S. 87.


Aus Estland.


Ein Mann stellte Schlingen auf im Walde. Als er wieder hinging, fand er einen Hirsch gefangen, aber er war tot. Sofort fing er an, ihn abzubalgen. Die Beine waren schon von der Haut befreit, da kam ein Greis und sagte: »Sieh, was Gott dir gegeben!«

Der Mann erwiderte ärgerlich: »Gott hat mir nichts gegeben, ich habe selbst die Schlingen aufgestellt.«

Da berührte der Greis den Hirsch mit seinem Stab, worauf der Hirsch sofort in den Wald lief. Der alte graue Mann war Gott selbst.

Seit der Zeit hat der Hirsch auf den Stellen an den Beinen graues Hauthaar, wo die Haut abgebalgt war.


  • Literatur: Aus d. hdschr. Nachl. von J. Hurt.

[501] Aus Estland.


Ein Bauer ging in den Wald, um Reisig zu sammeln. Es war sehr heiß, darum nahm er seine langen, weißen Fausthandschuhe ab und steckte sie zwischen seinen Gürtel. Ein Hirsch, der in seinem Laufe tollkühn geworden war, sprang auf den Mann und hatte dabei seine Füße unversehens in die langen, weißen Fausthandschuhe des Mannes gesteckt.

Seit der Zeit hat der Hirsch weiße Füße. (J. Hurt.)


Zu S. 90.


Sage der Tongaßindianer (Südalaska).


[Des Häuptlings Schagattyno Frau wird von einem Walfisch geraubt. Der Häuptling besteigt nebst einigen Jägern ein Kanoe und verfolgt ihn; an einer Felswand taucht er in die Tiefe. Der Häuptling springt ihm nach, gelangt auf den Meeresboden und befragt Mallardenten, die sämtlich blind sind, nach seiner Frau.] Und sie antworteten: »Soeben kam der Häuptling der Finnwale vorbei und trug sie auf dem Rücken.« Zum Lohne für ihre Auskunft fragte Schagattyno, ob sie wohl ihr Gesicht wieder haben wollten, und sie gaben ein freudiges »Ja« zur Antwort. Mit einem Messer zerschnitt er nun die Haut über ihren Augen und ging dann weiter. [Bald darauf befragt er alte Frauen und erhält dieselbe Auskunft.] Auch ihnen gab er das Augenlicht; aber sein Messer war ungeschickt, und die Frauen bekamen ein großes und ein kleines Auge. Daher haben noch jetzt die Gänse und Enten – denn das waren die Frauen – solche Augen. [Ein Kranich, der ihn vor den Leuten des Wals verbirgt, erhält zum Dank ein Kraut, das von den Indianern früher statt Tabak in ihren Steinpfeifen geraucht wurde und das dem Kranich sehr mundete. Mit Hilfe des Sklaven des Wals – des Seelöwen – befreit er sein Weib. Sie gelangen wieder an das Kanoe und fahren heim.]


  • Literatur: Globus 65, 392.

Zu S. 91.


Sage der Fang.


[Nzame verfolgt Bingo und sagt:]

»Ich werde Bingo finden und sein Herz essen.« Bingo aber hatte sich in einer tiefen Höhle verborgen, die war mitten im Walde. Nzame kam auch in diesen Wald und traf das Chamäleon dort. »Chamäleon, hast du Bingo gesehen?« fragte er. Aber dieses wollte nichts verraten und sagte: »Ich habe wohl einen Mann vorbeikommen sehen, aber niemand hat mir gesagt, wie er heißt.« »Und wohin ging er, wo war sein Dorf?« »Er ging bald hierhin, bald dorthin, sein Dorf liegt auf der anderen Seite des Waldes.« »Und war dies lange her?« »Die Tage sind lang, jeder Tag ist eine lange Zeit, ja, es ist lange her.« Da ging Nzame trotzig fort, und während er überall nach Bingos Spuren suchte, lief das Chamäleon zur Höhle: »Bingo, dein Vater sucht dich, sieh dich vor!« und lief dann ein Stück weiter, auf den Gipfel des Felsens.

Als Bingo so benachrichtigt worden war, verwischte er sorgsam seine Fußspuren auf der Erde, dann ging er einen viel benutzten Pfad, der harten Boden hatte, und kehrte so zur Hütte zurück. Doch trug er Sorge, dabei rückwärts zu gehen. Ndanabo, die Spinne, hängte ein Netz vor den Eingang, ein starkes und dichtes Netz, und das Chamäleon warf schnell Fliegen und Insekten hinein. Nzame[502] war immer weiter gegangen und hatte Vière, die Schlange, getroffen. »Vière, hast du Bingo gesehen?« Vière antwortete: »Ja, ja.« »Ist er in der Höhle im Wald?« »Ja, ja.« Nzame beschleunigte seinen Lauf und kam zur Höhle. »Hier sind ja Spuren, die fortführen,« sagte er, sah das Spinnennetz und die gefangenen Fliegen und rief: »Hier kann doch kein Mensch sein.« (Vgl. Bd. 2, 66 f.) Da rief das Chamäleon vom Felsen herunter: »Ah, du bist hierher gekommen, guten Tag.« »Guten Tag, Chamäleon. In dieser Höhle hattest du doch Bingo gesehen?« »Ja, aber es ist schon lange, lange her, er ist fort; ich glaube übrigens, man sieht noch seine Fußspuren auf dem Boden.« »Ja, sie sind da,« sagte Nzame, »ich will ihnen folgen; Chamäleon, du hast recht gehandelt.« Und so ging er weiter auf die Suche.

Als er schon in weiter, weiter Ferne war, kam Bingo wieder aus der Höhle heraus. »Chamäleon,« sagte er, »du hast recht gehandelt. Hier ist dein Lohn: du wirst von nun an das Vermögen haben, deine Farbe nach Belieben zu ändern; so wirst du deinen Feinden entkommen.« »Das ist schön,« sagte das Chamäleon. Und Bingo sagte zur Spinne: »Ndanabo, du hast recht gehandelt; was soll ich für dich tun?« »Nichts,« sagte Ndanabo, »mein Herz ist zufrieden.« »So soll deine Gegenwart Glück bringen,« sagte Bingo und ging fort. Unterwegs traf er Vière und zerschlug ihr den Kopf.


  • Literatur: Bull, de la Soc. Neuen, de Géogr. 16, 138.

Zu S. 92 ff.


Über »die Lichtbringer bei den Indianerstämmen der Nordwestküste« siehe Globus 61, 195 ff., 212 ff., 230 ff, 243 ff.


Zu S. 96.


Der Goldammer wird die Macht über das Feuer zugeschrieben, daher findet sich bei einem Teil der Tänzer beim Sonnentanz die sog. Goldammerbemalung.


  • Literatur: Aus Dorsey, The Arapaho Sun Dance (Field Columbian Museum Anthropological Series IV. (Chicago 1903) im Globus 87, 99 mitgeteilt.

Zu S. 99, Nr. 8.


Übereinstimmende Sage der Pẹntlatsch bezeugt Boas, Globus 53, 126.


Zu S. 99, Nr. 9.


Im Globus 53, 126 bemerkt Boas, daß bei den Qosqī'mō, die dem gleichen Stamme angehören wie die Tlatlasik·oala, aber an der Westseite von Vancouver-Island wohnen, derselbe Mythus, jedoch mit folgender Einleitung vorkomme:


Einst lebte ein Seeotter weit draußen im Meere. Er trug das Feuer auf der Brust, und alle Menschen versuchten, ihn zu erschlagen, um das Feuer zu erlangen. Der Wolf hätte gar zu gerne das Feuer gehabt, aber sein Versuch, den Otter zu erlegen, schlug fehl. Er kehrte zornig nach Hause zurück und herrschte dort seine drei Töchter an: »Warum könnt ihr auch nicht Männer sein statt unnützer Mädchen! Dann würdet ihr jetzt hinausgehen, um den Seeotter zu erlegen!« Die Mädchen fühlten sich durch diese Rede des Vaters getränkt,[503] und die jüngste nahm heimlich seinen Bogen und seine Pfeile, und alle gingen in den Wald. Sie beschmierten die Pfeile mit Lachseiern und übten sich im Schießen, bis sie gute Schützen geworden waren. Dann fuhren sie heimlich in ihres Vaters Boote ins Meer hinaus. Sie fanden den Seeotter, und die älteste der Schwestern erlegte ihn. Als die Menschen das sahen, verfolgten sie die Wolfstöchter, um ihnen das Feuer zu rauben. Sie aber erreichten glücklich ihres Vaters Haus und verschlossen die Tür. Da sandte ein Häuptling den Hirsch, um das Feuer zu holen. Vier Tage lang stand er vor der Tür, ehe jene öffneten. Dann sprang er hinein und tanzte um das Otterfell herum usw. Fortsetzung wie oben in Nr. 9.


Zu S. 100, Nr. 11.


Im Globus 53, 125 führt Boas eine Abweichung an, nach der der Rabe selbst das Feuer geholt habe, das ihm den Schnabel verbrannte. »Hierauf bezieht sich wahrscheinlich das kleine rote Holzstückchen, das charakteristisch für fast alle Darstellungen der Raben ist und sich besonders auf den schönen Rabenrasseln finden, die übrigens ausschließlich von dem Rabengeschlechte gebraucht werden.«


Zu S. 102 ff.


Sage der Okinagen (-Indianer). [Vgl. auch S. 83.]


Die Bewohner eines Dorfes hatten sich zur Beratung versammelt. Die einen sprachen: »Laßt uns aufbrechen und gegen den Himmel zu Felde ziehen, um Feuer herunterzuholen. Doch was tun wir, um dorthin zu gelangen? Wir ziehen aus und schießen Pfeile nach dem Himmelsgewölbe, bis einer darin stecken bleibt; dann schießen wir einen andern nach der Kerbe des ersten, einen dritten nach der Kerbe des zweiten und bereiten uns so einen Pfad, an dem wir hinaufklettern und Feuer herunterholen.« Die anderen erwiderten: »Wohlan! Ziehen wir aus und rufen wir alle Tiere zusammen, daß sie uns Hilfe leisten; vereint brechen wir dann auf!« [Die Tiere versammeln sich. Da die Pfeile nicht hinaufgelangen, rufen sie den klugen Tskán-Vogel (Zonotrichia intermedia, eine Art Sperling mit schwarzem Kopf und weißen Flecken) zu Hilfe. Dieser verlangt die Kippe eines Elenn als Bogen, die Federn eines Goldadlers als Pfeilfedern, sowie Pfeilspitzen aus Stein. Die Gewinnung der drei Teile ist durch Abenteuer ausgeschmückt, ebenso der Weg zu dem Ort, wo man die Pfeile nach dem Himmel schießt.] Dort schoß er mit den andern nach dem Himmel, bis ihm alle seine Pfeile ausgegangen waren. Diese blieben oben stecken. Es wurden nun alle übrigen Pfeile abgeschossen, und so bildeten sie eine einzige Linie, und die Tiere hatten nun einen Weg nach dem Himmel. Sie kletterten nun an den Pfeilen empor; der letzte in der Reihe war der Grizzlybär, und dieser schleppte alle seine Speisevorräte auf dem Rücken mit. Durch sein Gewicht brach die Kette entzwei; der Weg war unterbrochen. [Es folgt eine neue Ausschmückung. Der Kriegszug wird in der Weise ausgeführt, daß zuerst Schlange und Frosch ausgeschickt, werden. Aber die Schlange verschluckt den Frosch und kehrt zurück. Darauf ziehen der Biber, die Schildkröte und der schwarze Adler aus. Aber die Schildkröte läßt sich auf die Erde fallen, wo sie jemandem den Schädel einschlägt. Aus Rache droht man ihr mit dem Feuertode. Sie aber sagt: »Gut! Dann bleibe ich am Leben, denn das Feuer ist mein Element!« Gegen den Tod im Wasser wendet sie ein:[504] »Tut das ja nicht, sonst komme ich ums Leben!« Sie wird hineingeworfen und schwimmt davon. Dann sucht »man« (d.h. der Gegner im Himmel) nach dem Biber, ergreift ihn und zieht ihm das Pell über die Ohren; aber während man damit beschäftigt ist, erblickt man den Adler und läßt vom Biber ab, um diesem nachzustellen. Der Biber, als er sich frei fühlt, springt mit einem Satze auf, ergreift Feuer, steckt es unter seine Nägel und entflieht.]

Es wurde nun der Vorschlag zur Heimkehr gemacht, da der Weg nach dem Himmel unterbrochen sei. Doch wie sollte man die Heimkehr ins Werk setzen? Der Adler und der Häher sagten, sie würden fliegen, die Fledermaus sagte: »Ich werde mich auf den Mantel meiner Haut setzen« und wickelte sich in ihre Flügel ein. Das Flugeichhörnchen und sämtliche Vögel flogen davon, der Präriewolf verwandelte sich in ein Blatt, die Fische purzelten und fielen ins Wasser, die Forellen fielen auf Felsen und in die Fichtennadeln und verwickelten sich in die Tannengebüsche. Darum haben sie so viele Gräten im Leibe.


  • Literatur: A.S. Gatschet, Globus 52, 137.

Zu S. 109.


Estnische Sage.


Der Tod kam einmal zu einem Tischler und sagte, daß seine Lebenszeit um sei und er ihm folgen müsse. Der Tischler erbat noch so viel Lebensfrist, bis er sich einen Sarg gemacht hätte. Der Tod erlaubte es ihm und ging. Der Tischler machte sich eifrig an die Arbeit eines Sarges. Noch war der Sarg nicht ganz fertig, da kam der Tod wieder. Er müsse nur noch den Sarg mit Sammet ausfüttern, sagte der Tischler, dann sei er fertig. Der Tod ging wieder. Endlich war der Sarg ganz fertig und ein Schloß sogar vorgemacht. Als der Tod wiederkam und verlangte, der Tischler solle sich in den Sarg legen, sagte derselbe, er verstehe nicht, sich hineinzulegen, der Tod solle es ihm zeigen. Der Tod war gern bereit und legte sich in den Sarg. Das hatte der Tischler bezweckt; schnell verschloß er den Sarg, und der Tod war gefangen. Der Tischler brachte den Sarg mit dem Tode unter eine große, leere Brücke und sagte niemandem etwas davon.

Lange lag der Tod da. Die Menschen vermehrten sich immer mehr und hatten schließlich keinen Platz mehr zu leben, denn niemand starb. Endlich hatte die Spinne den Tod unter der Brücke entdeckt. Sie erzählte der Fliege von ihrer Entdeckung und sagte: »Wenn niemand den Tod dort freiläßt, so bleibt er da. Mein Weg wird bald wieder an dieser Brücke vorüberführen, dann werde ich ihn freilassen.« Die Fliege aber sagte nichts und ging hin und befreite den Tod. Dann erhielt die Fliege die Erlaubnis, als erste von jeder Speise zu schmecken, sei es auch von des Königs Speisen. Als die Spinne davon erfuhr, verklagte sie die Fliege und sagte, sie habe zuerst den Tod entdeckt. Die Fliege verteidigte sich aber und sagte, sie sei die erste gewesen, die den Tod befreit hätte. Da hörten die beiden folgenden Bescheid: die Erlaubnis, welche die Fliege erhalten habe, bleibe gelten, aber die Spinne erhalte die Erlaubnis, solche Gewebe zu machen, in welchen sie die Fliegen fangen könne.


Zu S. 110, Nr. 1.


Lies SnanaimuQ.


Zu S. 111, Nr. 3.


Sage der Tlakyāpamuch (eines selischen Stammes am oberen Fräser River).


[505] Der Biber wollte das Feuer holen und grab einen Gang vom Flusse aus zum Hause des Häuptlings, der dasselbe bewahrte und den Menschen vorenthielt. Der Biber sagte zu seinem Bruder, dem Adler: »Ich gehe nun und lasse mich von jenen töten. Dann erscheine du nach einer kleinen Weile und zeige dich den Leuten.« Der Adler versprach es zu tun. Der Biber spielte nun dicht vor dem Hause im Wasser, um die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich zu ziehen. Bald sahen sie ihn, erlegten ihn und trugen ihn ins Haus. Da dachte der Biber: »O legten sie mich doch ans Feuer!« Kaum hatte er das gedacht, so sagte der Häuptling: »Holt doch den Biber und legt ihn ans Feuer, damit er trocknet.« Ein Mann fing dann an, ihn aufzuschneiden und das Fell abzuziehen. Als er es fast bis an den Rücken abgestreift hatte, sah ein junger Mann den Adler einherfliegen und rief: »O seht doch den Adler!« Da liefen alle hinaus, mit Ausnahme des Mannes, der das Fell abzog. Da dachte der Biber: »O ginge doch jener auch!« Sogleich ging er, denn er fürchtete, daß er nichts mehr sehen möchte, wenn er länger zauderte. Vorsichtig sah nun der Biber sich um. Als er gewahrte, daß niemand im Hause war, nahm er das Feuer, verbarg es unter seiner Decke und entfloh durch das früher gegrabene Loch. Von ihm erhielten die Menschen das Feuer.


  • Literatur: Boas, Globus 53, 126. Ebd. führt Boas an, daß Sproat, Scenes and Studies of Savage Life p. 138 eine Sage der West-Vancouver-Stämme berichte, wonach das Feuer im Besitze des Tintenfisches gewesen sei, dem der Hirsch es stahl. Er trug es im Gelenk seines Hinterbeines fort.

Zu S. 113.


Sage der Kalmücken.


Der Götze Abida schuf alle guten Geister und nannte sie Tengrien. Da wurde einer von ihnen ungehorsam und abtrünnig, verschanzte sich in einer wilden Bergregion und ward dort ein Fürst der Finsternis. Doch Manjochir, der kalmückische Lichtgott, unterwarf und strafte ihn. Er verbannte ihn tief unter die Erde, wohin niemals ein Sonnenstrahl drang. Er hieß auch nicht mehr wie früher »Hommun-Khan«, d.h. König des Gesetzes, sondern »Irlick-Khan«, König der Teufel. Zornig und rachsüchtig sann er darüber nach, wie er den Menschen Böses zufügen könne. Er glaubte aber, daß ihnen alles Gute vom Sonnenlicht käme, und deshalb beschloß er, die Sonne zu rauben. Die Sonne bewachten dreiunddreißig Tengrien, welche auf einer riesenhaften Leiter saßen, die bis in den Himmel hineinragte. Da fuhr Irlick-Khan wie der Sturmwind daher, ergriff die Sonne und – verschluckte sie. – Jammer und Not herrschten nun auf Erden – in der Kälte und in der Finsternis starben Menschen, Tiere und Pflanzen. Endlich erbarmte sich Okun-Tengri, die oberste der Sonnenhüterinnen, über das Elend der Menschheit, hüllte sich in ein Bettlerkleid, stieg hinab in die Hölle und flehte Irlick-Khan an, den Menschen die Sonne wiederzugeben. Doch der böse Geist erwiderte höhnisch: »Du mußt mit mir mit dem Schwerte um die Sonne kämpfen.« Da ergrimmte Okun-Tengri, warf ihr ärmliches Gewand ab und drang in ihrer Göttergestalt mit einem Speer auf den Teufel ein. Er wehrte sich zwar wütend, aber der Speer fuhr ihm tief in den Leib, und da glitt die Sonne aus der klaffenden Wunde hervor und nahm ihren gewohnten Platz am Firmamente wieder ein. Nun lebte die Erde in der Sonnenwärme rasch wieder auf; zur Erinnerung an das Ereignis aber feiern die Kalmücken alljährlich, gleich nachdem der Winterschnee geschmolzen ist, ihr Frühlingsfest »Zagan-Zara«, »die weiße Woche«. Sie beschenken sich dann mit Muskatnüssen, zum Gedenken daran, daß die Erde, die ohne Sonnenlicht so starr und tot gewesen, nun wiederum Blüten und Früchte trägt. Sie kochen dann auch ihren[506] Wermutbranntwein, »heißen Branntwein« nennen sie ihn. Die Kalmücken glauben, daß die Wunde, welche Okun-Tengris Speer dem Teufel geschlagen hat, niemals vernarben kann. Von Zeit zu Zeit versucht er, die Sonne aufs neue zu rauben. Dann kommt er mit Donner und Blitzen. Deshalb erheben die Kalmücken beim Gewitter großen Lärm. Sie klappern und poltern mit Kesseln und Eimern und eisernen Steigbügeln und schreien aus Leibeskräften, um die dreiunddreißig Tengrien zu wecken. Sie meinen nämlich, daß diese guten Geisterjungfrauen auf ihrer Himmelsleiter eingeschlafen sind. Dem Irlick-Khan aber nützt es nichts, ob sie schlafen oder wachen – sobald er die Sonne wieder einmal verschlungen hat, gleitet sie strahlend aus der offenen Wunde an seinem Leibe wieder hervor.


  • Literatur: Aus dem Roman: Die Münze des Lama von Hedda v. Schmid (Lpz. N. Nachr. 1909, Nr. 130, 131). Die Verfasserin ist, wie sie mir freundlichst mitgeteilt hat, in der Kalmückensteppe aufgewachsen und hat sich dort diese Sage erzählen lassen, die zum Bestände der von den lamaischen Priestern verkündeten Lehre gehöre und die bekannteste unter allen kalmückischen Volkssagen sei.

Zu S. 114.


1. Sage der Tlingit.


Ein mächtiger Häuptling bewahrte Tageslicht, Sonne und Mond in einer Kiste auf, welche er sorgsam in seinem Hause bewachte. Er wußte, daß einst Yeti, der Rabe, in Gestalt einer Fichtennadel kommen würde, sie ihm zu rauben; deshalb verbrannte er alles trockene Laub, das sich in der Nähe seines Hauses fand. Der Rabe aber wollte das Tageslicht befreien. Er flog lange, lange Tage, um das Haus des Häuptlings zu finden. Als er endlich ankam, setzte er sich am Rande eines kleinen Teiches nieder und dachte nach, wie er in das Haus kommen könne, in das er nicht einzutreten wagte. Endlich kam die Tochter des Häuptlings aus dem Hause, um Wasser aus dem Teiche zu schöpfen Er sprach zu ihr: »Ich will dich zur Frau haben, aber dein Vater darf es nicht wissen, denn er will nicht gestatten, daß ein Fremder sein Haus betritt.« Jene aber fürchtete den Zorn ihres Vaters und schlug die Werbung des Raben aus. Da verwandelte Yeti sich in eine Fichtennadel und ließ sich in den Teich fallen. Nach kurzer Zeit dachte er: »O käme doch des Häuptlings Tochter, Wasser zu holen!« Kaum hatte er das gedacht, da nahm jene einen Eimer und machte sich bereit, zum Teiche zu gehen. Ihr Vater fragte: »Warum gehst du selbst? Ich habe doch viele Sklaven, die für dich Wasser holen können.« »Nein,« erwiderte die Tochter, »ich will selbst gehen, denn sie bringen mir immer trübes Wasser.« Sie ging zum Teiche und fand viele Fichtennadeln auf dem Wasser schwimmen. Vorsichtig schob sie dieselben zur Seite, ehe sie Wasser schöpfte. Eine aber war trotz ihrer Vorsicht in den Eimer geraten. Sie versuchte es, sie zu fangen und hinauszuwerfen, aber immer wieder entschlüpfte disselbe ihrer Hand. Da ward sie ärgerlich und trank das Wasser mit der Nadel. Die aber war Yētl. Als sie ins Haus zurückkam und ihr Vater fragte, ob sie reines Wasser gefunden, erzählte sie, wie eine Fichtennadel ihr immer wieder aus der Hand geschlüpft sei und sie dieselbe endlich mit heruntergeschluckt habe. Infolge dessen ward sie schwanger, und als nach neun Monaten ihre Zeit gekommen war, veranstaltete ihr Vater ein großes Fest und hieß seiner Tochter ein Lager aus Kupferplatten bereiten, die mit Biberfellen bedeckt wurden. Aber sie konnte nicht gebären. Da befahl der Häuptling seinen Sklaven, Moos zu holen. Sie gehorchten. Ein Moosbett ward für die Tochter bereitet, and da genaß sie eines Knaben, der aber niemand anders war als Yētl.

[507] Der Knabe wuchs rasch heran, und sein Großvater liebte ihn über die Maßen. Alles, was der Knabe sich wünschte, gab er ihm, selbst die kostbarsten Felle. Eines Tages aber schrie der Knabe unaufhörlich und wollte sich nicht beruhigen, lassen. Er rief: »Ich will die Kiste haben, die dort oben am Dachbalken hängt.« Es war aber die Kiste, in welcher der Häuptling das Tageslicht, die Sonne und den Mond aufbewahrte. Der Großvater versagte ihm seine Bitte auf das entschiedenste. Da schrie der Knabe, bis er halbtot war vor Weinen, und seine Mutter weinte mit ihm. Da der Großvater fürchtete, sein Enkel könne sich zu Tode weinen, nahm er endlich die Kiste herunter und ließ ihn hineinblicken. Da sah Yētl das Tageslicht. Der Häuptling verschloß dann die Kiste wieder und hängte sie an ihren früheren Platz. Sogleich fing der Knabe wieder an zu schreien und zwang so endlich den Alten, die Kiste wieder herunterzunehmen und zu offnen. Jener ließ ihn durch den eben geöffneten Spalt hineinblicken; da rief der Knabe: »Nein, mehr! mehr!« und ließ sich nicht beruhigen, bis der Alte die Kiste weiter öffnete. Ehe er dies tat, verstopfte er aber alle Ritzen und Löcher des Hauses, besonders den Rauchfang. Dann gab er dem Kleinen die Kiste, um damit zu spielen. Dieser freute sich sehr damit. Er ging im Hause herum und warf sie wie einen Ball in die Höhe. Bald aber wollte er den Rauchfang geöffnet haben, und als der Großvater nicht sogleich einwilligte, schrie er wieder. Endlich öffnete dieser den Rauchfang ein wenig. »Nein, mehr, mehr!« schrie der Knabe. Als er endlich ganz offen war, nahm der Knabe die Gestalt des Raben an, barg die Kiste unter seinen Flügeln und flog von dannen. [Das Folgende siehe oben S. 7: Der Rabe bittet die Menschen, die im Dunkeln Häringe fischten, um etwas Fisch; er wolle ihnen dafür das Tageslicht geben. Sie lachen ihn aus, glauben ihm aber erst, als er ihnen ein kleines Stück vom Monde zeigt. Der Rabe steckt Nadeln in den Fisch und erzeugt so die Gräten.] Dann setzte er Sonne und Tageslicht an den Himmel, zerschnitt den Mond in zwei Hälften, setzte die eine als Mond an den Himmel und ließ diesen abwechselnd zu- und abnehmen. Die andere zerschlug er in kleine Stücke und machte die Sterne daraus. Als es aber Tag wurde und die Menschen einander sahen, liefen sie auseinander. Die einen wurden Fische, die anderen Bären und Wölfe, die dritten Vögel. So entstanden alle Arten von Tieren.


  • Literatur: Boas, Indianische Sagen, S. 311 ff. Vgl. Globus 53, 122.

2. Sage der Awi'ky'ēnoq.


Einst sandte K'ants'ō'ump (= unser Vater; die Gottheit) Kya'lk'Emkyasō zur Erde hinab. Er kam auf den Berg K·'oā'mu und stieg hinunter in das Tal des Flusses, der reich an Lachsen war. Er sandte vier Frauen in den Wald, Zederrinde zu holen, und lehrte die Menschen, Netze zu machen. Als das Netz fertig war, stieg er mit den Menschen in ein Boot, und sie fingen an, Lachse zu fangen. Damals aber gab es keine Sonne; nur der Mond leuchtete am Himmel. Der Rabe Hē'meskyas (= der wahre Häuptling) oder Kuēkuaqā'oē (= der Haupterfinder) wußte, daß der Häuptling ME'nis die Sonne im Besitz hatte, und beschloß, sie zu rauben. Da verwandelte er sich in eine Kiefernadel und ließ sich in den Brunnen fallen, aus dem ME'nis' älteste Tochter, mit Namen Latāk·'ai'yuk·oa, täglich Wasser zu zu holen pflegte. Sie schöpfte Wasser, und der Rabe schlüpfte als Nadel in ihren Eimer; als sie aber trank, blies sie die Nadel zur Seite. Da diese List mißglückt war, verwandelte sich der Rabe in glänzende Beeren, und diese sah das Mädchen sich im Wasser spiegeln. Es verlangte sie dieselben zu essen; sie pflückte sie und verzehrte sie. Da gebar sie nach vier Tagen einen Sohn, den Hē'meskyas. Dieser wurde rasch groß[508] und konnte schon am ersten Tage sprechen. Er spielte auf dem Boden des Hauses und fing bald an zu schreien und zu schreien und wollte sich nicht beruhigen lassen. Der Großvater fragte ihn: »Was willst du denn haben?« »Mache mir eine Lachswehr, ich will Lachse haben,« Jener erfüllte den Wunsch des Knaben, aber dieser schrie und weinte und wollte Bogen und Pfeile haben. Der Großvater erfüllte auch diesen Wunsch und machte ihm einen Bogen und vier Pfeile. Da beruhigte sich der Knabe. Am zweiten Tage konnte er schon gehen und lief hinunter zum Wasser. Am dritten Tage fing er wieder an zu schreien und beruhigte sich nicht eher, als bis ihm sein Großvater ein Ruder gemacht hatte, wie er es begehrte. Damit ging er zum Wasser hinab, kam aber bald schreiend zurück und wollte auf dem Wasser fahren. Da bat seine Mutter ME'nis, ihm einen Kahn zu bauen. Der Großvater erfüllte ihre Bitte und machte ein Boot aus Seelöwenfell. Da freute sich Hē'meskyas, bestieg den Kahn und spielte damit auf dem Wasser. Bald aber kam er wieder zurück und schrie: »Ich will mit der kleinen Kiste dort spielen.« Diese hing oben an einem Dachbalken des Hauses, und der Großvater bewahrte das Tageslicht darin auf. Da schalt ihn die Mutter und sprach: »Du schlechter Bube, du bist ja gar nicht wie andere Kinder; alles willst du haben. Diese Kiste bekommst du nicht.« Da schrie der Knabe noch mehr und ließ sich gar nicht beruhigen. Endlich erlaubte der Großvater seiner Tochter, die Kiste ein wenig herunterzulassen, damit der Enkel sie sehen könne. Dieser war aber damit noch nicht zufrieden und ertrotzte sich endlich die Erlaubnis, mit der Kiste zu spielen. Er nahm sie mit in den Kahn und fuhr sie auf dem Wasser umher. Bald aber kehrte er nach Hause zurück. Am folgenden Tage schrie er wieder, bis er die Kiste hatte. Er setzte sie in den Schnabel des Bootes und fuhr damit ins weite Meer hinaus. Dort öffnete er sie ein wenig. Als die Mutter, die ihn beobachtet hatte, dieses sah, rief sie ME'nis zu: »O siehe, was für Schlechtigkeiten jener treibt!« Als er den Kasten noch mehr öffnete, fuhr die Sonne heraus und erleuchtete die Erde.


  • Literatur: Boas, Indianische Sagen, S. 208.

3. Sagen der Tsimschian.


a) Das Tageslicht befand sich im Hause des Häuptlings in einer ME genannten Kiste, die wie ein Wespennest aussah. Der Rabe stahl diese auf die öfters erzählte Weise und flog damit zur Mündung des Nass River, wo viele Menschen mit Fischen beschäftigt waren. Er bat sie um etwas Fisch. Als sie ihm denselben aber viermal verweigerten, obwohl er gedroht hatte, es Tag werden zu lassen, zerbrach er die Kiste, und es wurde Tag. Da erhob sich ein starker Ostwind, der die Boote nur Flußmündung trieb. Tqē'msem sah nun, daß die Fischer große Kröten waren, die in Steine verwandelt wurden, welche man noch heute an der Flußmündung sehen kann.


b) Im Anfange waren die Frösche die Herren der Erde und lebten glücklich in dem damals herrschenden Dunkel. Einst kam Tqē'msem, der Rabe, und bat sie um etwas zu essen. Sie aber schlugen seine Bitte ab und sagten: »Du Tor, wir wollen dir nichts geben.« Da ward Tqē'msem böse und dachte nach, wie er sich rächen könne. Er wußte, daß die Frösche das Tageslicht nicht vertragen konnten, und ging deshalb, um die Sonne und das Tageslicht zu rauben. (Hier folgt die gewöhnliche Geschichte.) Er kam nun wieder zu den Fröschen und sprach: »Gebt mir etwas zu essen! Wenn ihr es nicht tut, mache ich sogleich Tageslicht.« Sie verlachten ihn und sagten: »Glaubst du, wir wüßten nicht, daß ein großer Häuptling[509] das Tageslicht hat?« Um sie zu überzeugen, ließ er das Licht ein wenig unter seinen Flügeln hervorschauen. Die Frösche aber glaubten, er wolle sie nur täuschen, und versagten ihm die erbetene Nahrung. Da machte er den Tag, und die Frösche krochen in die Dunkelheit zurück.


  • Literatur: Boas, Indianische Sagen, S. 276.

Zu S. 119.


Sage der Chibchas (Neu-Granada).


Das Licht war ursprünglich in einem großen Behälter verborgen. Als dieser sich öffnete, flogen große, schwarze Vögel heraus, welche die Strahlen der Sonne über die ganze Welt hintrugen.


  • Literatur: Waitz, Anthropologie 4, 361.

Zu S. 127.


Estnische Sage.


Es war noch zu der Zeit, als alle Bäume und Tiere sprechen konnten. Damals hatte der Hahn einen goldenen Kamm, gleich einer Krone, auf dem Kopfe. Jedesmal wenn er sich Nahrung vom Boden suchte, legte er die Krone ab und setzte sie zur Nacht wieder auf. Der Hahn lebte mit seinen Hühnern damals im Walde. Eines Morgens hatte er wieder seine Krone auf einen Baumstumpf im Walde gelegt und ging selbst sich Futter suchen. Der König war, um zu jagen, in den Wald gegangen und fand die goldene Krone des Hahnes. Er setzte sie sich aufs Haupt, glücklich über den wunderbaren Fund. Der Hahn fand am Abend seine Krone nicht mehr und mußte für immer auf sie verzichten.

Seit der Zeit tragen die Könige Kronen. Der Hahn muß aber mit seinem roten Kamm, der ihm zur Befestigung der goldenen Krone gedient hatte, zufrieden sein.

Die Hühner aber sind von der Zeit an furchtsam geworden, sie gehen nicht mehr in den Wald, auch fliegen sie nicht mehr hoch. (Kirchspiel Neuhausen.)


  • Literatur: Aus d. hdschr. Nachl. von J. Hurt.

Zu S. 128.


Aus Estland.


a) Nachdem Gott die Vögel erschaffen hatte, ließ er sie alle um die Wette fliegen, und wer am schnellsten flog, erhielt die schönste Singstimme, und wer am langsamsten flog, erhielt die häßlichste Singstimme. Das Huhn und die Schnepfe waren auf gleiche Stufe gestellt. Nun sollte nur noch entschieden werden, wer das Recht, mehr Eier zu legen, bekommen sollte. Zu dem Zweck wurde ein Nest auf einen Baum gelegt; wem es gelingen sollte, früher aufs Nest zu fliegen, der erhielt das Recht, mehr Eier zu legen. Beide flogen zuerst gleich schnell, dann kam die Schnepfe dem Huhn voraus.

Als sie ganz nahe beim Nest waren, rief das Huhn: »Hütt, hütt, kae taadö, mis sull tah hanna küleh ribah om?« (Schnepfe, sieh zurück, was hängt dir am Schwänze?) Während die Schnepfe ihren Schwanz besah, flog das Huhn aufs Nest. Deswegen legt auch das Huhn 150 bis 200 Eier im Jahr, während die Schnepfe nur ein paar Eier im Jahr legt. (Kirchsp. Neuhausen.)


b) Vor alters hatten die Menschen keine Hausvögel. Da wollten sie sich gerne Hausvögel ziehen, wußten aber nicht, ob sie das Hahn oder die Waldtaube zum[510] Hausvogel machen sollten. Weil das Huhn größer und schöner war, wurde es schließlich der Taube vorgezogen. Aber das Huhn legte damals nur zwei rauhe, schorfige Eier, während die Taube sechs schöne, goldig-gelbe Eier legte. Die Taube war jeden Tag bei dem Weibe und überredete sie, das Huhn in den Wald zu jagen und statt dessen sie, die Taube, zum Hausvogel zu machen. Schließlich glaubte das Weib auch, daß die Taube nützlicher sei, als das Huhn, trieb das Huhn in den Wald und schickte das Mädchen, die Taube zu holen. Das Mädchen fand aber die Taube nicht, denn dieselbe war aufs Erbsenfeld gegangen. Das Huhn weinte im Walde bitterlich und klagte, es könne nicht hoch fliegen und werde von den Tieren und Raubvögeln im Walde gefressen, weil es ihnen nicht entfliehen könne, und somit sterbe sein ganzes Geschlecht aus. Diese Klage hörte der Star und sagte: »Nimm die sechs schönen Eier der Taube für dich und hol' deine zwei häßlichen an ihre Stelle.« Nun war das Huhn froh. Es holte schnell seine zwei rauhen Eier und legte sie ins Nest der Taube, und die Taubeneier nahm es mit. Eifer süchtig hütete es nun die Taubeneier in seinem Nest und wagte weder bei Tag noch bei Nacht das Nest zu verlassen. Dabei flehte es unablässig den Altvater an, daß er ihm auch solche schöne, goldfarbige Eier gebe. – Und o Wunder! nach drei Wochen hatte das Huhn aus den Taubeneiern sechs schöne, junge Hühnerküchlein ausgebrütet. Gott hatte seine Bitte erhört. Und das Huhn legte von nun an auch so schöne, goldfarbige Eier, und nicht nur sechs, sondern mehr.

Die Waldtaube klagt aber noch heute im Walde: »Huu, huu, huu, huu, mull ali kuus kullast muna, kanal kaks kärnäst muna, tühja!« (»Ich hatte sechs Goldeier, das Huhn zwei rauhe Eier, tühja!«) (Kirchsp. Saarda.)


  • Literatur: Aus d. hdschr. Nachl. von J. Hurt.

Zu S. 129 (auch zu S. 324 f.).


Kroatische Sage.


Die Hunde waren einst an den Füßen zottig. Der Hase und der Hund hielten von jeher große Freundschaft. Einmal hütete der Hund die Schweine seines Herrn und sagte zum Hasen: »Komm her, ich bitte dich, und treibe die Schweine nach Hause, ich bin schon müde!« Der Hase antwortete: »Wie kann ich das machen, wenn ich nacktfüßig bin?« Der Hund nahm seine Schuhe und gab sie dem Hasen; freilich sollte er sie zurückgeben. Als aber der Hase die Schweine nach Hause getrieben hatte, gefielen ihm die Schuhe so, daß er sagte: »Schau, ich werde fliehen, willst du die Schuhe wiederhaben, so mußt du mich fangen!« Der Hase floh, der Hund lief ihm nach, aber er war nacktfüßig, und der Hase ist entkommen und hat sich auf dem Berge verborgen.

Von jener Zeit an sind die Hasen auf den Füßen zottig, und die Hunde sind barfüßig, und seit dieser Zeit leben auch der Hund und der Hase in ewiger Feindschaft.


  • Literatur: Zbornik za nar. žibot i običaje južnich Slavena, XII, S. 151.

Zu S. 133.


Aus Serbien.


Der eine fragt: »Was sagen die Vögel im Walde, wann wieder warmes Wetter kommt?« Der andere antwortet: »Wie kann ich das wissen, wenn ich die Vögelsprache nicht verstehe!?« »Und du kennst vielleicht den Vogel Brcgel, wie er ruft? Ruft er die Katze?« »Und wie soll er sie rufen?« »Nu, so: ›míc-míc-míc-dûžen‹ (mic-mic-mic-schuldig!), denn solange er so ruft, so lange dauert der Winter.« – Und warum ruft dieser Vogel so? Was ist ihm die Katze schuldig?

[511] So erzählten uns schon unsere Großväter, daß einmal schlechte Jahre waren: Aber schon vor dieser Zeit sammelten die Vögel und andere Tiere viel Korn zum Vorrate; nur die Katze schlief immer, wie sie noch heute schläft. Nun, da kam aber der Hunger, und die Katze ging auch, das Futter zu suchen. Sie kam zum Brcgel und bat ihn um ein bißchen Futter. Brcgel hatte genug, und deswegen konnte er ihr einen Teil seines Vorrates leihen; die Katze aber gab nie mehr ihre Schuld zurück. Deshalb ruft der Brcgel jeden Winter und wartet, daß die Katze ihm sein Getreide zurückbringt.


  • Literatur: Zbornik za nar. žibot III, 90.

Zu S. 139, Nr. 42.


Aus Nord-Böhmen.


Man erzählt, daß Wiedehopf und Kuckuck einmal ein Pferd zusammen kaufen wollten; der Wiedehopf ging in die Stadt, nach seinem Brauche zuerst ins Gasthaus, wo er das ganze Geld verpraßte. Abends kehrte der Wiedehopf in den Wald zurück, aber er wich dem Kuckuck aus. Er schämte sich. Und von jener Zeit an sucht ihn der Kuckuck und immer ruft er: »Kup kŭŭ (kaufe das Pferd!), und der Wiedehopf, sich schämend, verspricht von der Ferne: »Du-du-du!« (Ich gehe-gehe-gehe!) Und doch geht er nicht.


  • Literatur: Ceský lid, VIII, 711.

Zu S. 144.


Kirgisische Sage.


Früher hatten die Kazaks, d. h, die Kirgisen, nur Ochsen; Pferde kannten sie nicht. Sie schmückten die Ochsen an Hörnern und Schwänzen mit Eulenfedern und ritten sie. Es floß etwas aus des Ochsen Nase, und die Leute baten Gott, und er machte ihnen das Pferd aus Wind. Der Wind erhob sich in einer Staubwolke, und eine Herde Pferde galoppierte daher. Die Leute ließen Kuh und Pferd wettlaufen, die Kuh lief voran, und das Pferd kam hinterher. Sie wurden beide müde und wollten trinken. Die Kuh lief zuerst zum Loch des Murmeltieres und fragte es: »Stinkendes Murmeltier, wo gibt es Wasser?« Das beleidigte Murmeltier zeigte ihr stinkendes, stehendes Wasser und sagte: »Da ist Wasser, stinkende Kuh.« Die Kuh trank und lief ein Stück weiter. Dann kam das Pferd und fragte: »Djupar(?) Murmeltier, wo ist Wasser?« »Dort ist Wasser, Djupar Pferd,« sagte das Murmeltier und zeigte ihm gutes, klares, köstliches Wasser. Da die Kuh schlechtes Wasser getrunken hatte, konnte sie nicht schnell laufen, und das Pferd kam zuerst an.


  • Literatur: Folklore Journal 3, 319.

Zu S. 156.


1. Variante der tschuwaschischen Sage.


Im Anfange hieß Keremet der Erstgeborene des höchsten Gottes, doch die Menschen, von dem Schaitan überredet, erschlugen Keremet, welcher auf einem prachtvollen, mit weißen Rossen bespannten Wagen die Erde befuhr und Glück, Fruchtbarkeit, Reichtümer mit freigebiger Hand austeilte. Um den Mord vor dem höchsten Gott zu verbergen, verbrannten dann die Menschen den Leichnam und zerstreuten die Asche nach allen Windrichtungen. Wo diese Asche auf die Erde Erde fiel, entwuchsen ihr Bäume, und in ihnen entstanden zahllose Keremet, welche jetzt an den Menschen Rache nehmen.


  • Literatur: Globus 63, 321.

2. Sage der Jakuten (aus Kreis Verchojansk).


Man sagt, daß zu zweien waren ein Vögelchen und ein Vielfraß (womit hier[512] kein Tier, sondern volkstümlich-metaphorisch ein Mensch gemeint ist). Sie lebten vereinigt (in Kameradschaft). Hitze trat ein. »Ich schwitze so stark, daß ich mich wundgerieben habe,« sagte der Vielfraß. – »Bade dich rein,« sagte das Vögelchen. – »Werde ich aber nicht ertrinken im Wasser?« – »Halte dich am Grase (Riedgrase)!« – »Wird es mir aber nicht die Hand zerschneiden?« – »Zieh' Fausthandschuh an.« – »Werden aber die Fausthandschuhe nicht naß werden?« – »Nimm sie heraus und trockne sie.« – »Werden sie denn trocknen und nicht brechen?« – »Knete sie.« – »Wie kann ich sie denn kneten?« – »Hämmere sie mit dem Hammer.« – »Wie das? Werden sie nicht zerreißen?« – »Näh5 sie dir zu.« – »Wird aber die Nadel nicht den Finger stechen?« – »Setz' dir einen Fingerhut auf.« – »Welch Verdrießlicher! Was sollen alle diese Worte! Ich werde dich ja aufessen!«

Mit diesen Worten ergriff der Vielfraß das Vögelchen und steckte es an einen (eisernen) Bratspieß.

»Vielfraß, ich bin gar, bin gar! Dreh' um, dreh' um!« sagte das Vögelchen.

Der Vielfraß drehte es um.

»Vielfraß, ich bin gar, bin gar; iß auf, iß auf!«

Der Vielfraß nahm das Vögelchen, schluckte es ganz hinunter und begann den Bratspieß abzulecken.

»Ich bin verfault, bin verfault! Wirf mich aus!« sagte das Vögelchen, das Innere des Vielfraßes zerkratzend.

Der Vielfraß trat daraufhin zu einem Baumstumpf. – »Hund des Vielfraßes, komm, friß auf, sonst vertrockne ich,« sagte das Vögelchen.

Der Hund kam, verschluckte es auf einmal. – »Hund des Vielfraßes-Viel-Vielfraßes, ich bin verfault, wirf mich aus!« sagte das Vögelchen im Innern des Hundes. Der Hund trat zu einem Baumstumpf.

»Wie gut es doch dem Sündlosen ergeht! So liege ich bis jetzt da, die Sonne sehend!« sagt-liegt, schaut (das Vögelchen) ohne die Augen zu schließen.

»Pfui! Was hat dieser Teufel nicht alles für Worte! Ich will es dir schon geben!« sagte der Vielfraß, riß einen ganzen Strauch mit der Wurzel heraus, und alle Kraft zusammennehmend schlug er auf den Hundekot. Hierbei, sagt man, flog der Hundekot als verschiedene Vögelchen mit dem Gezwitscher: »čalyb!« in alle vier Himmelsrichtungen auseinander.

Der Vielfraß schaute auf den Himmel. »Was stellt der Teufel nicht alles an!« sagte er.


  • Literatur: Chudjakov, S. 239 f. (wortgetreu übers. von Herrn A.v. Löwis).

Zu S. 163.


Sage der Onondaga-Indianer.


Ein ungeheurer Moskito plagt das Fort Onondaga, indem es den Menschen das Blut aus dem Körper saugt. Am Ende besucht Tarongawago – der »Himmelstützende« – den Indianerkönig zu Onondaga. Der große Moskito erscheint wie gewöhnlich und wird von ihm angegriffen. Nach einer Jagd, die mehrere Tage dauert, fangen die Kräfte des Moskitos zu sinken an. Tarongawago jagt ihn bis an die Ufer der großen Seen (Superior u.a.). Zuletzt erreicht er ihn und tötet ihn unweit des Salzsees Onondaga. Aus dem Blute des getöteten Moskitos wurde eine Myriade kleiner Moskitos.


  • Literatur: Am Urquell 4, 131 = Emerson, Indian Myths, S. 103.

[513] Zu S. 164.


Sage der Dènè Peaux-de-lièvre.


Ein Ungeheuer wird in Stücke geschnitten von einer Zauberin. Kleine Fleischstückchen fliegen dabei bis zum Himmel, wo sie sich verwandeln in Waldschnepfen. »Weh! weh! weh!« riefen sie mit klagender Stimme. Seitdem hört man die Waldschnepfen des Nachts seufzen, aber man kann sie nicht sehen.


  • Literatur: Petitot, S. 184.

Zu S. 170.


Zum Ungeziefer aus einem Drachenkopf vgl.:


  • Literatur: Bezsonov, kalĕki perechožije II, 510 (russ. Lied).
    Karavelov, Pamjatniki narodn. lyta bolgar 212–213. Dozon, Chants popul. bulgares Nr. 14. Mednyánsky, Erzählungen, Sagen und Legenden aus Ungarns Vorzeit (Pesth 1829), p. 457–460. Schott, Walach. Märchen 284/5.

Zu S. 171 ff.


Aus Estland.


a) Ein Mann fütterte sein Pferd wohl tüchtig, aber es blieb immer mager. Endlich ließ er es im Walde laufen und sagte: »Presse dich der Wolf oder hole dich der Teufel!«

Nach einem Jahr ging der Mann durch den Wald und erblickte dort sein Pferd, welches schön und kräftig geworden war. Er fing das Pferd. Plötzlich trat ein Herr zu ihm und fragte: »Wessen [Pferd fängst du?« – »Mein eigenes Pferd,« sagte der Mann. Der Fremde: »Nein, das Pferd gehört mir. Erinnerst du dich nicht, wie du es vor einem Jahre mir versprachst? Willst du das Pferd aber dennoch behalten, so kannst du es, wenn du mir versprichst, drei meiner Leute in den Feiertagen zu füttern.«

Der Mann versprach es und erhielt das Pferd.

Die Feiertage kamen, und die drei Männer kamen und verlangten zu essen. Doch soviel man ihnen auch gab, sie wurden nie satt und verlangten immer mehr. Nun war der arme Mann in Verlegenheit, er hatte bald nichts mehr zu essen. Am Abend kam ein Bettler zu dem Mann und bat um ein Nachtlager. Der Mann versprach ihm unter der Bedingung ein Nachtlager, daß er ihn lehre, wie er die drei Fremden sättigen solle. Der Bettler versprach es.

Als am anderen Morgen der erste Fremde wieder eintrat und Essen verlangte, schlug der Bettler ihn mit einem Knüttel und sagte: »Du kannst auch zwischen dem Ofen leben und dort essen!« Sofort wurde aus dem Mann eine Schabe. Der zweite Mann kam. Er schlug ihn auch mit dem Knüttel und sagte: »In den Gebäuden sollst du leben und essen von hier und von da!« Er wurde zu einer Maus. Dem dritten Mann sagte der Bettler: »Du lebe von allerlei Überbleibseln und von den beiden ersten.« Der dritte Mann wurde eine Katze. Seitdem haben wir Schaben, Mäuse und Katzen. (Aus Werro.)

b) Ein armer Mann pflügte auf dem Felde. Sein Pferd war so abgemagert und schwach geworden, daß es bald keine Kraft mehr zum Pflügen hatte. Vergebens hatte der Mann es dazu gezwungen. Endlich ließ er das Pferd laufen und rief ihm noch ärgerlich nach: »Der Teufel mag mit dir pflügen, ich tue es nicht mehr. Suche dir den Teufel zum Herrn!«

[514] Nach ein paar Wochen ging der Mann in den Wald; er wollte sehen, ob sein Pferd noch am Leben sei. Wie erstaunte er, als er das Tier schön, rund und kräftig wiedersah! Doch als er das Pferd fing und fortbringen wollte, sprangen plötzlich drei schwarze Männer aus dem Grase hervor und riefen, das Pferd gehöre ihnen. Sie versprachen, das Tier ihm zu lassen, wenn er nach einem Monat dem einen Manne eine große Tonne Mehl verspreche, dem anderen eine Tonne Fleisch, dem dritten eine Tonne Blut. Der Mann versprach es und konnte mit dem Pferde nach Hause ziehen.

Wie in anderen Märchen. Den Abend vor Ablauf des Monats kommt ein Bettler ins Haus des Mannes, bittet um Nachtlager. Sie legen sich alle schlafen. Der erste schwarze Mann klopft an. Es hört nur der Bettler das Klopfen, fragt nach dem Begehr und sagt, er finde in der Vorratskammer sein Mehl. Der schwarze Mann verwandelt sich in eine Ratte. Der zweite wird vom Bettler auch in die Vorratskammer geschickt und verwandelt sich in eine Katze. Dem dritten Mann sagt der Bettler: »Komm herein! Sieh, dort im Bett liegt der Mann, von dem du deine Blutschuld dir holen kannst.« Der dritte schwarze Mann verwandelt sich in eine Wanze.

Der Bettler war Gott selbst, der Maus, Katze und Wanze entstehen ließ zur Strafe, daß der Mann mit dem Teufel verhandelt hatte. (Kirchsp. Neuhausen.)


  • Literatur: Aus d. hdschr. Nachl. von J. Hurt.

Zu S. 175.


Sage der Cherokee.


Im Anfang wurden alle lebendigen Tiere in einer Höhle versperrt. Eines Tages aber drang ein ungehorsamer Jüngling in die Höhle ein und ließ die Tiere los. Da wurde sein Vater sehr böse auf ihn und stieß mit dem Fuße den Deckel eines Topfes weg, woraus alle Art Wanzen, Mücken, Läuse u. dgl. herauskrochen und flogen. Auf diese Weise entstand alles Ungeziefer.


  • Literatur: Mooney, Journ. of Amer. Folklore 1, 97.

Zu S. 177.


Aus Estland.


Nachdem Gott alle Tiere erschaffen hatte, gab er jedem Tier auch irgendeine Waffe, mit welcher er sich anderen Tieren gegenüber verteidigen konnte. Nur das Schaf war ohne Waffe geblieben, deshalb hatte es, als noch alle Haustiere im Walde lebten, sehr viel von anderen wilden Tieren zu leiden. Als dem armen Schafe das Leben zu schwer wurde, ging es zu Gott, klagte über sein Leben und bat, es etwas zu erleichtern.

Gott sagte: »Ja, mein frommes Tier, ich sehe, ich habe dich ohne Waffe gelassen. Wähle selbst! Soll ich dir große Zähne oder furchtbare Krallen an die Füße oder Gift in den Mund schaffen?« Das Schaf fing an zu weinen, als es solche Worte Gottes hörte: »Nein, nein! Ich will kein wildes, reißendes oder giftiges Tier werden, lieber bleibe ich ein frommes Schaf, das niemandem einen Schreck einjagen kann.« Gott fragte: »Soll ich dir denn Hörner an Stirn oder Nase schaffen, damit du dich mit ihnen verteidigen kannst?« – »Nein, auch das nicht,« sagte das Schaf, »ich könnte dann jemandem Schaden tun oder womöglich jemand unversehens töten.« – »Du mußt ja auch töten können,« sagte Gott, »wenn du dein Leben schützen willst.« Aber das Schaf seufzte und sprach, es wolle gern selbst schuldlos sterben, als einen andern schuldlos töten.

[515] Solche Rede des Schafes gefiel Gott. Er segnete das fromme Tier und sagte: »Lebe bei den Menschen. Sie werden dich mit Freuden schützen und nähren, wie im Sommer, so im Winter, als ein frommes, nützliches Tier.«

Das Schaf dankte seinem Schöpfer, kam zu den Menschen und ward so das erste Haustier. (Aus Pleskau.)


  • Literatur: Aus d. hdschr. Nachl. von J. Hurt.

Aus Dänemark.


Da jeder Vogel seine Stimme erhielt, fragte der Schöpfer den Star, wie er am liebsten singen möchte. »Wie Kuckuck, wie Lerche, wie Nachtigall, wie ...!« und fuhr auf diese Weise fort, bis Gott ihm in die Rede fiel und ihm sagte, daß er wegen seiner Begierde sich mit der Nachahmung vom Gesang anderer Vögel begnügen müsse.


  • Literatur: Kristensen, Folkeminder VIII, 372. 662.

Zu S. 180.


Aus Estland.


Gott schuf ins Meer viele Tiere, welche alle an den Ufern einen Krieg geführt haben.

Der alte Böse wollte auch solche Tiere schaffen, welche im Meere leben und auch an den Ufern sein konnten. Als Gott die Tiere des Teufels sah, rief er seine Ufertiere alle aus dem Meer ans Ufer und ließ sie einen Krieg gegen die Tiere des Teufels führen. Gottes Tiere waren stärker, sie besiegten alle Tiere des Teufels und verschlangen sie. Wie die Tiere des Teufels ausgesehen haben, das weiß kein Mensch mehr, denn sie wurden alle von Gottes Ufertieren oder Fischen, wie sie später genannt wurden, vernichtet.

Der stärkste Fisch, welcher am siegreichsten gekämpft hatte, war der Hecht. Seine Tapferkeit zu ehren, hat Gott ihm in seine Wangen, neben die Augen, zwei Kreuze gestellt. Zur Erinnerung der Waffen soll Gott dem Hecht auch einen langen Spieß in den Kopf gesteckt haben. Nach diesem Kriege hat Gott den Fischen die Erlaubnis gegeben, alle Tiere des Teufels im Wasser anzugreifen und zu verschlingen, ohne deswegen ans Ufer zu kommen. Darum kommen die Fische jetzt nicht mehr ans Ufer. Diejenigen Fische, welche die Menschen im Bauch eines Fisches finden, werden als unrein und als Fische des Teufels angesehen.

Wie die Fische Gottes den Krieg siegreich beendet hatten, kam Gott ans Ufer zu ihnen, um zu sehen, ob auch niemand von seinen Tieren Schaden genommen hätte, und um die Tapferen zu belohnen.

Unter die einen teilte Gott goldene Kleider aus, unter die anderen silberne Hemden.

Aber den Krebs sah Gott nirgends, und Gott fragte: »Wo ist der Krebs?« Der Krebs war aber hinter dem Rücken Gottes so, daß er mit dem Kopf zum Meere und mit dem hinteren Teil des Körpers zum See war. Und der Krebs schrie laut: »Hast du die Augen hinten, daß du mich nicht siehst!« Solch eine freche Antwort ärgerte Gott und er sagte: »Deine freche Aussage soll sich an dir selbst verwirklichen!« Und der Krebs wollte, wie er mit dem Kopf zum Meere stand, ins Meer gehen, aber siehe! statt ins Meer zu kommen, kam er in den See, denn er hatte seinen Kopf jetzt hinten.

Seit der Zeit lebt der Krebs auch in den Landseen und nicht im offenen Meer, und muß immer rückwärts gehen.

[516] Nach den Fischen hat Gott die Vögel erschaffen. Nur die Schwalbe und den Kuckuck nicht, diese beiden sind später geschaffen worden. Den Vögeln gab Gott teils den Wald und teils das Wasser als Aufenthaltsort, und teils blieben sie ohne Aufenthaltsort. Diese haben die Menschen sich als Zimmervögel genommen. Und wieder wollte der Teufel Gott reizen und schuf ebenfalls Vögel. Gottes Vögel vernichteten aber auf Gottes Befehl alle Vögel des Teufels. Wie die Vögel des Teufels ausgesehen haben, weiß man nicht mehr.

Auch die Vögel hat Gott jeden nach seiner Tapferkeit belohnt.

Der Kiebitz erhielt von Gott eine Feder auf den Kopf, welche einem Schwerte ähnlich sein soll, weil der Kiebitz gut das Schwert beim Kampf gebraucht haben soll. Viele Vögel haben von Gott schönen Schmuck erhalten, einige haben seidene Hemden und andere goldene Kleider erhalten. Der Specht bekam von Gott ein schönes, buntes Halstuch.

Der Rabe ist aber früher schneeweiß gewe sen. Von der Zeit an, wo die ersten jungen Mädchen ihre Keuschheit und ihr Schamgefühl verloren haben sollen, soll der Habe auch sein weißes Gefieder verloren haben und soll schwarz geworden sein. Nur unter dem linken Flügel soll der Rabe noch eine weiße Feder haben. Wer sich diese Feder aneignen kann, ist der glücklichste Mensch auf Erden, denn er kann mit dieser Feder alles erlangen, was er sich wünscht, und wird ewig leben können.

Nur ist diese weiße Feder des Raben fast unmöglich zu erlangen. Der wunderbar kluge Vogel weiß es immer voraus, wenn jemand die Absicht hat, seine weiße Feder zu rauben oder ihn zu töten. Auch wenn er eines natürlichen Todes sterben sollte, so weiß er den Tod voraus. Drei Tage vor seinem Tode ißt der Rabe seine weiße Feder selbst auf.

Auch soll es einen Stein des Raben geben, der ebenfalls eine wunderwirkende Kraft haben soll. Wer den Stein erlangen will, soll am Maria Verkündigungstage vor Sonnenaufgang mit geschlossenen Augen ein Rabennest aufsuchen, die Eier nach Hause bringen, sie kochen und wieder zurücktragen. Findet der kluge Rabe die Eier unbrauchbar zum Ausbrüten, so holt er sich von dort, wo Erde und Himmel sich berühren, den weißen Wunderstein. Wenn er mit diesem Steine die gekochten Eier berührt, so sind sie wieder zum Ausbrüten brauchbar.

Vordem er die Eier berührt, muß der Mensch den Stein erfassen, denn gleich darauf schluckt der Rabe den Stein unter, und dann wird der Stein im Magen des Raben gleich zu Wasser. (Ösel.)


  • Literatur: Aus d. hdschr. Nachlaß von J. Hurt.

Aus Afrika.


Nzambi hatte dem Taschenkrebs schon Körper und Beine gegeben und versprach ihm einen Kopf für den nächsten Tag. Da lud der Taschenkrebs alles um ihn her ein, mitzukommen und zu sehen, wie Nzambi ihm den Kopf aufsetzen würde. Und als sie alle da waren, fühlte er sich so stolz, daß er kaum laufen konnte. Da tadelte ihn Nzambi wegen seines großen Stolzes und sagte allen, die anwesend waren, daß er dem Taschenkrebs keinen Kopf geben würde, als Warnung, daß sie nicht auch so eitel würden. Und wenn nun der Taschenkrebs sehen will, wohin er geht, muß er seine Augen aus dem Körper heraus aufschlagen.


  • Literatur: Dennett, Folklore of the Fjort, S. 123 f.
    Ebd. folgende Variante: Nzambi, die Göttin, wurde zu einem Palawer gerufen. Während sie dort war,[517] hörte sie, wie jemand die Trommel ihres Dorfes schlug. Sie schickte das Schwein hin, um zu erfahren, wer dies getan hätte; aber das Schwein sah niemand. Darauf gingen sie alle hin, versteckten sich in der Nähe und sahen, wie der Taschenkrebs aus dem Wasser kam und sang: »O, Nzambi ist auf den Berg gegangen und hat mich hier allein gelassen.« Da stürzten alle aus ihren Verstecken und brachten den Taschenkrebs zu Nzambi. Diese tadelte ihn: »Du hast gehandelt wie einer, der keinen Kopf hat. Darum sollst du nun kopflos sein und von den Menschen gegessen werden.«

Zu S. 202.


Sage der Bornu.


Der Elefant und der Hahn bewarben sich, ohne es zu wissen, um dasselbe Madchen. Der Hahn pflegte sie bei Tage zu besuchen, mit Sonnenuntergang aber ging er stets davon. Wenn die Nacht hereingebrochen war, kam der Elefant. [Der Hahn entdeckt dies und pickt dem Elefanten, als er schläft, ein Auge aus. Der Elefant läßt durch den Löwen alle vierfüßigen Tiere im Walde zusammenrufen, damit sie gemeinsam das Schloß des Hahnes stürmen. Der Strauß warnt den Hahn. Dann rufen sie alle Vögel zusammen und erbitten deren Hilfe. Die Schlacht beginnt. Die Gazelle der Wüste und der Schakal fallen sogleich, vom Pfeil der Biene und vom Speer der Wespe durchbohrt, beim Vorrücken tot nieder. Als der Löwe, der die Angreifer führt, sich erschreckt umwendet, flieht das ganze Heer, und fast alle werden von den Vögeln getötet.]

Siegesfroh lagerten sich die Vögel an dem Ufer eines Sees mitten im Walde. Als der Habicht nun von dem Wasser des Sees trinken wollte, gewahrte er eine alte Kröte, die sich aus dem Getümmel des Kampfes dorthin geflüchtet hatte. Er wollte sie töten, der Piri1 aber sagte: »Nein, Habicht, töte die Kröte nicht! Sie hat aus Furcht vor uns Gott um Hilfe gebeten und sich dort im See verborgen, um uns zu entgehen. Laß sie leben!« Der Habicht gehorchte, und die Vogelschar brach auf.

Diesem Piri, der der Kröte das Leben gerettet, gab der Schöpfen zur Belohnung die Erlaubnis, seine Eier in verborgene Löcher zu legen, so daß sie keiner ihm nehmen kann. Seit jener Zeit heißt er der Loch-Piri, und während den andern Vögeln gar oft ihre Eier weggenommen werden, bleibt seine junge Brut stets am Leben.


  • Literatur: Bleek, Reineke Fuchs in Afrika, S. 126 (gekürzt) = Koelle, African Native Literature, S. 48.

Zu S. 222.


Indisches Jātaka.


Rebhuhn, Affe und Elefant leben an einem der heiligen Feigenbäume und wünschen, den ältesten unter ihnen zum Oberhaupt zu machen. Der Elefant sagt, daß er in seiner Kindheit den Baum als Busch gekannt habe, dessen Zweige ihm bis an den Bauch reichten, wenn er über ihn hinwegging. Der Affe konnte, wenn er in seiner Jugend auf der Erde saß, die obersten Schößlinge fressen. Das Rebhuhn aber erzählt, daß es einst Fliegensamen gegessen und sich an dieser Stelle entleert habe. Davon sei der Baum entstanden. Das Rebhuhn wird demgemäß das Oberhaupt der andern.


  • Literatur: Cowell, Jātaka 1, 93 f.; daselbst noch einige Parallelstellen.

[518] Zu. S 225.


Aus der Basse-Bretagne.


Als der Grünspecht nach Armorique kam, war er in Begleitung des Wiedehopfes. Er war sehr ermüdet, als er das Meer kreuzte, und wäre ertrunken, wenn der Wiede hopf ihn nicht mit seinen Rufen ermuntert hätte. Seitdem fliegt der Grünspecht von oben nach unten.


  • Literatur: Sébillot, Folklore 3, 167, Revue des trad. pop. = 18, 484. Vgl. oben S. 266.

Zu. S 227.


Sage der Zuñi.


Ein Mädchen stellt allen, die ihre Hand begehren, die Aufgabe, ein Kornfeld an einem Morgen zu mähen, schickt ihnen aber eine Unmasse Wasserflor-Fliegen, Moskitos usw., nach, um ihre Standhaftigkeit zu erproben. Einer dieser Bewerber reibt sich mit der Binde von Fingerwurzel ein, um die Insekten abzuschrecken. Eine Wasserflor-Fliege biß ihn, tanzte entsetzt in der Luft herum und rief ihren Gefährten zu, daß sie etwas Schlechtes gegessen habe. Seitdem nehmen sich die Wasserflor-Fliegen sehr in acht, wen sie beißen, und tanzen lange vorher in der Luft. Darauf versuchte eine Mücke es, schrie »Weh,« das hieß, ihr Magen habe sich umgedreht, und es wurde ihr so schlecht, daß sie in der Luft umhertaumelte. Darum stechen Mücken immer sehr schnell und taumeln vorher in der Luft hin und her. Zuletzt versuchte es ein Moskito, und da diese länger als andere Insekten am Körper hängen, hing er, bis seine beiden Hinterbeine sich ganz aus der Form gekrümmt hatten, aber dann ließ er endlich los, flog schnell davon und rief: »yá kotchi,« d.h. etwas Bitteres habe ihm das Maul ver brannt. Darum haben Moskitos in die Höhe gebogene Beine, die heben sie auf und ab, wenn sie beißen, als ob sie auf etwas Heißem ständen, und sie riechen vorsichtig umher und singen, ehe sie uns stechen, danach aber fliegen sie schnell fort.

Als nun die übrigen Mücken und Moskitos die Nachricht hörten, wagte keines mehr, den Jüngling zu beißen. Sie flogen fort und berieten, was sie tun sollten. Sie beschlossen dann, Präriehunde aufzusuchen, um diese zu stechen. Darum wird man im Sommer, wenn das Korn wächst, um die Höhlen der Präriehunde herum immer Wasserflor-Fliegen, Mücken und Moskitos finden.


  • Literatur: Cushing, Zuñi Folk Tales, p. 13.

Zu S. 233.


8. Aus Annam (Provinz Quangbinh).


Die Büffel hatten einst die Fähigkeit, zu sprechen. Nun schickte einmal ein Mann seinen kleinen Hirten auf das Feld, um einen Büffel zu weiden. Statt diesen Befehl auszuführen, band der Knabe das Tier an und ging fort, seinem Vergnügen nach. Als der Büffel abends nach Hause kam, beklagte er sich bei seinem Herrn über die schlechte Behandlung. Da ließ der Herr den kleinen Hirten durchprügeln. Traurig lief dieser aus dem Hause und setzte sich auf die Erde und weinte. Da stieg der Himmel selbst herab und fragte den Knaben, warum er weine. »Ich habe den Büffel auf der Weide festgebunden; er hatte jedoch Hunger, und beklagte sich bei meinem Herrn, der mich deshalb durchprügeln ließ.« Der Himmel fühlte Mitleid mit dem kleinen Hirten und gestattete seit der Zeit nicht mehr, daß die Büffel sprechen.


  • [519] Literatur: Globus 81, 303 mit der Bemerkung, daß diese Erzählung wohl von unglücklichen Hirten erfanden worden sei, die das ganze Jahr über auf dem Bücken ihres Büffels sitzen, im Winter vor Kälte, im Sommer vor Hitze verschmachten und zu Hause schlechter behandelt werden als die Tiere.

9. Aus Nordamerika (Sage der Tlatlasikoala).


O'maliqstē ward eines Morgens zornig auf die Kröten im Walde, welche ihn jeden Morgen störten. Er befahl ihnen, stille zu sein, und seitdem schreien sie nicht mehr.


  • Literatur: Boas, Sagen von der nordpacifischen Küste, S. 189. Parallelen zu dieser Sage bei Delehaye, Les legendes hagiographiques.

Zu S. 242.


[In der Umgebung des Donnerberges wohnen die Raubgötter (d.h. die als überirdisch angesehenen Raubtiere) mit ihren Müttern und Schwestern. Auf der Höhe des Berges lebt ein Dämon, der ihnen nachstellt, am Fuße des Berges haust ein Coyote. Da dieser gehört hat, daß die Raubgötter jedem, der ihren Feind umbrächte, eines ihrer Mädchen zur Heirat überlassen würden, so tötet er das Ungetüm durch List, reizt dann aber die Raubgötter durch ungebührliches Betragen und wird auch von der Schwester des Löwen, die er zu seinem Weibe begehrt, mißachtet. Am nächsten Tag geht er mit den Raubtieren auf die Jagd und erhält den Auftrag, ein Stück Wild seinem Weibe zu bringen. Er schlug einen steilen Weg ein.] Es brach aber, vom Geruch des Wildes angezogen, ein Schwärm von Bergschwalben auf ihn nieder. Als er diese abzuwehren suchte, verfehlte er den Fußpfad, kollerte schließlich mit seiner Ladung den felsigen Abhang hinunter und ward alsdann tot aufgefunden. Als die Jagd zu Ende war, kehrte die Gesellschaft zurück nach der Wohnung. Als der Coyote auch am nachfolgenden Tage nicht heimkehrte, wurde auf Anregung der Schwester eine Suche nach ihm angestellt. Man fand auch den Leichnam zerschmettert gerade unterhalb jener Wegtrennung. Kein ganzer Knochen war mehr an seinem Leibe als nur das Schädelbein. Der Löwe nahm nun ein Felsstück und zerschmetterte damit auch noch den Schädel des Coyote. Seit dieser Zeit wird jeder Coyote, wenn er ein Stück Wild unter einem Steinhaufen begraben sieht, danach schnüffeln und seine Nase hineinstecken, aber ebenso sicher wird ihm jemand dafür seinen Schädel einschlagen.


  • Literatur: Cushing, Zuñi Folktales p. 228 = Globus 81, 364.

Zu S. 243.


Aus dem Damaraland.


Als die Menschen und Tiere aus einem Baum herauskamen wie aus dem Schöße der Natur, war um sie herum schwarze Dunkelheit wie um Mitternacht. Ein Mensch zündete ein Feuer an, und da flohen alle Tiere und zerstreuten sich. Daher fürchten noch jetzt die Tiere das Feuer, und deshalb zünden die Menschen es um Mitternacht an, um sie zu verscheuchen.

Die Tiere fürchten den Menschen nur, weil sie wissen, daß er Feuer machen kann; und wäre dies nicht, so würde keins von ihnen fliehen.


  • Literatur: Folklore 3, 354.

Zu S. 259.


Der Kuckuck fliegt weg, wenn die Gerste geerntet wird.


  • Literatur: Sébillot, Folklore 3, 165 = Edg. Mac Cullock, Guernsey Folklore 506.

[520] Zu S. 261.


Kroatische Sage.


Rańak, ein kleines Vögelein, kam einmal zu Gott und sagte, daß er ein Faß Wein vergossen habe. »Auf welche Weise?« fragte Gott. – »Ich hackte mit dem Schnabel eine Traube,« antwortete ihm Rańak. »Wenn die Sache so steht,« sagte Gott, »so darfst du zur Strafe nie von Blatt zu Blatt fliegen.«

Deshalb kann man den Rańak nur im Winter sehen.


  • Literatur: Zbornik za narodni život i običaje jug. Slavena X, 1900, S. 206.

Zu S. 299 ff.


Aus dem Werke von Maksimov, Nečistaja, newědomaja i krestnaja sila (St.-Pet. 1903), S. 441 ff., teilt mir Herr A.v. Löwis folgende Ausführungen freundlichst mit:

Aus dem Heiligen der byzantinischen Kirche hat das russische Volk eine neue Gestalt geschaffen und ihr Taten und Züge beigelegt, die der kirchlichen Tradition fremd sind. Wenn der heilige Georg auch stets auf einem grauen Rosse, bewaffnet mit einem Speere, reitet und mit ihm den Drachen tötet, so verwundete er den russischen Legenden zufolge mit demselben Speere auch jenen Wolf, der ihm entgegenlief und sich mit den Zähnen in das Bein seines Bosses verbiß. Der blutende Wolf begann darauf in menschlicher Sprache:

»Warum schlägst du mich, wenn ich fressen will?«

»Willst du fressen, so bitte mich um Erlaubnis! Nimm dir jenes Pferd, es reicht dir auf zwei Tage.«

Diese Legende bezeugt den Volksglauben, daß jedes vom Wolfe zerrissene Tier diesem vom heiligen Georg zum Opfer bestimmt gewesen ist, denn der Heilige ist Anführer und Herr aller wilden Tiere des Waldes, und erklärt ferner den Ursprung des alten, weitverbreiteten Sprichwortes: Was der Wolf im Rachen hat, ist Georgs Gabe. Nichtsdestoweniger ist Georg auch der Beschützer des bäuerlichen Viehes2, der weidenden Herden, der streng darauf achtet, daß die Hirten ihre Pflichten erfüllen und die Unachtsamen unter ihnen bestraft. Darum ist auch der 23. April der Tag des ersten Austriebs der Herden auf das Feld und zugleich ein Feiertag der Hirten, an dem sie das bindende Versprechen geben, während der ganzen Weidezeit ihr Haupthaar nicht zu scheren, um die Wölfe von der Herde fernzuhalten.

Doch nicht nur Tiere allein, worüber noch mehrere Überlieferungen zu berichten wissen3, sondern auch Menschen fallen dem Wolfe zum Opfer,[521] wenn der heilige Georg es so bestimmt. Die Situation ist fast in allen Varianten4 die gleiche:


Ein Bauer flüchtet vor Georg und seinen Wölfen auf einen Baum und schaut von oben zu, wie der Heilige jedem seiner Begleiter sein Teil zuspricht: »Dir, Grauer, auf den Abend das Lamm, das dort liegt, und dir – das, und dir jenes.« Allen hatte er etwas gegeben, nur einem alten krummen Wolfe nicht. Aber nun wandte er sich an diesen und sprach: »Dir aber, Alter, jener Mensch, der auf der Eiche sitzt.« – Der Wolf bleibt nun unter dem Baume sitzen und wartet darauf, daß der Mensch heruntersteigen würde. Dieser aber beeilt sich damit so wenig, daß der Wolf die Geduld verliert und fortläuft.

Nun eilt auch der Mensch davon, sucht sich bei Holzhauern, seinen Gefährten, oder auf dem Ofen seines Hauses usw. zu verstecken, doch vergeblich, denn überall weiß ihn sein grauer Verfolger zu finden und frißt ihn auf.


Interessant ist ferner der Beleg für den Glauben, daß auch der in einen Wolf verwandelte Mensch, also wohl auch der eigentliche Werwolf, unter dem Schutz des Heiligen stehe. In einer Aufzeichnung aus dem Kreise Luck5 heißt es, daß Zauberer einen Mann auf ein Jahr in einen Wolf verwandelt hatten.


»Von Menschen und Hunden aus dem Dorfe gehetzt, lief er in den Wald, und als er etwas zum Essen wollte, erblickte er den heiligen Georg, der auf einem weißen Pferde ritt. Georg näherte sich ihm, blieb stehen und pfiff; da lief ein anderer Wolf herbei, zu dem der Heilige sagte:

›Nimm dich deines Kameraden an und geh ihm zur Hand, denn er ist noch unerfahren und kann sich nicht allein Nahrung verschaffen.‹«


Den Wölfen wird auch die Fähigkeit zugeschrieben, die Teufel fressen zu können, und das ist dem Volksglauben nach dringend notwendig, denn wenn der Donner sie [die Teufel] nicht erschlagen wurde und die Wölfe sie nicht fressen täten, so würden sie sich so stark vermehren, daß die ganze Welt nicht mehr sichtbar wäre.6

Über Ursache und Anlaß der Verbindung des Kirchenheiligen mit den Wölfen ist nichts bekannt. Der Glaube ist da, aber seine Wurzeln aufzudecken, ist bisher nicht gelungen.7 Abzuweisen sind natürlich Afanasjevs Spekulationen, nach denen Georg der Führer der mythischen Wolkenwölfe sein soll, die den Donnergott begleiten.8

[Ich möchte hier eine Ansicht aussprechen, die ich im einzelnen leider[522] nicht nachweisen kann. In Kirpičnikovs (unten Anm. 4, angeführtem) Werke findet sich, wie ich aus einer Inhaltsangabe im Arch. f. slav. Philologie ersehe, der interessante Nachweis, daß die ältesten Aufzeichnungen der Legende vom hl. Georg in der Form einer apokryphen Erzählung vorliegen, deren schon in den ersten Jahrhunderten des Christentums Erwähnung geschieht. Überblickt man nun die griechischen, lateinischen und slavischen Versionen der Legende (Kirpičnikov S. 1–39), so ergibt sich als Ursprungs- und Verbreitungsgebiet das byzantinische Reich, und man ist geneigt, die Legende für eine frühchristliche Umwandlung einer vielleicht griechischen, in Byzanz fortlebenden Tradition zu halten. Eine solche Tradition hat es, was die Beschützung der Herden und der Wölfe anlangt, in der Tat wohl von Apollo gegeben. Demselben Grotte, der die Viehzucht beschützt (Röscher, Lexikon der gr. u. röm. Myth. 1, Sp. 433), der bei Admet die Herden weidet, sind auch die Wölfe heilig gewesen. Hierüber vgl. Roschers Lexikon unter dem Worte Lykeios. Die Wölfe wurden freilich auch unter dem Schütze des Zeus (ebd. u.d.W. Lykaios und Lykoreus) und des Mars (ebd. Sp. 2430) gedacht.

Über Horos = Georg siehe Roschers Lexikon: Isis Sp. 432.

Die Abhandlung von R. de Block, Le loup dans les mythologies de la Grèce et de l' Italie ancienne (Rev. de l' instr. publ. en Belgique t. 20) ist mir zurzeit nicht zugänglich.]


Zu S. 309.


Angola-Sage.


Der Falke rettet Mädchen vor ihren Verfolgern; zum Dank bekommt er Hühner zu fressen. Und so blieb es. Der Falke, der Hühner fängt, fing sie nicht immer. Einst fraß er nur Heuschrecken und kleine Vögel. Erst seit diesem Vorfall fängt er Hühner.


  • Literatur: Chatelain, Folktales of Angola, p. 111 (gekürzt).

Zu S. 311.


Sage der Eskimos an der Beringstraße.


... Der Sohn des ersten Menschen wacht eines Tages auf, die Moskitos haben den ersten Hirsch, den er erlegt hat, gefressen. Der Mensch schilt sie dafür und sagt: »Preßt kein Fleisch mehr, freßt Menschen


  • Literatur: Nelson, Esk. about Bering Strait, 457.

Zu S. 343.


Aus Polen.


Zu der Hochzeit zu Kana (!) kam die Eule später als andere Vögel. Man gab ihr dennoch zu essen, worauf sie zum Tanz ging. Andere Vögel hatten bereits getanzt und wurden müde. Irgendein kräftiger Geier aber freute sich, daß er eine neue Tänzerin habe, und nahm die Eule. Aber die Eule war vollgefressen und begann Gestank zu verbreiten. Die Vögel schämten sich ihrer und fingen an, sie zu schlagen. Sie entkam kaum mit heiler Haut.

[523] Aber auch der Entkommenen trachtet man noch nach dem Leben, denn sie wird seit jener Zeit von allen Vögeln gehaßt.


  • Literatur: Zbiór wiadomósci do antropologji Krajowej V, 165, Nr. 73.

Zu S. 368.


Statt Wachtel ist Feldlerche (= alouette des champs) zu lesen.


Zu S. 375.


Lettische Sage.


Der Uhu entdeckt einer Mutter, daß ihre faule Tochter sie belogen hat. Da& Mädchen schleudert einen Stecken nach ihm. Er schreit vor Schmerz auf und klagt es noch heute.


  • Literatur: Lerchis-Puschkaitis IV, 64.

Lettische Sage.


Der Uhu prahlte einmal, wenn er schreien würde, so würden die Berge bersten. Diese Prahlerei mißfiel Gott, er verbot ihm, über dem Erdboden zu schreien; wenn er wolle, so möge er seinen Kopf in den Schlamm (Seegras, Schilf) stecken, dann könne er sich ausschreien. Deshalb, sagt man, stecke der Uhu noch heutigen Tages seinen Kopf in den Schlamm, wenn es ihm einfalle, zu jammern.


  • Literatur: Lerchis-Puschkaitis VI, 18.

Aus Belgien.


Im Sommer, wenn der Kurat mit seiner Wirtschafterin einen kleinen Spaziergang im Garten macht, so werden sie schnell von den Vögeln bemerkt, die neugierig, wie sie sind, alles erspähen, was geschieht, und die Meise, die von Natur neidisch und geschwätzig ist, fängt sogleich an zu rufen: »Zie di zwee! Zie die zwee!« (Sieh die zwei, sieh die zwei!) Darauf singt der Fink in spöttischem Ton: »Drink-schink-klink-Jesuit!« (Trinke, schenk ein, stoß an, Jesuit!) Die Eule aber, die diese Spaße nicht leiden mag, sagt mit geheimnisvoller Miene: »Ssst, Ssst!« Die Eule weiß zu schweigen, und darum darf sie auf dem Kirchturm wohnen.


  • Literatur: Revue des trad. pop. 10, 303. Vgl. Cock, Vlaamsche Vertelsels, S. 434.

Zu S. 378.


Serbische Sage.


Der Kuckuck ist aus einer Mutter entstanden, die neun Söhne hatte, die in kurzem einer nach dem andern gestorben sind. Sie weinte deshalb um sie Tag und Nacht, und nichts konnte sie trösten, bis endlich der liebe Gott sie aus Barmherzigkeit in einen Kuckuck verwandelt hat. (Er ruft deswegen »Ku-ku!« Also sie weint noch immer um ihre Söhne.)


  • Literatur: Zbornik za narodni život IV, 138.

Zu S. 381.


1. Albanesische Variante.


Die Nachteule (Gjon) hatte einen Bruder; der Bruder war Hirt, er selbst war Bauer. Einmal begab er sich nachts auf den Weg nach der Schäferei, um seinen Bruder zu besuchen; er nahm auch seine Waffen mit, um zu jagen. Als er halbwegs war, traf er seinen Bruder, der gleichfalls jagte. Er erkannte ihn nicht, daß es sein Bruder war, und so tötete er ihn. Als er dahin kam, sah er, daß es sein Bruder war. Er schrie auf und betete zu Gott, daß er ihn zu einem Vogel machen[524] und ihn in die öden Gegenden schicken sollte, damit er seinen Bruder sein Lebenlang beweine. Deshalb schreit er unaufhörlich: »Gjon!« (ruft den Gjon).


  • Literatur: Holger Pedersen, Zur albanesischen Volkskunde, S. 111.

2. Aromunische Sage.


Eine alte Frau betete zu Gott um Heilung für ihren todkranken Sohn namens Johann. Lieber wollte sie selbst sterben. Da schickte Gott einen Engel, der ihre Seele holen sollte. Aber die Alte besann sich und bestimmte den Engel, die Seele des jungen Mannes mitzunehmen. Nach dem Tode des Sohnes aber bereute sie ihren Entschluß. Sie vermißte den Heimgegangenen schmerzlich und bat zu Gott, sie in einen Vogel zu verwandeln, damit sie überall nach ihrem Sohne suchen könne. Ihr Gebet wurde erhört: sie wurde zu einer Eule, die während der schönen Frühlingsnächte beständig »G'on! G'on!« ruft (d.i. auf deutsch: Johann! Johann! Und so heißt dieser Vogel auch im Aromunischen).


  • Literatur: Papahagi, Basme Aromâne (Bucuresti 1905) 23.

3. Neugriechische Sage. (Aus Gortynia.)


Eine Witwe hatte neun Söhne und eine Tochter. Der jüngste Sohn war Kaufmann, machte große Reisen und verkaufte seine Waren. Dorthin wollte er seine Schwester verheiraten, damit er ein Absteigequartier hätte. Seine Mutter aber wollte sie nicht in die Fremde geben, doch sie drang nicht durch. Nicht lange, nachdem die Tochter verheiratet war, starben die neun Brüder. Da fluchte die Mutter den ganzen Tag ihrem jüngsten Sohne. Da stieg der Sohn aus dem Grabe, nahm den Sarg als Pferd und ging und holte die Schwester aus der Fremde. Sobald sie aber in das Dorf kamen, blieb der Sohn etwas zurück. Arete, die ihre Mutter so lange nicht gesehen hatte, brachte es nicht über sich, auf ihren Bruder zu warten und ging zu ihrer Mutter. Aber sowie sie sich sahen, weinten sie sehr und sagten: »Ochu!« und von dem großen Schmerz wurden sie in Eulen verwandelt, und sie rufen noch heute ihr »Ochu!« (Uhu!)


  • Literatur: Politis, παραδόσεις, Nr. 341. Er bemerkt dazu, daß die Sage auf dem Volksliede vom toten Bruder beruhe: vgl. Ivan Schischmanov, La chanson du frère mort dans la poésie des peuples Balquaniques, Sophia 1896, part. II, p. 127. Eine ähnliche Verwandlung in einem serbischen Liede: Talvj, Volkslieder der Serben 1, (1853) 299.

Zu S. 398, C.


1. Aus Dänemark.


Eine Frau, Ma Lundgårds, hatte ein Füllen, das einst weglief. Sie wünschte ein Vogel zu werden, um das Füllen besser finden zu können. Das geschah. Sie fliegt jetzt rufend: »Fyl, fyl, fylle, kom hjem!« (Füllen, komm nach Hause) und die Eule wird daher allgemein Ma Lundgårds genannt.


  • Literatur: Dänisch: Kristensen, Sagn II, 266, 72.

2. Aus dem Kaukasus.


Zwei Bauern suchen ihren Ochsen, oft rufen sie einander zu: »Gefunden?« – »Nein!« Lange würden sie noch auf den Bergen und in den Wäldern vergeblich gesucht haben, wenn die mildtätige Schicksalsfügung sie nicht in Nachtvögel – Zwergohreulen – verwandelt hätten.

Varianten erzählen von zwei Brüdern, die ihre Schwester suchen, oder von einem Bruder und seiner Schwester, deren Lamm verloren gegangen ist.

(Volksglaube der Armenier und Tataren im Gouvernement Jelisavetpol'.)


  • Literatur: Sborn. mater ... kavk. 9, 2, 127.

[525] Zu S. 398, D.


Englisches Volkslied.


Once I was a monarch's daughter,

And sat on a lady's knee:

But am now a nightly rover,

Banished to the ivy tree.


Crying hoo hoo, hoo hoo, hoo hoo,

Hoo! hoo! hoo! My feet are cold!

Pity me, for here you see me,

Persecuted, poor and old.


  • Literatur: Swainson, British Birds, p. 123, 124.

Variante:


I once was a king's daughter

And sat on my father's knee,

But now I'm a poor howlet,

And hide in a hollow tree!


Der Schrei der Eulen, wenn es kalt ist, wird im Dänischen gedeutet: »Uh, uh, uh, vi fryser [uns friert] uh, uh, uh!«


  • Literatur: Skattegraveren I, 91. Nr. 407.

Die Eule im Kirchturm spricht: »a fryse mi fædde!« (dial. = mir frieren die Füße.)


  • Literatur: Kristensen, Folkeminder IX, 81 Nr. 24. Vgl. auch oben S. 95.

Zu S. 403.


Mongolische Sage.


In einem Hause waren zwei Mädchen. Das ältere heiratete, und als ihr Mann ein Pferd verlor, ging ihre junge Schwester fort, um es zu suchen, und verirrte sich. Nun ruft sie nur: »At djok (Es ist kein Pferd da) kuckuck!« Als sie auf die Suche ging, trug sie an einem Fuß ihren eigenen schwarzen Schuh, am andern den roten Filzschuh ihres Schwagers. (Vgl. oben S. 88.)


  • Literatur: Folklore Journal IV, 18.

Zu S. 405, 2.


Aus Limousin.


Dasselbe. Gott ist in Gestalt einer Forelle. Zuletzt verlangt der Unzufriedene, sein Vater solle Gott sein, seine Mutter die hl. Jungfrau und er Gottes Sohn. Gott sagt: »Dein Vater soll Fledermaus sein, deine Mutter eine Eule und du beider Sohn.«


  • Literatur: Sébillot, Folklore de France 3, 166 = Gorse, An bas pays de Limosin.

Aus Sizilien.


Eines Tages bat die Eule (im ital. männlich!), daß Gott ihr die Gunst verstatte, ein Mensch zu werden, und der Herr gestattete es ihr. Darauf bat sie von neuem, ein reicher Mensch zu werden. Und der Herr gestattet ihr auch dies. Dann wollte sie König sein, und der Herr ließ sie auch das werden. Schließlich aber – taub gegen die Ratschläge ihres Weibes – bat sie den Herrn, daß er sie Gott werden lasse. Da endlich erzürnt nahm ihr der Herr die Gunstbezeugungen und machte sie wieder zu einer Eule. Seitdem seufzt sie ohne Unterlaß. Das Weib antwortet ihrer Klage.


  • Literatur: Pitrè, Usi e costumi Siciliani III (Palermo 1889) 1 p. 393.

[526] Nach dem Mabinogi von »Math the son of Mathonwy« ist die Eule eigentlich Blodenwedd, das Mädchen, das von Gwydion ap Don und Math ap Mathonwy als Frau für Llew Llaw Gyffes aus Blumen geschaffen worden war. Da sie ihrem Manne untreu wurde, verwandelte Gwydion sie in eine Eule.

Und er sagte zu ihr: »Ich will dich nicht töten, aber ich will dir Schlimmeres antun. Denn ich will dich in einen Vogel verwandeln, und wegen der Schande, di(c) du Llew Llaw Gyffes angetan hast, sollst du dich nicht mehr bei Tageslicht sehen lassen, auch sollst du dies nicht tun aus Furcht vor den anderen Vögeln. Denn es soll ihre Natur werden, dich anzugreifen und dich zu verjagen, wo sie dich finden. Und du sollst deinen Namen nicht verlieren, sondern sollst immer Blodenwedd genannt werden.« Und nun ist Blodenwedd eine Eule in der jetzigen Sprache, und darum ist die Eule allen anderen Vögeln verhaßt. Und selbst jetzt noch wird die Eule Blodenwedd genannt.


  • Literatur: Notes and Queries, 9th Ser. vol. 12, 114. Ausführlicher Text im Mabinogion transl. by Lady Charlotte Guest, ed by Alfr. Nutt (London 1904), S. 58–80, bes. S. 78.

Zu S. 450.


Zu den Bärensagen vgl.: N.L. Gondratti, Kul't medvědja 78–79. Patkanov, Die Irtysch-Ostjaken 125 f.S.-Pet. 1897. N.M. Jadrincev, O kul'tě medvědja 110 f.


Zu S. 454 f.


Aus Bulgarien.


Der Maulwurf entstand aus einem Menschen, und zwar aus einem Pfarrerssohne. Es waren nämlich einst zwei Brüder, eines Pfarrers Söhne; der eine war sehr reich und leichtsinnig, der andere war arm und gut. Der arme Bruder konnte zu nichts gelangen, und der reiche Bruder arbeitete stets gegen ihn, um ihn zu schädigen. Der arme Bruder wußte sich nicht zu helfen, weil die Gerichte es stets mit dem Reichen hielten und der Arme nie zu seinem Rechte kommen konnte. Deshalb wandte er sich in aufrichtigem Gebete an Gott, daß er ihn in ein Tier verwandeln möge, nachdem die reichen Gutsbesitzer es beim Gericht durchgesetzt hätten, daß die Armen beiseite geschoben würden und nun auf den Feldern leben sollten. Gott erhörte sein Gebet und verwandelte ihn in einen Maulwurf.

Als nun das Gericht die Armen versammelte und sie hinausführte, um ihnen den Aufenthaltsort anzuweisen, da hatte der Maulwurf gerade an dieser Stelle die Erde aufgewühlt. Als das Gericht dies bemerkte, erschraken sie alle und sagten: »Die Armen sollen da wohnen, wo es ihnen Gott bestimmt hat.« Der Mensch aber blieb ein Maulwurf. Er lebt bis auf den heutigen Tag unter der Erde und wühlt dort, wo er eben will; denn die Erde dient ihm zur Arbeit.


  • Literatur: Strauß, Die Bulgaren, S. 72.

Zu S. 455.


Altaische Sage.


Džarkanat (die Fledermaus) war früher ein Schamane, der sich selbst, um den kranken Sohn Džajačichans zu retten, nicht zum Opfer brachte und dafür vom Vater des Kranken in eine Fledermaus verwandelt wurde.


  • Literatur: Inhaltsangabe einer Erz. e. christl. Altaiers. Potanin, Očerki IV, 169/170.

Aus Frankreich.


Die Feen, die den Puy de Préchonnet bewohnten, wurden Fledermäuse, als sie[527] den verwegenen Wunsch ausgesprochen hatten, ihr schöner Berg möge sich zur Höhe des Puy-de Dôme erheben.


  • Literatur: Sébillot, Folklore 3, 7.
    Cohadon, Tablettes bist, de l'Auvergne, 2, 201.

Zu S. 463.


Sage der Nitinat (Indianer der Nordwestküste).


Auf seinen Wanderungen traf Alis den Kranich, welcher damit beschäftigt war, seinen Stein zu schärfen. Er fragte: »Was machst du da?« Jener antwortete: »Wenn Alis kommt, will ich ihn mit dieser Steinlanze töten.«

Er erkannte jenen nämlich nicht. Da sagte Alis: »O, laß sie mich doch sehen!« Als er sie ihm gegeben, steckte er sie ihm an die Stirn, machte sie zu einem Schnabel und sagte: »So sollst du die Lanze tragen! Nun sprich!« Und jener schrie: »āχ, āχ, āχ!« Dann nahm Alis den Staub vom Wetzsteine und bestreute ihn damit. So erhielt der Kranich seinen langen Schnabel und seine graue Farbe.


  • Literatur: Globus 53, 157.

Zu S. 464.


Aus Annam.


Ein Märchen erzählt von einem Mädchen und einem armen Studenten, die sich Treue gelobten und heiraten wollten, sobald der Student sein Examen bestanden. Da er in der Heimat kein Glück dabei hatte, zog er in ein anderes Land. Das Mädchen heiratete einen reichen Nachbar. Nach 7 Jahren gelang es dem armen Studenten endlich, das Examen zu bestehen, und er kehrte in die Heimat zurück, um das Mädchen zu heiraten. Als er hörte, daß sie schon verheiratet sei, suchte er sie nicht auf. Doch sie hatte von seiner Ankunft gehört, und daß er ihr treu geblieben: sie verläßt ihren Mann und geht zu ihm. Er nimmt sie erst freundlich auf, doch als er erfährt, daß sie mit ihm leben wolle, weist er sie fort; sie solle zu ihrem Mann zurückkehren. Die Frau ist tief beschämt und stürzt sich ins Meer. Nach ihrem Tode wurde sie in einen Tümmler verwandelt, und seht, das ist der Grund, warum dieser Fisch ohne Aufhören taucht und wieder an die Oberfläche des Wassers zurückkommt: wenn er über Wasser ist, sieht er den Himmel, und vor Scham errötend vor dem Himmel taucht er nieder, sich zu verbergen; doch wenn er dann die Erde berührt, errötet er vor der Erde, und er muß wieder in die Höhe steigen. Seht, darum führt er diese Lebensweise, statt friedlich zu segeln wie die anderen Fische.


  • Literatur: Landes, Contes annamites S. 138.

Zu S. 467.


Sage der Zuñi.


Früher waren die Klapperschlangen Menschen und wohnten in einem Dorf. Ihre Kinder gingen einst mit einer kleinen Schwester zum Spielen. Aus Unachtsamkeit wird die Kleine erdrückt. Die Mutter, die Großmutter und zuletzt alle Dorfbewohner werfen sich auf den Boden vor Schmerz und winden sich und jammern leise; dabei werden sie zu Klapperschlangen. Diese Schlangen winden sich seitdem auf der Erde umher und jammern leise.


  • Literatur: Cushing, Zuñi Folk Tales p. 287. (Gekürzt.)

Fußnoten

1 Ein schwarzer Vogel von der Größe einer Haustaube. Es gehört zu den größten Seltenheiten, eines seiner Eier aufzufinden.


2 Vgl. auch Živaja Starina 17, 160 ff. (aus dem Grouvernem. Smolensk).


3 Vgl. noch Grinčenko, Iz ust naroda (Černigov 1901), S. 8, I, II und 9, III), Afanasjev, Poetičeskija vozzrenija slavjan etc. I, 699–711 (mit Nachweisen), ders., Narodn. russk. skazki (3. Aufl. 1897) I, 42.


4 Čubinskij, Trudy etnogr.-statist. eksped. I, 1, 51 f. (aus dem Kreise Char'kov), Afanasjev, Skazki8 I, Nr. 24 b u. Var., Legendy, Nr. 3. Vgl. S. 136. Grinčenko, Iz ust nar. S. 9, IV u. 10, V (aus dem Gouvernement Černigov).


5 Čubinskij, Trudy etc. I, 1, 52.


6 Ebd. (aus Tarašča).


7 Hier resignieren anscheinend auch die kenntnisreichsten Forscher auf dem Gebiete russischer Volksüberlieferungen; vgl. Kirpičnikov, Svjatoj Georgij i Jegorij chra-bryj. St.-Pet. 1879 u.A.N. Veselovskij, Razyskanija etc. II = Sbornik otděl. russk. jaz. i slov. Imp. Akad. Nauk 21, Nr. 2, St.-Pet. 1880; hierzu die Anzeigen von R. Heinzel, Anz. f.d. Altertum IX, 256–259 u. 259–262.


8 Poetič. vozzren. etc. I, 709

Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 486-528.
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