B. Erweiterung durch das Motiv des glücklichen Entkommens.

[38] 12. Märchen der Cherokee.


a) Es war einmal eine lange Dürre, so daß es kein Wasser mehr in den Quellen gab und die Tiere berieten, was sie wohl tun könnten. Sie beschlossen, einen Brunnen zu graben, und alle wollten helfen, außer dem Kaninchen. Das war ein fauler Bursche, der sagte: »Ich brauche nicht nach Wasser zu graben,[38] der Tau auf dem Grase genügt mir.« Den anderen gefiel das nicht, aber sie machten sich an die Arbeit und gruben ihren Brunnen.

Bald bemerkten sie, daß das Kaninchen sich munter und frisch hielt, trotzdem es noch Dürre war, und daß das Wasser im Brunnen abnahm. Sie sagten sich: »Das schlaue Kaninchen stiehlt uns nachts das Wasser.« Darum machten sie aus Fichtenharz und Teer einen Wolf und setzten ihn an den Brunnen, um den Dieb zu erschrecken. In der Nacht darauf kam das Kaninchen wie gewöhnlich, um sich für den ganzen nächsten Tag Vorrat zu trinken. Es sah das merkwürdige schwarze Ding am Brunnen und rief: »Wer ist da?« Aber der Teerwolf blieb stumm. Es ging näher heran, aber der Wolf rührte sich nicht, da wurde es tapfer und sagte: »Geh mir aus dem Weg, oder ich schlage dich.« Aber der Wolf rührte sich nicht, da ging es auf ihn zu und schlug ihn mit der Pfote, aber der Teer hielt die Pfote fest, und sie blieb kleben. Da wurde es böse und sagte: »Laß mich los, oder ich schlage dich.« Der Wolf blieb immer noch stumm. Da schlug das Kaninchen mit dem Hinterfuß so tüchtig, daß der Fuß im Teer stecken blieb und sich nicht bewegen konnte, und da blieb es kleben, bis die Tiere am Morgen zum Wasser kamen. Als sie sahen, wer der Dieb war, freuten sie sich sehr und wollten das Kaninchen töten, aber sobald es vom Teerwolf befreit war, entschlüpfte es ihnen.


  • Literatur: Mooney, Myths of the Cherokee. S. 271.

b) Ebenda steht eine fast gleichlautende Version vom Hasen. Der Schluß lautet: er soll getötet werden. Einer schlug vor, ihm den Kopf abzuschneiden. Der Hase meinte, das würde nichts nützen, es sei schon oft an ihm versucht worden. Andere Todesarten wurden vorgeschlagen, und zu allen sagte er, es würde nichts nützen. Da wurde vorgeschlagen, ihn in ein Dickicht zu setzen. Da tat der Hase sehr ängstlich und bat flehentlich um sein Leben. Aber seine Feinde wollten nicht darauf hören, und so wurde er ins Dickicht gelassen. Kaum war er aus den Händen seiner Feinde, als er einen tüchtigen Satz machte und rief: »Hier pflege ich zu leben!«


13. Märchen der Biloxi.


Das Kaninchen und der Franzose waren Freunde. Das Kaninchen half dem Franzosen, und sie kamen überein, ein Stück Land bei gleichem Anteil zu bearbeiten. Das erstemal pflanzten sie Kartoffeln. Dem Kaninchen war es freigestellt, seinen Teil der Ernte zu wählen. Es wählte das Kartoffelkraut und verzehrte es alles. Das nächstemal bauten sie Korn. Diesmal sagte das Kaninchen: »Ich will die. Wurzeln fressen.« Also zog es die Wurzel von jeder Kornähre heraus, fand aber nichts, um seinen Hunger zu stillen. Da sagte der Franzose: »Laß uns einen Brunnen graben.« Aber das Kaninchen wollte nicht länger mit seinem Freund arbeiten. Es sagte zum Franzosen: »Willst du einen Brunnen graben – ich helfe dir nicht.« »Oho,« sagte der Franzose, »so sollst du auch kein Wasser aus dem Brunnen trinken.« »Das schadet nichts,« erwiderte das Kaninchen, »ich pflege den Tau von der Erde zu trinken.« Dem Franzosen war das verdächtig, und er machte eine Teerpuppe, die er nahe an den Brunnen setzte. Das Kaninchen kam zum Brunnen und trug ein langes Rohr und einen Blechkrug. Als es zum Brunnen kam, redete es die Teerpuppe an: »Freund, was gibt es? Bist du böse?« Die Teerpuppe antwortete nicht. Da schlug das Kaninchen sie mit einer Vorderpfote, die blieb stecken. »Laß mich in Ruh, oder ich schlage dich auf die andere Seite.« Und als es fand, daß die Teerpuppe seiner nicht achtete, schlug es mit der anderen Vorderpfote, die blieb an der Teerpuppe hängen. »Ich geb dir einen Fußtritt,« sagte das Kaninchen.[39] Aber als es das tat, blieb der Hinterfuß stecken. »Ich geb dir noch einen Fußtritt,« sagte das Kaninchen. Aber dabei blieb der andere Hinterfuß stecken. Nun sah es aus wie ein Ball, weil die Füße an der Teerpuppe klebten und es nicht stehen oder gehen konnte. Da kam gerade der Franzose. Er band die Füße des Kaninchens zusammen, legte es hin und schalt es. Das Kaninchen tat, als ob es sich vor einem Dornbusch fürchtete. »Wenn du dich so vor dem Dornbusch fürchtest,« sagte der Franzose, »so werde ich dich in einen werfen.« »Oh nein,« sagte das Kaninchen. »Ich will dich in den Dornbusch werfen,« erwiderte der Franzose. »Ich fürchte mich so davor,« sagte das Kaninchen. »Wenn du dich so davor fürchtest, werfe ich dich hinein.« Also ergriff er das Kaninchen und warf es in den Dornbusch. In einiger Entfernung von dem Franzosen fiel es zur Erde. Aber anstatt verletzt zu sein, sprang es davon und lachte über den Streich, den es dem Franzosen gespielt hatte.


  • Literatur: Journ. of American Folklore 6, 48.

Wenn in all diesen Fassungen die enge Verwandtschaft mit den Negermärchen klar zutage tritt, so trägt die folgende einen etwas anderen Charakter. Sie ist die einzige, die das Motiv der Sinnlichkeit deutlich aufweist, ja ebenso stark betont wie das indische Original. Auch fehlt ihr die Ausschmückung, die die Neger dem Stoffe gegeben haben. Sie scheint demnach nicht durch deren Vermittlung, sondern über die Behringstraße, die so manchem andern Stoff den Weg darbot, nach Amerika gelangt zu sein.


14. Märchen vom unteren Fraser River.


Der Nerz ging zu der verfaulten Kiefer und wollte sie heiraten. (Diese besteht aus nichts als harziger Rinde.) Sie sprach: »Nein, du kannst mich nicht heiraten. Wenn ich warm werde, schwitze ich, und dann wirst du böse werden.« »Nein,« erwiderte Nerz, »das tut nichts.« Da nahm sie ihn zum Manne. Am Morgen, als es warm wurde, fing seine Frau an zu schwitzen (d.h. das Harz fing an zu schmelzen), und seine Brust klebte an ihrer Brust fest. Er rief: »Laß mich los, Du sollst mich nicht so festhalten!« Sie antwortete: »Ich halte dich nicht, ich schwitze nur.« Da ward Nerz böse und schlug sie. Seine Hand aber klebte auch fest. Dann schlug er sie mit der anderen Hand, und es erging ihm nicht besser. Dann trat er sie mit Füßen, und seine Füße klebten beide an ihr fest. Er stieß sie endlich mit dem Kopfe, und auch dieser klebte fest. Als das Harz mittags ganz weich wurde, fiel er herunter. Da verließ er seine Frau.


  • Literatur: Boas, Indianische Sagen, S. 44.

Diese Vermutung scheint durch den Umstand bestätigt zu werden, daß in einer Anzahl Indianergeschichten ein ernsthaftes Kampfmotiv mit dem Stoffe verbunden ist, und dieses konnte sich schwerlich an die von den Negern ausgeschmückte, humorvolle Fassung anschließen, es hat wohl eine einfachere Form wie die vorige zur Voraussetzung. Indes ist es möglich, daß die folgenden Sagen überhaupt nichts mit unserem Stoffe zu tun haben, sondern auf selbständiger Erfindung beruhen. Das Motiv ist zu einfach, als daß es nicht in anderem Zusammenhang ein zweites Mal verwendet werden konnte.

Quelle:
Dähnhardt-Natursagen-4, S. 38-40.
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