C. Das Motiv des Kampfes gegen den Donnervogel

[40] findet sich in folgenden Sagen:


15. Sage der Kwakiutl.


[Eingesprengt in eine längere Geschichte findet sich folgende Episode:]

.... Die Tiere beraten noch einmal und beschließen, den Donnervogel zu bekriegen. Der Specht, der Holzwurm und die Ameise sollen eine Zeder aushöhlen, während die Eule, der Habicht, die Fledermaus und der Rabe sich Harz (gum) borgen. Nach einiger Zeit kommen sie wieder zurück, und die Zeder und das Harz, das sie erhalten haben, werden an den Strand gebracht. Die Zeder wird in Form eines Walfisches bearbeitet und mit Harz beschmiert .....Sobald der Walfisch fertig ist, gehen alle Tiere hinein .... Als der Donnervogel den Walfisch sieht, schickt er seine Kinder, eins nach dem andern, um ihn zu fangen. Aber ihre Flügel kleben am Harz. Der Mink schneidet ihre Krallen ab, der Walfisch taucht unter, und sie ertrinken. Als alle Kinder ertrunken sind, machen sich der Donnervogel und seine Frau auf den Weg.

[Er bestimmt dann, daß es von dieser Zeit an nur Gewitter im Frühling und Herbst geben soll.]

Sie versuchen auch den Walfisch zu fangen, bleiben kleben und werden ertränkt.


  • Literatur: Boas und Hunt, Kwakiutl-Texts 504 (308 ff).

16. Sagen der Awi'ky'ēnoq.


a) Und weiter dachte Nōak·aua1: »O, wenn doch Masmasalā'niq einen Wal aus Holz machte und ihn mit Harz bestriche;« und Masmasalā'niq tat also. Auf einem fernen Berge lebte nämlich der Vogel K·ani'sltsua, welcher die Menschen zu rauben pflegte. Diesen wollte Nōak•aua fangen. Er ließ alle Menschen in den Wal hineingehen, Masmasalā'niq verschloß dann den Wal und ließ ihn ins Wasser. Er schwamm zum Hause K·ani'sltsuas. Dieser sandte der Reihe nach seine drei Söhne Mēmensk·amE'nk·oa, MaimasemE'nk·oa und YaiutqsEmE'nk·oa aus, den Wal zu heben, aber alle klebten an dem Harze fest; der Wal war ihnen zu schwer und zog sie herab. Da sandte K·ani'sltsua seinen jüngsten Sohn Mamosk·amE'nk·oa (die Namen bedeuten: der ein, zwei, drei, vier hebende) aus. Dieser freute sich, legte seine Adlerkleider an und flog hinab, den Wal zu fangen. Doch auch er klebte daran fest, der Wal zog ihn herab, und er lag mit gebrochenen Flügeln auf dem Wasser. Ebenso kam endlich K·ani'sltsua ums Leben.


  • Literatur: Boas, Indianische Sagen, S. 214. Vgl. hierzu Boas, Globus 54, 12: Die Sage von dem Vogel K·ani'sltsua ist direkt von den südlichen Stämmen entlehnt, bei denen der Rabe auf solche Weise den Donnervogel Kunkunχulikya tötet.

b) [Kuēkuaqā'oē beschloß, sich an dem großen Adler K·Elēsiltsâ'ē zu rächen, der ihm seinen Sohn geraubt hatte. Er ging zu dem Waldgeiste Mā'kyagyū, welcher gut zu schnitzen und zu zimmern versteht, und bat ihn einen großen Wal zu schnitzen.]

Mā'kyagyū erfüllt seine Bitte. Als nun der Wal fertig war, überzog Kuēkuaqā'oē ihn mit Harz und warf ihn ins Wasser. Er selbst, die Heilbutte, der Biber und die Seeotter gingen in den Wal hinein, und er ließ ihn nach Sā'lutsē (einer Insel[41] nördlich von Malcolm Island, im Queen Charlotte Sound) schwimmen, wo K·Elēsiltsā'ē lebte. Dieser saß gerade vor seinem Hause, und als er den Wal herbeischwimmen sah, sandte er seinen jüngsten Sohn NātlEmsk·EmEnkolā'k·amāē (= der einen fangende) aus, den Wal zu fangen. Dieser stürzte sich auf ihn herab. Der Wal war aber zu schwer für ihn. Er konnte seine Fänge nicht wieder von dem Harze loslösen und ward so ertränkt. Da schickte der Adler seinen nächstjüngsten Sohn Maē'matsEmEnkolā'k·amāē (= der zwei fangende) aus. Auch er ward ertränkt, obwohl er den Wal ein klein wenig hob. Dann flog der nächste Sohn des Adlers, Yū'tuqsEmEnkolā'k·amāē (= der drei fangende) aus. Ihn ereilte dasselbe Schicksal. Da endlich flog der älteste Sohn K'Elēsiltsāē's, Maē'musk·EmEnkolā'k·amāē (= der vier fangende) aus. Der Alte rief ihm zu: »Greife den Wal am Kopfe, nicht in der Mitte.« Er folgte dem Rate und griff den Wal an den Atemlöchern und hob ihn auf. Es erfolgte ein hartnäckiger Kampf, und als der Adler müde wurde, kam sein Vater herbei, ihm zu helfen. Fast hätten sie gesiegt; endlich gewann aber der Wal doch die Oberhand und fuhr mit solcher Gewalt in die Tiefe hinab, daß er am Meeresboden stecken blieb. Der Biber und die Seeotter mußten aussteigen und ihn wieder losgraben. Dann kehrten sie in Kuükuaqā'oēs Heimat zurück.


  • Literatur: Boas, ebd. S. 211.

c) Sage der Nutka.


Tlehmamit (der Specht) befreite in Gemeinschaft mit Kwo'tiath seine von den Donnervögeln geraubte Frau.

Als sie glücklich in ihrer Heimat angekommen waren, berieten sie, wie sie sich an den Donnervögeln rächen könnten. Kwo'tiath sprach zu Tlehmamit: »Leihe dir das Boot des Wales.« Jener tat also. Alle bestiegen das Boot und fuhren in Gestalt eines Wales zum Hause der Donnervögel. Einer derselben saß gerade vor dem Hause, als sie ankamen, und sah den Wal auf und niedertauchen. Er klopfte an die Wand des Hauses und rief Nō'nup'itcmik (= der Fänger des Blasenden, des Wales). Dieser legte sein Federkleid an, stürzte sich auf den Wal und griff mit seinen Krallen durch die Haut hindurch. Da banden sie innen seine Füße fest, so daß er nicht wieder loslassen konnte, und zerschnitten dieselben. Durch den Blutverlust wurde er ganz schwach. Kwo'tiath schlug nun auf einen Stein, der im Wale lag, und sprach zu ihm: »Werde schwer! werde groß!« und der Wal zog den Donnervogel in die Tiefe. Als der Wächter sah, daß Nō'nup'itcmik den Wal nicht heben konnte, rief er Nō'pitatcitl (= der beim erstenmale auf dem Wasser fangende), ihm zu helfen. Dieser legte sein Federkleid an und stürzte sich auf den Wal. Sein Bruder rief ihm zu: »Nimm dich in acht! Der Wal hat übernatürliche Kräfte. Ich werde festgehalten, und etwas schneidet meine Füße.« Jener ließ sich aber nicht warnen, und ihn ereilte dasselbe Geschick wie seinen Bruder. Der Wal zog sie ins Wasser herab, so daß ihre Flügel naß wurden und sie nicht mehr fliegen konnten. Da rief der Wächter den ältesten der Brüder und sprach: »Ich habe nie dergleichen gesehen. Gehe und hilf deinen Brüdern!« Diese warnten ihn, fortzubleiben, er aber hörte nicht, sondern griff den Wal und hob ihn ein wenig, aber schließlich besiegte Kwo'tiath und seine Genossen ihn doch. Da legte der letzte der Donnervögel sein Federkleid an. Er kreiste über dem Wale, aber die drei Brüder baten ihn, fortzubleiben, damit er nicht ihr Schicksal teile. Er folgte ihnen und flog von dannen. Da machte Kwo'tiath den Stein im Wale sehr schwer. Der Wal tauchte und ertränkte die drei Donnervögel. Dann fuhren sie nach Hause zurück. Als sie in die Nähe von Tokoath Point kamen, landeten sie, und Kwo'tiath verwandelte das Boot[42] und die Vögel, die darin gegen den Donnervogel ausgezogen waren, in Felsen, die man noch heute dort sehen kann. Er nannte den Platz Ēhtō'pk·oa (= Walfischspitze). Seither gibt es nur einen Donnervogel.


  • Literatur: Boas, ebd. S. 104.

17. Sage der Çatlō'ltq.


[Kulten befreit in Gemeinschaft mit K•ā'iq (dem Nerz) und anderen seine vom Donnervogel Qoā'tk·um geraubte Frau. Um sich zu rächen, verschafft er sich dann das Boot des Wales und besteigt es mit seinen Leuten.]

In den Boden des Bootes legten sie ein schweres Stück Basalt, und vorne saß K•ā'iq, der einen Meißel in der Hand trug. So zogen sie aus, um mit Qoā'tk•um zu kämpfen. Das Boot aber sah aus wie ein Wal.

Frühmorgens sah Qoā'tk•um denselben vor seinem Hause im Meere schwimmen. Da rief er seinen jüngsten erwachsenen Sohn. »Stehe auf, ein Wal schwimmt hier vor unserem Hause.« Dieser gehorchte, legte sein Federkleid an und flog aus, um den Wal zu fangen. Er ergriff ihn und hob ihn ein wenig. Da rollte das Stück Basalt in den Schwanz hinunter und machte ihn so schwer, daß jener ihn nicht mehr heben konnte. K•ā'iq aber zerschnitt die Füße des Vogels mit seinem Meißel, obwohl die anderen Tiere ihm alle zuriefen, noch ein wenig zu warten. Als Qoā'tk•um sah, daß sein Sohn den Walfisch nicht heben konnte, sandte er den nächst älteren ihm zu Hülfe usw. (siehe Sage der Nutka) .... Endlich zog der Alte selbst sein Federkleid an, um seinen Söhnen zu helfen. Ehe er aber ausflog, sprach er zu seinem jüngsten Kinde, das noch in der Wiege lag: »Höre auf meine Worte. Wenn ich nicht zurückkehre, so wirst du einst der Donnervogel werden. Fliege nicht das ganze Jahr umher und erfülle die Welt mit deiner Stimme, sondern fliege nur im Sommer umher; im Winter aber bleibe zuhause.« Dann flog er aus und ward ebenfalls von den Tieren getötet. Da kehrten diese frohen Sinnes nach Hause. Seitdem aber hört man den Donner nur im Sommer.


  • Literatur: Boas, Indianische Sagen, S. 83.

Fußnoten

1 Nōak·aua ist der »Denker«, der vom Himmel stieg, um die Welt zu schaffen, den Menschen Nahrung zu geben und ihre Kunstfertigkeit zu schaffen. Masmasalā'niq ist der »Ausführer« des Gedachten. (Zum Dualismus vgl. Natursagen Bd. I.)


Quelle:
Dähnhardt-Natursagen-4, S. 43.
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