I. Die ältesten Fassungen.

[103] Es ist ein Bild aus dem alltäglichen Leben der tierischen Insassen eines Bauernhofes: der Hund mit gesträubtem Rückenhaar, zähnefletschend und jaulend vor der Katze, die sich buckelnd und fauchend in die Ecke drückt und sich mit scharfen Krallen des wütenden Widersachers zu erwehren sucht. Kein Wunder daher, daß dieses Bild tiefwurzelnder Feindschaft zum Nachdenken über die Frage Anlaß gegeben hat, woher dieser gegenseitige tiefe Haß der beiden Tiere nun eigentlich herrühre.

Durch eine schlichte, nur auf die Ätiologie hin komponierte Natursage erhalten wir jedoch die Antwort in der älteren Überlieferung nicht, soweit unsere Kenntnis reicht, sondern gerade hier sind außer den Versbearbeitungen die ziemlich breit erzählten Schwanke und Erzählungen beliebt, die, wie es scheint, schon eine längere Tradition hinter sich haben. Diese Überlieferungen geben keine natürliche und einfache Erklärung der oft beobachteten Vorgänge im Leben der Tiere, sondern eine künstliche, erdachte, die einen literarischen Ursprung verrät. Auch die mehr oder weniger willkürliche Verknüpfung der Feindschaft zwischen Hund und Katze mit der Verfolgung der Mäuse durch die Katzen spricht dafür. Wo jedoch drastische und realistische Züge in die Geschichten eingeflochten sind, gehen sie auf nebensächliche Einzelheiten und sind als Zusätze der betreffenden Erzähler deutlich erkennbar.[103]

Insbesondere ist ein Motiv, ›das vernichtete Dokument‹, seit dem 15. Jahrhundert in literarischen, später auch in den mündlichen volkstümlichen Quellen außerordentlich häufig anzutreffen.1 Seine Tradition beginnt mit der Fassung, die sich in einem Werke des tschechischen Juristen Ctibor Tovačovskj aus Cimburg (1437–1494) findet2 und folgendermaßen lautet:


Da die Bauern mit den Wölfen gutes Einvernehmen haben wollten, verabredeten sie sich mit ihnen über ihren gemeinsamen Vorteil. Zum Schluß fügten sie hinzu, daß alles, was von den Schmausen der Wölfe übrigbliebe, die Hunde fressen könnten, die ihnen [den Bauern] helfen würden. Und als sie alle diese Artikel verabredet hatten, machten sie untereinander niedergeschriebene Briefe und Verträge und gelobten sie sich [zu]. Und sie überlegten, wem sie diese Verträge anvertrauen könnten und sollten, und da sie viele treue Gläubiger ersahen, konnten sie keinen dazu so tauglichen finden wie die Katze, weil diese bei Nacht und am Tage sieht ... Und sie vertrauten ihr diesen Schatz an, auf daß sie ihn treulich bewahre und jeder Partei aushändige, die seiner bedürfen würde. Die Katze tat so und nahm es auf sich und gelobte, ihn ohne Beschädigung zu verwahren und darüber zu wachen, und so legte sie ihn in einen geheimen Winkel, wohin die Menschen nie gelangen konnten, in der Hoffnung, daß er dadurch sicher wäre. Doch einstmals kam eine vorwitzige Maus dorthin, die alles besehen wollte und in allen Winkeln herumguckte, und sie erblickte in einer Spalte diese Urkunden und Verträge und wollte sie durchlesen, allein die Papiere und Siegel klebten aneinander fest; sie konnte die Schrift nicht sehen und fing zu nagen an, ob sie nicht bis zur Mitte gelangen und diesen Vertrag einsehen und erkunden könnte. Hierauf nach langer Zeit begannen die Bauern Schaden zu erleiden, da die Hunde, wie kraftlos herumgehend, ihnen gegen die Wölfe nicht helfen wollten. Als die Bauern dieses merkten, jagten sie die Hunde fort, weil sie ihnen nicht zu fressen geben wollten, aber die hungrigen Hunde stürzten sich auf die Wölfe und jagten sie so auseinander. Als die Wölfe sich gesammelt hatten, sprachen sie: »Ihr sehet, daß ihrer viele sind, aber sie haben verschiedene Farben: die einen sind rot, die anderen weiß, die dritten schwarz und die vierten bunt, und so sind sie verschiedener Farbe;[104] wir aber sind alle grau: deshalb haben wir Recht und uns dem Herrgott empfehlend laßt uns auf sie stoßen.«

Und sie erwürgten viele Hunde. Die Hunde, die zerstreut wurden und viele der Ihren verloren, bedauerten die vorschnelle Tat und besandten die Wölfe, sie an den Vertrag ermahnend. Die Wölfe forderten, daß der Vertrag vorgezeigt und verlesen würde. Die Hunde verlangten von der Katze, daß sie ihn herbeischaffe, die Katze aber wußte nicht, was die Maus angerichtet hatte, und brachte die verdorbenen und geradezu ausgerissenen Briefe. Als die Wölfe dieses sahen, scharten sie sich zusammen und zerrissen die übrigen Hunde, von denen nur wenige nachblieben und sich nach Hause flüchteten. Und aus diesem Grunde ist der Hund der Katze feind und die Katze der Maus; die arme Maus aber geht aus Furcht vor der Katze immerfort in den Winkel und kritzelt und kritzelt, ob sie nicht die Briefe wieder aufschreiben könnte.


Dieses ist die einzige bisher bekannte literarische Fassung der Feindschaftserzählung aus dem 15. Jahrhundert, und sie hat, wie wir sehen werden, besonders gegenüber den deutschen Versionen manchen eigenen Zug.

Ihr folgt zeitlich ein Nürnberger Bilderbogen von Albrecht Glockendon um 15303:


Die Hunde erhielten einst von Noah ein Privileg, das ihnen das Ingereusch aller geschlachteten Rinder und Schweine zusicherte. Zu Fastnacht erhielten sie erstmals eine Menge ›ingewaids‹ und luden dazu die ihnen befreundeten Katzen ein. Die Hunde gaben den Gästen ihr verbrieftes Recht zu lesen:


Von wann in kem solch groß freyheit:

Von einem Fürsten über mer,

Der gab uns disen brieff so her.


Dann übergaben sie den Katzen die Urkunde zur Aufbe wahrung, und diese schoben sie in ein Mäuseloch. Übers Jahr schlachtete ein armer Mann zu Fastnacht seine Kuh. Als die Hunde kamen und unter Berufung auf Brief und Siegel das ›ingewaid‹ forderten, erhielten sie zur Antwort, daß sie das Schriftstück vorzeigen sollten. Die Hunde schickten zu den Katzen hin. Die Katzen suchten die Urkunde eilends in dem Mäuseloch, aber die war inzwischen von den Mäusen zernagt worden. Die Hunde schickten darauf einen Hund zur Erneuerung des Privilegs aus, jedoch der kam nicht wieder. Seitdem verfolgen die Katzen die Mäuse, die Hunde die Katzen. Auch beriechen die Hunde einen fremden Hund


Und fragen in als baldt darnoch,

Ob er in bring den brieff vom mer,

Den in soll schicken der mechtig her.

Der frembd hund spricht bald: Nain ich zwar,

Ich bring euch keinen brieff von mar;

Darzu ist mir die sach zu schwer,

So weyt zu ziehen über mer.


Und so sind die Hunde um ihr Privileg gekommen.[105]


Ein Vergleich der beiden Fassungen ist lehrreich. Die westslawische mutet in ihren Motiven und der inneren Form der Erzählung recht primitiv und altertümlich an. Vor allem ist der Pakt mit den Wölfen, unter denen man im 15. Jahrhundert in Mähren wohl nicht wenig zu leiden hatte, ein guter, für Tiermärchen typischer Zug, den die deutsche Fassung durch die im gegebenen Zusammenhang ganz willkürliche Anknüpfung an Noah, den einstigen Herrn aller Tiere, ersetzt. Jedoch ist beiden Versionen der Umstand gemein, daß es sich um das Futter des Hundes handelt, das er von nun ab erhalten soll.

Das Folgende4 dagegen, die Weigerung der Hunde, der Kampf zwischen ihnen und den Wölfen usw., ist in der tschechischen Fassung ohne ein Gegenstück in der deutschen Überlieferung und kehrt auch nur in wenigen volkstümlichen Varianten teilweise wieder [s. die Nachträge].

Ganz übereinstimmend wird aber (überhaupt in allen literarischen Überlieferungen) der Bericht gegeben, wie das wichtige Dokument verloren geht. Es setzt an dieser Stelle fast immer, auch in den meisten volkstümlichen Varianten, eine Ausdehnung des Feindschaftsthemas ein, indem auch die Maus, und zwar als Vernichterin des verhängnisvollen Papieres, eine Rolle übernimmt. Die Zerstörung des Dokuments zieht in der böhmischen Fassung eine nochmalige Niederlage der Hunde herbei; schwerlich das ursprüngliche Motiv, allein es ist doch wenigstens ein Abschluß, den man an dieser Stelle erwartet.

Der Nürnberger Bilderbogen hat dagegen einen Zusatz, der mit der Haupthandlung nicht ungeschickt verbunden ist, aber doch eigentlich nicht hierher gehört, denn er fehlt einigen alten Varianten5 und kommt überhaupt auch in selbständiger Ausgestaltung vor. Gemeint ist die Aussendung eines Hundes zur Erneuerung des Privilegs und die Erwartung seiner Rückkehr, die zu der so ungemein drastischen Ätiologie des Beschnupperns der Hunde Anlaß gibt.

Dieser Teil der Erzählung findet sich bereits bei Phädrus6 und bildete wohl von jeher eine Fabel für sich.7 Die Angliederung an die Feindschaftsgeschichte wird vermutlich dadurch veranlaßt worden sein, daß beide Handlungen von einem Privileg oder Vertrag ausgehen, der von den Hunden erworben oder erneuert werden muß.

In einem bisher ungedruckten Meisterliede des Rechenmeisters Peter Probst vom 14. März 1544, Dresdner Handschrift M 191, Bl. 175, ist[106] allein das Feindschaftsmotiv ausführlich behandelt, doch auch hier finden wir, daß zum Schluß aus der Erzählung zum Motiv ›Beschnuppern‹ wenigstens die Ätiologie beibehalten worden ist, obwohl sie an dieser Stelle schlecht begründet erscheint.


In der Rorweifs Pfaltzen, der hundt, katzen vnnd meufs hader.

1.


Nun höret, wie

Vor zeitten die hundt grosen mangel hetten,

Wann es wol jn der falten was

Vnnd kain flaisch as,

Hetten sie kain pain nichte.

Da liden die

Hundt grosen hunger vnnd darnach, sie detten

Halten auch einen rath gar pal

Vnnd schwuren al

Ein jeder beÿ der pflichte:

Wann sie die fasten wider kem,

Ir keinner leiden solte,

Das man in ir krechtigkeit nem,

Aber ein jeder wolte

Suchen sein speis vnnd nemen mit gewalte.

Darüber machtens einnen brief.

Jedlicher sprach: ›Mein pflicht ich treulich halte‹.

Der alt vom hundsperg lag vnnd schlief,

Pal zu im lief

Der oberst im gerichte


2.


Vnnd zu im sprach:

›Ste auf! wir haben al ein rath beschlosen,

Das man vnns in der fasten doch

Sol geben noch

Vnnser narung vnnd speise.‹

Vnnd baldt darnach

Der alt vom hundsperg stundt auf vnuertrofen

Vnnd zum hunds geschlecht er auch drat

Vnnd seinnen rath

Gab auch der alt vnnd weise

Vnnd sprach: ›Nun woltt ir folgen mir,

Ich wais ein gutten liste.

Zu dem von katzwan wölen wir,

Der jtzt oberster iste.

Wann der kan wol steigen vnnde auch springen,

Den brief in die höch stecken kan.‹

Also detten sie im den brief auch bringen.

Der vonn katzwang nam in auch an

Vnnd in gar schan

B[e]hilt mitt gantzem vleise.


3.


Da nun verging

Ein jar, vnnd die fasten auch wider kame,

Woltens iren brief wider han

Vnnd detten gan

Zum katzwanger behende.

Sprachen: ›Vnns bring

Den brief.‹ Da es der katzwanger vername,

Woltt er den brief auch bringen in,

Da was er hin

Vnnd nimer an [dem] ende,

Da er in hingeleget hett.

Daruon kam er in leide.

Dem hunds geschlecht ers klagen dett.

Die schwuren im ein eide:

›Du must darumb sterben, darnach dich richte!

Kein gnade soltu haben furwar

Du vnnd dein geschlecht ewig beÿ vnns nichte.‹

Filen im grimig jn das har,

Erwürgten gar

Den katzwanger elende.


4.


Nach dem todtschlag

Erfuren die katzwanger, wie der briefe

Hinkumen was: da hettin in

Die meuse hin

Zerkifft vnnd auch gefresen.

Baldt auf ein tag

Der katzwanger hauf auch zusamen liefe,

Vnnd hiltten einen rath gar pal[107]

Vnnd sie auch al

Schwuren ein aidt vermesen:

›Wu vnns ein maus auch werden dutt,

Sie mus vonn vnns verderben.

Darfur soll sie helffen kein gutt,

Sie mus des todts auch sterben!‹

Also kumpt her die feundtschafft jn dem lande,

Das hundt vnnd katz nicht ainig sein.

Darzu die meüs im hatz sinndt auch alsande.

Die katzen thun in grose pein:

Des briefs allein

Kunden sie nitt vergesen.


5.


Also fortan

Die hundt vnnd katzen stett einander raufen.

Wo sich ein hundt ein katz ersicht,

Er nach ir sticht,

Thuts ein [inn?] gasen ein jagen.

Vnnd auch wann man

Die hundt auch sicht wol mitteinander laufen,


Schmeckens einander für das loch:


Ob kainer noch

Den brief du beÿ jm tragen

Fragen einander: ›Wann kumst her?‹

Vnnd fangen an zu maren.

Der ander spricht: ›Ich bin vonn quer.‹

Der dritt dutt auch drein schnaren.

Darnach sie dann ein ander gar hart reisen,

Suchen den brief noch auf die stundt

Vnnd thun auch aneinander [gar] hefftig beisen,

Das manchem oft der kopff wirdt wundt.

Ein alter hundt

Dutt die histor sagen.


In einem mit H.S. unterzeichneten Meisterliede (8. Januar 1560) der Dresdner Handschrift M 207, das aber trotzdem nicht von Hans Sachs stammen soll8, finden wir die Feindschaftserzählung in reiner Gestalt, ohne Reminiszenzen aus der anderen Fabel. Sie stimmt im wesentlichen mit dem Meisterliede von Peter Probst überein; gedruckt erscheint sie hier zum erstenmal.


In der Leben weis Peter Fleischers.

Die hunde mit den briefen.

1.


Höret articher schwencke zu der stunde:

Vor langer zeit gutt briff hetten die hunde,

Das jhn die mezzler alle

In fastnechtlicher zeit

Geben musten ein malle,

Drob hetten sie gros freud.

Weil sie gutt brieff hetten vmb die kalazen9,

Eins mal luden sie zu gast auch die kazen,

Hilten ein gros panckete.

Den briff trugen sie für

An der malzeit, verstete,

Das solt jhr glauben mir.

Gingen mit einander zu radt,

Das sie zu samen schworen

Den brieff mit dem jnnsigel drat,

Das er nicht wert verloren.

Die hund baten die kazzen freundlich eben

Vnd gaben jhnen den briff auff zu heben.

Den namen sie mit vleise

Nach der malzeit mit jhn,

Mitt jhrem gang so leise

Daucht sie jnn jhrem sin,


[108] 2.


Wie sie bewaren möchten jhre briefe

Drumb war jhr rad: inn ein meusloch gar tiffe

Konte keinn fleischer kummen

In stelen mit gewalt,

Auff das sie wiederumben

Den hunden jung vnd alt

Zu rechter zeit jhr briff mochten zu stellen.

Da traff sie gros vnglück, die gutten gsellen!

Der briff der wart zurissen

Von meusen gros vnd klein,

Dis wunder solt jhr wissen,

Das sigel war vnrein.

Als es nun wieder fastnacht war,

Die hund jr grechtikeite

Wolten haben von fleischern gar

Wieder vmb jhr malzeite.

Fragten die kazzen vmb jhr briff behende,

Die solten sie auff legen an dem ende,

Zunn kazzens thetens lauffen.

Sprachen: ›Den briff bringt her.

Die fleischer soln vns kauffen,

Was ist vnser beger.‹


3.


Die kazzen die briff herfur theten suchen

Vnd huben an zu schelten vnd zu fluchen:

›Die briff die sein gefressen

Von meusen alle sant.

Der ritt hatt vns besessen,

Jst vns ein grose schand.‹

Da waren vneins hunt, kaz, meus zu sagen

Umb des briffs wegen, wert noch heut bey tagen.

Die hund haben verloren

Die jhr gerechtikeit,

Darumb tragens noch zoren

Den kazzen alle zeit.

Vor übel habe jchs jhn nicht

Vnd widerumb den kazen

Mitt den meusen sein zu vnfried;

Heimlich auff sie thun plazzen,

Die jhn vertrieben han den frölich mutte.

Hiebey merck ein jeder vnd hab zu gutte:

Hatt er gutt briff vnd siegel,

Dem ettwas daran leg

Das er sie wol v[e]rrigel,

Halt sie inn seiner pfleg.


Zwischen diesen beiden Meisterliedern steht der chronologischen Folge nach die Fassung des Schulmeisters Guillaume Haudent zu Rouen, der in seine 1547 gedruckten »366 apologues d'Esope traduicts en rithme françoise« die gereimte Fabel »De la guerre des chiens, des chats et des souris« aufgenommen hat.10 Ähnlich, wie Tovačovský verwendet Haudent, worauf Bolte aufmerksam macht11, den Zug von der Drohung des Herrn, die Hunde fortzujagen, ein ziemlich sicheres Zeichen dafür, daß beide aus unabhängiger mündlicher Überlieferung schöpften, die diesen Zug, wie wir sehen werden, auch in jüngster Zeit häufig benutzt. Ebenso kennt Haudent, was zu betonen ist, die Feindschaftsfabel nur in ihrer ursprünglichen Gestalt ohne Verknüpfung mit der Geschichte vom Beriechen, die auf französischem Boden erst 1622 bei Tabarin auftaucht.12

Die Verbindung der beiden Motive ›Feindschaft‹ und ›Beschnuppern‹ treffen wir jedoch häufig an; so bei Hans Sachs in dem Meistergesang vom 1. Mai 1547: ›Warumb hund vnd kaczen vnains sind‹, in der hundzweis Hans Vogels.13


[109] Die Hunde hielten Versammlung ab und schickten eine Gesandtschaft nach Rom, um vom Papste die Erlaubnis zu erlangen, auch Freitags Fleisch zu essen, da sie ja den Pfaffen Wildbret fingen. Der Papst gewährte die Bitte und »gab in der freyheit Siegel vnd prieff.« Die Hunde ratschlagten nun in erneuter Versammlung, »wie sie den prieff wolten versorgen, Das er verwaret würt vnd plieb verporgen.« Auf den Rat eines alten Hundes übergaben sie den Brief den Katzen zur Aufbewahrung; diese trugen ihn unter das Dach. Nach einem Jahr schauten die Katzen nach, da hatten ihn die Mäuse gefressen. Seitdem sind die Hunde den Katzen feind, die Katzen den Mäusen. Die Hunde gingen danach wieder zu Rate und schickten abermals eine Gesandtschaft nach Rom, um eine neue Urkunde zu erhalten; es waren zwei Hunde, die aber nicht wiederkamen (»sint auf der stras gestosen nider«). Daher beschnüffelt ein Hund den andern beim Begegnen »Ob er die rechten prieff nit trage, Vnd wo er im nit geit rechten peschaid, So peissens an ainander paid«.


Derselbe Stoff ist auch in einem Spruchgedicht14 Hans Sachsens behandelt und hat hier gegenüber dem Meistergesang nur geringe Änderungen erfahren. Zeitlich schiebt sich aber vor diese Bearbeitung die Prosafassung des Montanus15 ein. Hier sehen wir zum erstenmal in der deutschen Überlieferung die Fabel vom Beschnuppern für sich allein behandelt, ohne Verknüpfung mit der Feindschaftsfabel.


Warumb die hund einander für den hindern schmecken.


Vor zeiten haben die katzen und hund ein grossen streit mit einander gehabt. Dann die hundt gemeint, die katzen solten den hunden in allen dingen, es wer mit essen eim und dem andern den Vorgang lassen. Welches aber die katzen nit thun wollen, sonder sich mit ihren scharpffen neglen zur gegenwör gesetzet und den hunden in allweg obgelegen.

Des die hund auß dermassen übel verdrossen, auffgewest und mit einander zu ihrem könig, so inn ferren landen gesessen, gezogen und ime den handel, warumb sie zu im kommen, erkleret, auch umb privilegia wider die katzen gebetten. Bar könig hat die weitte reiß und die grosse schar angesehen und bedacht unnd sie gewaltig privilegiert, also das forthin die hund inn allen Sachen solten den vorgang haben unnd die katzen erst den letsten.

Wie sie nun nahend bey heymen waren, kamen sie zu einem grossen fliessenden wasser, darüber kein brugk gienge, und auch kein schiff da wäre, darinn sie hetten mögen hinüber fahren. War inen sehr angst, wüsten nicht, wie sie dem brieff thon solten, das er nicht naß wurde. Doch letstlich zů rath wurden, es solt den brieff einer unter den schwantz nemmen, so blibe er drucken. Der rath inen allsamen wol gefiel, gaben also einem den brieff unter den schwantz, Hessen sich in das wasser und schwamen hinüber. Ich weiß aber nicht, wie es der mit dem brieff[110] übersähe; ye er empfiel im und schwam das wasser hinnab, des ihr keiner gesehen het. Als sie aber hinüber kamen, fanden sie den brieff nit, giengen umbter unnd schmeckten ye einer dem andern für den hindern; aber sie fanden ine nicht.

Derhalben sie noch heütigs tags also einander an schmecken unnd noch stäts vermeinen, sie wollen den brieff finden. Aber ich förcht, es sey vergebens.


Es scheint nicht recht wahrscheinlich, daß Montanus' Fassung auf dem oben mitgeteilten Flugblatt des Albrecht Glockendon beruht, wie Bolte16 vermutete, denn wo der eine sich knapp faßt, erzählt der andere weitschweifig und flicht ganz neue Züge ein. M. erzählt nur eine Version der Fabel vom Beschnuppern, deren festgefügte und gutpointierte Handlung wahrscheinlich nicht ihm allein in Rechnung zu stellen ist, sondern wohl auch einer längeren ausgestaltenden Tradition. Freilich klingt das Feindschaftsmotiv auch im Eingang der Anekdote des Wegkürzers an, allein es ist nur von einem Vorrecht die Rede, das die Hunde gegenüber den Katzen zu haben meinen. Da sich jedoch dieser Zug gelegentlich auch in jungen volkstümlichen Aufzeichnungen findet17, wird man den Eingang bei Montanus nicht als einen Extrakt aus der mehraktigen Feindschaftserzählung, wie sie im Flugblatt vorliegt, ansehen dürfen, sondern wohl eine unmittelbare Verwendung von mündlicher Überlieferung annehmen müssen.

Andrerseits erzählt das Flugblatt in aller Kürze von der erfolglosen Aussendung eines Gesandten zur Erneuerung des Hundeprivilegs, während Montanus gerade diesen Zug zum Hauptthema macht und in reicher Detailschilderung widergibt. Auch hierin ist das Flugblatt schwerlich die Quelle für den Schwank im Wegkürzer gewesen, sondern während jenes wohl letzten Endes auf Phädrus 4, 18 zurückgeht, schöpft Montanus, wie auch sonst öfter18, wahrscheinlich wiederum aus mündlicher Überlieferung, denn Phädrus kennt das Motiv des Flußüberganges gar nicht, das im Wegkürzer in so liebevoller und humorerfüllter Ausgestaltung erscheint.19

Mit einem allgemeinen Streit der Tiere beginnt schließlich die Fassung Eyerings, Proverbiorum copia 3, 547–550 (1604).20 Das Schlußmotiv: ›Der Katze eine Glocke anhängen‹ gehört natürlich nicht in diesen Zusammenhang, sondern bildet eine Fabel für sich (vgl. unten S. 145).


Als einmal vor langer Zeit zwischen den Tieren ein Streit entstanden war, der kein Ende nehmen wollte, sind sie alle zusammengekommen und haben beschlossen, daß fortan kein Tier dem andern ein Leid antun dürfe. Darüber wurde ein Vertrag aufgesetzt, der mit des Affen Petschaft versiegelt wurde und den der Esel verlas; dann übergab man ihn den Hunden zur Aufbewahrung: »denen man sie[111] nicht leicht kunt stelen | Vor jhrem steten billn vnd bellen.« Die Hunde gaben jedoch die ›brieffe‹ den Katzen weiter, und diese steckten das Dokument in ein Mausloch, damit es dort im Verborgenen liege. Als aber nach einigen Jahren ein junger Hund, »der nichts vmb diese Freyheit wist | Auff jhrm Reichsstag nicht gwesen ist«, sich einen Hasen fing, wird der Vertrag gesucht, allein man findet von ihm nur noch traurige Reste:


Dadurch die alt Feindschafft vorzeit

Widerumb gentzlich wurd vernewt,

All Thier wurden den Hunden feind,

Die Hund den Katzen nicht hold seind,

Weil sie die Brieff nicht wol verwart,

Darumb sie die verfolgen hart.


Die Katzen sind wiederum den Mäusen feind und verfolgen sie allerorten. Darum halten die Mäuse einen Rat, wie sie's anfangen wollten, um den Katzen leichter zu entgehn, »Vnd theten einen List erdencken | Wolten alln Katzen Schelln anhencken.« Eine kluge Maus fragt jedoch: Wer will sich denn aber unterstehn, den Katzen die Schellen anzuhängen?


Sehr viel zahlreicher als die literarisch überlieferten Varianten sind die aus Volksmund aufgezeichneten.21 Sie verteilen sich in ihrer Gesamtheit ziemlich gleichmäßig auf die germanisch-romanischen und litu-slavisch – finno-ugrischen Teile Europas, und nur in ganz geringer Anzahl sind außereuropäische Varianten bekannt. Die Scheidung zwischen den beiden Erzählstoffen wird in den allermeisten Varianten durchgeführt, und nur in wenigen Fällen ist eine Vermischung eingetreten. Um so interessanter ist es daher, die Verteilung für die beiden Erzählungen einzeln festzustellen. Da zeigt es sich, daß die Feindschaftsfabel vor allem in Osteuropa und zwar besonders unter den West- und Ostslawen verbreitet ist, während das Motiv ›Beschnuppern‹ weit überwiegend in deutschen und französischen Erzählungen vorkommt. Ob aus diesem Resultat für das Ursprungsgebiet der Feindschaftsfabel Schlüsse gezogen werden dürfen, möchte ich dahingestellt sein lassen. Dagegen weist die geographische Verbreitung des anderen Stoffes darauf hin, daß er letzten Endes aus der literarischen (Phädrus-) Überlieferung ins Volk gedrungen ist.

Fußnoten

1 Andere Feindschaftserzählungen von Hund und Katze gab es auch schon früher, aber sie sind offenbar nicht populär geworden, vielleicht auch nie verbreitet gewesen. Man vergleiche die von Fr. Wilhelm mitgeteilte Fabel aus dem Ende des 14. oder Anfang des 15. Jahrhunderts, Alemannia 34, 118: Hund und Katze begeben sich auf eine Hochzeit. Unterwegs wird die Katze krank, der Hund heilt sie mit einem Kraut. Später erhält der sterbenshungrige Hund ein Brot vorgeworfen. Die Katze fragt: »Harm [Name des Hundes], sol ich nit auch dar nachfarn?« Der Hund weigert sich ihr etwas abzugeben, es entsteht ein Wortstreit, dann ein Zweikampf. Der Hund schlägt der Katze einen Zahn aus; auf ihr Geschrei kommen ihre Freunde herbei und verwunden den Hund so schwer, daß er kaum davonkommt.


Do wurden sie gefint

Als sie noch heut disz tags sind.


2 Der Titel ist »Hádání Pravdy a Lži o Kněžské zboží a panování jich,« das Werk war dem König Georg von Podebrad gewidmet und wurde ihm am 11. Juni 1467 überreicht (Vlček, Dějiny české literat. I, 203). Es ist im Jahre 1539 zu Prag gedruckt worden. Tobolka teilt im Časopis vlasteneckého muz. spolku olomuckého. Ročník XI, č. 44 (v Olomouci 1894) das hier übersetzte Stück im Urtext mit, von dem ich eine Abschrift der liebenswürdigen Bereitwilligkeit des Herrn Prof. P. Diels verdanke. Eine Übertragung von Polívka teilt Bolte in der Zeitschr. d. Ver. f. Volksk. 21, 167 mit.


3 Abgedruckt bei Bolte, Montanus Schwankbücher S. 487 Nr. VIII. An dieses Flugblatt schließt sich ein anonymes Meisterlied in der Briefweis Regenbogens vom Jahre 1592 treu an (vgl. a. a O.S. 568) und ist nach zwei Handschriften bei Bolte S. 492 abgedruckt. – Auf dem Nürnberger Bilderbogen beruht nach Bolte vermutlich auch ein schwedisches Volksbuch, dessen Titel in der Anmerkung zu Montanus Weg-kürzer c. 14 mitgeteilt ist.


4 Daß Einfarbigkeit einen Vorzug und vor allem den der unvermischten Abstammung bedeutet, ist altbekannt und verbreitet.


5 Vgl. die unten abgedruckten Fassungen der Handschriften M 207 und M 191, ferner Haudent und Eyring.


6 Phädrus 4, 18 (Hervieux8 2, 49 f.).


7 Über ihre Verbreitung vgl. unten S. 137 ff.


8 Goetze-Drescher, Fabeln und Schwanke 4, 210.


9 Kalazen, kollatzen, kallatzen bedeutet ›ein kleines frugales Abendmahl einnehmen‹. Latein, collatio, polnisch kolacya die Abendmahlzeit. (Schmeller, Bayerisches Wörterbuch 1, 1237.)


10 Abgedruckt bei Bolte, Zeitschr. d. Ver. f. Volkskunde 21, 169.


11 ebda S. 167.


12 ebda S. 166.


13 Fabeln und Schwanke 4, Nr. 374. Die Nachahmung von Peter Heiberger (30. Januar 1614) ist nach dem Münchner Cod. germ. 5453, Blatt 162 a Nr. 145 abgedruckt von Bolte, Zeitschr. d. Ver. f. Volksk. 21, 168.


14 Fabeln und Schwanke 1, Nr. 200, vom 20. April 1558. Vgl. die Erneuerung von Simrock, Deutsche Märchen S. 127 Nr. 25 (1864) = Zeitschrift für deutsche Mythologie 2, 16 ff.


15 Wegkürzer cap. 14, Bolte S. 35. Die erste Auflage erschien im Jahre 1557. Hulsbusch, Sylva sermonum p. 181 f. (1668) übersetzte die Erzählung ins Lateinische. Abgedruckt bei Bolte, Montanus S. 486 Nr. VII.


16 Montanus S. 568. Vgl. jetzt aber Zeitschr. d. Ver. f. Volksk. 21, 166.


17 Vgl. unten S. 127 (›Hund hat Vorrecht‹).


18 Vgl. Bolte a.a.O.S. XVI.


19 Auffallend ist es, daß die gesamte Romulustradition unsern Schwank vom Beschnüffeln nicht kennt.


20 Abgedruckt von Bolte, Zeitschr. d. Ver. f. Volksk. 21, 169.


21 Unzugänglich blieb mir die Variante von St. Ciszewski, Lud rolniczo-górniczy S. 187 (Krakau 1867), vgl. Bolte, Zeitschr. d. Ver. f. Volkskunde 21, 168.


Quelle:
Dähnhardt-Natursagen-4, S. 112.
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