Um einen Patriarchen zu machen

[58] Ein junges Mädchen hatte sich gerade mit einem reichen, sehr geizigen Gutsherrn verheiratet. Der Pope war verliebt in die Schöne, hatte indessen aus Furcht vor üblem Aufsehn nimmer versucht, sie um seine Leidenschaft wissen zu lassen.

Als nun eines Tages die Jungverheiratete in ihrem Garten beschäftigt war, schickte sich der Priester, scheinbar die Anwesenheit der Frau übersehend, an, sein Wasser abzuschlagen. Die aber hob ihre Augen auf und blieb ganz verdonnert stehn. Die Adamsrute des Pfarrers war in drei Farben gemalt, unten war sie rot, in der Mitte gelb und oben schwarz.

Das junge Weibchen aber hatte nichts eiligeres zu tun, als diese merkwürdige Sache ihrem Gatten zu erzählen.

»Bist du dessen auch ganz sicher?«

»So gewiß ich am Leben bin!«

»Nie hab' ich von so etwas sprechen hören.«

»Die Pfaffen sind vielleicht anders als die übrigen Männer gemacht?«

»Aber nein! Das wüßte ich. Auf jeden Fall werd' ich mich bei dem Pfarrer erkundigen. Laden wir ihn zum Abendessen ein. Das soll ein Fest werden! Wir[59] wollen guten Wein und noch besseren Rakhi trinken und man wird tolle Geschichten erzählen; ich bringe den Priester Athanasius dann zum Plaudern!«

»Der Gedanke ist nicht übel. Lade den Popen für heute abend ein.«

»Ungesäumt will ich zu ihm laufen.«

Es machte dem Manne keine Mühe, den Priester dazu zu bewegen. Als der Abend gekommen war, setzte man sich zu Tisch und jedweder aß und trank für viere. Mit Hilfe des guten Weins und des Rakhi nahm die Unterhaltung einen sehr übermütigen Ton an. Der Pfarrer erzählte wenig erbauliche Geschichten, der Gatte aber sang recht kecke Liedlein.

»Ein neues Glas Rakhi, mein Vater?«

»Mit Vergnügen, Alcibiades!«

»Ist es übrigens wahr, was man im Dorfe munkelt?«

»Was munkelt man?«

»He, man versichert, daß Euer priesterliches Pflanzholz dreifarbig sei.«

»Das ist die genaue Wahrheit. Weißt du denn nicht, daß das eine Gabe des Himmels ist? Man hat mich gelehrt, daß nur immer ein Priester in einem halben Jahrhundert also begabt wird, wie ich es ward. Und Tag für Tag danke ich dem Herrn dafür. Und wenn Euer Weibchen nicht hier wäre« ...

– »Geh einen Augenblick hinaus, Cleo ... So, nun könnt Ihr frei reden!«

Der Priester wies sein Pflanzholz vor.[60]

»Siehst du, Alcibiades? ... Wenn ich nur das schwarze Ende eingrabe, mach' ich einen Popen, wenn ich das gelbe hineinstoße, wird's ein Bischof, tue ich's aber ganz, so schaffe ich einen Patriarchen. Hast du verstanden?«

»Gewiß. Ist das aber wunderbar!«

»Ruf' dein Weib zurück und lasse kein Wort darüber fallen, niemandem gegenüber. Anderenfalls würde man mich ja von allen Seiten auffordern, Bischöfe und Patriarchen zu machen. Dabei würde ich gewißlich reich werden, aber was sollte mein Weib dazu sagen?«

Der Pfaffe kehrte zu seiner Popin zurück und die beiden Jungverheirateten pflogen Rats mit einander. »Später werden wir schon Kinder kriegen, wenn's Gott gefällt. Aber wir sind reich und es würde uns doch recht lieb sein einen Sohn zu haben, der Bischof würde!«

»Nein, nicht Bischof, sondern Patriarch! Schau, Alcibiades, welcher Ehre würden wir dann teilhaftig werden! Und würden wir dann nicht gewißlich ins Paradies eingehen?«

»Du hast recht. Willst du, daß ich den Priester Athanasius bitte, uns einen Patriarchen zu bescheren?«

»Oh, wie würde sich da mein Herz freuen!«

»Gewiß. Und könnte es denn eine Sünde sein, einmal bei einem heiligen Manne zu liegen, den Gott begnadet hat? Übrigens würde es mit meiner Einwilligung geschehn. Keiner könnte dem anderen zuflüstern, daß ich ein Hahnrei wäre.«[61]

»Dann such' den Priester Athanasius auf!«

»Ich will das Unmögliche tun, um ihn morgen ohne Wissen seines Weibes zu sprechen ... Doch bedenken wir alles. Wieviel glaubst du, daß er von mir verlangen kann, um dir einen Patriarchen zu machen?«

– »Wenn er nur zwanzig Medjidieh fordert, schlage schnell ein!«

»Überlegen wir. Zwanzig Medjidieh ist eine große Summe!«

»Ja, sicher, doch unser Sohn wird sie uns hundertfach vergelten!«

»Nehmen wir zwanzig Medjidieh an. Das soll mich nicht hindern herunterzuhandeln.«

Folgenden Morgens nimmt der junge Ehemann den Priester beiseite. Spricht mit ihm vom schönen Wetter, von den Oliven, den Weinbergen, der Mastixernte, endlich kommt er auf die heikle Anfrage, die ihm am Herzen liegt.

»Mein Weib und ich, wir haben die Nacht kein Auge zugetan,« hebt er an. »Wie Ihr ja wißt, können wir Wohllebe halten. Unserem Sohn könnten wir eine Erziehung geben, die ihm erlauben würde, nach den höchsten Würden der Kirche zu trachten!«

– »Das weiß ich; auch bemüht Ihr Euch gewissenhaft Euer Tagewerk zu tun, um zu wachsen und Euch zu vermehren, wie's in den heiligen Büchern geschrieben steht.«

»Wir werden Kinder haben, daran zweifle ich nicht,[62] aber ich besitze kein dreifarbiges Rüstzeug, welches die Popen, die Bischöfe und die Patriarchen macht. So sind wir denn handelseins geworden, Euch in Anbetracht unserer Nachbarschaft und Freundschaft zu bitten, uns einen Patriarchen zu verschaffen.«

»Ist das dein Ernst, Alcibiades?«

»Mein voller Ernst. Doch ehe wir uns fest entschließen, möchte ich doch mit Euch über den Preis sprechen. Der Dienst ist einer Belohnung wert ... Auch ist Eure Frau da, die verletzt sein könnte und entschädigt werden müßte!«

»Stets hab' ich zur Popin gesagt: Alcibiades ist ein Ehrenmann; ist nicht der Geizhalz, für den ihn die Übelwollenden ausgeben.«

»Dank, geistiger Vater! ... Welchen Preis heischt Ihr für die ... kleine Arbeit?«

»Meiner Treu, zwanzig Medjidieh für einen Popen, fünfzig für einen Bischof und hundert für einen Patriarchen!«

Der Ehemann überlegte.

»Das will wohl bedacht sein, mein Vater; hundert Medjidieh kann ich nicht in dies Unternehmen stecken!«

»Begnüge dich mit einem Bischof für fünfzig!«

»Nein, keine fünfzig! Das Jahr ist schlecht. Den Wem wird man nicht los. Die Orangenbäume haben Befall. Die Ölbäume haben nichts gebracht ... Für dieses Mal kann ich nur einen Popen bestellen. Wollen[63] im nächsten Jahre sehen, ob ich dann einen Bischof oder einen Patriarchen in Auftrag geben kann!«

»Wie du's wünschest. Also ein Pope. Wann soll ich die Atzung bringen?«

»Wenn Euer Weib heute abend im Bette liegt, nehmt den nächstbesten Vorwand, um zu uns zu eilen. Dort soll ein frohes Mahl gehalten werden, um Euch Kräfte zu geben.«

»Abgemacht; heute abend.«

Der Priester kehrt ins Pfarrhaus zurück, wo er seinem Weibe die Unterhaltung mit Alcibiades erzählt.

»Was soll ich tun?«

»Trag' die Farben auf deinen Priesterstab auf und lauf zum Essen zu dem Schwachkopf. Zwanzig Medjidieh kann ich gut gebrauchen zum Einkauf von vielen Dingen, die unserem armen Haushalte fehlen!«

»Beim Nachhausekommen werd' ich dich nicht vergessen und dir mit mehr Vergnügen zusetzen als Cleo!«

Der Abend ist da; Priester Athanasius begibt sich zu seinen Nachbarn. Der Tisch ist gedeckt. Die zwanzig Medjidieh liegen bereit und gleiten in des Priesters Geldbeutel.

Endlich naht der Augenblick. Athanasius entkleidet sich, Cleo hält die Rechte vor die Augen, nicht ohne die Finger zu lüpfen, um das erstaunliche pfarrherrliche Adamsrütlein zu bewundern.

Spricht Alcibiades: »Wohlan, Cleo, ziehe dich aus und lege dich ins Bett.«[64]

Über und über errötend gehorcht die Jungverheiratete. Schnell faßt sie der Priester und nimmt den Zauberstab, schiebt aber nur den schwarzen Teil in den Garten der Schönen. Und alle beide beginnen zu springen und hasten. Das Weiblein seufzt im Verein mit Priester Athanasius.

Plötzlich aber, als er den richtigen Augenblick gekommen wähnt, springt Alcibiades aufs Bett und sein Weib und den Priester fest umfassend, läßt er das Männchen seiner ganzen Länge nach eintreten.

»Diesesmal bin ich sicher, einen Patriarchen zu haben,« jubelt er laut, »und er kostet mich nur zwanzig Medjidieh!«

Quelle:
[Hansmann, Paul] (Hg.): Schwänke vom Bosporus. Berlin: Hyperionverlag, [1918], S. 58-65.
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