[211] 47. Die drei weißen Tauben.

Es war einmal eine Mutter, welche einen braven Sohn mit Namen Hansl hatte. Als dieser neunzehn Jahre alt war, ging er in die weite Welt, um sich einen Dienst zu suchen. Eines Abends verirrte er sich in einem ungeheuren Walde, aus welchem er sich nicht mehr heraus finden konnte. Da erblickte Hansl plötzlich in der Ferne ein Licht, auf welches er sogleich zuging. Er fand eine alte baufällige Hütte, welche von einem alten und häßlichen Manne bewohnt war.

Als Hansl in dieselbe eintrat, fragte ihn der alte Mann barsch um sein Begehr. – »Ich weiß selbst nicht, was ich hier begehren sollte«, antwortete Hansl, als er die ärmliche Einrichtung der Hütte bemerkte, »denn ich bin in die Welt gegangen, um mein Glück zu machen, und ich möchte gern bei einem wohlhabenden Manne dienen, wenn mich ein solcher annehmen wollte.« »Nun, wenn du willst, so bleibe bei mir«, sagte der Mann, »du hast zwar bei mir nicht viel Arbeit, aber du mußt ein Jahr und drei Tage bei mir aushalten, sonst würde es dir schlecht ergehen.« Hansl bedachte sich eine Weile, dann willigte er ein und blieb. Das Jahr verstrich, und der alte Mann sagte am dritten Tage zum Hansl: »Die bedungene Zeit ist um, und da du mir so treu gedient hast, so nimm dir als Lohn so viel Gold, als du tragen kannst, und diese weiße Taube, welche ich dir unter folgender Bedingung schenke: Wenn du nämlich in deine Heimat kommst, so erbaue dir eine Burg und reiße dieser Taube drei Federn[211] aus; dann wird aus ihr eine blühende Jungfrau werden, welche dein Weib sein soll. Die drei Federn aber verbirg so gut als möglich, denn wenn sie deine Frau wieder einmal in ihre Macht bekäme, so würde dich Unheil treffen.«

Hansl bedankte sich bei dem guten alten Manne und machte sich dann auf den Weg nach der Heimat. Dort ließ er sich von dem vielen Golde eine Burg erbauen, welche er Taubenburg nannte. Als das prachtvolle Gebäude fertig war, riß er der Taube drei Federn aus und sie verwandelte sich sogleich in eine schöne Jungfrau, mit welcher er drei Jahre glücklich und zufrieden lebte. Nach dieser Zeit hatte sich Hansl eines Tages auf die Jagd begeben, und seine Mutter saß mit der jungen Frau ganz allein zu Hause. – »Wirklich, man kann die ganze Welt durchgehen«, sagte Hansl's Mutter, »so wird man doch kein so schönes Weib finden, wie du eines bist.« – »Oh! ich würde noch viel schöner sein, wenn ich die Federn besäße, welche mein Mann verborgen hat«, antwortete die Jungfrau traurig.

Da die Mutter sehr neugierig war und den Ort wußte, wo Hansl die Federn verborgen hatte, so holte sie dieselben schnell herbei und überreichte sie der jungen Frau. Sie steckte die Federn schnell an ihren Leib und augenblicklich war sie wieder eine Taube mit schwarzen Flügeln. Sie setzte sich darauf an ein offenes Fenster und erwartete die Rückkunft ihres Mannes. Als er eintrat, bedankte sie sich bei ihm für alles Gute und flog fort.

Hansl war untröstlich über diesen Vorfall, doch geschehen, war geschehen, und er mußte sich dem Schicksale fügen. Hansl entschloß sich nun, den alten häßlichen Mann im Walde aufzusuchen und denselben um Hilfe zu bitten. Doch dieser konnte ihm nicht mehr helfen, sondern gab ihm einen Auftrag an seinen Bruder, welcher ungeheuer weit von der Hütte entfernt war und alle Vögel und Thiere unter seiner Obmacht hatte. – Einem Zwerge befahl er, Hansl'n zu seinem[212] Bruder, dem Beherrscher aller Vögel und Thiere zu führen. Der Zwerg rannte wie besessen vor dem Hansl her, und in kurzer Zeit war Hansl mit dem Zwerge am Ziele seiner Reise. Der Beherrscher aller Vögel und Thiere war noch häßlicher als sein Bruder, und Hansl schrak heftig zusammen, als er ihn erblickte. »Fürchte dich nicht, mein Sohn«, sagte er, »und erzähle mir deine Angelegenheit, welche dich zu mir führt.« – »Herr«, sagte Hans, »dein Bruder sendet dir durch mich seinen unterthänigen Gruß und läßt dich bitten, du möchtest mir sagen, wo ich die drei verzauberten Tauben suchen soll, welche sich alle 100 Jahre in seinem Teiche zu baden pflegen.« »Ich selbst weiß es nicht«, entgegnete er, »aber ich will die Vögel und alle Thiere befragen, welche unter meinem Gebote stehen.«

Er nahm dann ein Pfeifchen, ließ einen gellenden Pfiff ertönen und augenblicklich wimmelte die ganze Gegend von Thieren, welche wie aus einem Munde schrieen: »Was befiehlt unser Beherrscher?« Der Zauberer befragte nun die Thiere, ob sie nicht die Tauben wüßten oder doch gesehen hätten, welche sich im Teiche seines jüngsten Bruders alle 100 Jahre zu baden pflegen. – Alles schwieg, kein Thier gab eine Antwort. – »Nun, du siehst«, sagte der Zauberer »daß es keiner meiner Unterthanen weiß, wo diese Tauben hingekommen sind, und ich bin daher nicht im Stande, dich zu befriedigen, aber einen Rath will ich dir geben, welcher dir gewiß frommen wird. Geh' nämlich zu meinem Bruder, dem Beherrscher aller Hexen, Zwerge, Riesen und Kobolde, der wird dir gewiß Auskunft geben können.« Nach diesen Worten befahl der Zauberer einem zweiköpfigen Riesenadler, den Hansl auf seinen Rücken zu nehmen und ihn zu seinem Bruder, dem Beherrscher aller Kobolde zu tragen. Der Riesenadler vollführte den Auftrag, und Abends befand sich Hansl vor dem Beherrscher der Kobolde. Dieser, der älteste der drei Brüder, war ein schöner und riesiger Mann; sein[213] Haupt, von langen, blonden Haaren umwallt, war mit einem Kranze aus Eichenlaub geziert; in seiner gewaltigen Rechten hielt er eine entwurzelte Tanne.

Hansl faßte sogleich zu dem Riesen Vertrauen und trug ihm seine Angelegenheit vor. Der Riese stampfte mit dem Baum auf die Erde, daß sie erzitterte, und sogleich wimmelte die ganze Gegend von schwarzen Ungeheuern, welche die Unterthanen des Riesen waren. Alle riefen mit Donnerstimmen: »Was befiehlt unser Herrscher?« Der Riese befragte nun seine Teufel, ob sie nicht die Tauben irgendwo gesehen hätten, welche sich in dem Teiche seines jüngsten Bruders zu baden Pflegen. Alle Ungeheuer schwiegen. Der Riese sah sich um und vermißte einen Kobold. – »Wo ist der Hinkende?« fragte er. »Hier bin ich«, sagte der Hinkende, außer Athem, denn er war schnell gelaufen, um noch zur rechten Zeit anzukommen.

Der Riese fragte ihn nun ebenfalls, ob er die Tauben nicht gesehen habe. – »Ich habe sie gerade über ein großes Meer gejagt«, antwortete er, »ich konnte sie aber nicht erwischen, da die drei Tauben mitten im Meere einen goldenen Palast haben, welchen sie bewohnen.« »Schon gut«, sagte der Riese, »diesen Menschen trägst du zu dem Palaste der drei Tauben«, und zum Hansl gewendet raunte er ihm unter anderm in's Ohr: »Wenn dich der Kobold fragt, wie schnell er mit dir fliegen solle, so sage: so schnell wie ein Geist geht.«

Der Hinkende lud den Hansl auf seinen Rücken und flugs ging es durch die Lüfte.

So flogen sie zwei Tage lang und hatten nur noch den Raum von sieben Meilen zurück zu legen.

Man konnte schon das weit hin schimmernde Dach des Palastes sehen, da fragte plötzlich der Kobold den Hansl: »Siehst du das Dach?« »Nein«, antwortete dieser und drückte die Augen zu, denn es war ihm auch befohlen worden, daß[214] er auf jede Frage des Kobolds mit »Nein« antworten solle, sonst hätte ihn der Kobold fallen lassen.

Nun kamen sie auf drei Meilen, dem Palaste nahe und der Kobold fragte abermals: »Siehst du den Palast?« Und abermals verneinte Hansl die Frage. Endlich waren sie über dem Dache und wieder fragte der Kobold, ob er das Dach sehe, und abermals gab er eine verneinende Antwort. »Du mußt blind sein, Kerl«, brüllte das Ungetüm, trug den Hansl in den Palast hinein und setzte ihn auf eine Tafel, an welcher eben die drei Prinzessinnen speisten. Diese waren des Morgens und Abends Tauben, in der übrigen Tageszeit konnten sie menschliche Gestalt annehmen. Die drei verzauberten Jungfrauen erschraken über den unerwarteten Besuch, doch sein Weib erkannte ihn sogleich. Sie begrüßte ihn und sagte: »Du kommst gerade recht, um mich zu erlösen.«

Hans blieb eine geraume Zeit bei ihnen.

In dem Palaste befanden sich zwölf Zimmer, in welchen er seine Zeit zubringen konnte, nur in das dreizehnte Zimmer durfte er nicht gehen, das war ihm streng verboten.

Doch Hansl gedachte das Gebot nicht lange zu halten. Eines Tages, als die Prinzessinnen nicht zu Hause waren, nahm er den Schlüssel und ging in das dreizehnte Zimmer. Er fand es beinahe ganz leer, nur in der Mitte desselben war ein Tisch, auf welchem drei Gläser voll Wasser stunden. Über dem Tische hing ein riesiger Drache, dessen drei Köpfe an der Decke des Zimmers angenagelt waren. Der Drache lebte noch und als er Hansl's ansichtig wurde, ersuchte er denselben, ihm ein Glas Wasser zu reichen, er werde ihm dafür einmal das Leben retten. Hansl besann sich nicht lange, reichte dem Drachen ein Glas Wasser, und als er dieses ausgetrunken hatte, fiel ein großer Nagel herab und das Ungeheuer hatte einen Kopf frei. Jetzt bat er ihn um das zweite Glas Wasser, wofür er dem Hansl auch einmal das Leben zu retten versprach. Hansl gab ihm auch dieses bereitwilligst,[215] und der Drache hatte dann zwei Köpfe frei. »Nun gieb mir auch das dritte Glas«, brüllte er den Hansl an, »du mußt, ob du willst oder nicht.« – Erschrocken reichte ihm Hansl auch das dritte Glas Wasser.

Nun war der Drache ganz frei und er flog sogleich nach dem Meere, wo er die drei Tauben so lange herumjagte, bis er eine erwischt hatte. Es war das Weib Hansl's. Als die andern zwei Tauben nach Hause kamen, machten sie dem Hansl die heftigsten Vorwürfe, und sagten ihm: »Wir hatten uns gefreut, endlich einmal erlöst zu werden und jetzt hast du unser Los verschlimmert, so daß wir bis zum jüngsten Tage verzaubert sein müssen.«

Hansl selbst war betrübt über den Verlust seines Weibes. Die drei Prinzessinnen aber hatten noch drei Brüder, welche in Pferde verzaubert waren. Der jüngste derselben war in einem entlegenen Stalle des Palastes, der andere war im Stalle des Drachen und der älteste befand sich bei der Judasteuflin. Eines Tages kam Hansl durch Zufall in den Stall des jüngsten Pferdes, und als er hörte, daß das Pferd sprechen konnte, klagte er demselben sein Elend. Das Pferd sprach: »Gerade jetzt ist der Drache nicht zu Hause, benütze daher diese Zeit und stiehl ihm die Taube. Setze dich dann auf mich und ich werde dich durch die Lüfte davon tragen.« So geschah es auch. Als der Drache nach Hause kam, war seine Lieblingstaube verschwunden. Er errieth bald, was sich während seiner Abwesenheit zugetragen haben mochte, und er setzte sich schnell auf ein Pferd, jagte dem Räuber nach und holte ihn bald ein. »Elender«, schrie er dem Hansl zu, »wie kannst du dich unterstehen und mir die Taube stehlen, ich sollte dich zerreißen, aber ich will meinem Worte treu bleiben und dir für dießmal das Leben schenken.«

Hansl war nun wieder untröstlich. Nach einiger Zeit sagte das Pferd abermals zum Hansl: »Weil der Drache wieder nicht zu Hause ist, so können wir ihm vielleicht jetzt die Taube[216] stehlen.« Als der Drache nach Hause kam, fragte er das Pferd, wo die Taube hingekommen sei, und es sagte: »Die Taube ist gestohlen und wahrscheinlich nicht mehr einzuholen, da sie schon einen zu großen Vorsprung haben.«

Er setzte sich schnell auf das Pferd und jagte wie im Fluge fort. Bald hatte er den Hansl eingeholt und schenkte demselben abermals für das zweite Glas Wasser das Leben. Als aber Hansl zum dritten Male die Taube gestohlen hatte, und wieder vom Drachen eingeholt wurde, zerriß ihn derselbe in Stücke. Das Pferd jedoch suchte die Stücke des unglücklichen Hansl's zusammen, bestrich sie mit einer Salbe und Hansl war wieder hergestellt. Dann sagte das Pferd zu ihm: »Wenn du meinen Rath befolgen willst, so gehe zu der Judasteuflin und diene ihr drei Tage als Knecht. Als Lohn für deine Dienste verlange das schlechteste Pferd, denn dieß ist mein Bruder, welchen die Judasteuflin ungemein martert; er wird dir dann bei deinem Vorhaben sehr gute Dienste leisten.« Hansl befolgte den Rath und machte sich auf den Weg zur Judasteuflin. Unterwegs sah er eine ungeheure Fliege in dem Netze einer Spinne und da er sehr mitleidig war, befreite er dieselbe. Die Fliege sprach: »Wenn du dich einmal in großer Not befindest, so denke an mich, und ich werde dir helfen.«

Er setzte nun seinen Weg fort und bald bemerkte er in einiger Entfernung einen Fuchs, welcher in eine Grube gefallen war. Er befreite auch den Fuchs und derselbe versprach ihm ebenfalls seine Hülfe, wenn er einmal seiner gedenke. Bald darauf gelangte Hansl an ein Meer, über welches er nicht kommen konnte. Indem er nun sinnend am Strande des Meeres einherging, sah er einen ungeheuern Krebs auf dem Rücken im Sande liegen. Hans wandte ihn um und aus Dankbarkeit für den ihm geleisteten Dienst rief er alle Krebse zusammen und befahl ihnen, eine Brücke zu bauen. Und so gelangte Hansl über das Meer.[217]

Die Judasteuflin sah ihn schon von weitem und kam ihm grinsend entgegen, um ihn zu bewillkommen und zu fragen, ob er bei ihr dienen wolle. Hansl nahm den Dienst an und die Judasteuflin sagte zu ihm: »Bei mir dauert der Dienst nur drei Tage und du brauchst sonst nichts zu thun, als Pferde zu weiden; verlierst du aber ein Pferd von der Herde, so haue ich dir den Kopf ab und hänge denselben hier auf den Pfahl. Eilf Köpfe prangen schon dort auf den Pfählen, der zwölfte Pfahl wartet auf dich.« Hansl vermochte kein Wort zu erwiedern, denn sowohl ihre Häßlichkeit als auch die Drohung hatten seine Zunge gelähmt. Die Judasteuflin befahl dem Hansl, ihr zu folgen. Sie gab ihm zu essen und noch ein großes Stück Brot mit auf die Weide. Hansl trieb die Pferde fort, und als er auf der Weide anlangte, fühlte er schon großen Hunger. Er sah sich nun genöthigt, das Stück Brot zu essen, obwohl ihm das magere Pferd dieß verboten hatte. Kaum war das Brot verzehrt, als er auch schon vom Schlafe überwältigt wurde. Als er erwachte, waren die Pferde fort. Er jammerte und suchte, aber es half nichts, er fand die Pferde nicht mehr. Schon wollte er heimkehren, als ihm plötzlich die Fliege, wie dieselbe im Netze zappelte, einfiel, und er dachte, so werde er in kurzer Zeit wahrscheinlich auch am Pfahle zappeln. Kaum gedachte er also der Fliege, als diese auch schon geflogen kam, und die Pferde im Galopp vor sich hertrieb. Hansl war außer sich vor Freude, bedankte sich bei ihr und trieb dann die Pferde nach Hause. Die Judasteuflin wartete schon auf ihn, und als sie die Herde vollzählig fand, brüllte sie vor Zorn und Wuth. Sie nahm nun einen dicken Knotenstock und prügelte den Hans sowohl, als auch die ganze Herde, am allermeisten jedoch das magere Pferd, welches sie so stark schlug, daß Stücke Fleisch von dessen Körper herabhingen. Dann nahm sie eine Salbe, bestrich die wunden Stellen und augenblicklich war das Pferd wieder hergestellt.

Am andern Tage trieb Hansl wieder die Pferde fort und[218] er bekam abermals ein Stück Brot mit auf den Weg. Hansl aber nahm das Brot, zerbröckelte es und warf es in den Sand umher. Doch bald zwang ihn der Hunger die Brosamen wieder zusammen zu lesen und sie untermischt mit Erde zu verspeisen. Er schlief wieder ein, und als er nach langem Schlafe erwachte, waren die Pferde wieder verschwunden. Hansl schrie und rannte wie besessen herum, fand aber doch nicht die Pferde. In seiner Verzweiflung gedachte er des Fuchses. Dieser kam und trieb die Pferde auf ihren alten Weideplatz zurück. Hansl trieb sie wieder nach Hause, und als die Judasteuflin sah, daß kein Pferd abging, ward sie noch zorniger als das erstemal, und die Pferde und der Hansl bekamen noch mehr Schläge.

Der dritte Morgen nun kam heran, und wieder trieb Hansl seine Pferde hinaus in's Freie. Die Judasteuflin gab ihm abermals Brot mit und gebot ihm streng, ja das ganze Brot zu essen. Hansl aber warf es wieder weg, doch erging es ihm nicht besser als früher und er mußte es aufsuchen, um damit seinen ungewöhnlichen Hunger zu stillen. Der Genuß des Brotes hatte dieselbe Wirkung wie früher, und Hansl entschlief. Die Pferde wußten nun nicht mehr, wo sie sich verbergen sollten, um nicht aufgefunden zu werden, und sie sprangen daher in das Meer hinein. Als Hansl frühzeitig erwachte und die Pferde abermals fort waren, hatte er noch übrige Zeit, um sie aufzusuchen. Doch war sein Suchen vergebens. »Dreimal«, sagte er, »haben mir Thiere aus der Noth geholfen, wer wird mir jetzt helfen? der Fuchs und die Fliege halfen mir die Pferde finden, der Krebs half mir übers Meer, und nun habe ich niemand, auf den ich bauen könnte.« Auf einmal bewegte sich das Meer, und alle Pferde kamen aus demselben unter jämmerlichem Geheule heraus. Denn, als sich Hansl des Krebses erinnerte, rief derselbe alle Krebse zusammen und befahl ihnen, die Pferde so lange zu zwicken, bis sie das Meer verließen. Hansl trieb freudig die[219] Pferde nach Hause. Jetzt hatte er ausgedient und verlangte von der Judasteuflin das magere Pferd als Lohn.

»Warum denn gerade das magere Pferd«, fragte die Judasteuflin, »du hast mir ja treu und redlich gedient, ich will dich besser dafür belohnen und dir das schönste Pferd geben.« Hansl aber bestand darauf, daß er kein anderes als das magere Pferd wolle und so mußte ihm die Judasteuflin seine Bitte gewähren und ihm das verlangte Pferd geben. Trotzdem wollte sie den Hansl verderben und sie gab ihm daher noch ein Pferd, welches er reiten sollte, damit er das magere Pferd etwas schone. Hansl folgte auch der Judasteuflin und bestieg das andere Pferd. Doch der böse Plan dieser Hexe sollte auch dießmal vereitelt werden, denn ehe sie zu dem Thore des Hexenpalastes kamen, sagte ihm das magere Pferd im Stillen, er möchte von dem stolzen Pferde absteigen und sich auf das magere Pferd setzen, denn sonst würde es ihm schlecht ergehen. Hansl sprang schnell herab und bestieg das magere Pferd. – »Der Teufel hat dich gewarnt, du Elender«, brummte das stolze Pferd und verschwand hierauf. Wenn Hansl sitzen geblieben wäre, so hätte sich das Pferd unter dem Thore in die Luft gehoben und auf diese Weise dem Hansl den Kopf eingeschlagen. – Hansl ritt nun getrost nach dem Palaste der drei Tauben. Eines Tages sagte das magere Pferd zum Hansl: »Weil der Drache gerade schläft, so wollen wir ihm jetzt seine Taube stehlen.« Hansl nahm sie auch und setzte sich dann schnell auf das magere Pferd, welches dabei so riesig wurde, daß es über das Dach des Palastes sehen konnte. Als der Drache erwachte, fragte er das Pferd in seinem Stalle, wer denn jetzt die Taube gestohlen habe? Das Pferd sagte: »Hansl hat es wieder gethan und es ist an keine Wiedererlangung mehr zu denken, weil Hansl das Pferd der Judasteuflin reitet.« Der Drache beachtete dieß nicht und setzte sich auf das Pferd und jagte den Entflohenen nach. In kurzer Zeit hatte er den Hansl[220] erreicht und er wollte ihm wie gewöhnlich zuerst die Taube entreißen, aber dießmal gelang es ihm nicht; denn kaum wollte er Hand anlegen, als ihm das Pferd der Judasteuflin mit dem Hufe einen so gewaltigen Schlag gab, daß der Drache betäubt aus dem Sattel flog. Schnell tötete Hansl den betäubten Drachen, und dadurch waren die drei Prinzessinnen und auch die Prinzen erlöst. –

So hatte Hansl endlich sein Weib wieder erlangt und begab sich mit ihr nach der Heimat.[221]

Quelle:
Vernaleken, Theodor: Kinder- und Hausmärchen dem Volke treu nacherzählt. 3.Auflage, Wien/Leipzig, 1896 (Nachdruck Hildesheim: Olms, 1980), S. 211-222.
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