[203] 46. Die Judasteuflin.

Es lebte einst ein Ritter mit seiner Gemahlin viele Jahre in stiller Eintracht und Thätigkeit. Sie hatten nur den sehnsüchtigen Wunsch, einen Erben zu hinterlassen. Oft saß der Ritter in dem Walde, welcher seine Burg umgab, bei einem großen Stein und weinte bittere Thränen, so daß ihn schon jedermann in der Umgebung den Schmerzensritter nannte.

Als er einst nach seiner Gewohnheit bei dem Steine erschien, kam ein Zwerg daher und verkündete ihm, seine Gemahlin werde einen Sohn gebären, der aber Tag und Nacht weinen werde; der Ritter solle aber seinem weinenden Sohne eine Jungfrau zur Gemahlin versprechen, welche von neun Müttern geboren sei. Der Zwerg verschwand, und der Ritter war über diese Botschaft hoch erfreut. Kaum hatte er die letzten Worte des Zwerges gehört, so eilte er nach Hause, um seiner Gemahlin die freudige Nachricht zu überbringen. Als er aber in der Burg anlangte, trug ihm sein Knappe den neugeborenen Sohn entgegen. Voll Freude über das unerwartete Glück nahm er das Kind in die Arme und liebkoste es. Da fing das Kind an zu weinen und wollte nimmer aufhören. Das schmerzte den Ritter, und er wollte schon forteilen und den Zwerg um Rath fragen, als er sich der letzten Worte desselben erinnerte. Diese sagte er im Scherze dem Weinenden, und siehe da, der Kleine horte auf zu weinen.[203]

Vater und Mutter freuten sich des jungen Jarostay – so nannten sie ihn – und er wuchs zu einem kräftigen Jüngling heran, so daß er weit und breit als der erste Wettkämpfer galt. Aus entfernten Ländern kamen junge Ritter, welche sich um die Freundschaft des kühnen Jarostay bewarben.

Eines Tages, nach einer Jagd, trat dieser vor seinen Vater und bat ihn, er möge sein gegebenes Versprechen nun erfüllen und ihm die Jungfrau zur Gemahlin geben, welche neun Mütter geboren haben. Der Vater schien verlegen, und als der Sohn ihm sogar Ort und Zeit nannte, da er ihn getröstet hatte, sah sich der Vater genöthigt, ihm sein Begegnis mit dem Zwerge zu erzählen.

Seit dieser Stunde ward Jarostay schwermüthig und nachdenkend. Er zog sich von den gewöhnlichen Belustigungen zurück und dachte nur an seine Braut. Der alte Ritter war darüber betrübt und ließ alle Zauberer und Hexen berufen. Er versprach große Belohnungen jedem, der etwas über die gesuchte Jungfrau wisse. Aber niemand vermochte ihm eine andere Antwort zu geben als: »Es gibt eine solche Jungfrau, wo aber, das wissen wir nicht.« Da entschloß sich Jarostay, selbst sie aufzusuchen. Er nahm Abschied von den Eltern und ging in die weite Welt. Viele Jahre wanderte er vergeblich nach allen Richtungen hin. Eines Tages kam er in einen großen Wald, aus welchem er sich nicht mehr herausfinden konnte. Müde legte er sich unter einen Baum und schlief ein. Beim Erwachen sah er sich in einem Zimmer, das von einem alten Mütterchen bewohnt war. Die Alte fragte ihn, wie er in den Wald gekommen sei und was er suche. Jarostay erzählte ihr nun seinen ganzen Lebenslauf und die Ursache seiner Reise. Sie tröstete ihn und versprach, ihn zu ihrer Schwester zu führen, welche eine mächtige Hexe sei und gewiß Auskunft geben werde. Allein auch diese wußte den Aufenthalt der Jungfrau nicht, und die Alte begleitete[204] den Jarostay zu ihrer dritten Schwester. Diese bewohnte eine unterirdische Höhle, deren Eingang durch wilde Thiere bewacht wurde. Eine der Hexen brummte ein Sprüchlein, und sogleich wichen die Ungeheuer ehrerbietig zurück. Die Thür öffnete sich von selbst, und sie traten ein. Die dritte Schwester saß auf einem Schemel, hatte um die Stirn einen Kranz aus Weidenruthen und Augengläser wie kleine Wagenräder und keinen Zahn im Munde. Die drei Hexenschwestern begrüßten einander, und die dritte ward nun um Auskunft gefragt über die Jungfrau. »Du mußt« – sagte sie – »noch 300 Meilen südlich wandern, dort wirst du in einen Wald kommen, in welchem ein Schloß mit einem kleinen Turme sich befindet. Dort liegt die gesuchte Braut in einer kleinen Wiege und die neun Mütter, welche die Jungfrau geboren haben, schlafen um die Wiege herum. Nimm dann das Kind aus der Wiege und eile so schnell als möglich davon. Die Wiege aber mußt du zurücklassen, und die Jungfrau darfst du nicht früher küssen, als bis du zu Hause angelangt bist.« Jarostay dankte und versprach alles getreulich zu erfüllen. Dann nahm er Abschied von den drei Schwestern und wanderte frohes Muthes weiter, jeden Tag seinem Ziele näher. Er fand endlich das bezeichnete Schloß und er schlich sich in das Türmchen. Dort erblickte er in einem prachtvollen Zimmer seine Braut in einer goldenen Wiege, und die neun Mütter schliefen umher. In freudiger Angst näherte er sich und ergriff die Wiege, die nicht größer war als eine Spanne. Dann eilte er fort, und schon wollte er die Grenze überschreiten, als er einen Reiter auf sich zukommen sah. In der Verwirrung küßte er schnell das Kind; er wollte seine Schritte beschleunigen, allein aus dem Kinde war plötzlich eine Jungfrau geworden, und die Wiege ward ihm zentnerschwer. Der Reiter entriß ihm die geliebte Last, und nur mit Noth konnte Jarostay selbst sich retten.

Tief betrübt kehrte er zu jener Hexe zurück und erzählte[205] ihr das Vorgefallene. Doch diese erinnert ihn an ihre Warnung. Nach langem Bitten gibt sie ihm endlich eine Salbe, welche ihn in einen Vogel verwandeln könne. Sie befiehlt ihm nochmals Vorsicht und setzt hinzu: »Der Vater deiner Braut besitzt ein schwarzes Pferd, welches alles sieht und weiß, was im Hause vorgeht, und wenn Gefahr droht, gibt das Pferd seinem Herrn sogleich durch Wiehern alles kund, was geschieht. Erkundige dich aber bei deiner Braut, wo ihr Vater das Pferd bekommen hat, denn nur durch ein solches Pferd kann eure Flucht gelingen.«

Jarostay verwandelte sich nun in einen Kanarienvogel und flog gerade dem Schlosse zu, in welchem die Braut sich befand. Er ließ sich von ihr fangen und in einen Käfig einsperren. Die Prinzessin gewann den Vogel so lieb, daß sie einst den Wunsch äußerte, wenn der Vogel ein Mann wäre, so würde sie ihn gewiß heiraten. Als der Vogel das hörte, verwandelte er sich in einen Jüngling und stand so vor der erstaunten Jungfrau. Diese erkannte ihn als ihren Retter, der sie aus dem Schlafe erweckt habe. Jarostay erzählte ihr nun, wie viel er schon ihretwegen sich bemüht habe, und die Jungfrau willigte ein, mit ihm zu fliehen. Vorher aber wollte sie den Vater fragen, woher er das schwarze Pferd habe. Jarostay verwandelte sich wieder in einen Kanarienvogel, und die Prinzessin ließ ihren Vater rufen und sagte ihm, daß sie sich krank fühle. Mitleidig suchte er die Tochter zu beruhigen, und diese suchte das Gespräch auf das schwarze Pferd zu lenken. Nachdem er es wegen seiner Schönheit und Treue gelobt hatte, fragte sie, wo er dasselbe gekauft habe. Nach langem Zögern sagte er: »In meiner Jugend mußte ich drei Jahre bei der Judasteuflin dienen, und zum Lohne gab sie mir das schöne Thier, welches nun als Wächter meiner Habe dient.«

Der Vogel hatte das mit angehört, flog zu der Hexe zurück und theilte ihr alles mit. Diese zeigte dem Jünglinge[206] den Weg zur Hölle, wo die Judasteuflin wohne. Sie gab ihm auch drei ihrer Haare mit, indem sie sagte: »Wenn du Hilfe bedarfst, so zerreiße eines dieser Haare, dann werde ich kommen und dir helfen.«

Jarostay wanderte nun zur Hölle, und er fand richtig an einem großen Felsen die Oeffnung, die ihm die Hexe bezeichnet hatte. Er ging in das Innere und gewahrte bald die Judasteuflin. Sie fragte ihn, was er hier wolle, und er antwortete: »Ich möchte gern Dienste bei dir nehmen, wenn es dir beliebt.« Erfreut nahm sie ihn an, und gleich den ersten Tag gab sie ihm zwölf Pferde zu hüten. Wenn er aber eines davon verliere, so müsse er sterben. Jarostay trieb nun die Pferde auf eine in der Hölle befindliche Wiese. Gegen Mittag überfiel ihn ein so mächtiger Schlaf, daß er sich niederlegte. Als er erwachte, war seine Herde fort, und all sein Suchen war vergebens. Da erinnerte er sich der drei Haare, welche er von der Hexe bekommen hatte. Er zerriß eines derselben und sogleich stand die Hexe neben ihm, und er klagte ihr sein Mißgeschick. »Geh' in den Stall zurück«, sagte sie, »dort wirst du zwölf Pferde in Gestalt von Schafen finden. Es werden aber dreizehn Schafe im Stalle sein, suche daher dasjenige Schaf heraus, welches ein Kreuz auf dem Rücken hat. Dieses mußt du in vier Theile zerhauen, denn das mit dem Kreuz bezeichnete Schaf ist niemand anders als die Judasteuflin. Und sobald du jenes Schaf getötet hast, werden die zwölf Pferde wieder vor dir stehen.« Die Hexe verschwand, und Jarostay fand alles so, wie sie gesagt hatte. Er nahm das bezeichnete Schaf und hieb es in vier Teile, und sogleich stunden die zwölf Pferde vor ihm.

Am ersten Tage seines zweiten Dienstjahres geschah dasselbe. Es überfiel den Jarostay wieder ein Schlaf und als er erwachte, waren die Pferde fort. Er zerriß daher das zweite Haar und die Hexe erschien und sagte: »Geh' in den Stall, dort wirst du statt der zwölf Pferde dreizehn Gänse[207] finden. Die dreizehnte, mit einem schwarzen Kreuz bezeichnete Gans sollst du fangen und töten, weil in dieser Gans die Judasteuflin ist.« Jarostay that, wie ihm befohlen, und die zwölf Pferde stunden wieder im Stalle.

Im Laufe des zweiten Jahres sann die Judasteuflin auf Mittel, um zu verhindern, daß Jarostay die Pferde entzaubere, denn sie wollte seinen Tod. Am ersten Tage des dritten Jahres waren die Pferde wieder von der Weide verschwunden. Er nahm nun das dritte und letzte Haar und rief die Hexe herbei, welche sagte: »Geh' in die Küche, dort wirst du in dem Feuer auf dem Herd einen Schemel sehen, auf welchem gewöhnlich die Judasteuflin sitzt. Unter dem Schemel ist eine schwarze Henne, diese sollst du töten. Glaube aber ja nicht, daß jene Person, die auf dem Schemel sitzt, die Judasteuflin ist, du würdest dich irren und dein Leben verlieren.«

Jarostay begab sich in die Höllenküche. Schon war er versucht, die Gestalt zu töten, welche auf dem Schemel saß und der Judasteuflin ganz ähnlich war und ihn mit einem grinsenden Lächeln zur That anzueifern schien, als er die schwarze Henne bemerkte. Eingedenk der Mahnung ergriff er die Henne und hieb sie in Stücke, und sogleich war jene Gestalt sammt dem Schemel verschwunden. Er wollte nun nach seinen Pferden sehen, ging in den Stall und traf zu seinem Erstaunen die Judasteuflin dort an, welche zu ihm sprach: »Lieber Jarostay, du hast mir zwei Jahre und einen Tag treu gedient und nie ein Pferd verloren. Aus Dankbarkeit will ich dir das dritte Jahr schenken und du darfst dir eine Belohnung wählen.« Jarostay bat um eines der Pferde, die er gehütet hatte. Die Judasteuflin besann sich eine Weile und willigte ein. »Du magst«, sagte sie, »das schönste Pferd dir aussuchen.« Da vernahm er eine Stimme, die ihm zuflüsterte, er möge das schlechteste Pferd nehmen. Jarostay folgte dem Rathe der unsichtbaren Hexe, und die Judasteuflin[208] erschrak über die Forderung und zögerte. Sie war endlich doch genöthigt, ihm das schlechteste Pferd zu geben.

Er führte es an die Oberwelt, und hier war das Pferd eines der schönsten, die er je gesehen. Alsdann ritt er zu seiner Rathgeberin und diese ermunterte ihn, nunmehr gerade nach dem Schlosse zu reiten, wo seine Braut wohne. Nach zwölf Tagen war er am Ziele. Er ritt in den Hof, und das Pferd, welches dem Vater seiner Braut als Wächter diente, kam herbei und erkannte das andere, weil es derselben Herde angehört hatte. Vor Freude vergaß es zu wiehern, und der Herr erfuhr nichts von der Ankunft des zweiten Pferdes.

Jarostay eilte nun in das Türmchen zu seiner Braut, und groß war die Freude über das Wiedersehen. Beide setzten sich auf das Pferd und ritten davon. Als aber das Pferd des Vaters dieß bemerkte, fing es an zu wiehern und sogleich eilte der Vater herbei. Kaum hatte er das Türmchen leer gefunden, so schwang er sich auf sein Höllenpferd und setzte den Fliehenden nach. Bald waren sie über die Grenze des großen Grundbesitzes, da hemmte ein breiter Graben den Lauf des Pferdes und der Vater hätte sie ereilt, wenn nicht durch den Zauber der allezeit hilfreichen Hexe der Graben verschwunden wäre. Sogleich that er sich aber hinter ihnen wieder auf, und der Vater spornte sein Pferd so, daß es im Hinübersetzen stürzte, und beide fanden in der Tiefe den Tod. Als dieß die beiden Verfolgten sahen, wurden sie sehr betrübt. Da an Rettung nicht zu denken war, ritten sie der väterlichen Burg Jarostays zu, und in wenigen Tagen langten sie glücklich an ihrem Ziele an.

Der alte Ritter und seine Gemahlin waren außer sich vor Freude, als sie den längst tot geglaubten Sohn mit seiner Braut heimkehren sahen. Es wurde nun eine glänzende Hochzeit veranstaltet, und Jarostay wünschte, es möchten auch die drei Schwestern daran theil nehmen, denen er all sein Glück zu verdanken hatte. Nach einer halben Stunde traten[209] wirklich drei Frauen in den Saal, den Anwesenden unbekannt. Alle bewunderten ihre Schönheit und reiche Kleidung. Dem Jarostay gaben sie sich zu erkennen und beglückwünschten ihn und seine Braut. Als jedoch der Zug in die hell erleuchtete Kapelle eintrat, waren die drei Frauen plötzlich verschwunden, und man hat sie nie wieder gesehen.

Nach der Trauung begann die Belustigung im Schlosse. Während dieser Zeit begab sich Jarostay in den Burghof hinab, bemerkte sein geliebtes Pferd und streichelte es. Da fing auf einmal das Pferd an zu sprechen und bat seinen Herrn, er möge ihm den Kopf abhauen. Des weigerte er sich aber, und erst nach vielem Bitten ergriff er sein Schwert, und als der Kopf vom Rumpfe getrennt war, flog eine weiße Taube heraus, die lustig sich gegen den Himmel erhob. Von nun an genoß Jarostay zufrieden und heiter seines lange ersehnten Glückes.[210]

Quelle:
Vernaleken, Theodor: Kinder- und Hausmärchen dem Volke treu nacherzählt. 3.Auflage, Wien/Leipzig, 1896 (Nachdruck Hildesheim: Olms, 1980), S. 203-211.
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