[227] 49. Wie Hans sein Weib findet.

Hans wanderte einst in die Welt, um gute Menschen zu finden. Da kam er in einen großen Wald. Müde legte er sich unter eine Eiche nieder und bald war er eingeschlafen. Als er wach wurde, schien die Sonne; er sprang auf, nahm aus seinem Brotsack ein Frühstück und ging dann tiefer in den Wald. Der wollte aber kein Ende nehmen, und es wurde ihm bange um's Herz. Als er die dritte Nacht in dem Wald herumging, bemerkte er plötzlich ein Licht. Lange ging er, ehe er dasselbe erreichen konnte, aber endlich kam er doch zu seinem Ziele. Da sah er eine kleine Hütte. Hans ging in dieselbe hinein, aber der Eigenthümer war fort; er setzte sich deshalb auf eine Moosbank, die vor der Hütte sich befand. Bald erschien ein alter Mann und fragte Hansen um sein Begehren. »Bessere Menschen suche ich«, antwortete er, »bessere als die, welche ich kannte.« »Bessere Menschen wirst du schwerlich finden, denn sie sind sich alle gleich; wenn du jedoch bei mir bleiben willst, so wirst du zwar keinen besseren, aber doch einen guten Menschen finden«, sagte der Hüttenbewohner und führte während dieses Gespräches Hansen in seine Hütte und setzte ihm Wein, Brot und Käse vor. Hans ließ sich's schmecken und erzählte dem Einsiedler, weshalb er von Hause gegangen sei. Des andern Tages, nachdem Hans gefrühstückt hatte, ging der Einsiedler fort. Vorher aber gab er ihm Fischerzeug und zeigte ihm den Weg zu dem See,[227] wo er fischen sollte. Fröhliches Mutes machte er sich auf den Weg und bald hatte er sein Ziel erreicht. Es war ein spiegelklarer See, wo er die schönsten Fische sah. Es that ihm aber um so schöne Fische leid, und er sah ihnen daher bloß zu und freute sich, daß er doch einmal einen guten Menschen gefunden habe. Als er so in Gedanken saß, hörte er plötzlich eine Stimme, die sprach: »Laß es gut sein, du wirst noch gute Menschen finden und dir selbst wird es gut gehen, dafür daß du keinen von uns gefangen hast.« Als er aufschaute, sah er, wie der schönste Fisch von ihm weg gegen die Mitte des Sees schwamm. Hans ging bald darauf nach Hause und fand dort den Einsiedler gerade beschäftigt, ein Nachtmahl zuzubereiten. Hans erzählte dem Einsiedler sein Abenteuer. Der Alte hörte aufmerksam zu, und sagte: »Lieber Hans, was dir heute begegnet, ist sehr wundersam, gehe darum morgen wieder hin und siehe zu, daß du mehr erfährst.« Des andern Tages nahm Hans sein Fischerzeug und ging wieder zu dem See. Allein dießmal ließ sich kein Fisch blicken. Als er aber zurückkehren wollte, sah er eine Schar der schönsten Mädchen, deren jede nur mit einer Schürze bekleidet war. Erschrocken über diese Erscheinung eilte er nach der Hütte des Alten und erzählte es. Zugleich bat er den Alten um eines der Mädchen, das er heiraten wolle. Der Alte lachte zwar über dieß Begehren, gab aber Hansen den Rath, er solle, wenn sich die Mädchen wieder badeten, die Schürze des Mädchens nehmen, das ihm am besten gefalle. Hans befolgte den Rath des Einsiedlers und ging des andern Tages zu dem See. Nicht lange wartete er, so erschienen die Mädchen, lösten die Schürzen vom Leibe und sprangen ins Wasser. Hans schlich sich leise zu der Schürze hin, die dem Mädchen gehörte, welches ihm am besten gefiel. Rasch nahm er sie und eilte davon. Aber kaum erblickten die Mädchen den Störer, als alle aus dem Wasser sprangen und rasch davon eilten, nur ein Mädchen, deren Schürze Hans[228] hatte, ging ihm nach. Als sie ihn erreichte, stürzte sie vor ihm auf die Knie und bat ihn flehentlich ihr die Schürze zurückzugeben, indem sie ihm versprach überall mit ihm hinzugehen, wo er nur wolle; aber Hans ließ sich nicht täuschen, sondern nahm das Mädchen auf die Arme und trug sie in die Hütte des Einsiedlers. Der Alte segnete hierauf ihren Bund und sagte dann zu Hansen, er solle die Schürze verbrennen, denn wenn sie dieselbe erwische, so laufe sie ihm davon. Hans wollte die Schürze aufbewahren und versteckte sie in einen Kasten.

Jahre waren seitdem verflossen, als eines Tages Hansens Frau waschen wollte. Als sie so herumsuchte, fand sie auch ihre Schürze. Rasch entkleidete sie sich, knüpfte dieselbe um den Leib und eilte auf und davon. Als Hans nach Hause kam und seine Frau nicht sah, suchte er sie überall, und da er sie nicht finden konnte, kam ihm der Gedanke, ob seine Frau wohl die Schürze gefunden habe und mit dieser davon geeilt sei. Traurig ging er deshalb zum Kasten und er überzeugte sich, daß die Worte des Alten wirklich in Erfüllung gegangen waren.

Des andern Tages machte sich Hans mit dem Entschlusse auf, sein Weib überall zu suchen. Zuerst ging er zu dem Einsiedler, um ihm sein Leid zu klagen, und zugleich wollte er denselben um einen Rath bitten. »Das ahnte ich«, sagte der Einsiedler, als Hans ihm alles erzählt hatte, »du hättest meinen Rath befolgen sollen, jetzt aber kann ich dir nicht helfen, wohl aber weiß ich noch einen Rath. Es wohnt nämlich nicht weit von mir eine Zauberin, und die steht eben nicht auf einem besonders guten Fuße mit derjenigen, welche die Mädchen verzaubert und gefangen hält. Gehe zu ihr, erzähle ihr dein Leid, und bitte sie dann um ihren Beistand.« Hans ging nun zu der Zauberin, die ein häßliches Weib war. »Gut«, sagte die Zauberin, nachdem sie Hansen ruhig angehört hatte, »gut daß du zu mir gekommen bist, denn sonst wäre es dir[229] schlecht ergangen. Jetzt aber höre aufmerksam zu, was ich erzählen werde. In drei Tagen ist ein großes Wettrennen, zu welchem alle Fürsten der Nachbarstaaten eingeladen sind. Es bekommt der, welcher mit seinem Pferde auf einen kugelförmigen, gläsernen Berg hinauf reitet, das schönste Mädchen, welches die alte Zauberin gefangen hält. Dein Weib ist die schönste. Um sie zu retten, fuhr die Alte fort, nimm das Pferd, welches vor der Hütte steht, reite zu den Wettrennen und melde dich dort zugleich als Preisbewerber, denn nur diese werden zu dem Wettrennen zugelassen. Wenn du Sieger wirst, was ich dir bestimmt versprechen kann, so ist deine Aufgabe noch nicht zu Ende, denn du mußt dieselbe unter tausend ihr ganz ähnlichen Mädchen herausfinden. Doch auch diese Aufgabe wird dir leicht werden, wenn du meinem Rathe folgst; gib nämlich genau Acht, wenn du dich im Saale der Mädchen befindest, und wähle kein anderes Mädchen als das, auf welches sich von der Decke des Zimmers eine Spinne herniederläßt.« Herzlich dankte Hans der Zauberin für ihren Rath und im sausenden Galopp jagte er mit freudigem Hoffen der Rennbahn zu, wo er seine geliebte Gemahlin treffen sollte.

Dort waren die Edlen aller Reiche bereits versammelt und harrten ungeduldig der Eröffnung der Rennbahn, wo sie ihr Glück machen wollten.

Einer nach dem andern versuchte es auf den gläsernen Berg zu reiten, doch keinem gelang es. Da kam nun die Reihe an Hans, er besann sich nicht lange, vertrauend auf das Roß der Zauberin sprengte er im Galopp nach dem Ziele, was er zum Staunen aller wirklich erreichte. So wurde Hansen als dem besten Reiter der Preis zuerkannt.

Nun sollte er aus tausend Mädchen seine Gemahlin herausfinden, die alle ihr täuschend ähnlich waren. Er gedachte der Zauberin und zögerte mit der Wahl. Aber sobald er sah, daß sich eine Spinne von der Decke des Zimmers auf das Haupt eines Mädchens niederließ, so wählte er diese,[230] und er erkannte in ihr seine Gemahlin. Hans führte nun sein Liebstes zum Einsiedler, um dort ruhig leben zu können.

Bald aber reute es die Zauberin, Hansen ihre schönste Zierde gegeben zu haben. Sie schickte deshalb einen Boten nach, um sie einzufangen. Als der Bote auf der Heide anlangte, über welche Hans zum Einsiedler gehen mußte, bemerkte es die Gemahlin und sprach: »Siehe, dort schickt die Zauberin einen Boten, sie will uns beide haben, es soll ihr aber nicht gelingen.« Nach diesen Worten sagte sie einen Spruch, und plötzlich sah man statt zweier Menschen eine Taube, die einen Strohhalm im Schnabel hielt. Als der Bote ankam, wo sich Hans mit seiner Gemahlin befand, und nichts Auffallendes sah, kehrte er um. Die Zauberin harrte des Boten schon ungeduldig. Als sie ihn endlich erblickte, fragte sie ihn schon von weitem, ob er beide habe. »Nein, ich hab' sie nicht einmal gesehen, war die Antwort des Boten.« »Dummkopf, hast du denn gar nichts gesehen?« fragte wieder die Zauberin. »Gar nichts als eine Taube, die einen Strohhalm im Schnabel hielt.« »So reite noch einmal hin und nimm alles, was du nur findest.« Und der Bote machte sich abermals auf den Weg.

Während der Zeit war aber Hans mit seiner Frau schon um eine gute Strecke weiter, doch in der Mitte der Heide wurden sie vom Boten ereilt. Auch dießmal wußte die Frau einen Spruch, den sie von der Zauberin gelernt hatte, zu benützen, denn als sie den Boten sah, verwandelte sie Hans in Roßmist, sich selber in eine Krähe. Der Bote ritt an der Krähe vorbei und da er nichts sah, so ritt er zurück. Die erzürnte Zauberin schickte ihn zum dritten Male fort, und er traf die beiden an dem See, in welchem der Einsiedler zu fischen pflegte. Als die Frau den Boten wieder erblickte, nahm sie das dritte und letzte Sprüchlein zu Hilfe, sie verzauberte nämlich Hans in eine Distel, die mitten im See zu stehen kam, sich selbst aber verwandelte sie in einen Stieglitz, setzte sich[231] auf die Distel und fing lustig an zu pfeifen und zu singen. Als der Bote dies sah und hörte, wollte er den Finken fangen, was ihm aber nicht gelang, da der See zu tief und Hans zu weit vom Boten entfernt war. Nun kehrte der Bote im schnellsten Galopp zurück, um einen Kahn und Leute zu holen, doch ehe sie ankamen, befand sich Hans mit seiner Gemahlin bereits in Sicherheit, denn sie waren in den Bezirk der Zauberin gekommen, welche Hansen das Pferd gegeben hatte. Als der Bote zur Zauberin zurückkehrte, fand er dieselbe nicht mehr, denn der Zauber über die Mädchen war gelöst, die Zauberin war fortgereist. Wohin, das wußte niemand. Hans ging mit seiner Gemahlin zu dem Einsiedler, dem sie so vieles verdankten, und bei diesem wurde auf's neue die Hochzeit gefeiert. Die Fische, welche nichts anders waren als Männer, die von derselben Zauberin verbannt waren, wurden nun ebenfalls vom Zauber erlöst. Die Mädchen vom gläsernen Berge waren aber die Bräute der ehemaligen Fische. Als nun Hansens Hochzeit war, feierten auch die übrigen Männer ihre Hochzeit und da war des Jubels kein Ende, und es ward so getanzt, daß man den Fußboden, der von Lebzelten war, durchtanzte.[232]

Quelle:
Vernaleken, Theodor: Kinder- und Hausmärchen dem Volke treu nacherzählt. 3.Auflage, Wien/Leipzig, 1896 (Nachdruck Hildesheim: Olms, 1980), S. 227-233.
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