[40] 13. Makonaura und Anuanaitu

In uralter Zeit, als die Großmütter unserer Großmütter noch nicht geboren waren, war die Welt ganz anders als heute. Die Bäume trugen unaufhörlich Früchte das ganze Jahr hindurch. Die Tiere lebten in vollkommener Eintracht, und das kleine Aguti spielte ohne Furcht mit dem Bart des Jaguars. Die Schlangen hatten kein Gift. Die Flüsse flossen gleichmäßig dahin ohne Fallen und Steigen. Selbst das Wasser der Kaskaden glitt langsam und sachte von der Höhe der Felsen. Mit einem Wort, alles war ganz anders als heute.

Es lebte noch kein Mensch, und Adaheli, den wir jetzt als unseren Gott anrufen, der sich aber damals die Sonne nannte, war betrübt darüber. Er stieg herab von den Himmeln, und der Mensch ward geboren von dem Kaiman. Es gab zwei Geschlechter. Die Frauen waren alle von einer bezaubernden Schönheit; aber unter den Männern gab es[40] mehrere mit abscheulichen und abstoßenden Zügen. Das war die Ursache der Zerstreuung. Die Menschen mit den anmutigen Zügen konnten nicht lange Zeit in ihrer Gesellschaft leben. Sie trennten sich von ihnen und wanderten nach Westen. Die Fratzen setzten sich mit den Frauen, die sie erwählt hatten, im Osten fest.

Viele Jahrhunderte sind vergangen; viele Generationen sind aufeinander gefolgt. Das Andenken an diese Zeit ist in Vergessenheit gesunken; kaum daß einige alte Frauen und die Zauberärzte eine schwache Erinnerung daran bewahrt haben.

Um jene Zeit lebte in der Gruppe der schönen Menschen ein junger Mann, genannt Makonaura, und seine schon sehr bejahrte Mutter. Der junge Mann war in jeder Beziehung anmutig. Von hoher Gestalt, beherrschte er seine Gefährten. Er trug einen Schaumschurz von eleganter Form, und hübsche Ringe hingen in seinen Ohren. Auf der Jagd hatte er nicht seinesgleichen, und seine Reusen füllten sich stets mit Fischen. Flocht er Körbe, so zeichneten sie sich durch ihre Anmut und Feinheit aus und übertrafen bei weitem alle Flechtarbeiten der anderen jungen Leute.

Seine alte Mutter war nicht weniger bemerkenswert. Mochte sie Hängematten verfertigen oder Kassawa bereiten oder Tapana-Getränk durchseihen, sie tat alles mit einer besonderen Sorgfalt und einer staunenswerten Kunst. Man bewunderte sie.

Die beiden lebten in der vollkommensten Harmonie, nicht allein miteinander, sondern mit allen Gliedern ihres Stammes. Sie hatten nicht zu leiden, weder von der Hitze, noch von der Kälte. Böse Tiere belästigten sie nicht, denn es gab keine in der ganzen Gegend.

Eines Tages, als Makonaura seine Reuse aufnehmen wollte, fand er sie zu seiner Überraschung zerbrochen und alle Fische, die sie enthielt, halb verzehrt. Niemals seit Menschengedenken hatte sich eine solche Sache in seinem Stamme ereignet. Wütend, dachte er sofort daran, sich zu rächen. Aber, wie sollte er den Dieb entdecken? Das Tiervolk bot ihm seine[41] Dienste an. Ein Specht erschien. Er stellte ihn als Wache nahe bei seine Reuse und befahl ihm, ihn durch Schläge mit dem Schnabel auf einen Baumstamm zu benachrichtigen, sobald sich ein Fremder, Mensch oder Tier, seiner Reuse nähern würde.

Bei der Rückkehr in sein Haus erzählte er seiner Mutter sein Abenteuer. Diese hörte ihn stillschweigend an. Während er sprach, kam ihr wieder alles, was sie von den uralten Legenden behalten hatte, in den Sinn, und sie hatte Furcht.

Den folgenden Tag in der Frühe machte Meister Specht einen großen Lärm. Man hörte sein wütendes »tok – tok!« Makonaura lief in aller Hast herbei, aber, wie er sich auch beeilte, er fand bei seiner Ankunft seine Reuse ein zweites Mal leer und eingestoßen. Ganz außer sich, schalt er den Specht heftig aus wegen seiner Langsamkeit und Nachlässigkeit und setzte einen Cassicus an seine Stelle, damit er gut Wache halte.

Makonaura erwachte am folgenden Tag durch das wiederholte schallende »pong – pong« des Vogels. Er ergriff seinen Bogen und seine Giftpfeile und eilte sofort hin. Bei seiner Ankunft bemerkte er nahe bei seiner Reuse den Kopf eines Kaimans. Rasch schoß er, und sein Pfeil bohrte sich zischend zwischen die beiden Augen des Tieres, das mit einem furchtbaren »glu – glu« ins Wasser tauchte und verschwand.

Makonaura besserte seine Reuse aus, befahl dem Cassicus, gut auf sie acht zu geben, und zog sich zurück.

Eine Stunde war kaum vergangen, als plötzlich von neuem der Ruf des Cassicus erscholl. Makonaura lief den Weg zurück. Keuchend kam er an. Alle Wetter! Welche Überraschung! Ein junges Mädchen von blendender Schönheit war dort, ganz in Tränen. Gerührt von ihren Tränen, fragte er sie nach der Ursache ihres Kummers. »Ich kann es dir nicht sagen,« antwortete sie und bat ihn, sich zu entfernen. Er bestand darauf und erklärte, er würde nur weggehen, wenn sie einwilligte, ihn zu begleiten. »Aber, ich kann es[42] nicht,« erwiderte die junge Unbekannte, die fast noch ein Kind war, »denn ...,« und ihre Stimme erlosch in einem Schluchzen. Makonaura nahm sie nun auf seine Schultern und trug sie in die Hütte seiner geliebten Mutter. Diese nahm die kleine Fremde gütig auf. »Wie heißt du, mein Kind?« sagte sie zu ihr. Und die Kleine antwortete: »Anuanaitu.« – »Woher kommst du?« – »Aus weiter Ferne.« – »Wer sind deine Verwandten?« – »Oh! fragt mich dies nicht!« versetzte lebhaft das junge Mädchen, indem es sein Gesicht mit den Händen bedeckte.

Makonaura und seine Mutter wollten nicht ein Geheimnis erpressen, das man ihnen vorenthielt. Sie schwiegen. Die alte Frau setzte nun der jungen Fremden getrockneten Fisch vor, Fleisch, Kassawa und eine Kalabasse voll Tapana. Anuanaitu aß und trank; dann streckte sie sich auf die Erde aus, um zu ruhen. Makonaura rief umsonst die Rechte der Gastfreundschaft an; sie wies die Hängematte zurück, die er ihr für diese Nacht anbot. Ebenso machte sie es in den folgenden Nächten. Stets blieb die Hängematte des jungen Mannes leer, denn sein Zartgefühl verbot es ihm, ein Lager zu benutzen, das er aus Gastfreundschaft der Unbekannten angeboten hatte. Auf die dringenden Bitten ihrer Wirtin nahm sie endlich die Hängematte der Mutter an, bis die neue Hängematte, an der man für ihn arbeitete, fertig wäre; aber sie spannte die Hängematte in dem bescheidensten Winkel der Hütte aus. Nur unter dieser Bedingung hatte sie ihre Zustimmung gegeben.

Alles ging nach Wunsch und schien den friedlichen Bewohnern der Hütte glückliche Tage zu verheißen, obwohl die Fremde stets ein hartnäckiges Stillschweigen über ihre Familie und die Jahre ihrer Kindheit bewahrte; kaum daß sie sich manchmal mit seiner Mutter unterhielt. Aber dann strahlte stets sein Gesicht, und seine Stimme verriet seine Bewegung.

Sie hatte sich jetzt vollkommen zu einer Frau entwickelt. Makonaura war von Liebe zu ihr entbrannt. Er wagte nicht,[43] es ihr zu sagen, aber er entdeckte sich seiner alten Mutter. Diese nahm voll Freude ihren Sohn bei der Hand und führte ihn zu Anuanaitu, um sie miteinander zu verloben. Da brach das junge Mädchen in Tränen aus und bat ihre Gastfreunde, sie lieber in ihre Heimat zurückzuschicken.

Einige Tage später indessen sah Makonaura, als er heimkam, eine Hängematte neben der seinigen ausgespannt. Er konnte seine Freude nicht zurückhalten, denn das war das sicherste Zeichen, daß Anuanaitu seiner Bitte Gehör geschenkt hatte und einwilligte, seine Frau zu werden. Nichts fehlte nun mehr an seinem Glück! –

Es fehlte daran die Zustimmung der Familie der Unbekannten.

Einige Monate flossen dahin in ruhigem Glück. Da fühlte Anuanaitu eines Tages den dringenden Wunsch, ihre Mutter wiederzusehen. Ein einziger Monat würde ihr für die Hin- und Rückreise genügen, sagte sie. Makonaura gab seine Einwilligung zu der Reise, wollte aber seine Frau begleiten. Erschreckt, bemühte sie sich, es ihm auszureden. Da es ihr nicht gelang, erklärte sie, lieber auf die Reise verzichten und daheim bleiben zu wollen. »Dann werde ich allein gehen,« versetzte Makonaura, »und die Deinen um ihre Zustimmung zu unserer Ehe bitten!« – »Nie und nimmer!« rief Anuanaitu erschreckt. »Wenn du allein gehst, wirst du uns alle verderben, uns beide und deine teuere Mutter!«

Der Entschluß des jungen Mannes stand unerschütterlich fest. Er verfertigte ein großes Kanu, brachte Geschenke zusammen für die Verwandten seiner Frau und versah sich mit Lebensmitteln für drei Wochen der Reise. Anuanaitu wollte mit ihm gehen.

Im Augenblick der Abreise nahm er Abschied von seiner alten Mutter. »Mutter,« sagte er zu ihr, »die Reise, die ich unternehme, ist voll Gefahren, ich weiß es, aber die Geister haben mir durch den Mund des Zauberarztes versichert, daß ich kein Unglück erleiden und heil und gesund zu dir zurückkehren werde. Fürchte also nichts, meine gute[44] Mutter!« – Er fuhr ab. Das Kanu glitt leicht dahin auf der Oberfläche der Gewässer, und drei Wochen später landete er glücklich an einem Lager von Leuten.

»Da sind wir,« sagte Anuanaitu, »habe Dank! Ich will gehen und meine Mutter suchen. Sie wird kommen und dir zwei Kalabassen bringen, eine voll Blut mit rohem Fleisch und eine andere voll Beltiri mit Kassawabrot. Sei klug und triff gut deine Wahl; unser beider Los hängt davon ab!« – Sie kam bald zurück, begleitet von einer Frau, die zwei Kalabassen trug. »Gatte meiner Tochter,« sagte die Frau, »nimm diese Erfrischungen!« – Indem sie dies sagte, setzte sie die beiden Kalabassen vor ihn hin. Ohne zu zögern, nahm Makonaura das Beltiri und das Kassawabrot. Die Mutter Anuanaitus lächelte. »Mit Recht,« sagte sie, »hat meine Tochter gleich so viel Lobenswertes von dir und deiner Mutter erzählt. Du hast eine gute Wahl getroffen. Gern gebe ich meine Einwilligung zu euerer Ehe, aber ich fürchte, daß mein Gatte sich sehr widersetzen wird.«


13. Makonaura und Anuanaitu

Man setzte sich und hielt Rat. Man besprach sich über das, was zu tun sei, um den Widerstand des Vaters Anuanaitus zu besiegen. Als man sich darüber einig geworden war, erhoben sich die beiden Frauen und gingen, ihn aufzusuchen, aber sie kamen bald zurück in Tränen. Kaikutschi, das war sein Name, war unerbittlich. Er schwur, die Entführung seiner Tochter im Blute zu rächen. – Makonaura sollte sich im Walde verborgen halten, solange seine blutdürstige Wut anhielt. Wenn sich der erzürnte Vater eines Tages beruhigt habe, würde man kommen und ihn davon benachrichtigen.

Drei Tage später verkündete ihm die Mutter Anuanaitus, daß Kaikutschi endlich einwillige, ihn zu sehen, und seine[45] Geschenke annehme. Makonaura begab sich darauf in das Dorf, und seine Frau, die ihm entgegengekommen war, führte ihn sofort zu ihrem Vater.

Bei ihrem Anblick ergriff diesen ein heftiger Zorn. »Wie,« schrie er, »wagt ihr euch mir zu nähern!« – Der junge Mann antwortete ihm in ruhigem Ton: »Es ist wahr, daß meine Ehe mit deiner Tochter nicht nach dem Brauch war, aber ich bin gerade hierhergekommen, um meinen Fehler wieder gutzumachen. Ich bin bereit, zu tun und dir anzubieten alles, was dir beliebt.« – Der andere lachte verächtlich. »So mache mir,« sagte er, »in einer Nacht einen Zauberschemel! Er muß auf der einen Seite einen Jaguarkopf, auf der anderen meine Züge haben.«

Makonaura machte sich ans Werk, und gegen Mitternacht war der Schemel bis auf Kaikutschis Züge vollendet. Dieser hatte die Gewohnheit, eine Kalabasse vor dem Gesicht zu tragen, in die zwei Löcher für die Augen gebohrt waren. Makonaura hatte sein Gesicht noch nicht gesehen. Er bat seine Frau, ihm ihren Vater zu schildern. Sie erbleichte und sprach: »Mein Vater ist Zauberarzt; er weiß alles. Es ist unmöglich! Er würde uns beide töten.« – Der junge Mann wußte sich keinen anderen Rat, als in den Wald zu laufen, in die Hütte von Kaikutschi, um zu versuchen, seine Züge zu entdecken. Es war vergeblich, denn er fand in der Hängematte nur einen Mann, zusammengerollt zur Kugel. Er war im Begriff, ganz verwirrt wegzugehen. Da summte ihm eine Mücke in die Ohren: »Verzweifle nicht!« Und die Mücke stach sofort Kaikutschi. Der Mann rührte sich nicht. – Da fühlte Makonaura ein Insekt an seinen Beinen hinaufkriechen. Es war eine Vogelspinne. Sie sagte zu ihm: »Fürchte nichts, habe Geduld!« Sie hing sich unten an die Hängematte und biß den Schläfer heftig. Dieser tötete sie jedoch, ohne sein Gesicht zu zeigen.

Makonaura war verzweifelt. Aber da rückte ein Heer von Ameisen heran, und ihre Führer riefen ihm zu: »Fürchte nichts, wir sind da!« Und das Heer fiel über diese unförmliche[46] Masse her und griff sie wütend von allen Seiten an. Kaikutschi erhob sich bestürzt, und Makonaura sah sein schreckliches Gesicht. – Er ging in aller Eile weg, um seinen Zauberschemel zu vollenden. Als am Morgen Kaikutschi den Zauberschemel ganz fertig sah, zeigte er sich wenig zufrieden. »Das genügt nicht,« sagte er, »du mußt mir noch in einer einzigen Nacht eine Hütte bauen, deren ganzes Dach aus den schönsten Federn gemacht ist.« – Dieses Mal hielt sich der junge Mann für verloren. Aber plötzlich kamen Tausende und Abertausende von Kolibri und anderen Vögeln, alle mit entzückendem Gefieder. Die Hütte war vor Sonnenaufgang fertig. Das war das Ende der harten Proben, die Makonaura zu einem Glied der Familie Kaikutschis machten und zum ehrenwerten Gatten Anuanaitus. Mehrere Monate vergingen. Makonaura, unruhig über das Schicksal seiner alten Mutter, beschloß, mit seiner Gattin hinzugehen und sie wiederzusehen. Kaikutschi schlug es rundweg ab, daß Anuanaitu ihn begleitete. So ging er allein. Wie glücklich war seine Mutter, ihn wiederzusehen! Wie bemitleidete sie ihn um alle Mühen, die er erduldet hatte! Während der zwei Wochen, die sie zusammen verlebten, tauschten sie ihre Gedanken aus. Sie erzählte ihm die Sagen aus vergangenen Zeiten. Der Tag der Trennung näherte sich für Makonaura. Er mußte an die Abreise denken. Er ging hin und fragte den Zauberarzt um Rat. »Die Geister,« antwortete ihm dieser, »widersetzen sich deinem Vorhaben. Reise nicht ab!« – Erschüttert zögerte der junge Mann einen Augenblick; dann beruhigte er sich wieder und sagte sich: »Ich bin neulich der Schwierigkeiten, die unüberwindlich schienen, Herr geworden; warum sollte es mir nicht auch diesmal gelingen?«

Er kam mit seiner Mutter überein, ihr jedesmal, wenn er sich in Gefahr befände, rasch einen Vogel zu schicken. Wenn er stürbe, würde ihr die Eule die Nachricht bringen. Dann reiste er ab.

Die Überfahrt ging glücklich vonstatten. Er kam wohlbehalten[47] an. Aber seine Frau und seine Schwiegermutter waren ihm entgegengegangen. Ganz in Tränen, riefen sie ihm zu: »Kehre um, so rasch wie möglich! Kaikutschi ist wütend über eine Nachricht, die er empfangen hat.« – Ohne zu achten auf das, was die Frauen zu ihm sagten, ging Makonaura geradeswegs zur Hütte seines Schwiegervaters. Kaikutschi erwartete ihn auf der Schwelle. Mit einem Schlag seiner Keule streckte er ihn zu seinen Füßen nieder und schoß ihm einen Pfeil in die Stirn zwischen die beiden Augen.

Nach der Abreise ihres Sohnes lebte Makonauras Mutter in großer Sorge um ihn. Das heimliche Ahnen eines nahen Unheils suchte sie oft im Wachen heim, und ihr Schlaf war oft beunruhigt von schrecklichen Träumen. Daher war sie gar nicht erstaunt, eines Abends das eintönige und klagende »buta – buta« des Prionites zu hören, und als bald darauf die Eule, die Todesbotin, ihr trauriges »popopo« ihr in die Ohren seufzte, überwältigte sie zwar die unselige Nachricht, überraschte sie aber keineswegs. Schnell schob sie ihr leichtes Rindenboot ins Wasser und machte sich auf, die Leiche ihres Sohnes zu suchen. Vor ihr her flog die Eule. Diese machte halt an dem Platz, wo sich das Unheil zugetragen hatte, und die arme Mutter fand dort die zerschmetterten Reste ihres Makonaura, verborgen unter dem Gesträuch. Sie sammelte getreulich die Gebeine, legte sie in ihr Boot und brachte sie in ihr Dorf zurück.

Bei ihrer Rückkehr beeilten sich die Männer des Stammes, einen kunstvollen Sarg zu flechten, und schmückten ihn mit schönen Federn in schillernden Farben, während die Frauen eifrig den köstlichen Tapana-Trank bereiteten für den Tag des Leichenbegängnisses. Man trug den Sarg in die Hütte des Toten und legte neben ihn seine Waffen, seine Kleider, seine Geräte. Endlich, als alles bereit war, versammelte sich der Stamm, um die Klage zu hören, das letzte Lebewohl der Mutter an ihren Sohn. Die arme Frau pries die Tugenden des Verstorbenen, sie rühmte seine Heldentaten, seine Geschicklichkeit beim Fischfang und auf der Jagd. Sie erzählte[48] ausführlich die Geschichte seiner Ehe, die – ach! – so tragisch geendet habe. Dann erhob sie ihre Schale voll Tapana und schrie: »Wer hat das Lebenslicht meines Sohnes ausgelöscht? Wer schickte ihn in das Tal der Schatten? Unglück! Unglück über ihn! – Ach, ihr seht es, oh, ihr meine Brüder und meine Freunde, ich bin nur eine arme und schwache Frau! Ich vermag nichts! Wer wird mich rächen?«

Auf diese Aufforderung folgte tiefes Schweigen. Bald aber traten zwei Männer vor, nahmen die Schale aus der Hand der Frau und leerten sie beide bis auf den letzten Tropfen. Dann traten sie ganz nahe an den Sarg heran und stimmten den schrecklichen Kenaimu an, den wilden Rachegesang. Singend tanzten sie auch den Tanz der Rache. – Makonaura wird gerächt werden! – Die Seele einer Riesenschlange war eingedrungen in den einen der beiden Männer, und in den anderen die Seele eines Jaguars.

Einige Zeit darauf veranstaltete man ein großes Fest im Dorfe Kaikutschis, das Fest der Tapana. Man rüstete sich schon dazu. Einladungen waren in alle umliegenden Dörfer ergangen. Man zählte jetzt an den Knoten der Schnüre die Tage, die noch bis zur Feierlichkeit vergehen würden, und löste jeden Abend einen Knoten. Um möglichst frisch zum Empfang seiner Gäste zu sein, ruhte sich Kaikutschi in seiner Hängematte aus. Anuanaitu und ihre Mutter, beide in tiefer Trauer, nahmen an diesen fröhlichen Vorbereitungen nicht teil.

Der Tag kam heran. Die Gäste umgaben zu hunderten die Hütte, in der man den Trog mit Tapana bewahrte. Man öffnete die Türen, und das Fest begann. Alle, Männer, Weiber und Kinder, fingen an zu trinken. Sie tranken und erbrachen sich, tranken wieder und erbrachen sich von neuem. Bald wälzten sie sich am Boden wie das Vieh.

Da traten plötzlich zwei Männer ein. Der eine, mit einem Jaguarfell bekleidet, schwang seine furchtbare Keule; der andere war bedeckt mit einer buntbemalten Haut, ähnlich der einer Riesenschlange. In einem Augenblick lagen Kaikutschi und alle seine Leute tot da. Den einen war der Schädel[49] zerschmettert und das Gehirn auf den Boden gespritzt; die anderen waren erwürgt.

Aber die Furcht hatte die Trunkenheit abgeschüttelt. Die Überlebenden dieses Blutbades rafften sich zusammen; sie spannten ihre Bogen, und Hunderte von Pfeilen bedrohten die beiden Angreifer. Diese schlugen nicht mehr. Sie streckten die Arme aus, und der eine von ihnen rief: »Haltet ein, Freunde! Unser Leben ist in euerer Hand, aber laßt uns erst zu euch sprechen!« – Man hörte ihn an. Er erzählte die traurige Geschichte des schönen Makonaura. Er schilderte den tiefen Schmerz seiner armen Mutter. Er berief sich auf das schwere Unrecht, das seinem Stamme angetan worden sei. Wie er sprach, sah man die Spitzen der Pfeile eine nach der anderen sich zur Erde senken. Als er geendet hatte, trat ein alter Zauberarzt vor und sprach zu ihnen in feierlichem Ton: »Junge Leute, ihr habt wohl getan! Wir empfangen euch als Freunde.«

Dann warf man die Leichen in das Gebüsch, und das Fest nahm den schönsten Verlauf. Bald war die Trunkenheit allgemein und vollkommen.

In dem Gebüsch ging eine Frau inmitten der Leichen dahin. Sie wendete alle um, betrachtete sie, untersuchte sie aufmerksam, die Augen trocken. Endlich füllten sich ihre Augen mit Tränen. Diese Frau war Anuanaitu. Sie hatte sich abseits von dem Gelage gehalten und war dadurch dem Gemetzel entgangen. Sie beugte sich über einen Leichnam, kauerte sich an seiner Seite nieder. Ihre milde Stimme sang klagend das Lob des Opfers lange, lange Zeit. Plötzlich erhob sie sich, die Haare verwirrt, das Gesicht brennend, und mit vibrierender Stimme hub sie den schrecklichen Kenaimu an zu singen. Sie tanzte ihn auch. Die Seele einer Klapperschlange hatte von ihr Besitz genommen! –

Unterdessen bereiteten die Mutter und die anderen Frauen des Dorfes Tapana, um die Rückkehr der beiden siegreichen Kenaimu zu feiern. Je furchtbarer die Rache war, desto mehr erhöht war die Ehre des Stammes. Das war eine[50] wahnsinnige Freude! Alles tanzte, tanzte, tanzte bis zur völligen Erschöpfung. Makonauras Mutter, selbst besiegt von der Trunkenheit, hatte sich in ihre Hängematte gelegt, und dort sah sie in ihren Träumen ihren Sohn wieder und im Traum rief sie ihn. Plötzlich trat Anuanaitu, die Besessene, ein, aber als sie sich nennen hörte, wich sie erschreckt zurück. – »Anuanaitu, mein Kind,« sagte die Alte, die erwacht war, »du bist sehr gut, wie es auch deine Mutter war! Aber was willst du jetzt hier? Mein Sohn, den du verloren hast, ist nicht mehr da ... Oh, Makonaura, mein Sohn, freue dich! Du bist jetzt glücklich, denn du bist gerächt worden in dem Blute deiner Mörder. Oh! Ja, du bist sehr gerächt worden!«

In dieser Hütte, so voll von Erinnerungen für sie, hatte Anuanaitu gefühlt, wie sich in ihrer Seele ein furchtbarer Kampf erhob, ein Kampf der Liebe mit dem, was sie ihre Pflicht nannte. Aber als die Worte »du bist glücklich, mein Sohn, denn du bist gerächt worden in dem Blut!« an ihr Ohr drangen, hielt sie nichts mehr! Rasend warf sie sich auf die Alte, faßte ihre Zunge, zog sie aus dem Munde und stieß den Giftzahn der Klapperschlange hinein.


13. Makonaura und Anuanaitu

Dann beugte sie sich über ihr Opfer, das mit dem Tode rang, und sagte zu ihm: »Der Kaiman, den dein Sohn bei seiner Reuse tötete, war mein Bruder! Wie mein Vater, hatte auch er den Kopf eines Kaimans. Ich verzieh. Mein Vater hat seinen Sohn gerächt, indem er deinem Sohn denselben Tod antat, den mein Bruder von dessen Hand erlitten hatte: einen Pfeil in die Stirn zwischen die beiden Augen. Deine Verwandten haben meinen Vater und alle meine Angehörigen erschlagen. Ich würde auch dies verziehen haben, wenn sie nur meine Mutter geschont hätten. Makonaura ist die Ursache, daß das untergegangen ist, was mir das Teuerste war auf der Welt. Deshalb raube ich ihm und opfere das Kostbarste, was er jemals besaß.«[51]

So sprach sie, stieß einen furchtbaren Schrei aus und floh in den Wald.

Bei diesem Schrei trat eine unerhörte Veränderung in der Natur ein. Die Winde antworteten darauf mit einem Geheul, das die Bäume niederriß und entwurzelte, überall wo Anuanaitu ihren Weg nahm. Dichte Wolken verhüllten das Antlitz Adahelis und schleuderten in die Finsternis unheilbringende Blitze unter dem furchtbaren Krachen der Donner. Eine Sintflut von Regen mischte sich mit dem Austreten der Quellen. Die Tiere, bisher friedlich, töteten einander. Die Schlange begann zu beißen; der Kaiman ließ seine schrecklichen Kinnbacken erschallen; der Jaguar zerriß und verschlang das unschuldige Aguti.

Anuanaitu setzte ihren tollen Lauf fort, indem sie alle wilden Gäste des Waldes mit sich riß. Sie kam auf den Gipfel eines riesigen Felsens, von dem ein Wasserfall sich ergoß. Und dort, am Rande des Abgrundes, streckte sie ihre Arme aus, beugte sich vor und sprang in die Leere. Die Wasser in der Tiefe nahmen sie auf und schlossen sich sofort über ihr. Man sieht dort nur noch einen schrecklichen Abgrund. –

Noch heute, wenn ein Fremder an einem Wasserfall vorübergeht, warnt ihn der Indianer, dessen Namen auszusprechen. Dies würde sein unfehlbares Verderben sein, sagt er. Denn auf dem Grunde dieser Wasser wohnen zusammen Makonaura und Anuanaitu in dem wunderbaren Haus dessen, der die Seele und der Geist der Wasser ist.

Quelle:
Koch-Grünberg, Theodor (Hg.): Indianermärchen aus Südamerika. Jena: Eugen Diederichs, 1927, S. 40-52.
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