[109] 38. Der Besuch im Himmel

In alter Zeit war ein Krieg zwischen zwei Stämmen. Der eine Stamm hieß Kuyalakog, der andere Palawiyang. Der Krieg war in der Gegend des Uraukaima-Gebirges. Die Palawiyang griffen die Kuyalakog an. Sie töteten einige, als sie zur Pflanzung gegangen waren. Da vereinigten sich die Kuyalakog, um die Palawiyang zu vernichten. Sie kamen und griffen sie an. Sie kamen an das Dorf, das aus fünf Häusern bestand, und zündeten es an zwei Stellen an, bei Nacht, damit es hell wurde, und die Feinde nicht im Dunkeln entfliehen konnten. Sie töteten viele mit der Keule, als sie aus den Häusern entweichen wollten.

Ein Mann namens Maitchaule legte sich unversehrt zwischen einen Haufen Toter und bestrich das Gesicht und den[109] Leib mit Blut, um die Feinde zu täuschen. Die Kuyalakog gingen weg. Sie glaubten, alle seien tot. Der Mann blieb allein zurück. Dann ging er weg, badete und ging nach einem anderen Haus, das nicht weit entfernt war. Er dachte, es seien Leute dort, aber er fand niemand. Alle waren geflohen. Er fand nur Maniokfladen und alten Rostbraten und aß. Dann dachte er nach. Er ging aus dem Haus hinaus und weit weg. Dann setzte er sich hin und dachte nach. Er dachte an seinen Vater und an seine Mutter, die die Kuyalakog getötet hatten, und daß er nun niemand mehr habe. Dann sagte er: »Ich will mich zu meinen Gefährten legen, die tot sind!« Er kehrte voll Furcht nach dem verbrannten Dorf zurück. Dort waren sehr viele Aasgeier. Maitchaule war ein Zauberarzt und hatte von einem wunderschönen Mädchen geträumt. Er verscheuchte die Aasgeier und legte sich neben seine toten Gefährten. Er hatte sich wieder mit Blut beschmiert. Er hielt die Hände an den Kopf, damit er sofort zugreifen konnte. Dann kamen die Aasgeier wieder und stritten sich um die Leichen. Da kam die Tochter des Königsgeiers. Was tat nun die Tochter des Königsgeiers? Sie setzte sich Maitchaule auf die Brust. Als sie ihm in den Leib hacken wollte, ergriff er sie. Die Aasgeier flogen weg. Er sagte zur Tochter des Königsgeiers: »Verwandle dich in eine Frau! Ich bin so allein hier und habe niemand, der mir hilft.« Er nahm sie mit nach dem verlassenen Haus. Dort hielt er sie wie einen zahmen Vogel. Er sagte zu ihr: »Ich gehe jetzt fischen. Wenn ich zurückkehre, will ich dich in eine Frau verwandelt wiederfinden!« – Die Leute, die geflohen waren, hatten eine Pflanzung, Bananen usw.

Er ging fischen und verschloß das Haus und ließ die Tochter des Königsgeiers zurück. Da verwandelte sie sich in eine Frau. Es war viel Mais im Haus. Sie entkörnte den Mais, zerstieß ihn im Mörser, setzte einen Topf an das Feuer und tat alle Arbeit einer Frau. Sie machte Kaschiri und tat es in eine Kürbisflasche. Dann verwandelte sie sich wieder in[110] einen Aasgeier, denn sie schämte sich noch vor dem Mann. Da kam Maitchaule zurück mit Fischen und Wildbret, einem Hirsch. Er kam in das Haus und hatte großen Durst. Er fand das Haus offen, aber der Aasgeier war drinnen. Er legte den Hirsch und die Fische nieder. Dann ging er aus dem Haus und fand Spuren von Menschen. Es waren die Spuren der Frau, die Brennholz geholt hatte. Er ging den Spuren nach und fand, daß jemand im Wald Brennholz gebrochen hatte. Da wurde er mißtrauisch. Dann ging er den Spuren nach, die zurückführten, und kam so nach dem Hause zurück. Er fand auch Spuren, die zum Hafen gingen, wo das Mädchen Wasser geholt hatte. Er ging ihnen nach und kam zum Hafen. Alle Spuren, die er fand, führten zum Hause zurück. Er kam zum Haus und fand die Kürbisflasche mit Kaschiri. Er fand eine Kalabasse und trank Kaschiri. Dann legte er sich nieder und dachte nach. Er dachte über die Menschenspuren nach. Vielleicht seien es Leute, die ihn angreifen wollten. Er fand auch Wasser im Haus und Brennholz. Es fehlte nichts. Dann zerlegte er den Hirsch, machte einen Bratrost, röstete den Hirsch und gab der Tochter des Königsgeiers davon zu essen. Diese aß davon. Er briet auch alle Fische und schlief dann in dieser Nacht.

Vor Tagesanbruch verwandelte sich die Tochter des Königsgeiers wieder in einen Mensch und ging weg, Wasser zu holen. Sie brachte Wasser und ließ das Haus offen. Er hatte das Haus wohl verschlossen. Er schlief. Sie machte Feuer an, stellte den Pfeffertopf ans Feuer und tat ein Stück Hirschbraten hinein. Sie kochte es und ließ es am Feuer stehen. Als Maitchaule am Morgen erwachte, war das Essen fertig. Er hatte Maniokfladen. Er blieb mißtrauisch, als er den Topf am Feuer fand und sagte: »Hier sind Leute!« Das Mädchen hatte sich wieder in einen Aasgeier verwandelt. Sie wollte sich ihm nicht zeigen. Dann ging er weg mit Bogen und Pfeilen, verschloß das Haus, ging ein Stück weit und kehrte dann zurück. Er wollte sehen,[111] wer dies alles tat. Er verbarg sich in der Nähe des Hauses. Er hatte seine Angelrute absichtlich mitten im Haus liegen lassen. Er blieb versteckt und wartete. Da öffnete das Mädchen das Haus und trat heraus. Es war ein sehr schönes Mädchen mit vielen Perlenschnüren an der Brust, an den Armen und Beinen. Sie hatte eine schöne Perlenschürze an. Das Mädchen ging zum Hafen. Maitchaule ging in das Haus, nahm die Angelrute und verbarg sich hinter dem Eingang. Da kam das Mädchen zum Hause zurück. Sie wußte von nichts und glaubte, der Mann sei weit. Sie kam in das Haus zurück mit Wasser. Sie stellte das Wasser hin und legte sich in die Hängematte. Da kam Maitchaule hinter dem Eingang hervor mit der Angelrute in der Hand. Er sagte: »Jetzt habe ich eine Frau!« Sie war sehr schön und voll Perlen an Armen und Beinen. Sie wickelte sich voll Scham in die Hängematte. Er sagte: »Schäme dich nicht!« und legte sich zu ihr.

Dann sagte er zu ihr: »Habe ich es dir nicht gesagt, du solltest dich in eine Frau verwandeln, um mit mir zu leben? Jetzt habe ich keine Mutter mehr. Ich habe niemand mehr. Ich bin ganz allein. Jetzt gehe nicht weg! Bleibe hier als meine Frau! Wir haben Pflanzungen. Ich habe die Pflanzungen nicht angelegt, aber ich habe sie übernommen. Meine Verwandten sind alle geflohen aus Furcht vor dem Krieg mit den Kuyalakog. Ich bin ganz allein. Jetzt kommen meine Verwandten nicht mehr. Wenn Essen fehlt, ich gehe jagen und fischen. Ich bringe dir Hirsch, Tapir oder Fische. Ich bin da, daß du keinen Hunger leidest. Jetzt bleibe hier im Haus und mache Maniokfladen für uns zu essen! Ich gehe jagen! Gehe nicht weg!«

Er ging jagen und fischen und ließ sie im Hause zurück. Er tötete einen Hirsch und zwei Schweine und brachte zuerst den Hirsch heim. Sie machte gerade Maniokfladen, als er zurückkehrte. Er ging wieder weg, um die Schweine zu holen. Er brachte das eine heim und ging wieder weg, das andere zu holen. Er brachte auch das andere. Sie hatte Maniokfladen[112] bereitet und war dabei, Kaschirimasse zu machen. Er zerlegte den Hirsch und die beiden Schweine und legte die Stücke auf den Bratrost. Dann sagte er: »Das kannst du essen, wie du willst, roh oder gekocht!« Dann aß er mit ihr, und sie gewöhnte sich schnell an ihn. Sie hatte ihn gern, denn er brachte viel Wildbret heim. Er schlief die Nacht mit ihr.

Danach blieben sie einige Zeit in diesem Haus. Dann sagte sie: »Jetzt will ich meine Familie sehen! Habe Geduld!« Maitchaule wollte sie nicht lassen. Er sagte zu ihr, wenn sie wegginge, würde er einen Strick nehmen und sich erhängen. Da sagte sie: »Nein! Ich gehe nicht weg! Ich gehe rasch, um meine Familie zu besuchen. Bleibe hier und erwarte mich hier! Gehe nicht weg von hier! Ich kann dich nicht mitnehmen, ohne daß dich mein Vater sieht. Ich gehe, Kumi holen und Kleider, dich zu bekleiden, damit du fliegen kannst, wie wir fliegen. Ich werde meinem Vater sagen, daß ich mit dir verheiratet bin.« – Dann sagte sie: »Weine nicht, wenn du mich vor dem Hause zum Himmel fliegen siehst!« – Er ging mit ihr zum Haus hinaus und sagte zu ihr: »Gehe nicht weg! Bleibe bei mir! Laß deinen Vater!« Sie beruhigte ihn und sagte: »Ich werde dich nicht verlassen. Ich will nur meinem Vater sagen, daß er jetzt einen Schwiegersohn hat.« Maitchaule wollte sie nicht weglassen. Da sagte sie: »Gut! Schneide mir meine Haare ab!« Der Mann schnitt ihr die Haare ab. Dann sagte sie: »Schneide ein Stück Bambus ab, stopfe die Haare hinein, blase Tabakrauch darauf und verstopfte es mit Bienenwachs! Wenn ich morgen nicht zurückkehre, so verstopfe es mit Pech! Dann muß ich dort sterben!« Dann verabschiedete sie sich und sagte: »Wenn ich nicht morgen sehr früh zurückkomme, komme ich nachmittags.« Dann ging sie weg, und er schaute ihr nach. Sie hüpfte mehrmals auf, verwandelte sich in einen Aasgeier und flog in Kreisen hoch und immer höher. Er schaute ihr nach, bis sie ganz klein wurde und verschwand. Da trat er ins Haus zurück, legte sich in die[113] Hängematte und dachte viel nach. Er schlief nicht in dieser Nacht, sondern dachte immer nach.

Es wurde Morgen. Als sie wegging, hatte sie zu ihm gesagt: »Gehe morgen sehr früh vor das Haus und erwarte mich! Wenn ich nicht zurückkomme, erwarte mich bis zum Abend!« Er machte sich eine Zigarre im Haus. Dann ging er aus dem Haus und setzte sich hin. Als er mit Rauchen fertig war, ging er ins Haus und legte sich schlafen. Er träumte. Im Traum sagte sie zu ihm: »Ich bin schon auf dem Heimweg mit zwei Schwägern.« Er erwachte plötzlich, ging vor das Haus und setzte sich nieder. Er war aufgeregt durch den Traum. Er schaute in die Höhe. Da sah er drei Aasgeier, wie er geträumt hatte, zwei weiße und einen schwarzen. Er wurde froh, als er sie erblickte. Sie kamen, in Kreisen fliegend, herab, bis sie ganz nahe über ihm waren. Sie sagte zu ihm: »Hier sind meine Brüder! Schäme dich meiner nicht! Ich schäme mich deiner auch nicht! Ebenso kannst du mit diesen da verkehren.«

Die Schwäger gewannen ihn lieb. Dann sagte sie: »Wir bleiben hier zwei Tage und gehen dann weg zum Himmel.« Da forderten ihn die Schwäger auf, einen Hirsch für sie zum Essen zu töten. Er schoß einen Hirsch und brachte ihn heim. Die Schwäger zerlegten den Hirsch, kochten ihn und aßen ihn. Es blieb ein Rest übrig, den sie auf dem Bratrost rösteten.

So blieben sie zwei Tage im Hause des Schwagers. Dieser zeigte ihnen seine Pflanzung, seinen Mais. Als sie kamen, hatten sie ihm ein Federkleid der Königsgeier mitgebracht. Die Frau befahl, ihren Mann damit zu bekleiden. Er zog das Kleid an und verwandelte sich in einen Aasgeier. Die Frau kaute Kumi und blies ihren Mann damit an. Sie sagte: »Jetzt wollen wir weggehen! Habe keine Furcht! Ich komme hinter dir her.« Die Schwäger flogen schon in Kreisen über ihm und erwarteten ihn. Sie sagte zu ihm: »Jetzt schlage mit den Flügeln! Wenn du mit den Flügeln schlägst, wirst du die Leiter sehen, die dort festgebunden ist.« Als er[114] mit den Flügeln schlug, wurde er leicht. Er sah die Leiter und stieg auf ihr hinter den Schwägern her. Seine Frau flog hinter ihm her, um ihn aufzufangen, wenn er fiel. Er stieg empor, bis er dem Himmel nahe war. Als er dem Himmel nahe war, sah er den Eingang des Königsgeiers. Seine Frau war dicht hinter ihm, um ihn aufzufangen, wenn er fiel. Sie kamen an den Eingang und traten ein. Das Haus des Königsgeiers war nicht weit vom Eingang des Himmels. Die Schwäger und die Frau gingen voraus. Er blieb zurück. Sie sagten: »Wir wollen unsern Vater rufen, damit er dich sieht!«

Sie kamen in das Haus des Königsgeiers, Kasanapodole, des Vaters der Königsgeier, und sagten zu ihm, daß der Mann dort stehe. Der Alte freute sich und ging mit seinen Söhnen hinaus, um den Mann seiner Tochter zu sehen. Er fand Maichtchaule und sagte zu ihm: »Wir wollen ins Haus gehen!« Er nahm ihn mit in sein Haus. Er nahm ihn sehr gut auf. Es waren viele Leute da. – Wenn sie im Himmel ankommen, ziehen die Königsgeier die Kleider aus und sind dann Leute.


38. Der Besuch im Himmel

Es vergingen einige Tage. Da sagte seine Frau zu ihm: »Wenn du Hunger hast, so gehe in das Haus der Periquitos! Sie haben Maiskaschiri. Du brauchst nicht zu trinken, was wir hier trinken. Gehe in das Haus des Papagei! Dort bekommst du Maiskaschiri. Gehe in das Haus der gelben Perikitos! Sie haben Maiskaschiri.« – Alle Papageien, Perikitos und Araras haben Maiskaschiri. Im Himmel sind sie alle Leute. – Er ging in das Haus der Papageien und trank dort Maiskaschiri und führte ein gutes Leben mit den Papageien, Araras und Perikitos.

Eines Tages sagte der Königsgeier zu seiner Tochter: »Sage deinem Manne, daß er den See Kapöpiakupö in zwei Tagen austrocknet!« Es war ein sehr großer See. Als Maitchaule aus dem Haus der Perikitos zurückkehrte, sagte seine Frau[115] zu ihm: »Mein Vater hat gesagt, du solltest den See Kapöpiakupö in zwei Tagen austrocknen.« Wenn er dies nicht fertig brächte, wollte der Königsgeier ihn töten und fressen. Maitchaule sagte zu seiner Frau: »Ich weiß nicht, wie ich diesen See austrocknen soll.«

Dann verstopfte er den Zufluß des Sees und fing an, das Wasser auszuschöpfen, so daß es zum Fluß ablief. Da begegnete ihm die Wasserjungfer. Sie sagte zu ihm: »Was machst du da, Schwager?« Er antwortete: »Kasanapodole hat mir befohlen, diesen See auszutrocknen. Er hat mich auf die Probe gestellt. Er will mich fressen.« Da sagte die Wasserjungfer: »Er wird dich nicht fressen! Wir helfen dir! Wir trocknen den See aus!« Dann begegnete ihm der Vogel Uoimeg. Er fragte ihn: »Was machst du da, Schwager?« Da antwortete die Wasserjungfer: »Dieser Mann hier ist beauftragt von Kasanapodole.« Uoimeg fragte: »Wozu?« Die Wasserjungfer antwortete: »Er soll diesen See austrocknen.« Uoimeg sagte: »Gut! Ihr könnt ihn abdämmen! Ihr könnt ihm helfen!« Da sagte die Wasserjungfer: »Wir helfen ihm. Wir schöpfen das Wasser aus.« Sie sagte zu Uoimeg: »Du gehst auf den Weg und benachrichtigst mich, wenn Leute kommen!« Uoimeg antwortete: »Gut! Ich gehe auf den Weg und gebe acht. Wenn Leute kommen, rufe ich: ›uoimeg – uoimeg!‹ Dann versteckt ihr euch!« Er ging auf den Weg.

Die Wasserjungfern – es waren viele – fingen an, Wasser auszuschöpfen. Sie befahlen Maitchaule, sich niederzusetzen, und sagten zu ihm: »Wenn Uoimeg singt, nimmst du die Kalabasse und schöpfst Wasser aus.« Die Wasserjungfern schöpften nun in aller Eile Wasser aus. Uoimeg lauerte auf dem Weg, ob Leute kämen. Sie schöpften so viel Wasser aus, daß der See schon anfing trocken zu werden. Da sang Uoimeg auf dem Weg. Alle Wasserjungfern versteckten sich und Maitchaule ergriff die Kalabasse. Da kam seine Frau und sagte: »Mein Vater schickt mich, zu fragen, ob du fertig seist.« Er antwortete: »Ich bin noch nicht fertig.« Da[116] sagte sie: »Wenn du bis morgen nicht fertig bist, kommt mein Vater hierher.« Er antwortete: »Ich weiß nicht, ob ich heute fertig werde.« Die Wasserjungfern hatten sich alle versteckt. Die Frau ging weg. Da erschienen die Wasserjungfern wieder, und er setzte sich hin. Die Wasserjungfern begannen wieder Wasser auszuschöpfen. Sie schöpften viel Wasser aus, und der See wurde immer trockner. Es fehlte nur noch ein kleines Stück. Da kam die Frau wieder. Die Wasserjungfern versteckten sich wieder alle, und Maitchaule nahm die Kalabasse in die Hand. Die Frau sagte: »Mein Vater schickt mich, zu fragen, ob du fertig seist. Er hat Hunger.« Sie sagte: »Ich will hier warten!« Er aber erwiderte: »Nein! Gehe weg! Ich bleibe allein hier. In kurzem bin ich dort!« Als sie weg war, erschienen die Wasserjungfern wieder. Sie schöpften viel Wasser aus, und der See wurde trocken. Da kamen alle Tiere zum Vorschein, die in dem See waren: viele große Wasserschlangen, Alligatoren, Fische, Schildkröten u.a. Dann sagte die Wasserjungfer: »Fertig, Schwager! Jetzt kannst du es deinem Schwiegervater sagen! Wir gehen weg! Gehe hin, deinen Schwiegervater zu rufen.« Sie gingen weg.

Maitchaule ging weg mit Uoimeg. Er kam in das Haus. Uoimeg blieb draußen nahe beim Haus. Maitchaule sagte zu seinem Schwiegervater: »Der See ist fertig!« Da freute sich der Alte. Maitchaule sagte: »Es sind dort viele Fische, Wasserschlangen, Alligatoren!« Da schickte Kasanapodole einen seiner Söhne aus, nachzusehen, ob es nicht vielleicht eine Lüge seines Schwiegersohnes sei. Der Sohn des Königsgeiers ging hin nachzusehen und fand sehr viele Fische, Alligatoren, Schlangen, denn der See war sehr groß. Er kehrte zurück und sagte: »Es war keine Lüge, mein Vater. Der See ist trocken. Es sind dort sehr viele Fische, Wasserschlangen, Alligatoren, Schildkröten und andere Tiere.« Da sagte der Alte: »Morgen wollen wir alle anderen Leute einladen, um die Fische zu greifen!«

Am anderen Morgen kamen viele Leute, um die Fische zu[117] fangen. Sie gingen hin. Der Alte blieb zu Hause und sagte zu ihnen: »Verliert nichts! Fangt alles, was im See ist!« Die Leute fingen viele Tiere und brachten Tragkörbe voll nach Hause. Der Alte freute sich über die vielen Fische. Er befahl, Blätter abzuschneiden. Die Leute brachten Blätter und breiteten sie auf dem Boden aus. Dann befahl der Alte, alle Fische aufzuschneiden und auf die Blätter zu legen. Sie zerschnitten alle Tiere und legten sie auf die Blätter. Dann befahl er, sie mit Blättern zuzudecken. Sie aßen viele davon. –

Was tat dann Kasanapodole? Er befahl seinem Schwiegersohn, auf einem Felsen ein Haus zu bauen. Wenn er es nicht fertig brächte, wollte er ihn töten und fressen. Er befahl dies alles in der Absicht, ihn zu töten. Maitchaule ging weg. Kasanapodole hatte ihm ein Grabscheit mitgegeben. Maitchaule kam zum Felsen und stieß mit dem Grabscheit dagegen, konnte aber kein Loch machen. Da begegnete ihm der Regenwurm. Er fragte ihn: »Was machst du da, Schwager?« Maitchaule antwortete: »Kasanapodole hat mich beauftragt, hier auf dem Felsen für ihn ein Haus zu bauen.« Der Regenwurm sagte: »Gut! Ich will hier in den Felsen eindringen! Wenn ich eingedrungen bin, setze sofort die Hauspfosten in das Loch!« Sogleich drangen viele Regenwürmer hier und dort in den Felsen ein. Die Hauspfosten lagen fertig da. Der Alte hatte sie schlagen lassen. Maitchaule setzte alle Hauspfosten ein, fügte die Querbalken an und setzte das Dachgerüst darauf.

Als er das Dachgerüst fertig hatte, begegnete ihm der Webervogel. Dieser fragte ihn: »Was machst du da, Schwager?« Er antwortete: »Kasanapodole hat mir befohlen, hier auf diesem Felsen ein Haus für ihn zu bauen. Ich bin dabei, es hier zu bauen.« Da sagte der Webervogel: »Gut, Schwager! Ich will dir helfen! Setze dich hierher! Schaue mir nicht nach! Ich klettere in die Höhe.« Der Webervogel kletterte in die Höhe. Maitchaule blieb unten sitzen und blickte ihm nicht nach. Der Webervogel deckte das Haus in einem[118] Augenblick. Dann stieg er herab. Er sagte zu Maitchaule: »Fertig! Jetzt kannst du hinsehen!« Maitchaule schaute aufwärts. Das ganze Haus war gedeckt. Alles war verschlossen. Der Webervogel schickte ihn aus dem Haus und sagte zu ihm: »Setze dich hierher und blicke nicht nach dem Haus!« Maitchaule ging hinaus und setzte sich hin mit abgewendetem Gesicht. Der Webervogel deckte nun alle Wände und machte einen Zugang vorn und hinten. Dann befahl er ihm, sich umzuwenden und sagte: »Fertig! Das Haus ist fertig, Schwager!« Maitchaule sah das ganze Haus gedeckt, mit Wänden und Zugängen. Dann sagte der Webervogel: »Jetzt kannst du zu deinem Schwiegervater gehen und ihm sagen, daß das Haus fertig ist. Ich gehe weg! Erzähle nicht, daß ich das Haus gebaut habe!« Der Webervogel ging weg. Der Regenwurm ging auch weg. Maitchaule ging zum Hause seines Schwiegervaters und sagte ihm, das Haus sei fertig. Der Alte freute sich und ging hin, das Haus zu sehen. Er fand das Haus schön und kehrte nach Hause zurück.

Dann sagte er zu seinem Schwiegersohn: »Jetzt mache mir eine Bank aus Stein mit zwei Köpfen wie mein Kopf!« Maitchaule dachte nach. Dann ging er weg. Der Alte wollte die Bank für sein neues Haus haben. Nahe dem Haus war ein runder Fels. Maitchaule schlug darauf. Es flog auch ein Stück davon ab, aber es reichte zu nichts. Da begegneten ihm die weißen Termiten. Sie fragten ihn: »Was machst du da, Schwager?« Er antwortete: »Ich bin dabei, hier eine Bank zu machen für Kasanapodole. Er befahl, zwei Köpfe daran zu machen, wie sein Kopf.« Da befahlen ihm die Termiten, seine Hängematte im Hause anzubinden, und sagten zu ihm: »Schaue nicht auf uns! Wir wollen dir alle helfen! Wir wollen eine Bank machen, aber eine Bank, die geht, wie die Leute!« Maitchaule ging ins Haus, band seine Hängematte an und legte sich hinein. Die Termiten blieben draußen und machten die Bank. Es war morgens, als er ihnen begegnet war. Sie machten die Bank in einem Augenblick. Bis zum Mittag waren sie damit fertig. Dann[119] riefen sie: »Fertig, Schwager! Die Bank ist fertig!« Da ging er hinaus, und die Termiten sagten zu ihm: »Erschrick nicht, Schwager! Wir wollen die Bank in das Haus gehen lassen!« Dann sagten sie zur Bank: »Gehe ins Haus!« Die Bank hatte zwei Köpfe wie Kasanapodole. Die Bank ging dahin, wie eine Schildkröte geht. Maitchaule erschrak. Die Termiten sagten zu ihm: »Erschrick nicht! Sie frißt niemand!« Die Bank ging ins Haus. Dann sagten sie zu Maitchaule: »Fürchte dich nicht! Wenn du zur Bank sagst: ›Gehe dahin! Wechsele deinen Platz, meine Bank!‹ dann geht sie. Wenn du zu ihr sagst: ›Bleibe stehen, meine Bank!‹ dann bleibt sie stehen.« Dann befahlen sie ihm, der Bank zu sagen, sie solle gehen. Da befahl er der Bank zu gehen: »Ich will, daß du hinausgehst, meine Bank! Bleibe gegenüber dem Eingang stehen!« Die Bank ging hinaus und blieb gegenüber dem Eingang des Hauses stehen. Dann sagten die Termiten: »Jetzt kannst du zu deinem Schwiegervater sagen, die Bank sei fertig. Erzähle ihm aber nichts von uns! Wir gehen weg!« Die Termiten gingen weg. Er ging zum Hause seines Schwiegervaters. Kasanapodole gab ihm Kaschiri zu trinken. Es waren alle die verfaulten Tiere aus dem See, Fische, Alligatoren, Schlangen, die voll Würmer waren. Das ist das Payua für die Königsgeier. Er trank nichts davon, sondern gab alles seiner Frau. Diese trank das Payua. Er trank Maiskaschiri im Hause der Perikitos, Papageien und Araras. Er trank auch Maniokkaschiri im Hause der Enten. Diese hatten Maniokpflanzungen. Maitchaule verbarg heimlich ein Maiskorn in seinem Mund und nahm es mit, als er wieder hinunter auf die Erde ging. In jener Zeit hatten die Leute auf Erden noch keinen Mais.

An diesem Tag, als er seinem Schwiegervater gemeldet hatte, die Bank sei fertig, sagte er zu ihm: »Erschrick nicht vor der Bank!« Kasanapodole sagte zu Maitchaule: »Komm mit mir!« Er lud auch seine Söhne ein, mitzugehen und die Bank zu sehen. Sie gingen zu dem neuen Haus. – Als die Bank fertig war, hatte Maitchaule die Wespen darangesetzt[120] und zu ihnen gesagt: »Wenn Kasanapodole sich auf die Bank setzt, stecht ihn!« – Maitchaule forderte nun seinen Schwiegervater auf, sich auf die Bank zu setzen, und sagte zu ihm: »Erschrick nicht!« Dann sagte er zur Bank: »Gehe ins Haus!« Als sich Kasanapodole auf die Bank setzte, wurde er von den Wespen zerstochen, und die Bank lief mit ihm weg. Da erschrak der Alte so, daß er aufsprang und weglief, ganz zerstochen von den Wespen. Er stieß mit dem Kopf wider einen Baum und fiel zu Boden. Auch seine Söhne liefen alle weg. Der Alte wälzte sich, ganz wirr im Kopf, auf dem Boden umher und konnte nicht gehen. Da befahl Maitchaule der Bank, sie solle nahe zu dem Alten hingehen. Als die Bank ankam, stieß sie der Alte zurück. Aber die Bank kam immer wieder hinter ihm her. Maitchaule befahl der Bank, immer hinter dem Alten herzulaufen. Er sagte zu ihr: »Wenn der Alte nach seinem Haus geht, kommst du hinter ihm her und bleibst am Eingang stehen!« Der Alte lief wie verrückt nach seinem Haus; die Bank immer hinter ihm her. Der Alte lief in sein Haus und verschloß die Tür hinter sich. Die Bank blieb am Eingang stehen.

Dann dachte Maitchaule nach, wie er wieder auf die Erde hinunterkommen könnte. Da begegnete ihm der Vogel Murumuruta, die Nachtigall. Sie fragte ihn: »Was machst du da, Schwager?« Maitchaule antwortete: »Ich denke nach, wie ich nach unten zurückkehren kann.« Da sagte Murumuruta: »Warte, ich hole Kumi!« Sie ging weg, um Kumi zu holen. Maitchaule blieb zurück. In kurzem kam Murumuruta wieder mit Kumi. Sie sagte zu Maitchaule: »Bücke dich! Ich will dich mit Kumi anblasen!« Sie kaute Kumi und blies ihn damit an. Maitchaule wurde sehr leicht. Dann befahl ihm Murumuruta, ihr Kleid anzuziehen. Maitchaule zog das Kleid an. Dann sagte der Vogel: »Jetzt schlage mit den Flügeln!« Da flog Maitchaule. Sie flogen weg. Sie kamen zum Eingang des Himmels. Da sagte der Vogel: »Jetzt bücke dich!« Maitchaule bückte sich und flog durch[121] den Eingang des Himmels. Sie flogen weg, abwärts. Murumuruta wußte, wo Maitchaules Verwandten waren. Sie führte Maitchaule zum Hause seiner Verwandten. Nahe dem Haus war ein Bach, wo der Hafen war. Der Vogel ließ ihn am Hafen und sagte zu ihm: »Jetzt gehe hin nach dem Hause deiner Verwandten! Ich gehe weg!« Murumuruta ging weg.

Maitchaule kam in das Haus seiner Verwandten. Sie erkannten ihn und fragten ihn: »Wo kommst du her? Wo bist du gewesen?« Er antwortete: »Ich war im Himmel im Hause des Königsgeiers.« Er erzählte, er habe eine Tochter des Königsgeiers gefangen und sei von ihr zum Himmel getragen worden. Kasanapodole habe ihn fressen wollen. Deshalb sei er weggegangen. Murumuruta habe ihn hergebracht.

Er blieb hier bei seinen Verwandten. Sie hatten eine neue Pflanzung. Da pflanzte er das Maiskorn, das er mitgebracht hatte. Daraus entstand Mais mit zwei Kolben. Da wollten die Verwandten den Mais essen. Er aber sagte: »Nein! Laßt ihn als Samen, um viel zu pflanzen!« Der Mais wurde trocken. Dann schlugen sie eine andere Rodung und brannten sie. Dort pflanzten sie Mais. Die anderen Verwandten erfuhren es, daß er Mais hatte. Sie kamen und erbaten von ihm Mais. Er gab ihnen aber nicht gleich einen Kolben, sondern nur ein Korn. Er verkaufte es ihnen für eine Hängematte. Er sagte zu ihnen: »Ich habe nur ein Korn vom Himmel gebracht und es dort bezahlt. Hier unten hättet ihr niemals Mais gefunden. Ich habe ihn vom Himmel holen müssen.« Dann verbreitete sich der Mais. Die Leute pflanzten viel Mais, und er blieb alle für uns. Es ist der Mais, den wir heute haben.

Maitchaule setzte auch die Wespen neben die Webervögel. Seit dieser Zeit sind die Webervögel immer vereinigt mit den Wespen. Die Webervögel machen Nester bei dem Haus der Wespen. Sie sind Freunde bis auf den heutigen Tag. – Das ist das Ende der Geschichte.

Quelle:
Koch-Grünberg, Theodor (Hg.): Indianermärchen aus Südamerika. Jena: Eugen Diederichs, 1927, S. 109-122.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Schlegel, Dorothea

Florentin

Florentin

Der junge Vagabund Florin kann dem Grafen Schwarzenberg während einer Jagd das Leben retten und begleitet ihn als Gast auf sein Schloß. Dort lernt er Juliane, die Tochter des Grafen, kennen, die aber ist mit Eduard von Usingen verlobt. Ob das gut geht?

134 Seiten, 7.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon