Das mit List gefreite Mädchen.

[194] In einer Stadt lebte ein Alter. Der Alte hatte ein einziges Kind. Dieses Kind erbat von seinem Vater Geld, sein Vater gab ihm vier Rubel. Mit diesem Geld mietete das Kind drei Arbeiter, liess Lindenbast abziehen, aus diesem Baste verfertigten sie Siebe, diese Siebe brachte das Kind zu Markt und verkaufte sie. Vierhundert Rubel nahm es ein, kehrte zu seinem Vater zurück und gab seinem Vater das Geld, das es genommen, zurück. Jetzt trennte sich das Kind von seinem Vater und ging zu einer andern Stadt.

In jener Stadt trat es in ein Haus. Als es eintrat, schlief in diesem Hause ein alter Mann. In diesem Hause lag auf der Erde ein Papier, in dieser Schrift war geschrieben: »Auch ein Mann kann ein Kind gebären«. So war geschrieben. Das Kind las die Schrift und sprach: »Ein Mann kann kein Kind gebären. Wenn aber dieser Alte ein Kind braucht, so will ich sein Kind sein.« So sprechend, kroch das Kind unter den Alten und legte sich hin. Das Kind lag dort und jammerte. Der Alte erwachte und nahm das Kind und sprach: »O, ich habe ein Kind geboren.« Da unter hielt sich das Kind mit dem Alten. »Von wem bin ich geboren,« sprach[194] es. Der Alte sprach: »Von mir bist du geboren.« Das Kind sprach: »Wo ist meine Mutter?« Der Alte sprach: »Ich bin dein Vater und deine Mutter.«

Der Alte zeigte dem Kinde seine Häuser, seine Speicher, denn er war sehr reich. Wieviel Geld war dort, wieviel Silber war dort, wieviel herrliche Waren waren dort! In einem Speicher fand das Kind ein Bild. Es kam zu seinem alten Vater und zeigte ihm das Bild. »Was ist das für ein Bild?« fragte es. Der Alte sprach: »Ich hatte mich in ein Mädchen in jener Stadt verliebt. Da ich das Mädchen nicht heiraten konnte, habe ich dieses Bild angefertigt.« Das Kind sprach: »Gieb mir dieses Bild, ich will dein Mädchen aufsuchen.« Der Alte gab jenes Bild. Als das Kind das Bild genommen, erbat es vom Alten Mund Vorrat für den Weg.

»Ich will mich auf den Weg begeben, Vater, um jenes Mädchen zu suchen. Du gieb mir Vieh, gieb mir Geld.« Der Alte gab ihm Vieh, gab ihm Geld und gab seinem Kinde die Erlaubnis, zu reisen. Das Kind begab sich auf den Weg, der Alte blieb im Hause.

Der Knabe ging, ging und kam zur Stadt des Mädchens, dort mietete er ein Haus, errichtete einen Laden und handelte. Wenn er nach jenem Mädchen fragte, so gab ihm niemand Antwort. Darauf trat er in das Haus einer ververwaisten Alten. Dieser Alten schenkte er ein Hemd und eine Speise. Er fragte die Alte: »E! Alte, lebt in dieser Stadt ein solches Mädchen?« Die Alte sprach: »Ja, dies ist die Tochter unsers Fürsten. Diese Tochter des Fürsten zeigt sich niemandem.« Das Kind sprach: »Wie kann ich dieses Mädchen sehen?« Die Alte sprach: »Am Freitage fahrt dieses Mädchen auf dem Wasser in einem Boote, wenn du sie dort nicht siehst, kannst du sie nicht sehen.« Jenes Kind zog Mädchenkleidung an und setzte sich am Ufer des Meeres nieder. Zu dieser Zeit fuhr das Mädchen in einem bemalten Boote. Als er das Mädchen gesehen hatte, setzte er sich auf ein Brett und ruderte auf das Mädchen zu. Da fiel das Kind ins Wasser. Als das Mädchen[195] dies gesehen hatte, nahm es den als Mädchen verkleideten Jüngling in ihr Boot auf und sie stiegen ans Land. Das Mädchen fragte: »Wessen Kind bist du?« Das Kind sprach: »Auch ich bin das Kind eines Herrschers.« Das Mädchen sprach: »Da du das Kind eines Herrschers bist, wie bist du denn aber ins Wasser gefallen?« Der Jüngling sprach: »Ich bin vom Schiffe herabgefallen, da habe ich mich an dieses Brett angeklammert, und auf diesem Brette bin ich hierher geschwommen.« Das Mädchen sprach: »Du passt mir zum Dienste, lass uns zusammenwohnen.«

Sie kamen nach Hause. Da sprach das Mädchen zu seinem Vater: »Ich habe im Wasser ein Mädchen gefunden.« Der Vater sprach: »Wenn sie dir gefällt, so ernähre sie.« Es lebten beide zusammen. Eines Tages gingen beide, um sich zu baden. Das Mädchen badete sich, der Jüngling badete sich nicht. Das Mädchen sprach: »Weshalb badest du dich nicht?« Der Jüngling sprach: »Ich bin ins Wasser gefallen, daher fürchte ich mich, du bade nur, ich will dich waschen.« Darauf stieg das Mädchen ins Wasser, der Jüngling wusch das Mädchen, darauf gingen sie nach Hause.

Eines Tages heizte das Mädchen die Badstube und sprach zum Kinde: »Lass uns heute zusammen in die Badstube gehen.« Sie gingen in die Badstube. Da warf dieses Mädchen ihre Kleidung ab, der Jüngling aber verbarg seine Blösse. Das Mädchen sagte: »Was verbirgst du dich?« Der Jüngling sprach: »O Mädchen, ich bin ein Jüngling, Da ich mich in dich verliebt hatte, kam ich zu dieser Stadt, und erfand diese List, um dich zu sehen, weil ich in dich verliebt bin. Verzeih' meine Übelthat, wir wollen beide uns verbinden.« Das Mädchen sprach: »Früher hat mich kein Mensch gesehen, du hast mich aber gesehen. Gott, der Herr, hat mich dir bestimmt. Wenn er es bestimmt hat, was kann man da thun? Entführe du mich durch folgende List. Von deinem Hause aus mache unter der Erde einen Weg zu meinem Hause.«[196]

Der Jüngling kehrte jetzt nach Hause zurück. Er mietete Leute und führte unter der Erde von seinem eigenen Hause zu dem Hause des Mädchens einen Weg. Auf diesem Wege begab sich der Jüngling zu dem Mädchen. Das Mädchen sprach: »Wenn du mich heiraten willst, so lade meinen Vater zur Mahlzeit ein und bewirte ihn.«

Der Jüngling kehrte zurück, lud den Vater des Mädchens ein und bewirtete ihn. Der Vater des Mädchens sprach: »Ich habe ein Mädchen, das für dich passt. Sie leistet meiner eigenen Tochter Dienste, wenn sie dir gefällt, so will ich sie dir geben.« Als der Jüngling seine Worte hörte, sprach er: »Ich will sie nehmen.« Da ging der Vater zu seiner Tochter und sprach zu seiner Tochter: »Das Mädchen, welches du gefunden hast, will ich diesem reichen Manne geben.« Das Mädchen sprach: »Gieb sie ihm! Begieb dich zum Hause dieses Reichen, ich will das Mädchen hinschicken.« Ihr Vater ging zum Hause des Reichen. Während dieser Zeit begab sich das Mädchen auf dem unter der Erde geführten Wege zu dem Hause des Reichen. Als ihr Vater eintrat, sah er das Mädchen. »Dies ist meine Tochter,« sprach er und kehrte zu seinem Hause zurück. Der Vater trat zu seiner Tochter ein, da sah er, dass seine Tochter dasass. Da sprach ihr Vater: »Bist du nicht das Mädchen gewesen, das im Hause des Reichen sass?« Die Tochter sprach: »Nein, ich bin es nicht gewesen.« Da ging der Vater wieder zum Hause des Reichen, auch das Mädchen ging hin.

Der Vater sprach: »Dieses Mädchen will ich dir geben, willst du es heiraten?« Der Jüngling willigte ein. Zu derselbigen Zeit sprach der Vater über seine eigene Tochter den Trausegen, dann kehrte er nach Hause zurück, ging zu seiner Tochter, seine Tochter war in ihrem Hause.

Der Reiche lebte noch vier Tage in dieser Stadt. Die Waren, mit denen er gehandelt, schickte er zu seinem Vater zurück. Darauf begab er sich zum Fürsten und sprach zum Fürsten: »Gieb du mir die Erlaubnis, heimzukehren[197] und mein Weib fortzuführen.« Der Fürst gab die Erlaubnis. Da bereitete er alles zur Überfahrt Nötige vor. Der Fürst ging zu seiner Tochter und sprach: »Ich will meinem Freunde das Geleit geben.« Das Mädchen sprach: »Schön, Herr und Vater, begleite ihn.« Als der Vater aus ihrem Hause gegangen, begab sich das Mädchen auf jenem Wege zu ihrem Manne.

Der Jüngling kehrte jetzt heim. Der Vater begleitete ihn eine Strecke Weges. Dort verabschiedeten sie sich. Der Jüngling führte sein Weib fort, der Fürst kehrte nach seinem Hause zurück. Als er in das Haus seiner Tochter eingetreten war, war seine Tochter verschwunden. Da schickte er jenem Reichen eine Schrift: »Du hast meine Tochter mit List entführt.« Das Mädchen schickte ihm seine Schrift zurück. »O Vater, nach deinem eigenen Befehle hast du mich gegeben.«120

Quelle:
Seidel, A. (Hg.): Anthologie aus der asiatischen Volkslitteratur. Weimar: Verlag von Emil Felber, 1898, S. 194-198.
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