Weibertreue.

[283] Eine malayische Erzählung.159


Es war einmal eine Frau, die Tochter eines Kaufmanns in der Stadt Kasam, die war sehr schön von Antlitz. Ihr Gemahl liebte sie sehr, und seine Liebe hatte ihresgleichen nicht in der Stadt. Da kam Allahs Ratschluss über sie, und sie musste sterben. Ihr Gemahl aber vermochte sich aus übergrosser Liebe zu ihr nicht von ihrem Leichnam zu trennen, sondern hielt ihn umfangen und weinte und klagte. Da sprachen seine Verwandten: »Wie! Die Leiche deines Weibes beginnt schon zu verwesen; begrabe doch die Tote!« Er aber erwiderte: »Ich kann es nicht über mich gewinnen, begrabt mich mit ihr! Wenn ihr das nicht wollt, so bringt uns in ein Boot und lasst es ins Meer hinaustreiben, damit wir zusammen sterben.« Und die Leute thaten nach seinem Willen und stiessen das Boot in die See hinaus.

Nach einiger Zeit ward es Allahs Ratschluss seine Allmacht zu bethätigen. Plötzlich hörte der junge Mann eine Stimme, die zu ihm sprach: »O junger Mann, der du dein Weib so sehr liebst! Ist deine Liebe wirklich so gross, so[283] teile doch dein Leben und gieb die Hälfte deinem Weibe, dann wird sie wieder lebendig werden. Du hast noch vierzig Jahre zu leben; wohlan! teile sie, schenke zwanzig Jahre deinem Weibe und behalte die übrigen zwanzig für dich!« Da rief der junge Mann aus: »Gut, ich gebe die Hälfte meines Lebens hin, wenn mein Weib wieder lebendig wird.« Und siehe, durch Gottes Ratschluss ward das Weib wieder lebendig.

Darauf strandete das Boot an einer Insel, wo die Kauffahrer Wasser einzunehmen pflegten. Der junge Mann und sein Weib stiegen ans Land und wohnten dort einige Zeit. Eines Tages nun war der Mann sehr müde, weil er mehrere Tage nicht geschlafen hatte. Sein Weib nahm seinen Kopf in seinen Schoss, und er schlief fest ein. Währenddem kam ein Schiff heran und legte an, um Wasser einzunehmen. Der Kapitän stieg mit seinen Soldaten ans Land. Da erblickte er das Weib, das unter einem Baume sass und das Haupt ihres Gatten im Schosse hielt. Er fragte sie: »Weib, warum hältst du diesen Mann umfangen?« Sie antwortete: »Er ist mein Gemahl.« Darauf sprach der Kapitän: »Weib, du bist einmal recht thöricht, dass du diesen Mann zum Gatten hast. Erstens ist er hässlich, zweitens arm und elend und drittens von niedriger Herkunft. Dein Antlitz ist sehr schön, es ziemt sich nicht, dass du sein Weib seiest. Ich dagegen passe viel besser für dich mit meinem Reichtum, meiner angesehenen Verwandtschaft und meinem schönen Gesicht.« Als das Weib den Kapitän so reden hörte, dachte sie in ihrem Herzen: »Dieser Kapitän ist sehr schön von Antlitz und ein reicher Mann; gut! ich nehme ihn zum Manne.« Sogleich sprach sie: »Wenn es so ist, was meinst du, soll ich dir folgen?« Inzwischen nahm sie leise den Kopf ihres Gatten von ihrem Schosse fort, legte ihn auf die Erde und folgte dem Schiffskapitän. Der Kapitän brachte sie eilends auf sein Schiff und segelte ab.

Kurze Zeit darauf erwachte ihr Gemahl vom Schlafe und sah, dass sein Weib verschwunden war. Suchend lässt[284] er seine Augen umherschweifen und erblickt Fussspuren, die zum Meere führen. Als er das davonsegelnde Schiff erblickt, denkt er bei sich: »Das scheint das Schiff zu sein, das mein Weib entführt hat.« Und so blieb er zurück mit seinem Kummer, bis nach einigen Tagen abermals ein Schiff an die Insel kam, um Wasser einzunehmen. Der Kapitän des Schiffes stieg ans Land, begegnete dem jungen Manne und fragte ihn: »Warum bist du hier so allein?« Darauf erzählte ihm der junge Mann alles, was ihm geschehen war. Als er ihn frug, was nun sein sehnlichster Wunsch wäre, antwortete der junge Mann: »O Herr, wenn du ein mitfühlendes Herz hast, so folge dem Schiffe, welches mein Weib entführt hat.« Der Kapitän erwiderte: »Ich will es übernehmen das Schiff zu verfolgen.« Da sprach der junge Mann: »Wenn du, bitte, Mitleid und Wohlwollen hast für einen Menschen, der wie ich in Bedrängnis ist, so sei meines Dankes gewiss. Was wäre mir sonst übrig geblieben als mein Haupt an einem Felsen zu zerschmettern.« Nun befahl der Kapitän, die Segel aufzuziehen und das Schiff zu verfolgen, welches das Weib entführt hatte. So fuhren sie einige Tage und holten mit Allahs Hülfe das Schiff ein. Eine Zeit lang segelten sie nebeneinander her. Darauf erreichte das erste Schiff das Land Andalus und ging dort vor Anker, und das Schiff, welches ihm folgte, legte sich daneben. Der Kapitän sprach nun zu dem jungen Manne: »Herr, sieh nun nach deinem Weibe, ob es wirklich auf jenem Schiffe sich befindet, damit wir dem Hafenkommandanten Anzeige machen.« Der junge Mann spähte nun nach seinem Weibe, Tag für Tag ging er zu dem Schiffe. Eines Tages schaute das Weib aus der Schiffsluke nach dem Schiffe, welches nebenan lag, und ihr Gemahl sah ihr Antlitz. Sogleich eilte er zu dem Kapitän und sprach: »Das ist mein Weib.« Der Kapitän erwiderte: »Wenn es wirklich dein Weib ist, so lass uns sogleich zum Hafenkommandanten gehen und ihm die Sache vorlegen.« Sie stiegen ans Land und[285] als sie zum Hafenkommandanten kamen, erzählte der Kapitän, was dem jungen Manne zugestossen war.

Der Kommandant sprach: »Bist du sicher, dass dein Weib in jenem Schiffe ist?« Mit ehrfurchtsvoller Verneigung erwiderte der junge Mann: »O Herr, ich bin dessen vollständig sicher, ich habe sie gesehen, als sie aus einer der Luken des Schiffes herausschaute.« Darauf der Kommandant: »Wenns so ist, ist es gut; ich werde sie holen lassen und die Sache untersuchen.« Darauf befahl er einem seiner Diener, den Kapitän des Schiffes vorzuladen. Er erschien und verneigte sich. Inzwischen kamen auch die Richter die der Kommandant hatte rufen lassen, und der Kommandant fragte den Kapitän: »Kapitän, woher hast du das Weib, das in deinem Schiffe ist?« Er antwortete: »Das Weib, das in meinem Schiffe ist, ist meine Frau von Jugend auf.« Darauf der Kommandant: »Kapitän, dies Weib wird von diesem jungen Manne beansprucht; er behauptet, du habest es ihm entführt.« Jener erwidert: »O Herr, mächtiger Hafenkommandant! Ich bin von Jugend auf nur einmal vermählt gewesen, und nur diese ist mein Weib.« Da sprach der Kommandant zu dem jungen Manne: »Wie nun? der Kapitän beansprucht sie als sein Weib von jeher.« Der junge Mann antwortete: »Ist es so, so bin ichs zufrieden, o Herr! Aber lasse doch das Weib selbst hierher kommen, damit du sie befragest, ob sie nicht dennoch mein Weib ist.« Und er erzählte nochmals seine Geschichte von Anfang bis zu Ende, und die Richter waren sehr erstaunt und befahlen dem Kapitän, das Weib herzubringen. Er machte sich auf den Weg, und auf dem Schiffe angekommen, sprach er zu dem Weibe: »Geliebte, was ist deine Meinung? Die Richter laden dich vor, weil dein Gatte gekommen ist und dich zurückfordert. Wenn du mich liebst, so sage doch den Richtern, dass du von jeher mein Weib gewesen bist, damit wir nicht des Unrechts überwiesen werden.« Sie wars zufrieden. Am andern Tage in der Frühe begaben sich alle Parteien wieder zum Kommandanten. Darauf sprach einer[286] von den Richtern: »Weib, sprich die Wahrheit! Wer ist früher dein Gatte gewesen?« Sie antwortete: »Ich wüsste nicht, dass ich von Jugend auf mehr als einmal vermählt gewesen wäre; nur dieser Kapitän ist mein Gemahl.« Darauf der Richter: »Nun, junger Mann, was sagst du dazu?« Der antwortete und sprach: »Warst du wirklich nicht gestorben? Habe ich nicht aus übergrosser Liebe zu dir mein Leben geteilt und dir die Hälfte gegeben? Und hat nicht Allah dich der Welt wiedergegeben?« Das Weib antwortete: »Da hören es die Herren, dass der Mund dieses Mannes Lügen spricht. Ist es je vorgekommen, dass ein Toter wieder lebendig geworden wäre? Wo haben die Herren je so etwas gehört oder gesehen, wie jener Lügner erzählt?« Die Richter sprachen: »Die Frau hat recht! Junger Mann, wie kannst du sagen, ein Toter werde wieder lebendig?« »Sicherlich ist das Weib die Frau jenes Kapitäns und nicht die dieses Jünglings.«

Darauf sprach der Kapitän, der das Weib entführt hatte: »Wie lautet das Urteil über einen Mann, der eines andern Mannes Weib zu stehlen sucht? Und wie lautet das Urteil über einen Mann, der eines andern Weib in Anspruch nimmt?« Da wandten sich die Richter zu dem jungen Manne und sprachen: »Du hörst, was der Kapitän von uns verlangt. Was hast du dazu zu sagen?« Und der junge Mann nahm darauf das Wort und sprach: »Gut denn, Weib, du Treulose, du Verräterin! Wenn du mein Weib nicht sein willst, sondern diesen Kapitän zum Gatten begehrst, weil du nur auf Gold und Silber siehst, so nehme ich mein Leben zurück von dir, die zwanzig Jahre, die ich dir abgetreten habe.« Und er erhob seine Hände und betete mit lauter Stimme: »O Herr und Gebieter, o Herrscher und König des Himmels! Du, der du überall bist und alles siehst, ich flehe dich an, mir mein Leben zurückzugeben, denn dies Weib weigert sich mich als ihren Gatten anzuerkennen.« Und siehe – nach Gottes Ratschluss stürzte das Weib in demselben Augenblick tot zu Boden in Gegenwart[287] der bestürzten Richter. Diese sprachen: »Ergreift den Kapitän und steinigt ihn, denn er hat die Ehe gebrochen und eines andern Weib entführt.« So ward er ergriffen und gesteinigt; seine Habe ward den Richtern ausgeliefert und dem Staatsschatz einverleibt, nachdem man die Hälfte davon dem jungen Manne übergeben hatte. Sein Schiff aber wurde den alten Leuten der Stadt übergeben.

So ergeht es jedem, der seinem Nächsten Übles thut. Darum wollen wir uns alle hüten einem Diener Gottes Böses zu thun, denn er ist nicht zufrieden mit denen, die nicht nach seinem Gesetze handeln.

Quelle:
Seidel, A. (Hg.): Anthologie aus der asiatischen Volkslitteratur. Weimar: Verlag von Emil Felber, 1898, S. 283-288.
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