Vorwort.

Bei der Herausgabe meiner »Geschichten und Lieder der Afrikaner« (Berlin 1896, Schall & Grund) habe ich seinerzeit weniger die Zwecke der Folkloristen im Auge gehabt, obwohl ich auch denen einiges Interessante zu bieten vermochte, als vielmehr die ausgesprochene Absicht, dem grossen Publikum und in erster Reihe den Freunden der deutschen Kolonialbewegung ein Bild von dem Geistes- und Seelenleben des Afrikaners zu entwerfen und dadurch ein intimeres Verständnis für die leider bis dahin in weiten Kreisen vollständig verkannte Thatsache zu erwecken, dass der Neger nicht nur nach seinem äusseren Habitus, sondern auch nach seiner inneren Veranlagung zweifellos Anspruch darauf erheben kann zu den Menschen gezählt und – demgemäss behandelt zu werden. Aus diesem Grunde war ich in jenem Werke nicht durchaus an die Volkslitteratur in ihrer reinsten Gestalt gebunden, sondern berechtigt, ja verpflichtet, gelegentlich auch darüber hinauszugehen und z.B. dem Suaheli – Liede vom Tode Muhammeds, der muhammedanischen Fātima und einigen anderen Stücken Aufnahme[7] zu gewähren. Die im übrigen wohlwollende Kritik hat diesen Standpunkt in einigen Fällen nicht erkannt, und ich benutze diese Gelegenheit, ihre Einwände richtig zu stellen.

Auch das gegenwärtige Buch wendet sich nicht in erster Reihe an die Folkloristen, obgleich auch sie manches Interessante und Neue darin finden werden. Dahin gehören z.B. die malayische Erzählung von dem ungetreuen Weibe, die Mawāwīl aus Syrien, die persischen Sprichwörter u.s.w. Ferner wird es Vielen willkommen sein, so versteckte Materialien hier aufgedeckt zu sehen, wie z.B. die Hindustani-Sprichwörter, die aus Fallon's grossem hindustani-englischen Wörterbuch ausgezogen sind, – eine Quelle, die noch weitere reiche Ausbeute für den Folkloristen gewährt, und auf die ich ausdrücklich hingewiesen haben möchte.

Auch kam es mir im vorliegenden Falle weniger darauf an, für die angefochtenen Menschenrechte mancher tieferstehenden asiatischen Völkerschaften einzutreten, wenngleich das Buch sich auch nach dieser Richtung hin nützlich erweisen dürfte und möchte.

Vielmehr schwebte mir die Aufgabe vor, den deutschen Litteraturfreunden und besonders denen, die an den die volle Ursprünglichkeit athmenden Erzeugnissen der Volkslitteratur Gefallen finden und sich die von den exquisiten Genüssen der Bücherlitteratur gesättigte Seele in ihrem frischen Quell gesund baden wollen, einen Strauss der schönsten Blüten in Prosa und Poesie darzubieten. Es ist erstaunlich zu sehen, wie wenig ausserhalb der engeren Fachkreise selbst hochgebildete Leute von diesen Dingen bisher kennen, obwohl doch vielleicht gerade in Asien die Quellen zu finden sind, aus denen unsere europäische Volkslitteratur einen grossen Teil ihrer Erzeugnisse zu den verschiedensten[8] Zeiten geschöpft hat, und ohne deren Kenntnis sie kaum zutreffend beurteilt werden kann.

Es schien mir daher nützlich, eine Auswahl auch an sich lesenswerter und interessanter Probestücke der asiatischen Volkslitteratur zu veranstalten und durch genauen Nachweis der Quellen zu weiteren Studien in dieser Richtung anzuregen.

Der verhältnismäßig geringe Baum, der mir aus finanziellen Rücksichten für die Ausführung dieses Planes zugestanden werden konnte, hat mich freilich zu grosser Beschränkung gezwungen. Gerne hätte ich mindestens von jeder einzelnen Völkerschaft, soweit die vorhandenen Quellen es erlaubten, je ein Probestück der verschiedenen Arten der Volkslitteratur dem Leser vorgelegt; ich habe mich aber im Grossen und Ganzen darauf beschränken müssen, von dem einen Volksstamm nur Tierfabeln, von dem andern Erzählungen oder Legenden, von dem dritten Sprichwörter oder Poesien mitzuteilen u.s.w.

Zwar ist unsere Kenntnis der Volkslitteratur der asiatischen Völker noch sehr beschränkt; von vielen Völkern wissen wir in dieser Beziehung bisher überhaupt so gut wie gar nichts, von andern herzlich wenig. Selten nur trifft man auf so reiche Sammlungen, wie sie Radloff unter den türkischen Völkern Südsibiriens veranstaltet hat. Daher ist der Zeitpunkt für umfassendere vergleichende Arbeiten auf diesem Gebiete nach meiner Überzeugung noch nicht gekommen; es kommt vielmehr noch immer Alles darauf an, soviel wie möglich auf den einzelnen Sprachgebieten zu sammeln, und der Überblick über das ganze Feld, wie ich ihn hier zu geben versucht habe, soll seinerseits auch dazu[9] anregen sich um die Ausfüllung vieler klaffender Lücken zu bemühen.

Dass ich bei der Anordnung der ausgewählten Stücke die sprachliche Klassifizierung der asiatischen Völkerschaften zu gründe gelegt habe, wird man, glaube ich, nur billigen können. Ich habe aber vermieden aus der reinen Übersetzungslitteratur etwas aufzunehmen, wodurch beispielsweise rein indische Erzählungen unter den Erzeugnissen der tibetanischen Litteratur hätten aufgeführt werden müssen, so dass man im allgemeinen von den mitgeteilten Proben wohl wird sagen können, dass sie dem Volke, in dessen Sprache sie im Original abgefasst sind, auch wirklich eigentümlich zugehören.

Des Herausgebers Arbeit bestand hauptsächlich darin, zunächst die ausserordentlich zerstreute und versteckte Quellenlitteratur zu sammeln, daraus die passendsten Stücke auszuwählen, sie, wo erforderlich, aus dem Englischen, Französischen, Italienischen oder der Ursprache ins Deutsche zu übertragen und die poetischen Stücke, des besseren Eindruckes wegen, in deutsche Verse zu binden. In letzterer Beziehung habe ich meinem Freunde, Herrn Hauptmann M. Brose, hier meinen Dank abzustatten, der die Lieder der Osttürken und die arabischen Volkslieder aus Mesopotamien metrisch bearbeitet hat. Ein Teil der letzteren ist von Herrn Brose auch in Musik gesetzt worden. (Erschienen zu Berlin 1897.) Was die Auswahl der dargebotenen Stücke anlangt, so bin ich nicht zweifelhaft, dass man im einzelnen Fall über die grössere oder geringere Eignung dieses oder jenes Stückes und den Ersatz desselben durch ein anderes wird verschiedener Meinung sein können. Wenn man aber werbende Zwecke verfolgt, und das thut doch das vorliegende[10] Buch, so muss man in erster Linie Interessantes bieten, und vor diesem Gesichtspunkt hatte meines Erachtens alles Andere zurückzutreten, obwohl es mir an sich lieber gewesen wäre, auf zwei andere Momente grösseren Wert legen zu können, nämlich einmal auf solche Proben, die eine ausgeprägte Verwandtschaft mit abendländischen Litteraturstücken zeigen, und ferner auf solche, die in ihrer Art möglichst charakteristisch für das betreffende Volk sind. Alle drei Gesichtspunkte liessen sich nicht vereinigen; ihre gleichmässige Berücksichtigung verlangt vielmehr drei besondere Sammlungen. Allgemeiner Zustimmung hoffe ich sicher zu sein, dass ich solche Stücke, die bei uns bereits in weiteren Kreisen bekannt sind, im allgemeinen ganz unberücksichtigt gelassen habe. Dahin gehört z.B. die arabische Märchensammlung der 1001 Nacht, die Fabeln des Pančatantra u.s.w. Andererseits habe ich Radloffs vorzügliche Sammlung in höherem Masse als andere berücksichtigt, da das vielbändige Werk wegen seines Preises nur Wenigen zugänglich ist.

Im Anhange habe ich zunächst die hauptsächlichste Litteratur verzeichnet, die bisher über die Volkslitteratur der Sprachengruppen besteht, von denen Proben angeführt sind. Vollständig zu sein war aus räumlichen Gründen ausgeschlossen; aber das Beigebrachte wird vollauf genügen, um den Weg für weitere Belehrung zu bahnen und giebt vielleicht den Anreiz zur sehr erwünschten Herstellung einer vollständigen Litteraturnachweisung. Die Anmerkungen geben teils Erklärungen zum Verständnis des Textes, teils weisen sie Analogien aus der Litteratur anderer Völker nach; auch hier musste ich mir einen sehr engen Rahmen ziehen und auf einige Andeutungen beschränken.[11]

Es erübrigt mir noch, denjenigen, die mir bei der Herausgabe dieser Sammlung mit Rat und That zur Seite gestanden haben, auch an dieser Stelle meinen verbindlichsten Dank auszusprechen.


Berlin, den 1. März 1898.

Der Herausgeber.[12]

Quelle:
Seidel, A. (Hg.): Anthologie aus der asiatischen Volkslitteratur. Weimar: Verlag von Emil Felber, 1898.
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