VII. Erzählung.

[39] Darauf gieng er wieder auf gleiche Weise wie zuvor hin, und als Siddhi-k ýr auf die stolz lautenden Worte herabgestiegen kam, steckte er ihn in seinen Sack, band diesen mit dem Seile zu, lud ihn auf den Rücken und wandelte so mit ihm dahin. Siddhi-k ýr wiederholte seine früheren Worte, der Chânssohn aber, ohne etwas zu erwiedern, gab mit dem Haupte das Zeichen. Da begann Siddhi-k ýr folgende Erzählung.

Früh vor Zeiten hatte in einem Lande, das den Namen »Glänzender Blumengarten« führte, ein Familienvater drei Töchter. Täglich abwechselnd mussten sie hinausgehen, um Büffel auf der Weide zu hüten. Eines Tages war die ältere Schwester, die hinausgegangen war, eingeschlafen und während dessen hatte ein Büffel sich verlaufen. Als sie sich aufmachte, ihren Büffel zu suchen, befand sich mitten an einem grossen Hofe ein rothes Thor. Als sie dieses öffnend weiter trat, war ein goldenes Thor da. Als sie dieses geöffnet hatte und eintretend sich umschaute, war ein Thor von Perlmutter da. Als sie dieses geöffnet hatte, eintrat und wieder weiter schritt, war ein Thor von Smaragd da. Hinter diesem Thore befand sich in einem überaus glänzenden und prachtvollen Palaste eine Fülle von Gold und kostbaren Edelsteinen[39] und dergleichen Schätzen mehr. Doch war niemand daselbst; nur ein grosser weisser Vogel sass auf einem kostbaren Tisch. Da fragte das Mädchen: »Ein Büffel ist mir verloren gegangen, ich habe ihn nicht gefunden, ist er vielleicht hieher gekommen?« Der Vogel antwortete: »Wenn du meine Frau werden willst, so zeige und gebe ich ihn dir; willst du das nicht, so werde ich es nicht thun.« Das Mädchen sagte: »Ich bekümmere mich überhaupt um weltliche Dinge nicht, im besonderen aber gehören ja die Vögel, mit Verlaub zu sagen, zum Thiergeschlecht; finde ich auch meinen Büffel nicht, deine Frau werde ich nimmermehr.« Mit diesen Worten gieng sie zurück.

Als am folgenden Tag die mittlere Tochter das Vieh zu hüten gegangen war, geschah dasselbe wie das erste Mal; auch diese verstand sich nicht dazu seine Frau zu werden.

Als Tags darauf die jüngste Tochter das Vieh zu hüten gegangen war, geschah dasselbe wie das vorige Mal. Der Vogel sprach: »Wenn du meine Frau wirst, so zeige und gebe ich dir den Büffel.« Das Mädchen sagte: »Überhaupt sind die Worte des Männergeschlechtes alle wahr; namentlich aber will ich, wie du Vogel es verlangt hast, dem nachkommen.« Damit wurde sie seine Frau.

Einstmals sollte, um das Götterbild eines grossen Klostertempels dieser Gegend zu besuchen, eine dreizehntägige Versammlung stattfinden. Die Frau machte sich ebenfalls auf, diese Versammlung zu besuchen. Als sie hinkam, so war, trotzdem dass eine zahllose Menge zur Versammlung sich eingefunden hatte, gerade diese Frau es, die alle Weiber überragte. Unter den Männern aber that sich ein gar stattlicher rüstiger Reiter hervor, der einen Blauschimmel ritt; nachdem er dreimal um die Versammlung herumgeritten und sich wieder entfernt hatte, sprachen alle Leute unter einander: »Unter den hier Versammelten ragt bei weitem dieser am meisten hervor.«

Als die Frau zurückgekommen war, sprach der weisse Vogel: »Wer hat unter dieser Versammlung von Frauen und Männern die Probe bestanden?« Die Frau antwortete: »Unter den versammelten Männern ragte ein Reiter hervor, der einen Blauschimmel ritt, der war es; wer er aber gewesen, habe ich nicht erfahren. Unter den Frauen bin ich es gewesen.«

So geschah es elf Tage nach einander. Als die Frau am zwölften Tage die Versammlung zu besuchen gekommen war, hatte sie eine Alte, neben welche sie sich gesetzt hatte, zur Nachbarin. Die Alte[40] sagte: »Wer ragt wohl unter allen heute hier Versammelten am meisten hervor?« »Unter den versammelten Männern,« erwiederte die Frau, »ist es der Reiter, welcher den Blauschimmel reitet, so hervorragend ist keiner! Unter den Frauen bin ich es wohl. Ach, wenn mir ein Mann wie der des heutigen Tages zum Gemahl beschieden wäre, was bliebe mir da in diesem Leben noch irgend anderes zu wünschen übrig? So aber habe ich aus dem Thiergeschlecht einen Vogel mir zum Gebieter genommen.« So sprach sie weinend. Die Alte aber versetzte: »Frau, sprich du nicht also; unter den versammelten Frauen ist dein Vorrang unbestritten. Der Reiter aber, der den Blauschimmel geritten, das ist dein Mann! Nun ist die morgige Versammlung die dreizehnte. Obgleich du nun nicht selbst in die Versammlung dich begibst, so stelle dich doch, als gehest du hin, verbirg dich aber draussen hinter dem Thor; dann wird er sein Vogelhaus verlassen, aus dem Stalle sein Pferd herausführen, es besteigen und in die Versammlung reiten. Nach seiner Entfernung wirf das von ihm geöffnete und verlassene Vogelhaus ins Feuer und verbrenn' es; dann wird der Verkehr mit seiner wahren Gestalt möglich sein.« In dieser Weise ertheilte sie ihr Lehren.

Die Frau handelte dem gemäss. Jener verliess sein Vogelhaus, stieg zu Pferd und ritt in die Versammlung. Nach seiner Entfernung aber verbrannte die Frau das Vogelhaus im Feuer.

Weil sie sich sehr nach ihm sehnte, so erwartete sie ihn in der Nähe einer Säule. Zur Zeit als die Sonne bereits rothglühend sich zum Untergang neigte, kam er zurück. »Ah,« rief er, »was ist das? du bist früher zurückgekommen?« Die Frau antwortete: »Ich bin früher gekommen.« Da sprach der Mann: »Wo ist mein Vogelhaus?« Die Frau versetzte: »Im Feuer habe ich es verbrannt.« »Du unglückselige«, rief er, »da hast du was Schönes angestellt! das war ja meine Seele!« Die Frau sprach: »Was ist jetzt wohl anzufangen?« »Es gibt,« versetzte er, »kein anderes Mittel, als dich an das Thor von Perlmutter zu setzen, und Tag und Nacht, auch nicht einen Augenblick dich vergessend, mit diesem Stock um dich zu hauen. Wenn das Hauen mit dem Stock unterbrochen wird, so werden mich die Dämonen mit sich fortreissen. Sieben Tage und Nächte lang werde ich mit Göttern und Dämonen ringen.«

Da nahm die Frau den Stock in die Hand und sperrte ihre Augenlider mit Stützen von Halmen des Federgrases (Stipa pennata)[41] auseinander. Nachdem sie es so sechs Tage und Nächte ausgehalten, am siebenten Tag aber nur einen Augenblick leise genickt hatte, hatten die Götter und die Dämonen den Mann mit dem Vogelhaus, Itsali zubenannt, auch schon entführt. Die Frau machte in grosser Betrübniss sich auf ihn zu suchen, indem sie an allen ausgetrockneten Flüssen besinnungslos einherirrte. Unter dem Ausrufe: »Ach mein lieber Vogelhaus-Mann! ach mein lieber Vogelhaus-Mann!« den sie lang ausdehnte, weinend, kopfschüttelnd, rufend, suchte sie ihn unverdrossen Tag und Nacht. Trotzdem fand sie ihn nicht. Endlich liess sich einmal die Stimme des Vogelhaus-Mannes auf einem hohen Berge vernehmen. Als die Frau, dahin gieng, kam dieselbe Stimme wieder tief unten vom Flusse herauf. Als die Frau dahin gieng, da befand sich der Vogelhaus-Mann in der Nähe eines zu Ehren der Götter aufgeworfenen Steinhügels und hatte einen Bund Stiefel auf dem Rücken. Mit der Frau zusammentreffend sprach er: »Über die Begegnung mit dir freut sich innig mein Herz. Da ich der Wasserträger der Götter und Dämonen geworden, so bin ich so viel gegangen, bis sich diese Stiefel abgetragen haben. Wenn du nun von dem Gange mich aufzusuchen nach Hause zurückgekehrt bist, so baue ein Vogelhaus, und wenn du dann die Seele in dasselbe eingeladen und herbeigerufen hast, so komme ich dahin.« Kaum hatte er so gesprochen, als plötzlich Götter und Dämonen im Windsturm daherwirbelnd ihn mit sich fortrissen. Darauf kehrte die Frau nach Hause zurück und baute ein Vogelhaus neu, und als sie die Seele in dasselbe eingeladen hatte, da kam plötzlich der Vogelhaus-Mann über die Stiege hinaufsetzend herbei.

»Das war eine herrliche Frau!« rief bei diesen Worten der Erzählung der Chânssohn, und Siddhi-k ýr versetzte: »Sein Glück verscherzend hat der Chân seinem Munde Worte entschlüpfen lassen!« und mit dem Ausruf: »In der Welt nicht zu bleiben ist gut!« wand er sich los und eilte im Fluge davon.

Aus Siddhi-k ýr's Erzählungen das siebente Capitel: die Geschichte des Vogelhaus-Mannes.

Quelle:
Jülg, B[ernhard]: Kalmükische Märchen. Leipzig: F.A. Brockhaus, 1866, S. 39-42.
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