Einleitung.

[8] In der Einleitung zu meiner Ausgabe des Siddhi-K ýr S. IX f. ist der verschiedenen mongolischen Märchensammlungen, die mit dem Buddhismus aus Indien zu den Mongolen gekommen sind, in Kürze gedacht worden. Es sind das die in Indien bekannten Sammlungen Vetâlapanḱavinçatî, Çukasaptati und Vikramaḱaritra. Die nähere Untersuchung darüber verdanken wir Th. Benfey und A.v. Schiefner im Bulletin der St. Petersburger Akademie der Wissenschaften, historisch-philologische Classe, 1858. XV. 1–25. 63–74 (oder = Mélanges Asiatiques 1858. III. 170–203. 204–218), und besonders dann Th. Benfey in seinem Pantschatantra. Die Vetâlapanḱavinçatî hat Benfey in den mongolischen »Erzählungen des Siddhi-K ýr«, und das Vikramaḱaritra v. Schiefner in der mongolischen »Geschichte des Ardschi-Bordschi Chân« wiedergefunden. Die dritte indische Sammlung, »Çukasaptati« (70 Erzählungen eines Papagai), ist noch nicht als selbständiges Werk bei den Mongolen nachgewiesen, aber eine Erzählung daraus ist in die zweite Sammlung, die Geschichte des Ardschi-Bordschi, eingeflochten, woraus[9] man sieht, dass auch die Çukasaptati den Mongolen nicht unbekannt war. Die Erzählungen des Siddhi-K ýr sind in einer kürzeren Redaction von 13, und in einer ausführlicheren von 28 Sagen vorhanden (s. Siddhi-K ýr S. X und XVI). Die 13 Erzählungen wurden schon früher durch die Bergmann'sche Übersetzung bekannt; der Originaltext derselben in westmongolischer oder kalmükischer Mundart erschien zuerst lithographirt von Golstunski (St. Petersburg 1864), dann mit deutscher Übersetzung und einem kalmükisch-deutschen Wörterbuch dazu von mir (Leipzig 1866), und daraus die deutsche Übersetzung in besonderem Abdruck u.d.T.: Kalmükische Märchen. Die Märchen des Siddhi-K ýr oder Erzählungen eines verzauberten Todten. Ein Beitrag zur Sagenkunde auf buddhistischem Gebiet. (Leipzig 1866). Die aus der Çukasaptati entnommene oder mit dem Rahmen derselben in Verbindung gebrachte und im Ardschi-Bordschi sich findende Erzählung (in der vorliegenden Ausgabe S. 111–119) ist von mir, nur mit Weglassung der Rahmen-Einfassung, als Probe eines ersten mongolischen Druckes in Deutschland mit Übersetzung nebst einem Seitenstück dazu, dem Gottesgericht in Gottfrieds von Strassburg Tristan und Isolde, besonders herausgegeben worden (Innsbruck 1867). Nebenbei sei noch erwähnt, dass nun endlich auch die Bearbeitung der indischen Vetâlapanḱavinçatî, wie sie von Somadeva seinem grossen Werke einverleibt wurde, in Brockhaus' trefflicher Ausgabe vorliegt (Kathâ Sarit[10] Sâgara. Buch IX–XVIII. Leipzig 1866); sie ist in Buch XII. Cap. 75–99. S. 288–393 enthalten. Auch eine Hindi-Bearbeitung ist uns neulich durch H. Österley's Übersetzung von 9 Erzählungen sammt der Rahmen-Einfassung zugänglicher geworden (Baital Pachisi oder die 25 Erzählungen eines Todtengespenstes. »Ausland« 1867. No. 5–9).

Nachdem Benfey den Mongolen in der Verbreitung des indischen Sagenstoffes eine so namhafte Rolle zugewiesen hat, darf es gewiss als zeitgemäss angesehen werden, alles, was von diesen mongolischen Vermittlungsquellen uns zugänglich ist, in authentischer Fassung kennen zu lernen. Während ich nun in der Ausgabe des kalmükischen Siddhi-K ýr die gewöhnliche Recension von 13 Erzählungen gegeben habe, blieben dagegen die 9 Erzählungen, die sich noch in der ausführlicheren Redaction neben den 13 andern befinden, im Rückstande. Sie sind bis jetzt nur in einer einzigen mongolischen Handschrift enthalten, welche der Bibliothek des Asiatischen Museums der kais. Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg angehört (s. das nähere in der grösseren Ausgabe S. 103–105). Diese mongolische Siddhi-K ýr-Handschrift enthält die gewöhnlichen, bisher bekannten 13 Erzählungen, wie sie meine kalmükische Ausgabe bietet, und dann noch neun weitere, nämlich die 14. und 15. und die 17.–23. Erzählung; die 16. dagegen fehlt in der Handschrift; im ganzen umfasst sie also 22 oder mit Einschluss der[11] Rahmen-Erzählung 23. Rechnet man, unter Berücksichtigung des offenbar zufälligen Fehlens der 16. Erzählung, die Rahmen-Einfassung, nämlich die Einleitung und den Schluss, als 2 Erzählungen, so wäre allerdings die Zahl 25, was ja eben Vetâlapanḱavinçatî besagt, voll. Den Text dieser Handschrift sammt Übersetzung und kritischen Anmerkungen bietet meine grössere Ausgabe, aus welcher die hier vorliegende Übersetzung besonders abgedruckt ist. Sie beginnt daher mit der XIV. Erzählung. Zum Verständniss des Zusammenhanges muss natürlich die Kenntniss der 13 voraufgegangenen Erzählungen, oder doch wenigstens die Rahmen-Erzählung dazu (»Kalmükische Märchen« S. 1–5; man beachte auch das daselbst S. VI am Schluss Gesagte) vorausgesetzt werden.

Das ist der eine Theil dieser mongolischen Märchensammlung. Hieran habe ich eine zweite einem andern Sagenkreise entstammende Sammlung angereiht, die sog. Geschichte des Ardschi-Bordschi Chân. Diese gehört in den Kreis des Vikramaḱaritra (»Abenteuer des Vikramâditja«) oder der Sinhâsana-dvâtrinçati (»die 32 Erzählungen vom Throne des Vikramâditja«). Es sind das Sagen und Märchen, die sich an den Thron des gefeierten Königs Vikramâditja knüpfen, der in das erste Jahrhundert unserer Zeitrechnung fällt und dem die noch jetzt bei den Indern gebräuchliche sog. Samvat-Ära zugeschrieben wird, die das Jahr 56–57 vor Chr. Geb. zu ihrem Ausgangspunkt nimmt (s. Lassen, Indische[12] Alterthumskunde II. 49 f., 398, 759–762, 800–811). Diesem Thron Vikramâditja's wird göttlicher Ursprung zugeschrieben; die Sage lässt denselben durch den König Bhoģa von Mâlava (5. Jahrh. n. Chr.) wieder aufgefunden werden (Lassen II. 806 f.u. Anm.). An diesen König Bhoģa knüpft die mongolische Benennung an; aus râģâ Bhoģa haben sich die Mongolen ihr Ardschi-Bordschi mundgerecht gemacht. Von indischen Bearbeitungen des Vikramaḱaritra ist noch wenig bekannt (s. Benfey Pantschat. I. 22 f.). Neuerdings hat Emil Schlagintweit im »Globus« 1866, Bd. IX. S. 240–242 und S. 273–276 (»die Märchen über den Thron des Königs Vikramâditya von Malva«) Auszüge aus einer Sanskrit- und hindustanischen Recension veröffentlicht und dabei auch die mongolische Fassung unter Benutzung derselben Handschrift, die auch mir zu Gebote stand und die ebenfalls dem Asiatischen Museum der kais. Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg gehört, berücksichtigt. Ausserdem standen mir noch zwei andere Handschriften zur Verfügung. Der nach diesen Handschriften unter Mittheilung des vollständigen kritischen Apparates constituirte Text sammt Übersetzung bildet den zweiten Bestandtheil meiner grösseren Ausgabe, aus welcher die hier vorliegende Übersetzung der Geschichte des Ardschi-Bordschi Chân besonders abgedruckt ist.

Diese hier gebotene Geschichte des Ardschi-Bordschi Chân ist offenbar nur ein Auszug aus einer vollständigeren Sammlung, die freilich von den ursprünglichen 32 Erzählungen[13] auf ein bedeutend kleineres Mass beschränkt worden sein muss (s. die grössere Ausgabe S. XII f.).

Es gibt allerdings noch eine mongolische Sammlung, die in der That 32 Erzählungen enthält – also buchstäblich Sinhâsana-dvâtrinçati – und diesem Kreise angehört, sie führt aber den Titel »Geschichte von Gasna-Chân« (der Name lautet auch gasana, kisana, kisna, und kann noch anders gelesen werden). Ein handschriftliches Exemplar dieser umfangreichen Sammlung (122 Blätter des grössten Formats) besitzt Hr. von der Gabelentz aus dem Nachlasse M.A. Castrén's. Es sind 32 Doppelerzählungen mit einer Einleitung und einem Epilog. Die Rahmen-Erzählung ist der Einkleidung und Motivirung nach ganz dieselbe, wie bei Ardschi-Bordschi, dem Inhalte nach freilich völlig verschieden. Der die Stelle des Ardschi-Bordschi vertretende König heisst Gasna-Chân; der Thron und die Holzfiguren spielen dieselbe Rolle. Gasna-Chân lässt bei dem Versuche den Thron zu besteigen durch einen Abgesandten jedesmal eine schöne Handlung von sich erzählen, vermittelst welcher er seine Ansprüche auf den Thron begründen zu können glaubt, worauf dann jedesmal eine der Holzfiguren eine Erzählung aus dem Leben Vikramâditja's folgen lässt, welche die andere überbietet. So ergeben sich, da es 32 Holzfiguren sind, 32 Doppelerzählungen. Doch hat keine dieser 64 Erzählungen auch nur die entfernteste Ähnlichkeit mit einer der im Ardschi-Bordschi vorkommenden. Freilich sind unter diesen 64 Erzählungen[14] kaum ein Paar, deren Inhalt ein allgemeineres Interesse erregen oder für uns geniessbar gemacht werden könnte. Unser vorliegender Auszug dagegen, das wird jedermann anerkennen, bietet gewiss eine sehr gelungene unterhaltende Auswahl. Und was der Sammlung Ardschi-Bordschi jedenfalls noch ein besonderes Interesse verleiht, ist, auch abgesehen von diesem allgemein anziehenden Inhalt, die Anknüpfung an die Çukasaptati, die sich in der letzten Erzählung von den 71 Papagaien so unabweislich darbietet.

Seit der Herausgabe meines Siddhi-K ýr ist noch als opus postumum Galsang Gombojew's, von v. Schiefner herausgegeben, erschienen eine russische Übersetzung des ganzen Siddhi-K ýr (Шидди-Куръ, собраніе Монгодьскихъ сказокъ. - Переводъ съ Монгольскаго на русскій Ламы Галсана Гомбоева) 80 (102 стр.). (Abdruck aus Этнографическій Сборникъ росс. географ. общ 1865). Die ersten 13 Erzählungen sind nach einer mongolischen Handschrift der gewöhnlichen Recension übersetzt, die Nachtragserzählungen aber natürlich nach derselben Handschrift, deren Text ich gegeben. Schon früher hatte Galsang Gombojew eine Übersetzung des Ardschi-Bordschi geliefert ebenfalls nach der von mir benutzten Handschrift in dem St. Petersburger Journal »Общезанимательный Вѣстникъ« 1858, No. 1, welche auch besonders abgedruckt ist (Арджи-Бурджи. - Монгольская повѣсть, переведенная съ Монгольскаго Ламою Галсанъ-Гомбоевымъ. 40 (19 стр.). (С. Петерб 1858). Beide Übersetzungen[15] sind aber sehr häufig eine blosse Paraphrase; ganze Satzglieder sind eingefügt, von denen im Original keine Spur; anderes hinwiederum ist unübersetzt geblieben. Treuer und richtiger ist jedenfalls der Siddhi-K ýr denn der Ardschi-Bordschi. Eine treue Wiedergabe von Galsang Gombojew's russischer Übersetzung des Ardschi-Bordschi ist Benfey's deutsche Übertragung derselben im »Ausland« 1858, No. 34. 35. 36. Eine nur oberflächliche Vergleichung mit meiner Übersetzung wird den Unterschied sofort erkennen lassen.

Zwei Märchen des Siddhi-K ýr, das 14. und 17., nebst einem Bruchstück aus dem 21., hat auch v. Schiefner im Revalschen Almanach für 1860 (S. 37–46) nicht so sehr übersetzt, als vielmehr deutsch nacherzählt.[16]

Quelle:
Jülg, Bernhard: Mongolische Märchen. Innsbruck: Verlag der Wagnerschen Universitäts-Buchhandlung, 1868.
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