Isanagi und Isanami.

[97] Im Urbeginn aller Zeiten, welcher im Grunde noch keine Zeit genannt werden kann, damals, als es vor Erschaffung der Welt nur ein wirres Chaos gab, als der Himmel noch nicht von der Erde getrennt war, als noch keine Kreatur existirte und alle Dinge vermengt, gestaltlos und planlos umherschwammen wie Wolken auf der Meeresfläche, da erstanden bereits – so erzählen die Japaner – die uranfänglichen Gottheiten. Und die allererste derselben entstammte einer riesigen Schilfknospe, die gleich einem emporstrebenden Horne inmitten des grenzenlosen Wirrwarrs aufsproßte. Aus dieser ersten Gottheit folgten andere, und so vergingen drei Geschlechter, bevor die richtige Sonderung der feinen, flüchtigen Theile nach oben und der schweren, gröberen nach unten hin vor sich ging. Selbst als endlich durch die dritte Gottheit, welche man den großen Himmelsgeist nennt, Götterpaare entstanden und am obern Ende, wo sich jene aufstrebende Knospe einer Pflanze ähnlich ausbreitete, der Himmel sich bildete und von der unteren Welt schied, blieb auf Erden noch alles verworren, und hier war der Unterschied gegen ehedem noch gering.

So folgten – wie lange Zeit darüber verging, das kann man unmöglich angeben, ja nicht einmal ahnen – im ganzen[97] vier Götterpaare auf einander, und erst durch das letzte derselben ward die Erde erschaffen, wie wir sie kennen.

Dies vierte Götterpaar waren der gewaltige Urgott der Luft, Isanagi, und die Urgöttin der Wogen. Isanami; diesen beiden war es vorbehalten, die Erde zu bilden, und von ihnen stammen alle Menschen ab und alles, was da lebt und webt.

Einstmals lustwandelten beide auf der schwebenden, in sieben Farben schillernden Brücke des Himmels, einem wunderbaren Gebilde, das ohne irgend welche Stütze fest dastand. Und da sprach plötzlich der Urgott der Luft, Isanagi, zu der Urgöttin der Wogen, Isanami: »Es giebt doch auch noch unter uns ein Reich; warum sollen wir nicht einmal auf dasselbe hinunter steigen?« Und wie er also gesprochen, stieß er seine kostbare Lanze, die mit Edelsteinen und Korallen besetzt war, in die gährende Masse dort unten. Und wie er sie anrührte, da gerann es um die Spitze der Lanze herum, und das erste Eiland, die Insel Onogoro, entstand. Auf diese Insel nun stiegen die beiden Gottheiten hernieder und errichteten darauf einen hohen Pfosten, einen riesenhaft aufstrebenden Bergzacken, auf dessen Spitze sie die Himmelsbrücke legen konnten, und diesen Pfosten, diese steile Klippe machten sie zum Mittelpunkte der Erde, auf der sie nun wohnen wollten.

Nun war aber durch die Weisheit des großen Himmelsgeistes der Urgott Isanagi ein männliches Wesen und die Urgöttin Isanami ein weibliches, und so beschlossen sie, sich zu vermählen und künftig als Mann und Frau auf der Erde zu leben. Mit diesem Entschlusse aber kam auch sofort der Gedanke in ihre Seele, daß sie feierlich und förmlich um einander zu werben hätten, und zu dem Zwecke beschlossen sie, daß Isanagi von links her, Isanami von rechts her den hohen Berg umwandeln sollte, und wenn sie sich träfen, sollte die Werbung vor sich gehen. Und so geschah es; sie gingen der eine links, die andere rechts um den Bergpfosten, und sowie sie einander ansichtig wurden, rief Isanami, die Göttin der Wogen, begeistert[98] aus: »O, welch ein schöner Mann!« Dabei ergriff sie zuerst die Hand des Gemahls und die Vermählung ward vollbracht. Nun aber geschah es, daß sie keine so glückliche Nachkommenschaft hatten, als sie geglaubt, und das war nicht allein der Fall bei einem Sohne, den sie bekamen, sondern auch in allen anderen Dingen; denn diesen höchst wunderbaren Gottheiten war es beschieden, daß sie auch Länder zur Welt bringen mußten. Nun war das Eiland, das sie erzeugten, kein großes, herrliches Reich, wie sie gehofft, sondern nur eine öde, armselige Insel, das Eiland Awaji. Und der Knabe, den sie bekamen, war kein stattlicher Herrschersohn, sondern nur ein lahmes, krüppelhaftes Kind. Er hieß Hiruko, und da er noch nach drei Jahren nicht zu stehen vermochte, so flochten die Eltern aus Schilf einen Kahn; in diesen setzten sie das Kind und ließen das Fahrzeug von Wind und Wellen ins weite treiben.

Dann aber stiegen der Urgott Isanagi und die Urgöttin Isanami wieder zum Himmel empor und fragten den großen Himmelsgeist, wie es wohl zugehe, daß sie so viel Mißgeschick hätten, und wie sie es anfangen müßten, glücklicher zu werden. Und da belehrte sie der erhabene und weise große Himmelsgeist, daß stets und immerdar der Mann den Vorrang haben müsse. Es sei nicht wohlgethan gewesen, daß Isanami, das Weib, die Werbung begonnen habe; das sei Sache ihres Herrn und Gebieters Isanagi gewesen, und aus dieser Ursache sei all ihr Mißerfolg hervorgegangen.

So belehrt, zogen beide eilig wieder zur Erde hinab, um ihre Werbung auf's neue zu beginnen. Und abermals wandte sich Isanagi von der Linken und Isanami von der Rechten um den zuerst geschaffenen Grundpfeiler der Erde, und als sie nun sich trafen, rief zuerst der Urgott der Luft, Isanagi: »O, welch ein schönes Weib!« Und nun waren sie abermals vermählt und viel glücklicher als ehedem. Jetzt bekamen sie als Nachkommen die schönen acht großen Inseln des Reiches Japan, zuerst die herrliche, fruchtbare Insel von Yamato – dem alten Mittelpunkte[99] der Hauptinsel, – dann Schikoku, Kiuschiu, Oki, Sado und andere Inseln. Die kleinen Felseilande aber gerannen voll selbst aus der Brandung an den Küsten jener von Isanagi und Isanami geschaffenen Inseln, und ebenso entstanden die Inseln und Landschaften von China und alles Festland und alle Eilande der übrigen Welt. Dann aber wurde ihnen der Gott des Meeres geboren, der Beherrscher der Flüsse, der Gott der Berge, darauf der Gott der Bäume und eine Göttin, der sie die Obhut der zarteren Pflanzen anvertrauten.

Nun aber sprachen sie: »Wir haben das große Reich der acht Inseln geschaffen, Berge, Flüsse und Gewächse; jetzt müssen wir auch noch eine Gottheit haben, welche Gebieter darüber ist und es versteht, dies alles zu lenken.«

Als sie nun ihr nächstes Kind bekamen, da war es eine Tochter, und diese war von so strahlender Schönheit, daß sie das Kind Amaterasu nannten, das heißt: die Leuchte des Himmels. Und beide Eltern freuten sich so sehr über die schöne Amaterasu, daß Isanagi sagte: »Unsere Tochter soll droben in den Himmelsgefilden wohnen und von dort aus das Weltall lenken.« Isanami war es zufrieden, und so führten sie Amaterasu auf den hohen Bergpfeiler und über die schwebende Brücke in den Himmel, der damals noch der Erde ganz nahe war. Der große Himmelsgeist aber machte sie dort zu der erhabenen Sonnengöttin, und deshalb sah auch das Götterpaar Isanagi und Isanami sie als ihre eigentliche Erstgeborene an, die sie vor allem hoch und werth hielten. Das folgende Kind, das sie bekamen, war ein Sohn, fast nicht minder schön als Amaterasu, aber von wilderer Gemüthsart. Auch ihn versetzte Isanagi in den Himmel und ließ ihn neben Amaterasu den Himmel beherrschen; er war der Mondgott Tsukuyomi. Auch noch ein dritter Sprößling wurde geboren: es war Sosanoo, der kräftige, tapfere Held mit langem, wallendem Barte; er war jedoch sehr unwirsch und hatte einen schwermüthigen Sinn. Er weinte und wehklagte so sehr, daß das Gras auf den Bergen verdorrte und die Menschen[100] dahinstarben. Isanagi machte ihn anfangs zum Beherrscher des Oceans, aber er hatte wenig Freude an dem Sohne, der ihn nur zu oft erzürnte.

Doch jetzt war es mit dem Glück und der Schaffensfreude des ruhmreichen Götterpaares zu Ende, denn der jüngste Sohn, der Gott des Feuers, ward geboren, und daran mußte Isanami sterben; und obwohl mit ihm noch der Gott der Metalle, die Göttin des Ackerlandes und die Göttin des Sumpflandes während der Todesqualen seiner Mutter erschaffen wurden, so vermochte diese doch die Geburt des Feuergottes nicht zu überleben und ward durch ihn verbrannt. So verschied sie und verbarg sich in tiefste Einsamkeit im Reiche der Bäume – in der Landschaft Kii, – wo sie bis auf den heutigen Tag durch Feste, Prozessionen, Tanz, Gesang und Blumenspenden verehrt wird. Von hier entwich sie in die Unterwelt.

Isanagi aber war durch den Verlust seiner Gemahlin heftig erzürnt; er ergriff sein Schwert und zerhieb seinen jüngsten Sohn, den Feuergott, durch den er sie verloren, in drei Stücke. Aus diesen Theilen aber entstanden drei neue Götter, der Gott der Wetterwolke, der Gott des Donners und der Gott des Blitzes.

Und nun stieg Isanagi aus Sehnsucht nach seiner vielgeliebten Isanami auch in das finstere Reich der Unterwelt hinab. Sie aber kam ihm als Geist entgegen, in derselben Gestalt, in der er sie zu sehen gewohnt war, und bat und flehete, er möge nicht versuchen, zu ihr zu kommen. Doch er ließ sich nicht warnen, er drang in die finstere Tiefe und verschaffte sich Licht, indem er durch Reiben eines Kammes einen Span anzündete. Mit diesem suchte er seine Isanami und – fand nur ihren verwesten Leichnam. Isanami, die ihm zürnte, weil er ihre Bitte nicht erfüllt hatte, ließ ihn nun durch acht gräuliche Weiber, denen die Wache der Unterwelt übertragen ist, fortjagen, und hart bedrängt mußte er fliehen. Doch wehrte er sich tapfer und hieb mit dem Schwerte hinter sich; auch warf er seine Perrücke[101] ab, die sich in Trauben verwandelte, und jenen Kamm, durch welchen er sich Licht verschafft, und dessen Zacken zu Bambussprossen wurden. Während nun die acht Weiber erst die Trauben und dann die Bambussprossen gierig verzehrten, entkam Isanagi glücklich aus der Unterwelt; auf der breiten Treppe aber, die von dort herauf führt, stand er still und rief Isanami zu, daß sie nun auf ewig von einander geschieden wären, und dies Gelöbniß beschwor er mit Eiden. Zugleich wälzte er einen ungeheuren Stein, den zu bewegen wohl tausend Menschenkräfte erforderlich wären, vor das Thor der Unterwelt und verwehrte so den Zugang derselben. Als Isanami dies gewahrte, drohte sie, daß nun täglich tausend Menschen durch sie sterben sollten, und darauf erwiderte Isanagi, daß dann eintausend fünfhundert Menschen geboren werden sollten. Mit diesem Ausspruch lief er fort, warf Stab und Kleider von sich und ging zu den Meerengen, welche das Binnenmeer Japans nach außen abschließen und seine Theile unter sich trennen. Hier suchte er die besten Stellen aus und badete, um die Verunreinigung zu tilgen, welche er aus der Unterwelt mitgebracht hatte, und in Folge dieses Bades entstanden verschiedene Götter, welche noch heute als Gottheiten des Meeres und Strandes in Japan hoch verehrt werden.

Nun aber faßte Isanagi den Entschluß, da seine göttlichen Werke vollbracht seien, sich zur Ruhe zu begeben. Er übertrug seinen drei Kindern Amaterasu, Tsukuyomi und Sosanoo die Herrschaft der ihnen übertragenen Gebiete. Sosanoo aber, der gewaltige Gott mit dem wallenden Barte, klagte und grollte ärger denn je und bat seinen Vater, ihn doch in die Unterwelt zu seiner Mutter zu senden; nur dort könne er Ruhe finden. Obgleich nun Isanagi darüber zürnte, gewährte er doch zuletzt seine Bitte und übertrug dem Tsukuyomi die Obhut der Meeresfluthen, die seitdem dem Monde gehorchen. Sosanoo aber, obwohl nun zufrieden gestellt, bat, noch eine kleine Weile bei seiner Schwester Amaterasu weilen zu dürfen. Auch diese Bitte ward ihm gewährt, und so stieg er vorerst in den Himmel hinauf.[102]

Isanagi, der ruhmreiche Schöpfer und Gebieter der Erde, baute sich einen Tempel in Awaji, dann aber stieg auch er gen Himmel und wohnte von nun an in dem neuen, herrlichen Palaste den Sonnengöttin, seiner geliebten Tochter, der er durch weise Rathschläge nützte und helfend zur Seite stand.

Quelle:
Brauns, David: Japanische Märchen und Sagen. Leipzig: Verlag von Wilhelm Friedrich, 1885, S. 97-103.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Grabbe, Christian Dietrich

Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung. Ein Lustspiel in drei Aufzügen

Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung. Ein Lustspiel in drei Aufzügen

Der Teufel kommt auf die Erde weil die Hölle geputzt wird, er kauft junge Frauen, stiftet junge Männer zum Mord an und fällt auf eine mit Kondomen als Köder gefüllte Falle rein. Grabbes von ihm selbst als Gegenstück zu seinem nihilistischen Herzog von Gothland empfundenes Lustspiel widersetzt sich jeder konventionellen Schemeneinteilung. Es ist rüpelhafte Groteske, drastische Satire und komischer Scherz gleichermaßen.

58 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon