Die spukenden Füchse im Moor.

[371] Es saß einmal eine lustige Gesellschaft junger Leute beisammen, die sich Spukgeschichten erzählten. Dabei wurde tüchtig gezecht, viel gegessen und getrunken, und das Vergnügen dieses Abends ließ für die munteren Jünglinge nichts zu wünschen übrig.

Bei den vielerlei Erzählungen wurde namentlich der gespenstischen Füchse gedacht, die durch ihre Zauberkraft unglaubliche Dinge vollführen, der Menschen Sinne vollkommen gefangen halten und oft die ärgsten Neckereien, ja grausame Quälereien ausüben. Hin und her ward über diese Füchse, welche gewöhnlich weiß von Farbe sind, geredet; doch einer der jungen Leute, Namens Tokutaro, war ungläubig und wollte durchaus nichts von solchen Dingen hören. Er behauptete, es sei lächerlich, sich vor Füchsen zu fürchten. »Ich mache mich anheischig,« rief er prahlerisch, »durch das nächste Moor zu gehen, wo die Füchse doch besonders zahlreich hausen sollen, ohne daß mir einer derselben ein Haar krümmt.« »Sei kein Narr,« entgegnete ihm einer der Anderen, »und sei nicht so vermessen! Wenn du das thun wolltest und zwar um Mitternacht, so würdest du gewiß das Abenteuer nicht ungefährdet bestehen, und die Füchse würden[371] es schwerlich dabei bewenden lassen, dir blos ein Haar zu krümmen.« Diese Worte stachelten den Ungläubigen erst recht zum Widerspruch an; es wurde noch ein Weilchen hin und her geredet und schließlich eine Wette eingegangen, deren Betrag Tokutaro zu zahlen hatte, wenn die Füchse ihm einen Streich spielten; im umgekehrten Falle, wenn er unangefochten zurückkehrte, waren die anderen verpflichtet, ein Fäßchen Wein zu bezahlen, das in jedem Falle getrunken werden sollte.

Als die Mitternacht herankam, machte sich der muthige Tokutaro auf den Weg; wohlgemuth schritt er auf das Moor zu, welches mit Sumpfeibengestrüpp bewachsen war, durch dessen Zweige der Wind strich und unheimlich rauschte. Doch der junge Mann behielt kaltes Blut; ihn däuchte die Mitternacht nicht eben anders als die Zeit des hellen Tages, und deshalb ging er ruhig weiter. Freilich dauerte es nicht lange, bis er einen weißen Fuchs nicht weit von sich in das Dickicht schlüpfen sah, und als gleich darauf ein hübsches Mädchen aus demselben Dickicht auf ihn zu trat, mußte er lachen. »Ich kenne eure Schliche,« dachte er, »und lasse mich nicht so leicht anführen!« Das junge Mädchen, das ihm bekannt war, bat ihn um seine Begleitung, und da das Haus ihrer Eltern nicht weit entfernt war, so war Tokutaro gern bereit, diesem Wunsche nachzukommen. Er ging neben dem Mädchen und sprach mit ihm dies und jenes, war aber dabei fest überzeugt, daß seine Bekannte nur eine Täuschung und daß es in Wahrheit ein verzauberter Fuchs sei. Als sie nun die Wohnung der Eltern des Mädchens erreicht hatten, trat er mit demselben ein und begrüßte die Eltern, die ihm verbindlichst dankten, daß er ihre Tochter beschützt und nach Hause begleitet habe. Doch kaum hatte das Mädchen für einen Augenblick den Rücken gewandt, so winkte Tokutaro den Eltern geheimnißvoll zu, und als sie sich mit ihm in ein anderes Gemach begeben, verkündete er ihnen ohne alle Umstände, daß dies Mädchen, das er zu ihnen gebracht, gar nicht ihre Tochter sei, sondern ein verzauberter Fuchs, den er in dem unheimlichen[372] Moore getroffen habe. Die Eltern des Mädchens hörten diese Worte mit großer Verwunderung; doch als er ihnen die Sache so glaubwürdig er konnte und mit allen Einzelheiten vorstellte, da überzeugten sie sich, daß es damit seine Richtigkeit habe. Was hatten sie nicht schon für Streiche erzählen hören, welche die gespenstischen Füchse den Menschen gespielt hatten, mit denen sie um Mitternacht zusammen gekommen waren? Ihre Tochter, welche zu Freunden gegangen war, hatte ohnedies erst am folgenden Tage zurückzukehren versprochen; nein, es war in der That nicht wohl möglich, daß sie selbst es war, obgleich die Gestalt und die Manieren des Spukgebildes ganz die ihrigen waren. So erlaubten sie denn dem Tokutaro, den verzauberten Fuchs aus seiner angenommenen Gestalt herauszutreiben, wenn er es vermöchte. Tokutaro ging sogleich ans Werk. »Ich will dem Schelme schon forthelfen,« sprach er und begann dem Mädchen, das sich so eben auf sein Lager zur Ruhe gelegt hatte, mit verschiedenen Quälereien zuzusetzen. Er verbrannte ihm die Haut mit glühenden Kohlen, schlug es, bis die Haut wund ward, doch der Fuchs zeigte sich nicht. Da endlich fing Tokutaro an, das Mädchen zu würgen. Das arme Geschöpf schrie mörderlich, allein er hörte nicht darauf und dämpfte ihm die Kehle so gewaltig, daß es seinen Geist aufgab. Mit den Worten: »Ich kann es nicht länger aushalten, ich muß sterben!« ließ es seinen Kopf sinken und war todt.

Nun sah die Sache freilich sehr böse für Tokutaro aus, denn die Leiche des Mädchens gab den schlagendsten Beweis, daß es wirklich die Tochter des Hauses gewesen war. Ein Fuchs wäre vermuthlich längst davongelaufen, und man hätte von dem Mädchen nichts mehr gesehen; kam aber der Fuchs ums Leben, so war der Zauber gebrochen, und seine Leiche wäre alsdann an die Stelle des Spukgebildes getreten. Als nun aber die Eltern den schrecklichen Tod ihrer Tochter erkannten, da fingen sie an, gar jämmerlich zu wehklagen, und machten den jungen Tokutaro verantwortlich für seine Unthat, wie sie sagten. »Du mußt nun[373] auch sterben,« riefen sie, »denn du allein bist Schuld an ihrem frühen Tode!« Und dann überfielen sie ihn, banden ihm Hände und Füße und wollten ihm grade den Garaus machen, als plötzlich heftig an die Schutzläden des Hauses geklopft wurde. Die alten Leute sahen nach der Ursache und führten einen Priester herein, der um Einlaß gebeten hatte. Der Priester sah die unglückliche Lage des armen Tokutaro und erkundigte sich nach der Ursache derselben. Die Eltern erzählten die schreckliche Begebenheit von Anfang bis zu Ende; Tokutaro hörte gesenkten Hauptes zu, ohne ein Wort hineinzureden, denn er war vor Schrecken über den Ausgang seines Abenteuers ganz starr. Der Priester aber, als er alles gehört, redete kraft seines Amtes zum Frieden und bat um Tokutaro's Leben. »Was nützt euch sein Tod?« sprach er. »Was hilft euch das Bewußtsein, eure Tochter gerächt zu haben? Nein, ich mache euch einen anderen Vorschlag, wie ihr den jungen, lebenslustigen Mann strafen könnt, der allerdings sehr unklug, aber doch in guter Absicht gehandelt hat. Ueberlaßt ihn mir! Ich will ihn zum Priester weihen; dann hat er die beste Zeit und Gelegenheit, seine That zu bereuen und abzubüßen!« Nach kurzem Bedenken gingen die alten Leute auf den Vorschlag ein, und damit sie auch sehen sollten, daß es dem Priester Ernst sei, sein Vorhaben auszuführen, rief er einen in der Nähe befindlichen Mann herbei, der sofort Tokutaro's Haupt kahl scheren mußte. Der Mann schien ein Begleiter des Priesters zu sein, der sich auf die Priestertonsur wohl verstand, denn er machte seine Sache sehr gut. Zuerst fiel das schöne Zöpfchen auf Tokutaro's Scheitel, darauf der übrige Haarwuchs an den Seiten und rückwärts, und alsdann wurde der kahle Schädel noch einmal spiegelglatt rasirt, so daß Tokutaro aussah, als wäre er schon seit langer Zeit Priester gewesen. Während der Procedur murmelte der Priester unaufhörlich Gebete, die in ihrer eintönigen Weise fort und fort ertönten, bis das Schermesser den letzten Schnitt auf Tokutaro's Schädel gethan hatte. Da verschwand aber plötzlich alles rings[374] umher; das Haus, die Eltern, der Priester und sein Begleiter, alle waren fort, und Tokutaro sah sich mitten in dem unheimlichen Moor und hörte das gellende Gebell der Füchse, das wie ein Gelächter durch die Einöde wiederhallte. Er blickte sich nach allen Seiten verwundert um, er seufzte tief auf und war schon froh und glücklich, mit dem bloßen Schrecken diesem Zauberspuk entronnen zu sein. Da aber strich er mit der Hand über seinen Kopf und fühlte statt seines schönen Haares die spiegelglatte Haut des geschorenen Schädels. Beschämt und sehr verlegen kam er in diesem Zustande zu seinen Freunden zurück, die ihn jubelnd empfingen und wacker verspotteten. Er aber ließ sie lachen und spotten, erzählte umständlich die ganze Begebenheit und bezahlte seine Wette. Später aber, als er zu Hause ruhig über die Geschichte nachgedacht, ging er hin und meldete sich zum Priesteramt. Er wollte in Wirklichkeit das sein, wozu man ihn in seinen schweren Aengsten bestimmt hatte, und da er nun doch einmal geschoren war, so machte er sich nichts daraus, auch die übrigen Ceremonien durchzumachen, durch welche er zum Priester geweiht ward.

Das ist so ein Streich der gespenstischen Füchse, der immerfort mit sichtlichem Vergnügen von den Japanern erzählt wird.

Quelle:
Brauns, David: Japanische Märchen und Sagen. Leipzig: Verlag von Wilhelm Friedrich, 1885, S. 371-375.
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