Ojin Tenno und seine Söhne.

[199] Als die Kaiserin Jingo von dem Feldzuge heimgekehrt war, durch welchen sie Korea ihrem Scepter unterworfen, und als sie auf Kiuschiu dem Prinzen Ojin das Leben geschenkt hatte, ward der weise Minister Takeutschi von ihr dazu ausersehen, mit dem neugeborenen Kinde an die See zu reisen und die üblichen Ceremonien daselbst mit ihm vorzunehmen. Als nun Takeutschi bei dem Tempel eines der dortigen Meeresgötter angelangt war und sich angeschickt hatte, am folgenden Morgen mit dem jungen Erbkaiser dem Gotte seine Huldigung darzubringen, da erschien ihm dieser im Traume und sprach: »Gar[199] sehr wünsche ich, dem Kinde, mit dem du zu mir gekommen, meine Ehrfurcht zu erweisen, denn das gebührt ihm. Ich bitte daher, mit ihm den Namen tauschen zu dürfen, und zum Danke dafür will ich eine Gabe darbringen, welche du am Meeresufer morgen früh finden wirst.« Als nun das Gefolge Takeutschi's anderen Tages ans Gestade trat, da sah man eine Menge Delphine und Meerschweine, alle mit zerschmettertem Kopfe, am flachen Strande einer Bucht liegen. Man sah also, daß der Gott Wort gehalten; man pries ihn wegen der reichen Gabe an Speise, die er beschert, und fügte den Ceremonien auch noch den feierlichen Namensaustausch des Gottes mit dem Kaiserkinde hinzu. Ojin blieb der Gegend und dem Gotte Zeit seines ganzen Lebens besonders zugethan; seine Mutter aber ersah daraus, wie sehr ihn die Götter liebten und hochschätzten. Sie empfing ihn und Takeutschi bei ihrer Rückkehr mit großen Ehrenbezeigungen und nahm ihn, als er erwachsen, zum Mitregenten an.

Während dieser ganzen Zeit hatte Takeutschi das Amt des ersten Ministers bekleidet und sich des steten Vertrauens der Kaiserin und Ojins erfreut. Auch als nach seiner Mutter Tode der letztere als Kaiser gekrönt ward und allein die Regierung führte, blieb es ebenso; die weisen Rathschläge Takeutschi's wurden stets von Ojin Tenno befolgt und trugen sehr viel zur Blüthe der beiden Reiche bei, welche dem Scepter des ruhmgekrönten Monarchen gehorchten. Viel nützliche Künste wurden um diese Zeit aus Korea nach Japan verpflanzt; insbesondere kamen Bücher und Weltweise hinüber, welche die Lehren des großen chinesischen Religionslehrers Confucius in Japan verbreiteten.

Nur einmal, so sagen die alten Chroniken, drohte dem Minister Takeutschi eine große Gefahr. Sein eigener Bruder Umaschi ward von Neid und Eifersucht gegen ihn gequält und hatte dadurch sich verleiten lassen, einen schändlichen Plan zum Sturze Takeutschi's zu schmieden. Er ließ einen gewissenlosen Abenteurer kommen und versprach demselben reichen Lohn, wenn[200] er den Kaiser umbrächte, und wußte dies so schlau einzurichten, daß der Elende glaubte, es sei Takeutschi selber, der ihn zu dem Verbrechen anstiftete. Als nun Takeutschi eines Tages eine Reise in entfernte Provinzen angetreten hatte, um sich zu überzeugen, ob die dortigen Beamten ihre Schuldigkeit thäten, da ließ Umaschi dem gedungenen Mörder sagen, es sei an der Zeit, seine That auszuführen. Als derselbe aber mit dem Dolche im Busen in den Palast eindrang, ward er, wie vorauszusehen war, von den Wachen gepackt und alsobald zum Tode geschleppt; zuvor aber bekannte er noch, Takeutschi sei es, der ihn zu der Schandthat gedungen. Ojin Tenno, der sich zwar sträubte, an Takeutschi's Schuld zu glauben, war doch durch die Beschuldigung, welche der Mörder Angesichts des Todes ausgesprochen, tief erschüttert und ordnete ein strenges Gericht an. Unterdessen aber hatte ein getreuer Anhänger des Takeutschi diesem einen Brief durch einen Eilboten nachgesandt und ihn von allem, was nach seiner Abreise vorgegangen, ausführlich in Kenntniß gesetzt. Der Bote erreichte den Takeutschi, welcher mit großem Gefolge nur langsam reiste, ziemlich bald; Takeutschi aber eilte ohne jeden Aufenthalt so rasch er konnte zur Residenz zurück und langte gerade an dem Tage an, der für die Gerichtsverhandlungen angesetzt war. Hier mußte nun der edle Minister hören, wie sein eigener Bruder Umaschi die Klage des Hochverrathes gegen ihn erhob und die Aussagen des hingerichteten Verbrechers bestätigte. Entrüstet trat Takeutschi vor, und da ihm kein anderes Mittel übrig blieb, seine Unschuld zu erhärten, so verlangte er ein Gottesurtheil nach altem Brauche. Ojin Tenno entschied auch sofort, daß zwischen ihm und Umaschi die Feuerprobe entscheiden solle. Ein Feuer ward auf dem Gerichtsplatze vor dem Palaste angezündet und ein großer Kessel mit Wasser darauf gesetzt. Als das Wasser im Sieden war, griff zuerst Takeutschi ohne Zaudern bis auf den Boden des Kessels und zog langsam den Arm hervor; das siedend heiße Wasser hatte ihm nicht die geringste Verletzung, nicht den mindesten Schmerz bereitet. Nun[201] kam die Reihe an Umaschi. Kaum aber hatte dessen Hand das Wasser im Kessel berührt, so stürzte er mit einem lauten Schrei zu Boden, seiner Sinne kaum mächtig. Und dabei kam sein Gewand der Flamme nahe, die unter dem Kessel brannte; es fing Feuer, und der Verräther ging elendiglich zu Grunde. Die Anwesenden aber frohlockten, daß die Götter so sichtlich die Tugend und Redlichkeit beschützten und die Schurkerei bestraften, und der Kaiser bemühte sich, Takeutschi für das ausgestandene Herzeleid nach Kräften zu entschädigen.

Bald darauf starb der Kaiser Ojin, und da ward seine göttliche Natur allen Sterblichen vollends offenbar. Man hatte ihm ein großes Grabmal aufgeschüttet; seine verklärte Gestalt aber stieg vor aller Augen daraus hervor, und in demselben Augenblick senkten sich acht Fahnen aus den Wolken zu ihm herab, blieben dann zu seinen Füßen und trugen ihn im Fluge zu den Himmelsgöttern empor. Seitdem nennt man ihn den Gott der acht Fahnen, Yabata oder Hatschiman, und verehrt ihn als obersten Kriegsgott, dessen wunderbarer Einwirkung viele auch die Großthaten seiner Mutter bei der Unterjochung Koreas zuschreiben. Ein prächtiger Tempel ward ihm bei Yamaschiro errichtet, und da ihm die Tauben besonders heilig sind, ward jener Berg der Taubengipfel genannt. In ganz Japan aber feiert man um die Mitte des Sommers noch jetzt alljährlich ein großes Fest zu Ehren des Yabata, des Sohnes der Jingo und des Enkels des Yamatodake.

Bevor indessen Ojin starb und zu den Göttern aufstieg, trug er Sorge, die Nachfolge im Reiche zu ordnen. Unter seinen Gemahlinnen war ihm die schöne Prinzessin Yakaha besonders theuer, und so beschloß er, ihren Sohn, den Prinzen Ujinowaki, seinen beiden älteren Söhnen vorzuziehen und an deren Statt zum Kaiser zu bestimmen. In Folge dieses Entschlusses berief er diese beiden Söhne vor den Thron und befragte sie, ob sie sich willig dieser Anordnung fügen wollten. Die beiden Prinzen, Oyamori und Osazaki, äußerten sich darüber[202] sehr verschieden; Oyamori murrte und war äußerst unzufrieden, Osazaki dagegen unterwarf sich willig dem Gebote des Vaters und gelobte, demselben stets folgsam zu sein. Nun konnte Ojin ruhig die Augen schließen, und zum Lohne für seinen kindlichen Gehorsam bestimmte er Osazaki zum obersten Reichskanzler, während er Oyamori nur die Aufsicht über Jagd und Fischfang zutheilte. Das erbitterte denselben natürlicher Weise noch mehr, und kaum hatte Ojin die Augen geschlossen, als schon die Fahne der Empörung aufgepflanzt ward. Oyamori sammelte ein großes Heer und gedachte seinen jüngsten Bruder, Ujinowaki, damit zu überfallen. Osazaki aber blieb dem Gelöbniß, das er seinem Vater gegeben, treu und warnte den Ujinowaki, der denn auch die Krönungsfeierlichkeiten sofort abbrach und dem feindlichen Bruder mit bewaffneter Macht entgegenzog. Es war an einem breiten, reißenden Strome, wo die beiden Heere einander begegneten; Ujinowaki lagerte auf den Höhen an dem einen Ufer, Oyamori dagegen versuchte mit Hülfe von List den Uebergang über den Fluß zu erzwingen und versteckte zu diesem Zwecke eine Anzahl auserlesener Bogenschützen am steilen Ufer des Stromes. Ujinowaki ward dies aber gewahr und versuchte ihm mit List entgegenzutreten; auch er versteckte eine Schaar Krieger am entgegengesetzten Ufer, sich selbst aber verkleidete er als Ruderknecht und mischte sich unter die Mannschaft eines Bootes, das er dem Oyamori zur Verfügung stellen wollte, um auf demselben über den Fluß zu setzen. Um nun aber nicht beargwohnt zu werden und dadurch in unnöthige Gefahr zu gerathen, ließ er auf einem Hügel, der die Aussicht auf den Fluß hatte, ein prachtvolles Zelt aufschlagen und in diesem einen seiner Vasallen die Rolle des Befehlshabers spielen. Seiner ganzen Umgebung ward anbefohlen, diesem Manne alle kaiserlichen Ehren zu erweisen. Das Schiff aber, das sein verrätherischer Bruder besteigen sollte, bestrich er ganz und gar mit klebrigem Pflanzensafte und machte so das Verdeck schlüpfrig.

Oyamori kam an den Fluß, gab seinen Truppen die[203] nöthigen Befehle und stieg ohne Arg in den Kahn. Er hatte einen Panzer unter dem Obergewande und beabsichtigte nichts geringeres, als das Zelt auf dem Hügel, in welchem er seinen Bruder vermuthete, durch einen raschen Angriff in seine Gewalt zu bekommen. Schon war er des Erfolges gewiß, und so sprach er leichthin zu den Ruderknechten, indem er auf das prächtige Zelt hindeutete: »Auf jenen Bergen soll ein mächtiger Wildeber hausen, was meint ihr, werde ich ihn erlegen?« Ujinowaki, der unerkannt unter den Knechten sich befand, verstand sehr wohl, was der Sinn der Rede war; er ergriff das Wort und erwiderte: »Das kannst du nicht; jener Eber läßt sich nicht fangen, so oft ihm auch nachgestellt ist.« Oyamori hatte keine Zeit, darauf zu antworten, denn das Schiff war unterdessen in die Mitte des Flusses gekommen und begann in der heftigen Strömung zu schaukeln. Da strauchelte Oyamori und stürzte von dem schlüpfrigen Verdecke kopfüber in den Strom, der ihn rasch mit sich fortriß, obgleich er sich noch mit Mühe durch Schwimmen oben hielt. Wohl rief er seinen Kriegern am Ufer zu, sie möchten ihn retten; allein diese hielten den Ruf für den Befehl, aus ihrem Hinterhalt zum Angriff vorzugehen, und als sie dies thaten und mit den Pfeilen auf den Bogensehnen sich am Flußufer zeigten, da traten auch auf der anderen Seite die Leute des Ujinowaki hervor, und beide Theile hatten sich gegenseitig scharf im Auge. Dabei achtete nun Niemand auf Oyamori, der den Fluß hinunter trieb und schließlich, da ihn die Rüstung sehr behinderte, untersank. Ujinowaki, der nur die Pläne seines rebellischen Bruders vereiteln wollte, ihm aber nicht nach dem Leben getrachtet hatte, war über diesen Ausgang sehr betrübt. Er ließ die Leiche suchen, die man auch endlich an einer tiefen Stelle des Flusses mit Hülfe von Stangen auffand, welche man in das Wasser hinabließ und welche rasselnd an den Panzer des Ertrunkenen anstießen. So ward denn Oyamori ehrenvoll von seinen Brüdern bestattet, sein Heer aber unterwarf sich willig dem Ujinowaki.[204]

Ujinowaki war indessen nun nicht mehr gewillt, den Thron zu besteigen, und hielt es für ein großes Unrecht, ihn dem getreuen Osazaki vorzuenthalten, der ihn selber an Edelmuth so sehr übertroffen hatte. Er bot daher, während er mit dem Heere noch an derselbe Stätte weilte, welche Zeuge des unglücklichen Ausganges des Oyamori war, dem Osazaki die Krone des Reiches an. Dieser dagegen bestand darauf, daß man den Befehlen des Vaters unverbrüchlichen Gehorsam schulde, und wollte von nichts anderem wissen. So dauerte der edelmüthige Wettstreit viele Tage, so daß sogar die Fischer der Gegend, welche eigens herangekommen waren, um dem Kaiser ihren pflichtschuldigen Tribut darzubringen, ihre Gabe immerdar von einem der Prinzen zum anderen hin- und hertragen mußten, und Niemand wußte, wer Kaiser war.

Vielleicht hätte dies noch lange gedauert, wenn nicht inmitten der fruchtlosen Verhandlungen Ujinowaki plötzlich gestorben wäre. Nun bestieg Osazaki, der einzige Sohn Ojin's, der noch am Leben war, den Kaiserthron. Er legte sich als Kaiser den Namen Nintoku bei und regierte noch lange ruhmvoll und friedlich Japan und Korea. Zu Anfange ward ihm noch die Beihülfe Takeutschi's zu Theil, der ein wunderbar hohes Alter erreichte; nach dessen Ableben aber hielt Nintoku Tenno mit nicht minderer Weisheit die Zügel des Reiches in fester Hand, so daß man ihm nach seinem Ableben drei prachtvolle Tempel errichtete und ihn noch heutzutage als einen der glorreichsten Kaiser der alten Zeit preist.

Quelle:
Brauns, David: Japanische Märchen und Sagen. Leipzig: Verlag von Wilhelm Friedrich, 1885, S. 199-205.
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