Yoschitsune und sein getreuer Benkei.

[235] Als Yoschitomo, der Vater Yoritomos, nach verlorener Schlacht von Mörderhand fiel, überlebten ihn außer dem letzteren noch zwei jüngere Söhne, die Kinder einer Nebenfrau, welche Toki hieß. Unter den äußersten Drangsalen, inmitten wüsten Schneegestöbers gelang es der Toki, mit ihren beiden Söhnlein zu entfliehen, deren älteres Noriyori hieß, deren jüngeres aber, damals noch Säugling, derselbe Yoschitsune war, den seitdem alle Japaner aufs Höchste zu preisen und zu verherrlichen nicht müde werden.

Während Toki so durch den Schnee unermüdet ihren Weg ging, nur von dem Bestreben geleitet, ihre Kinder in Sicherheit zu bringen, da begegnete ihr ein Soldat aus dem feindlichen Heere. Wohl schlug sein Herz voll Mitleid, und er dachte nicht entfernt daran, die Aermsten gefangen zu nehmen und seinem Herrn, dem gewaltthätigen Kiomori, auszuliefern. Vielmehr ließ er sich in ein freundliches Gespräch mit der Mutter ein, aus dem sie zu ihrem Schrecken entnahm, daß Kiomori, welcher[235] Kunde von ihrer Flucht erhalten, ihre Eltern an ihrer Statt eingekerkert habe und mit dem Tode bedrohe. Was sollte die Unglückliche nun thun? Ihre Eltern dem Tyrannen zu überlassen, das stritt gegen die heiligsten Pflichten; ihre Kinder zu opfern, überstieg ihre Kräfte. Da faßte sie einen kühnen Entschluß. Ihrer großen Schönheit sich wohl bewußt, ging sie zur Hauptstadt zurück und begab sich geraden Weges zu Kiomori, um selbst bei ihm um das Leben der beiden Knaben zu flehen. Und ihr Plan gelang vollkommen. Kiomori, von ihren Reizen bezaubert, warb um sie; sie sträubte sich, ihn, durch den ihr Gatte seinen Tod gefunden, zu erhören, allein als er in sie drang, willigte sie ein, wenn er ihren Kindern das Leben schenken und dies ihr feierlich geloben wolle. Zwar wurden unter Kiomori's Anhängern warnende Stimmen laut, doch blieb er seinem Worte treu und begnügte sich, die beiden Knaben von der Mutter zu trennen.

So kam Yoschitsune, sobald er der mütterlichen Pflege irgend entrathen konnte, in ein Kloster, das tief im Walde lag. In diesem Kloster von Kurama verlebte Yoschitsune einsame Tage; sein einziges Vergnügen war, im Walde umherzustreifen und sich mit dessen wilden Bewohnern zu befreunden. Dabei erlangte er eine wunderbare Stärke, und seine Gefährten im Kloster nannten ihn nur Uschiwaka, den jungen Stier.

Auf seinen Streifzügen durch die dichtesten Gebüsche und durch die wildesten Geklüfte traf er einstmals bei einer alten Ceder einen sehr großen Tengu, einen jener geflügelten Kobolde, vor denen sich sonst die Menschen so sehr fürchten. Dem Yoschitsune aber war solch ein Gefühl fremd; zutraulich ging er auf den Tengu zu, und dieser fand ein solches Wohlgefallen an dem schönen, starken Knaben, daß er ihn in allen seinen Künsten unterrichtete. So lernte Yoschitsune springen, wie es sonst nie ein Sterblicher vermocht hat; beim Fechten war er so behende, daß ihm Niemand etwas anhaben konnte, während er von allen Seiten dichte Hiebe auf den Gegner hageln ließ. Zum Andenken[236] an jene Begegnung verehren noch heute die Japaner den großen Baum, bei welchem sie stattfand.

Als die Gerüchte von der großen Stärke und von der Gewandtheit im Fechten, welche Yoschitsune erlangt hatte, zu den Ohren Kiomori's kamen, reuete diesen wohl sein ehemaliger großmüthiger Entschluß; allein die Reue kam zu spät, denn Yoschitsune hatte nicht so bald vernommen, daß der Tyrann ihn mit argwöhnischem Auge ansehe, als er auch ohne Zögern das Weite suchte. Ein Eisenhändler aus einer der nördlichen Provinzen, der oft im Kloster verkehrte, half ihm entweichen und nahm ihn verkleidet mit sich; sie durchzogen zusammen das Land und befreundeten sich sehr, und Yoschitsune fand bereits auf dieser Reise Gelegenheit, seine Dankbarkeit zu bethätigen, indem er allein und unbewaffnet einen ganzen Trupp von Räubern in die Flucht schlug. Als er jedoch abermals in Kadzusa einen siegreichen Kampf mit Räubern bestand und fünf derselben tödtete, da verbreitete das Gerücht weithin seinen Ruhm, und er mußte fürchten, daß dasselbe bald seinen Weg zu Ohren Kiomori's finden möchte. So mußte er weiter und weiter fliehen und gelangte endlich im äußersten Norden Japans zu einem braven und mächtigen Stammeshäuptling, Namens Hidehira, der ihn bei sich behielt und vor Entdeckung schützte.

Hier wartete der junge Held seine Zeit ab, und als endlich der rechte Augenblick gekommen, da war er es, der die heldenmüthigsten Thaten im Kampfe gegen die Feinde seines Hauses, gegen die Taira, verrichtete.

Zu Beginn dieser seiner Kriegerlaufbahn war es, daß er mit dem riesengroßen, unbändig starken Benkei zusammentraf.

Dieser Benkei war eigentlich ein Mönch. Zu jener Zeit aber waren viele der Mönchsorden sehr kriegerisch gesinnt, und manchmal glichen die Klöster eher starken Burgen, als friedlichen Gotteshäusern. Es kam sogar damals – und auch noch in viel späteren Zeiten – vor, daß die waffenkundigen Ordensbrüder im Gebirge der Gewalt des Kaisers und seiner Feldherrn[237] trotzten und erst nach hartem Kampfe unterworfen wurden. Insbesondere war dies auch mit Benkei's Kloster zu Hiesan der Fall, und so kann es kaum überraschen, daß der riesenstarke Benkei nicht blos manche erstaunliche Kraftstücke ausführte, sondern auch in den Waffen geübt und einer der berühmtesten Krieger seiner Zeit war. Als Beweis seiner großen Stärke erzählt man, daß er aus einem Nachbarkloster eine große Glocke entwandte und ganz allein auf seinem Haupte in sein Kloster trug. Dies half jedoch wenig, da die bestohlenen Mönche durch Zauberkraft der Glocke ihren Klang nahmen, den sie erst wieder erhielt, als sie den rechtmäßigen Eigenthümern zurückgegeben war. Man erzählt ferner, daß Benkei, um sich zu sättigen, einen großen eisernen Kessel von fünf Fuß im Durchmesser ganz allein zu leeren pflegte.

Um die Zeit, als Yoschitsune nach Kioto zurückkehrte, pflegte Benkei Abends sich auf der dortigen großen Brücke aufzustellen und von den Vorübergehenden eine Abgabe zu erheben. Dagegen wehrte er andere Wegelagerer und alles Raubgesindel ab, und zu diesem Behuf trug er eine Hellebarde mit langer Klinge, von ungeheurem Gewicht und erstaunlicher Länge.

Als nun Yoschitsune von diesem gewaltig starken Manne hörte, beschloß er, seine Kräfte mit ihm zu messen, und ließ deshalb dem Benkei zu Ohren kommen, daß ein Räuber auf die Brücke kommen werde und sich vorgenommen habe, mit ihm zu kämpfen. Und als der Abend gekommen, begab sich Yotschitsune als Räuber verkleidet auf die Brücke; Benkei fand sich ebenfalls pünktlich ein, es kam zu einem Wortwechsel und endlich zum Zweikampf. Dieser aber hatte einen ganz anderen Ausgang, als Benkei, der viel, viel größer als Yotschitsune war, wohl erwartete; die Sprünge des gewandten Fechters, des Schülers eines Tengu, brachten ihn bald völlig in Verwirrung; die Streiche kamen so unerwartet und kräftig, daß gar bald des Riesen Hellebarde auf die Erde fiel, und demüthig erkannte er seinen Meister in dem Anfangs mißachteten Gegner. Nun bat Benkei[238] um sein Leben und gelobte, dem Sieger treu zu folgen. Das aber war eben Yoschitsune's Wunsch gewesen; er schenkte dem Besiegten das Leben und nahm ihn, nachdem er sich ihm zu erkennen gegeben, in sein Gefolge auf. Benkei lohnte ihm durch unwandelbare Treue und Hingebung auf allen noch so beschwerlichen Kriegszügen und in allen Gefahren und war ihm stets auf den ersten Wink gehorsam, koste es, was es wolle. So erzählt man, daß einst auf einem eiligen nächtlichen Marsche durch ein wildes Gebirge Yoschitsune sehr besorgt ward, ob seine Soldaten auch den rechten Weg nicht verfehlten; denn es war für das Gelingen des ganzen Feldzuges von äußerster Wichtigkeit, daß er mit seinem Heere anderen Tages an der verabredeten Stelle, vor der feindlichen Festung Ischitani, rechtzeitig eintraf. Als aber Benkei kaum davon Kenntniß erhalten hatte und keine Möglichkeit sah, Fackeln für die Truppen herbeizuschaffen, da erfüllte ihn der Wunsch, seinem geliebten Feldherrn zu willfahren, so sehr, daß er jede Rücksicht der Menschlichkeit aus den Augen setzte und alle am Wege befindlichen Häuser in Flammen aufgehen ließ. Durch dies grausame Mittel erreichte er allerdings seinen Zweck; beim Scheine der Feuersbrünste vermochten die Soldaten den rechten Weg ohne Mühe zu finden.

Yoschitsune's Ruhm erfüllte bald das ganze Land, und der Sieg begleitete seine Fahnen überall. Er war es, der das mächtige Heer Yoschinaga's in einer einzigen Schlacht vernichtete, er war es endlich, der den verzweifelten Widerstand der letzten Reste der Taira-Partei in raschem Siegeslaufe überwand. Er hatte daher seinem Bruder Yoritomo den Weg zur höchsten Gewalt geebnet, und seine Treue und Anhänglichkeit an denselben war eben so groß, als seine Tapferkeit und Heldenkraft. Und dennoch lohnte ihm Yoritomo mit schwärzestem Undank. Mochte ihn der größere Ruhm, der dem Yoschitsune zugefallen war, mit Neid beseelen, oder mochten Furcht und Argwohn ihn ergreifen, genug, er beschloß, sich Yoschitsune's und zugleich seines anderen Halbbruders, des Noriyori, des beständigen Begleiters und Genossen Yoschitsune's,[239] durch Hinterlist zu entledigen. Meuchelmörder wurden von ihm gedungen und gegen die beiden ausgesandt; Noriyori fiel unter ihren Streichen, Yoschitsune aber nebst seinem treuen Benkei entfloh. Kaum hatte Yoritomo davon Kunde erhalten, so erhob er gegen Yoschitsune die schwersten Anklagen, als sänne er auf Hochverrath und trachtete ihm selbst nach dem Leben. Soldaten wurden abgesandt, um ihn einzufangen und als Staatsgefangenen nach Kioto zu schleppen. So sahen sich Yoschitsune und Benkei bald von allen Seiten umstellt und irrten rathlos im Gebirge von Hakone umher. Einstmals stießen sie ganz plötzlich auf einen Wachtposten, der eigens aufgestellt war, um ihr Entkommen zu hindern. Schon gab sich Yoschitsune verloren und wollte sein Leben so theuer als möglich verkaufen; allein Benkei wußte mit rascher Geistesgegenwart der Gefahr zu begegnen. Zum Glück hatte er seine Priestertracht wieder angelegt, um nicht so leicht erkannt zu werden; er gab daher dem Yoschitsune einen heftigen Schlag und schalt ihn tüchtig aus, daß er den kaiserlichen Soldaten nicht mit der gebührenden Höflichkeit begegne. Dann verbeugte er sich demüthig gegen den Führer der Mannschaft, welche den Weg gesperrt hielt, und erzählte ihm, er sei ein Mönch aus einem armen Bergkloster, sein Oberer habe ihn ausgesandt, um Gelder für eine Glocke zu sammeln, welche ihrem Tempel noch fehle, und da habe man ihm jenen tölpelhaften Bauerburschen mitgegeben, um seinen Mundvorrath und die eingesammelten Gelder zu tragen; man möge dessen Unhöflichkeit freundlichst im Hinblick auf seine Dummheit entschuldigen. Der Offizier schenkte diesen Worten Glauben, und so gelang es den Flüchtlingen, unbehelligt bis in entlegene Theile des Gebirges zu entkommen.

Nach endlosen Hin- und Herzügen und manchen anderen Abenteuern gelang es ihnen endlich, ein gesichertes Unterkommen bei dem alten Freunde Yotschitsune's, bei dem Fürsten Hidehira, fern im Norden Japans zu finden. Hier waren sie geborgen und in Ruhe, aber nur so lange, als der edle Hidehira lebte.[240] Kaum war er gestorben, so sandte sein Sohn und Nachfolger heimlich eine Botschaft an Yoritomo und verrieth den Freund und Gast seines Vaters.

Yoritomo hielt es für gerathen, selbst mit einer Abtheilung Soldaten auszuziehen, um Yoschitsune todt oder lebendig in seine Gewalt zu bekommen. Allein der Verräther wartete Yoritomo's Ankunft nicht ab, sondern schickte seinerseits Meuchelmörder aus, um mit dem Haupte Yoschitsune's sich Yoritomo's volle Gunst zu erkaufen. Yoschitsune indessen ward gewarnt, und so weiß Niemand mit Bestimmtheit, was aus ihm und Benkei wurde. Einige meinen, sie hätten sich, um einem schimpflichen Tode zu entgehen, selbst entleibt; die meisten aber sind der Meinung, daß die beiden sich retteten und nach der Insel Yesso übersetzten, und diese Meinung wird durch die Erzählungen der Eingeborenen dieser Insel, der Ainos, bestätigt.

Diese sagen, ein wunderbarer Held, den sie den Gott Kurumi nennen, den aber die Nachbarvölker mit dem Namen Daimiojin bezeichnen, und der eben kein anderer war als Yoschitsune, sei von Süden her zu ihnen gekommen, habe sie in manchen Künsten unterwiesen, habe sie gelehrt, den Acker zu bauen, Böte zu zimmern und den Bogen zu brauchen. Deshalb wird er auch noch heutzutage auf der Insel verehrt. Schließlich aber soll er, nachdem er von ihren göttlichen Herrschern allerlei Zauber erlernt, diese betrogen haben und mit seinen neuerlangten Zauberkünsten entflohen sein.

Was nun aus ihm geworden, nachdem er Yesso verlassen, darüber weiß Niemand etwas, und nur ein dunkles, völlig unverbürgtes Gerücht besagt, daß Yoschitsune, nachdem er sich von Yesso auf das benachbarte Festland begeben, ein großes Ansehen unter den Mongolenstämmen erlangt habe, und daß er es gewesen, der unter dem Namen Jengis Khan an die Spitze jenes Volkes getreten sei und als großer Eroberer dasselbe von Sieg zu Sieg geführt habe.

Quelle:
Brauns, David: Japanische Märchen und Sagen. Leipzig: Verlag von Wilhelm Friedrich, 1885, S. 235-241.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Meyer, Conrad Ferdinand

Gedichte. Ausgabe 1892

Gedichte. Ausgabe 1892

Während seine Prosa längst eigenständig ist, findet C.F. Meyers lyrisches Werk erst mit dieser späten Ausgabe zu seinem eigentümlichen Stil, der den deutschen Symbolismus einleitet.

200 Seiten, 9.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon