Der Kummervogel.

[180] Vor uralten Zeiten lebte einmal ein Padischah, der hatte eine Tochter. Dieses Mädchen entfernte sich nie von der Seite ihrer Lehrerin. Als die Lehrerin eines Tages in Gedanken versunken war, fragte sie das Mädchen: »Woran denkst du?« – »Ich habe Kummer,« antwortete die Lehrerin. Die Tochter des Padischah fragt nun: »Was ist der Kummer für ein Ding? Gib mir auch davon!« – »Gut,« sagt die Frau und geht auf den Tscharschi, kauft in einem Käfige einen Kummervogel, bringt ihn nach Hause und gibt ihn dem Mädchen. Das Mädchen freute sich sehr über den Vogel und spielte sich Tag und Nacht mit ihm.

Eines Tages geht die Sultanstochter in Begleitung ihrer Sklavinnen in den Tiergarten hinunter, um sich am Weiher die Zeit zu vertreiben, nimmt auch den Vogel mit und hängt ihn an einen Baum. Auf einmal fängt der Vogel an zu sprechen: »Lass mich ein wenig frei, Sultana, ich möchte mich auch gerne mit den anderen Vögeln unterhalten, ich kehre dann zurück.« Die Sultanstochter lässt den Vogel frei. Nach ungefähr zwei Stunden, während das Mädchen lustwandelte, kommt der Vogel zurück, packt seine Herrin, die Sultanstochter, fliegt mit ihr fort und setzt sie auf der Spitze eines Berges nieder. »Sieh, das ist der Kummer; ich[181] werde dir davon schon noch mehr bereiten,« sagt der Vogel und fliegt davon.

Die Sultanstochter, die hungrig und durstig war, begann zu wandern, bis sie einem Hirten begegnete. Diesen Hirten bittet sie um ein Gewand, legt es um, ihres gibt sie aber dem Hirten und geht dann weiter. Nach langem Wandern kommt sie in eine Ortschaft, dort kehrt sie in ein Kaffeehaus ein und verdingt sich als Gehilfe. Abends überlässt ihr der Kaffeewirt das Geschäft und geht nach Hause; der Gehilfe aber schliesst den Laden und legt sich schlafen. Mitternachts erscheint der Kummervogel und zerbricht Schalen und Nargiles, soviel es im Kaffeehause nur gibt; dann geht er zum Mädchen, weckt sie auf und spricht zu ihr: »Sieh, das ist Kummer; ich werde dir davon schon noch mehr bereiten!« und fliegt auf und davon. Bis Morgen sorgt sich das Mädchen ab, was sie ihrem Dienstherrn sagen soll. Wie der Kaffeewirt kommt und den grossen Schaden sieht, prügelt er das Mädchen durch und jagt sie fort. Unter bitteren Tränen macht sich das Mägdelein wieder auf den Weg und kommt in eine Schneiderwerkstätte.

Um die Zeit bereitete man sich eben zum Bajram-feste vor und beim Schneider hatte man viele Kleider für das Seraj bestellt. Der Schneider nimmt das Mädchen sogleich zum Gesellen. Nach ein-zwei Tagen geht der Schneider einmal nach Hause. Das Mädchen bleibt allein im Laden und legt sich schlafen. Zu Mitternacht erscheint wieder der Vogel und zerreisst, zerfetzt alle Kleider, die er im Laden vorfindet, geht dann zum Mädchen, weckt sie und sagt: »Sieh, das ist Kummer, ich werde dir davon schon noch mehr bereiten!« und fliegt davon. Morgens kommt der Meister, sieht die vielen zerrissenen Kleider und stellt seinen Gehilfen zur Verantwortung. Das Mädchen aber antwortet nicht. Da packt sie der Meister, prügelt sie durch und jagt[182] sie davon. Das Mädchen geht bitterlich weinend fort und kommt in das Geschäft eines Fransenmachers und tritt als Gehilfe ein. Hier geschieht es auch, dass sie einmal allein bleibt und sich schlafen legt. Der Kummervogel erscheint wieder, zerreist alle Fransen, weckt das Mädchen, sagt ihr seinen Spruch und fliegt wieder davon. Morgens kommt der Meister und wie er die Verwüstung sieht, prügelt er seinen Gehülfen und jagt ihn fort.

Das Mädchen macht sich wieder auf den Weg und da sie sieht, dass ihr der Vogel keine Ruhe lässt, geht sie in's Gebirge und wandert dort hin und her. Lange irrt sie dort hungrig und durstig herum und verbringt aus Furcht vor den reissenden Tieren die Nächte auf den Bäumen.

Eines Tages geht der Sohn des durstigen Padischahs auf die Jagd, erblickt den Knaben auf dem Baume, sieht ihn für einen Vogel an, nimmt ihn mit seinem Bogen auf's Korn und der Pfeil bohrt sich in den Baum. Wie der Schehzade um seinen Pfeil zum Baum geht, bemerkt er, dass auf dem Baume ein Mensch ist und erschrickt. »Bist du ein In oder ein Dschin?« fragt er ihn. Das als Hirte verkleidete Mädchen aber antwortet: »Weder In, noch Dschin, sondern deinesgleichen, ein Mensch.« Da lässt sie der Königssohn vom Baume herabsteigen, nimmt sie mit in den Palast, lässt sie im Bade reinbaden und als man ihr Mädchenkleider anlegte, sieht der Jüngling, dass sie so schön ist, wie der Mond am vierzehnten und verliebt sich in sie. Sofort eilt er zu seinem Vater, dem Padischah, und bittet ihn flehentlich, ihn mit diesem Mädchen zu verheiraten. Der Padischah lässt das Mädchen rufen und wie er es erblickt, gewinnt er es lieb; die Verlobung wird sofort gehalten und nach vierzig Tage vierzig Nächte langen Feierlichkeiten werden sie vermählt.

Kaum vergehen neun Monate und zehn Tage, so wird dem Königssohne ein Töchterlein geboren. Als das Kind schön[183] gedeiht, kommt wieder einmal Mitternachts der Vogel, raubt das Kind, bestreicht die Lippen der Mutter mit ein wenig Blut, weckt sie auf und sagt: »Sieh, ich nimm dein Kind fort; doch werde ich dir noch mehr des Kummers bereiten!« und fliegt damit auf und davon. Morgens sieht der Königssohn, dass sein Kind nirgends und der Mund seiner Frau blutig ist. Er geht zu seinem Vater, dem Padischah, und erzählt ihm den Vorfall. Der Vater spricht: »Aus den Bergen hast du dir das Mädchen geholt, sie ist die Tochter der Berge und darum isst sie Menschenfleisch; vertreibe sie!« Der Königssohn fleht, sie behalten zu dürfen und nach neun Monaten, zehn Tagen wird ihm wieder eine Tochter geboren, doch der Vogel raubt sie wieder unter gleichen Umständen. Jetzt gibt der Padischah den Befehl, die Frau hinzurichten, doch der Königssohn bittet und fleht solange, bis sie begnadigt wird.

Die Zeit vergeht, die Zeit verfliegt, die Sultanin wird wieder schwanger und bringt jetzt einen Knaben zur Welt. Der Königssohn, aus Furcht, dass wenn das Kind wieder verschwindet, der Padischah seine Frau töten lässt, will wach bleiben und das Kind bewachen. Nichtsdestoweniger geschah es doch, dass er einschlief; inzwischen kommt wieder der Vogel, raubt das Kind, bestreicht die Lippen der Sultanin mit Blut und fliegt fort. Die arme Frau weint bitterlich, und als der Königssohn erwacht, sieht er, dass das Kind wieder verschwunden ist und dass der Mund und die Nase seiner Frau voll Blut ist. Er geht hin und meldet dies seinem Vater. Der Padischah befiehlt, die Frau zu töten. Die Henker kommen, binden ihr rückwärts die Hände, führen sie auf eine Ebene, um sie hinzurichten. Doch die grosse Schönheit der Frau erweckt ihr Mittleid und sie sagen ihr: »Wir können's nicht über's Herz bringen, dich zu töten. Geh, wohin du willst, nur in den Palast kehre nicht zurück.«[184]

Die arme Frau kommt so wieder in die Berge zurück und wie sie dort herumirrt, erscheint auf einmal der Vogel, packt sie und bringt sie in den Garten eines grossen Serajs; dort schüttelt sich der Vogel und wird auf einmal zu einem solch schönen Jüngling, wie der Mond am vierzehnten; er nimmt sie beim Arme und führt sie die Treppe hinauf in den Palast. Was muss sie dort sehen! Von Sklavinnen begleitet kommen drei Kinder, wie strahlende Kugeln, ihr entgegen. Kaum erblickt sie dieselben, füllen sich ihr die Augen mit Tränen. Der Jüngling führt sie in einen mit kostbaren Sachen gefüllten Saal und spricht zu ihr: »Sultana, ich habe dir viel Qual und Leid bereitet, dir deine Kinder geraubt, dich beinahe hinrichten lassen; doch du hast geduldet und mich nicht verraten. Sieh, dafür habe ich dir diesen Palast erbaut, deine Kinder hier mit Milch genährt; dies sind deine Kinder und ich bin dein Sklave.« Die Sultana fliegt auf ihre Kinder zu, umarmt und küsst sie und drückt sie an's Herz.

Jetzt wollen wir uns aber nach dem Königssohn umschauen. Teils ist es ihm um seine Kinder leid, teils schmerzt es ihn, dass Henker seine Frau umgebracht haben; er grämt und grämt sich Tag und Nacht darum. Er hatte einen alten Opiumraucher, der tagtäglich vor ihm erschien und ihm mit verschiedenen Geschichtchen die Zeit vertrieb. Eines Tags ging dem Alten das Opium aus, er bat den Königssohn, ihn auf eine halbe Stunde fortzulassen; er wollte in den Tscharschi gehen, um Opium zu kaufen. Auf dem Wege sieht er auf einmal, dass dort ein schönes grosses Seraj aufgebaut steht. »Schau, schau« sinnt der Alte »ich gehe doch tagtäglich diesen Weg und habe diesen Palast noch nicht bemerkt. Wann konnte man ihn wohl gebaut haben? Ich will ihn mir ein wenig besehen!«

Die Sultana, denn ihr Palast war es, schaute gerade beim Fenster hinaus und erblickte den Opiumraucher ihres Gemahls.[185] Der Sklave, der gewesene Vogel, war auch zugegen und sagte: »Meine Herrin, wie war's, wenn wir dem Märchenerzähler des Königssohnes einen Possen spielten?« und wirft bei diesen Worten ihm eine Zauberrose vor die Füsse. Der Alte hebt die Rose auf, riecht sie und brummt vor sich hin: »Wenn schon deine Rose so duftet, wie magst du wohl selbst sein!« und anstatt einzutreten, kehrt er um und geht in den Palast zurück.

Dem Königssohne fiel es zu Hause inzwischen auf, wie lang der Alte heute ausbleibt und schickt ihm seinen Rentmeister nach. Der Rentmeister kommt auch vor den Palast und weil der Sklave der Sultana das Tor hatte offen lassen, tritt er ein, um sich ein wenig umzuschauen. Sklavinnen empfangen ihn und führen ihn hinauf. Der Sklave befiehlt ihm, sein Überkleid abzulegen und so vor ihn zu treten. Der Rentmeister wirft auch seine Überkleider leicht ab, doch den Fez kann er nicht abnehmen, so viel er sich auch bemüht. Man meldet dies dem Zaubersklaven. »Werfet ihn hinaus, wenn er nicht einmal seinen Fez abnehmen, kann«, sagt dieser seinen Knechten; der Rentmeister wird wirklich hinausbefördert, doch kaum war er draussen, so fiel ihm der Fez von selbst vom Kopfe. Erbost darüber, dass er ihn drinnen nicht abnehmen konnte, er aber jetzt von selbst herunterfällt, zerknüllt und zerpufft er seinen armen Fez. Indem er nach Hause gehen will, trifft er den Alten.

Inzwischen aber fällt dem Schehzade das Ausbleiben des Rentmeisters auf und er sendet ihm den Schatzmeister nach. Der Schatzmeister erblickt die beiden und fragt sie, was mit ihnen geschehen wäre. Der Alte antwortet ihm darauf: »Sei auf deiner Hut, wenn man aus diesem Palaste eine Rose herunterwerfen sollte, so lasse dir's nicht einfallen, sie zu riechen.« Der Rentmeister aber warnt ihn: »Wenn du in diesen Palast eintreten willst, so nimm schon[186] vor'm Tore deinen Fez ab.« Dem Schätzmeister dünkt dies eigentümlich und er tritt in den Palast ein. Um diesen auch zum Besten zu haben, befiehlt man ihm, einen Schlafrock anzulegen und so hinaufzugehen. Er fängt sich an, zu entkleiden, doch der Schalwar (Plumphose) will ihm nicht vom Körper. Kurz und gut, er wird auch hinausgejagt. Kaum tritt er hinaus, so fällt ihm der Schalwar von selbst ab. Aufgebracht über die Geschichte, prügelte er seinen Schalwar weidlich durch. Draussen begegnet er den beiden und nun kehren sie selbdritt nach Hause zurück.

Inzwischen ängstigt sich der Königssohn schon noch mehr und sieht selbst nach, was mit ihnen gesehen ist. Unterwegs erblickt er sie und sie raten ihm: »Wenn man dir von hier eine Rose herunterwirft, lasse dir's nicht einfallen, sie zu beriechen; wenn du eintreten willst, nimm früher deinen Fez ab, zieh früher deinen Schalwar aus und gehe so hinein.« Der Königssohn ist darüber noch mehr erstaunt und geht geradezu in das Seraj.

Er wird mit grossen Ehren empfangen und in einen prachtvollen Saal geführt. Die Frau gibt ihrem ältesten Kinde einen Schemmel, dem mittleren ein Handtuch, dem jüngsten ein Pfanne in die Hand, in die Pfanne tut sie eine Schüssel, in die Schüssel eine Birne und daneben einen Löffel. Das älteste Kind stellt den Schemmel auf die Erde, das mittlere gibt das Handtuch dem Königssohne in die Hand, das kleinste stellt ihm die Schüssel hin. Da spricht der Königssohn zu den Kindern: »Seit wann isst man Birnen mit einem Löffel?« Die Kinder antworten: »Seit dem Menschen Menschenfleisch essen.« Der Königssohn fängt an zu sinnen. Da tritt der zauberkundige Sklave vor und spricht »O Königssohn, sieh da, die Sultanin! siehe da, deine Kinder!« Da fallen sich Vater, Mutter und Kinder weinend und jauchzend um den Hals. Der Sklave aber fährt[187] fort: »Mein Schehzade, ich bin euer Knecht, weil mich die Sultanin seiner Zeit gekauft hat; doch wenn ihr mir die Freiheit verleiht, so eile ich auch zu Vater und Mutter.« Mit Freuden geben sie dem Sklaven die Freiheit und bereiten sich zu neuem Freudenfeste vor, um sich von nun an nimmermehr von einander zu trennen.

Quelle:
Kúnos, Ignaz: Türkische Volksmärchen aus Stambul. Leiden: E.J.Brill, (1905), S. 180-188.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Aristophanes

Die Wolken. (Nephelai)

Die Wolken. (Nephelai)

Aristophanes hielt die Wolken für sein gelungenstes Werk und war entsprechend enttäuscht als sie bei den Dionysien des Jahres 423 v. Chr. nur den dritten Platz belegten. Ein Spottstück auf das damals neumodische, vermeintliche Wissen derer, die »die schlechtere Sache zur besseren« machen.

68 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon