18. Die Geschichte von Mau Loha, dem Eulenspiegel von Belu

[237] Es waren einmal ein alter Mann und eine alte Frau, die bekamen einen Sohn, den nannten sie Mau Loha. Die Eltern waren sehr nachsichtig mit ihm, denn es war ihr einziges Kind. Obwohl er allerhand Streiche ausführte, wurden [237] seine Eltern doch nie böse, denn sie waren um den Jungen sehr besorgt.

Eines Tages sagte Mau Loha zu seinem Vater: »Vater, unser Dach hat Löcher; was meinst du, wenn wir es wieder in Ordnung brächten und neu deckten?« Der Vater antwortete: »Gut!«

Sie nahmen die alte Bedachung ab. Am folgenden Tage schlugen sie sich Sagopalmblattwedel. Und als sie eine Menge beisammen hatten, trugen sie die nach Hause. Mau Loha wollte auch welche tragen, doch sein Vater sagte: »Du sollst keine tragen, sonst schilt die Mutter mich aus.«

Mau Loha antwortete: »Gut, Vater.«

Als der Vater nun die Blätter forttrug, lief er hinterher. Der Vater hatte schon eine große Menge weggebracht, nur noch ein Bündel blieb liegen. Da sagte Mau Loha: »Vater, ich will vorausgehen und dich dort erwarten.« Und der Vater antwortete: »Gut.«

Mau Loha wollte aber seinen Vater hänseln. Er eilte also voraus und verkroch sich in das Bündel Sagoblätter. Als der Vater erschien, rief er ihn. Doch Mau Loha antwortete nicht. Da dachte der Vater, vielleicht ist er schon fortgegangen. So lud er sich denn das Bündel auf die Schulter, um es nach Hause zu tragen. Kaum hatte er das Bündel auf dem Buckel, da merkte er, daß es doch recht schwer war. So mußte er sich alle Augenblicke verschnaufen, aber er brachte es trotz seiner Schwere nach Haus. Er wollte es dort hinwerfen. Da schrie jedoch Mau Loha los: »Vater, Vater! Wirf es vorsichtig hin, denn ich bin darin.« Und der Vater sagte nur: »O, Mau Loha! Weshalb betrügst du mich?«

Trieb Mau Loha auch solche Dinge, der Vater wurde ihm darum nicht gram; wenn er ihn prügeln wollte, mußte er gleich denken: es ist ja mein einziger Junge.

Eines Tages wollte er seinen Vater wieder foppen. Er sagte zu ihm: »Vater, im Brunnen ist ein großer Aal.« Als der Vater hörte, daß im Brunnen ein Aal war, wollte er ihn fangen, denn Aal aß er für sein Leben gern. So fragte er denn [238] Mau Loha: »Wie wollen wir es anfangen, um den Aal zu kriegen?«

»Den müssen wir uns angeln; der Köder muß aber Schweinefleisch sein, dann beißt der Aal gut an.«

Der Vater sagte: »Gut.«

Am andern Tag schlachtete der Vater ein Schwein, das als Köder dienen sollte. Und Mau Loha sprach zum Vater: »Schneide das Schwein in Stücke und koche sie.« Der Vater tat, was der Junge sagte. Und als das Schweinefleisch gar war, nahm der Vater es mit, um damit zu angeln. Mau Loha sagte zum Vater: »Vater, ich will erst noch mal meinen Freund besuchen. Wenn dir das Warten zu lange währt, dann geh' nur ruhig zum Angeln. Wenn ich zurück bin, komme ich dir nach.« Der Vater sagte: »Gut.«

Mau Loha ging also fort und nach dem Brunnen. Der Vater wartete und wartete, aber der Sohn kam nicht wieder. So ging er denn allein zum Angeln. Als er am Brunnen angekommen war, steckte er das Fleisch an einen Fischhaken und warf ihn in den Brunnen. Kaum war der Haken im Wasser, da zerrte auch Mau Loha schon daran; der Vater holte ihn sogleich in die Höhe; als er nach oben kam, sah er jedoch, daß sich kein Fleisch mehr daran befand. Da meinte er, der Aal ist wohl sehr groß; deshalb biß er auch sogleich an; er ahnte es ja nicht, daß Mau Loha da unten hockte. Er warf die Angel also wieder aus, und sogleich zerrte auch Mau Loha daran.

Wenn er die Angel in das Wasser warf, dann aß Mau Loha sogleich das Fleisch auf. Und Mau Loha aß alles Fleisch auf, so daß nur noch ein Stückchen übrig war. Da dachte der Vater, wenn der Aal nun wieder anbeißt, will ich ihn sofort mit einem Ruck in die Höhe holen und sogleich zu packen kriegen. Er steckte also wieder Fleisch an den Haken und warf ihn ins Wasser.

Sogleich faßte Mau Loha zu, aber gleichzeitig zerrte auch der Vater an dem Haken, so daß er Mau Lohas Hand aufriß. Mau Loha schrie: »O, Vater, ich bin ja hier!« Sprach der [239] Vater: »O, Mau Loha, was machst du für Geschichten! Ich meinte, ich hätte ein Schwein geschlachtet, um einen Aal zu fangen, und nun hockst du da unten.«

Mau Loha heulte, denn der Haken hatte ihn gehörig zu fassen gekriegt, und er hatte tüchtige Schmerzen. Er lief voraus und zu seiner Mutter. Die Mutter hörte Mau Loha heulen und fragte: »Mau Loha, warum heulst du?« Mau Loha antwortete: »Vater hat einen Angelhaken ausgeworfen und mir damit die Hand aufgerissen.« Seine Mutter entgegnete: »Na, laß Vater man heimkommen. Ich werde ihn ausschelten und fragen, wie es nur angehen konnte, daß er dich beim Angeln nicht sah.«

Als dann der Vater nach Hause kam, schalt die Mutter ihn aus: »O, du Kerl, du, denkst du denn gar nicht daran, daß es unser einziges Kind ist?« D'rauf besänftigte der Vater den Jungen wieder.

Anderen Tags sagte Mau Loha zu seinem Vater: »Vater, was wollen wir eigentlich tagein tagaus hier im Hause? Wir täten besser und legten uns einen Garten an und pflanzten darin die verschiedenartigsten Früchte.« Der Vater antwortete: »Schön, wo wollen wir den Garten denn anlegen?« Mau Loha entgegnete: »Wir müssen uns eine abgelegene Stelle suchen, die schönen Boden hat, damit die Früchte, die wir anpflanzen, auch gut gedeihen.« Der Vater sagte: »Gut!« Am nächsten Tage zog er mit dem Vater los, um eine geeignete Stelle für den Garten zu suchen. Endlich hatten sie einen passenden Platz gefunden. Sie jäteten das Unkraut aus und machten den Garten sehr schön. Dann pflanzten sie Bananen, Nüsse und Zuckerrohr. Es dauerte gar nicht lange, da waren alle Früchte vortrefflich angewachsen. Sie hatten eine reiche Ernte von reifen Bananen, Zuckerrohr und Nüssen. Mau Loha wollte gern alle Bananen verzehren, doch das wollte der Vater nicht und sagte: »Nein, die wollen wir verkaufen und Geld daran verdienen.« Als der Vater so sprach, schwieg Mau Loha still. Er wollte den Vater schon hineinlegen und sagte: »Vater, bleib' nur hier, ich will mal die Mutter besuchen, [240] wir sind ja schon so lange hier.« Der Vater sagte: »Gut.«

Mau Loha ging jedoch nicht zur Mutter, er wollte den Vater anführen. Als er mitten in der Wildnis war, beschmierte er sich sein Gesicht mit roter Farbe, nahm einen Säbel in die Hand und zog ein verschlissenes Gewand über. Dann kehrte er zu seinem Vater zurück und tat, als ob er ihn töten wollte. Seinem Vater wurde angst und bange, denn er glaubte, daß vielleicht ein Narr in den Garten eingebrochen war. Mau Loha schlug aber die reifen Bananen herunter, und zwar die besten Büschel. Dann verschwand er und badete sich. Nach dem Bade besuchte er seine Mutter. Und auf dem Rückwege nahm er Essen für sich und den Vater mit. Als er wieder in dem Garten angelangt war, sagte er zu seinem Vater: »Nun, wollen wir hier essen?« Doch der Vater erzählte ihm: »O, Mau Loha, heut' morgen, als du zur Mutter gegangen warst, kam jemand hier in den Garten und wollte mich ermorden. Dann schlug er all' die Bananen ab. Schau einmal selber nach.«

Mau Loha sah sich denn auch alles an. Er sagte darauf: »Der Kerl, der da erst nach meinem Fortgang erschien, wollte uns sicherlich unsere Bananen stehlen. Wäre ich hier gewesen, ich hätte ihn totgeschlagen. Verdammt, daß der Kerl auch gerade kommen mußte, als ich nicht da war!«

Mau Loha führte seinen Vater aber weiter an und sagte: »Nun, Vater, was wollen wir mit all' den Bananen anfangen?«

Der Vater antwortete: »Iß sie nur alle auf.«

Und Mau Loha verzehrte die zehn Büschel Bananen allein.

Eines Tages sagte er zu seinem Vater: »Vater, bleib' hier. Ich will die Mutter besuchen.« Der Vater antwortete: »Gut.« Mau Loha ging also nach Haus. Als er da ankam, fragte die Mutter: »Mau Loha, bist du da?«

»Ja, Mutter! Mutter, ich muß dir etwas mitteilen.« Die Mutter fragte: »Was denn?«

Mau Loha sagte: »Mutter, ich muß dir erzählen, daß der [241] Vater gestorben ist. Und Vater hat mir aufgetragen, ich sollte dir sagen, du möchtest dir nun das Haar abschneiden.«

Als die Mutter vernahm, daß ihr Mann gestorben war, weinte sie bitterlich. Doch Mau Loha tröstete seine Mutter und sagte: »Mutter, wein' man nicht mehr; wenn ich ihn begraben habe, dann sorge ich allein für dich, Mutter.«

Und er sprach weiter zu seiner Mutter: »Mutter, bleib' hier. Ich will erst mal nach unserm Garten sehen, ob nun auch niemand, wo Vater tot ist, sich an unserm Eigentum vergriffen hat.« Die Mutter antwortete: »Schön.« Mau Loha ging fort, um nach dem Garten zu sehen. Als er da angekommen war, rief der Vater ihm zu: »Mau Loha, bist du da?« – »Ja, Vater.« – »O, Mau Loha, du bist aber lange fortgeblieben.« – »Ja, Vater, ich mußte solange fortbleiben. Mutter war krank, und ich mußte sie pflegen. Nach zwei Tagen starb Mutter. Erst wollte ich dich holen, aber wer sollte dann bei Mutter bleiben, ich war ja ganz allein.« Als der Vater hörte, daß seine Frau gestorben war, weinte er bitterlich. Doch Mau Loha sagte: »Vater, weine nicht mehr. Wenn ich Mutter begraben habe, dann sorge ich allein für dich. Aber Mutter hat mir aufgetragen, ich sollte dir sagen, du möchtest dir das Haar abscheren.« Der Vater sagte: »Gut.« Am nächsten Tage sagte Mau Loha zu seinem Vater: »Vater, bleib' hier. Ich will erst mal nach unserm Haus sehen, ob nun auch niemand, wo Mutter tot ist, sich an unserm Eigentum vergriffen hat.« Der Vater antwortete: »Schön.«

Und Mau Loha ging nach Haus.

Als er da anlangte, rief die Mutter: »Mau Loha, bist du da?« – »Ja, Mutter!«

Gegen Abend sagte Mau Loha zu seiner Mutter: »Wenn du willst, suche ich dir nun einen andern Mann.« Darauf meinte die Mutter: »Aber, Mau Loha! Ich bin doch schon viel zu alt, wie soll ich nun noch einen Mann bekommen?«

Doch Mau Loha erwiderte: »Der soll für dich sorgen. Denn ich bin jung und muß bald meiner Wege gehen. Wer soll [242] dann für dich sorgen? Es ist schon besser, ich schau' mich nach einem neuen Vater um, der für dich sorgen kann.«

Die Mutter entgegnete: »Gut.« Und Mau Loha sagte: »Wenn du einverstanden bist, gehe ich heute abend noch auf die Suche.«

Darauf begab sich Mau Loha wieder nach dem Garten. Als er da anlangte, rief der Vater: »Mau Loha, bist du da?« – »Ja, Vater.« – »O, Mau Loha, du bist ja eine lange Zeit im Hause geblieben.« – »Aber, Vater, wo Mutter nun tot ist, muß sich doch einer um die Schweine kümmern. Darum blieb ich so lange.«

Mau Loha schlief nun zwei Nächte bei seinem Vater; danach sagte er zu ihm: »Wenn du willst, suche ich dir eine andere Frau.« Als der Vater das vernahm, schalt er ihn: »Mau Loha, was fällt dir ein, willst du mich narren? Deshalb redest du wohl so?« Mau Loha entgegnete: »Aber, Vater, ich meine, es wäre schon besser, denn ich bin jung und muß bald meiner Wege gehen. Wer soll dir dann dein Essen kochen?« Darauf sagte der Vater: »Gut.«

Und Mau Loha sprach zum Vater: »Vater, ich will nun auf die Suche gehen.« Mau Loha ging nach Hause. Als er dort ankam, rief die Mutter ihm zu: »Mau Loha, bist du da?« – »Ja, Mutter!«

Dann erzählte Mau Loha seiner Mutter: »Mutter, ich bin auf der Suche nach einem neuen Vater gewesen und habe auch schon einen gefunden. Ich will ihm entgegengehen. Heut' abend bring' ich ihn her. Mutter, du mußt dich ganz still verhalten, wenn ich mit Vater komme.« Die Mutter antwortete: »Ja.«

Nun sagte Mau Loha: »Mutter, um Mitternacht komme ich mit Vater.« Darauf begab er sich wieder nach dem Garten. Er ging sofort zu seinem Vater und sagte zu ihm: »Vater, ich habe dir eine Frau gesucht und sie auch schon gefunden. Heute abend will ich dich zu ihr bringen.«

Als es Abend geworden war, sprach Mau Loha zum Vater: »Vater, wir wollen gehen.« Dann gingen sie fort. Nahe beim [243] Hause sagte Mau Loha zu seinem Vater: »Vater, ich will erst mal ins Haus gehen. Ich komme wieder heraus und hole dich dann.«

Mau Loha ging allein nach dem Hause weiter. Als er eintrat, rief die Mutter ihn an. Sofort sagte Mau Loha: »Still, Mutter!« und fuhr weiter fort: »Mutter, mach' das Licht aus und bleib' ruhig liegen. Gleich komme ich mit Vater.«

Darauf ging Mau Loha wieder zu seinem Vater und sagte: »Vater, geh' jetzt. Mutter habe ich schon ins Haus gebracht. Wenn du aber in das Haus trittst, mußt du ganz leise sein.« Mau Lohas Vater ging hinein. Als er überall herumtastete, erschrak die Mutter und rief: »Wer ist da?« Sofort antwortete der Vater: »Ich!« Da erkannten sie einander und die Mutter sprach: »Bist du das, bist du Mau Lohas Vater? Ich bin Mau Lohas Mutter.« Der Vater antwortete: »Mach' erst mal Licht an.« Als die Mutter das Licht angezündet hatte, sahen sie, daß beiden das Haar abgeschnitten war.

Da sagte der Vater: »O, Mau Loha hat uns beide zum Narren gehabt.« Und nun erzählten sie sich gegenseitig ihre Erlebnisse. Der Vater erzählte zuerst: »Mau Loha teilte mir im Garten mit, daß du gestorben wärest und log dabei, daß du ihm den Auftrag gegeben hättest, ich sollte meine Haare abschneiden.«

Danach kam die Mutter an die Reihe: »Mau Loha erzählte mir ebenfalls, du wärest gestorben und sagte, ich möchte mir das Haar abschneiden. Also hat er seinen Vater und seine Mutter arg betrogen und belogen.«

Und der Vater verwünschte ihn und sagte: »O, dies schlechte Kind! Ich will sein Gesicht nicht mehr sehen.«

Als der Vater ihm so fluchte, ging er nicht wieder ins Haus. Er lief davon und ward nicht mehr gesehen.

Quelle:
Hambruch, Paul: Malaiische Märchen aus Madagaskar und Insulinde. Jena: Eugen Diederich, 1922, S. 237-244.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Holz, Arno

Papa Hamlet

Papa Hamlet

1889 erscheint unter dem Pseudonym Bjarne F. Holmsen diese erste gemeinsame Arbeit der beiden Freunde Arno Holz und Johannes Schlaf, die 1888 gemeinsame Wohnung bezogen hatten. Der Titelerzählung sind die kürzeren Texte »Der erste Schultag«, der den Schrecken eines Schulanfängers vor seinem gewalttätigen Lehrer beschreibt, und »Ein Tod«, der die letze Nacht eines Duellanten schildert, vorangestellt. »Papa Hamlet«, die mit Abstand wirkungsmächtigste Erzählung, beschreibt das Schiksal eines tobsüchtigen Schmierenschauspielers, der sein Kind tötet während er volltrunken in Hamletzitaten seine Jämmerlichkeit beklagt. Die Erzählung gilt als bahnbrechendes Paradebeispiel naturalistischer Dichtung.

90 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon