[91] 30. Das Sonnenkind

[91] In uralten Zeiten lebte einmal in Tonga ein mächtiger Häuptling, dessen Namen man nicht mehr weiß. Der hatte eine Tochter, deren Namen unsere Väter auch vergessen haben, und so nennen wir sie stets, wenn wir von ihr sprechen, die Mutter von Jiji-Matailaa, dem Sonnenkinde.

Die Tochter des alten Häuptlings war wunderbar schön; und der Vater verbarg sie vor den Augen der Menschen, damit sie niemand sehen sollte; denn er hatte noch keinen Mann gesehen, der würdig genug gewesen wäre, sie als Gattin heimzuführen.

Er baute ihr unten am Meeresstrande einen hohen, dichten, starken Zaun, und die Mutter des Sonnenkindes pflegte stets hierher zu gehen, um zu baden. Jeden Tag tauchte sie in den salzigen Wellen unter, und wenn sie aus dem Wasser herauskam, war sie noch schöner geworden; und unter allen irdischen Mädchen und Frauen war niemand so schön, wie die Mutter des Sonnenkindes. Nach dem Bade legte sie sich eine Weile in den weißen Sand, um sich auszuruhen und unterdessen trocken zu werden. Und als eines Tages die Sonne auf sie herabblickte und das Mädchen sah, verliebte sie sich darin; und nach einer geraumen Weile bekam das Mädchen ein Kind, das sie Jiji-Ma tailaa, das Sonnenkind, nannte.

Das Kind wuchs auf und wurde ein strammer, tüchtiger, hübscher Bursche; und da er auch, wie ein rechter Häuptlingsjunge, sehr hochmütig war, verprügelte er gern die anderen Kinder. Als eines Tages die Kinder alle zusammen auf dem Dorfplatz spielten, ärgerten einige das Sonnenkind. Da nahm es seinen Stock und schlug so lange auf sie los, bis ihm der Arm weh tat und ihre Körper dicke Beulen hatten.

Die Burschen riefen ihm jetzt zu: »Sag einmal, wer bist [92] du eigentlich, Sonnenkind? Wie darfst du es überhaupt wagen, uns zu schlagen? Wir wissen, wer unser Vater ist; aber du – du hast ja gar keinen Vater; dich hat man hinterm Zaun gefunden, du Bankert!«

Da geriet der Junge in maßlose Wut. Gern wäre er auf sie losgestürzt und hätte sie erschlagen; aber vor Wut vermochte er sich nicht von der Stelle zu rühren; die Stimme blieb ihm im Halse stecken, und aus den Augen perlten ihm vor Zorn die dicken Tränen.

Schließlich erhob er sich, sah noch einmal nach der Bande hin und eilte dann mit einem plötzlichen Aufschrei ins Haus. Als er die Mutter erblickte, lief er auf sie zu, faßte sie beim Arm und rief: »Mutter, was bedeutet das, was die Dorfjungen immer zu mir sagen? ›Du, wer ist denn dein Vater?‹« und dabei weinte er wieder bitterlich.

»Ssch, Ssch, mein Junge,« sagte die Mutter, »die Dorfbuben lügen. Laß dich nicht von ihren Worten kränken, denn du bist der Sohn eines viel größeren Häuptlings als sie.«

»Aber wer ist mein Vater?« fragte der Junge wieder mit tränenüberströmtem Gesicht; die Mutter lachte spöttisch und sagte:

»Nun, wer sind diese Dorfbuben, daß sie dich überhaupt verachten können? Sie sind Kinder von irdischen Menschen, aber du bist das Kind der Sonne; sie ist dein Vater.« Und darauf erzählte sie ihm alles.

Nun wurde das Herz des Sonnenkindes wieder fröhlich. Der Junge wischte sich die Tränen ab und rief: »Ich pfeife auf die Kinder irdischer Menschen! Nie will ich mehr mit ihnen reden oder gar mit ihnen zusammen leben. Lebewohl, Mutter, jetzt geh ich zum Vater.« Und stolzen Schrittes ging er zur Tür hinaus; er sah sich nicht einmal um, als die Mutter hinter ihm herrief; sie blickte hinter ihm her, bis er im Walde verschwand, und dann sah sie ihn nie wieder.

Der Junge ging durch den dunklen Wald, bis er an die Stelle kam, wo sein Boot am Strande lag. Dort setzte er [93] sich hin und flocht aus Kokosblättern ein Segel. Und als das Wasser auflief, schob er das Boot ins Meer und segelte los, um seinen Vater, die Sonne zu besuchen.

Es war Morgen, als er das Segel hochzog und gen Osten steuerte, wo die Sonne gerade aufging; aber als er dort hinsegelte, stieg die Sonne immer höher und höher, und so laut er auch rief, sein Vater hörte ihn nicht. Dann wendete er und fuhr nach Westen, wohin die Sonne eilte; trotzdem der Wind ihm günstig war, kam er doch zu spät. Sein Vater tauchte in den Wellen unter, ehe er nahe genug heran war, um mit ihm sprechen zu können. So war er ganz allein auf dem weiten Meer.

Da dachte er bei sich: »Also im Osten klettert mein Vater aus dem Wasser heraus; dann will ich doch lieber dorthin zurückkehren und auf ihn warten.« Er wendete wieder um und segelte die ganze Nacht hindurch nach Osten. Und als der Morgen heraufdämmerte, befand er sich ganz nahe bei der Sonne. Gerade, als sie aus den Wellen emporsteigen wollte, rief er: »Vater, lieber Vater, hier bin ich!«

»Wer bist du?« fragte die Sonne und stieg höher am Horizont empor.

»Ich bin das Sonnenkind,« rief der Knabe. »Du mußt mich doch kennen. Ich bin dein Sohn, Mutter ist in Tonga. Warte doch ein bißchen, Vater, und erzähl' mir 'was.« »Ich darf nicht warten,« sagte die Sonne und stieg höher und immer höher, »die Kinder der Erde haben mich schon gesehen, und dann darf ich mich nicht mehr aufhalten, um mich mit dir zu unterhalten. Wärest du doch einige Augenblicke eher gekommen. Lebe wohl, mein Sohn, jetzt muß ich gehen!«

»Bleib' doch, Vater!« rief das Sonnenkind. »Das macht sich ja ganz leicht, auch wenn die Kinder der Erde dich schon gesehen haben. Verstecke dich hinter einer Wolke, dann kannst du ja zu mir herkommen.«

Da lachte die Sonne und sprach: »Du bist ein gescheites Kerlchen, mein Junge; obwohl du noch ein Knabe bist, [94] bist du doch schon sehr klug.« Sie rief eine Wolke herbei, stieg hinter ihr zum Meer herab und begrüßte ihren Sohn. Sie erkundigte sich nach seiner Mutter und erzählte ihm allerhand nützliche Dinge, deren Kenntnis uns sicher sehr vorteilhaft gewesen wäre. Aber wir haben davon nichts erfahren, weil der Knabe ungehorsam war.

Schließlich sagte sie zu dem Jungen, daß sie nicht mehr länger warten könnte. »Und nun, mein Sohn,« sprach sie, »höre gut zu. Bleibe hier, bis die Nacht sich auf das Wasser herabsenkt, dann wirst du meine Schwester, den Mond, deine Muhme, erblicken. Wenn er sich aus der See erhebt, dann stehe auf, rufe ihn an und sage ihm, er möchte dir eins der beiden Dinge geben, welche er in Verwahrung hat. Das eine heißt ›Melaja‹ und das andere ›Monuja‹. Bitte ihn um das ›Melaja‹, dann wird er es dir geben. Aber denke daran, was ich dir gesagt habe und tue das auch, dann wird es dir gut gehen; wenn du ungehorsam bist, wirst du ins Unglück geraten.«

Darauf stieg die Sonne hinter der schwarzen Wolke hervor und die Welt war strahlend hell erleuchtet. Die Kinder der Erde aber sagten zueinander: »Die Sonne scheint heute ja langsamer heraufzukommen als an anderen Tagen,« und das Sonnenkind holte das Segel nieder, wickelte sich da hinein und schlief bis zum Abend.

Als er wieder erwachte, hißte er das Segel und fuhr schleunigst zu der Stelle, wo das schimmernde Antlitz seiner Muhme erscheinen sollte. Er fuhr so dicht heran, daß der Mond, als er aus dem Wasser heraustauchte, ihm zurufen mußte: »Heda, heda, Kind der Erde! Paß auf, oder du fährst mir mit dem scharfen Bug deines Bootes in mein Gesicht hinein!«

Da hielt das Sonnenkind ein wenig ab und streifte beinahe das Gesicht des Mondes; dann lief es plötzlich vor dem Winde auf, fuhr an seine Seite und hielt ihn mit sicherem Griff fest. »Ich bin kein Kind der Erde,« sagte es, »ich bin das Kind deines Bruders, der Sonne. Ich heiße Sonnenkind, und du bist meine Muhme.«

[95] »Bist du wirklich das Sonnenkind?« fragte der Mond ganz verwundert. »Das ist ja wunderbar. Aber laß die Hand los, Neffe, du tust mir ja weh!«

»O nein,« antwortete der Knabe, »wenn ich dich loslasse, läufst du mir weg; und wie bekomme ich dann die Sachen, um die ich dich auf Geheiß meines Vaters bitten soll?«

»Aber Neffe, ich werde dir doch nicht auskneifen,« sagte sehr ernsthaft der Mond. »Ich freue mich ja herzlich, daß du da bist. Laß bitte los, es tut mir wirklich weh.« Da ließ das Sonnenkind los.

»Um was sollst du mich bitten?« fuhr der Mond fort.

Nun hatte das Sonnenkind sich vorgenommen, nicht nach dem Wunsch des Vaters zu tun; es pflegte stets ungehorsam zu sein, denn es war ein eigensinniger, starrköpfiger Bursche.

»Ich soll dich um das Monuja bitten.«

»Um Monuja!« rief die Muhme, »um Monuja? Irrst du dich auch nicht? Hat dein Vater dir nicht gesagt, du sollst mich nach Melaja fragen?«

»Nein, das war es nicht,« sagte der Knabe trotzig, »er sagte mir, das Melaja möchtest du behalten und mir das Monuja geben.«

»Das ist wirklich sonderbar,« sagte der Mond und grübelte nach. »Die Sonne kann den Knaben doch nicht hassen und ihm den Tod wünschen. Aber es hilft nichts, ich muß ihren Befehlen gehorchen. Neffe, du sollst das Monuja haben. Sieh, es ist nur ein kleines Ding. Es ist in diesem Stückchen Tapa eingewickelt. Jetzt wickele ich es nochmals ein und binde es ganz fest zu, damit das Paket nicht aufgeht. Hier, nimm es, Neffe, und denke daran, was ich dir sage: Binde die Schnur nicht auf und wickele ebenfalls das Paket nicht aus, solange du noch auf dem Wasser bist; sondern heiße sogleich das Segel und fahre nach Tonga. Wenn du gelandet bist, sieh dir das Monuja an, aber ja nicht eher, sonst geschieht ein furchtbares Unglück.«

Dann sagte er ihm Lebewohl und kletterte am Himmel in [96] die Höhe; und alle Leute, die sich auf dem Wasser befanden, riefen vor Freude: »Da ist ja unser lieber Freund, der Mond! Wir Seefahrer wissen am allerbesten, wie gut er ist!«

Auch die Mädchen und Knaben liefen in den Dörfern zum Hause hinaus und jauchzten: »O, der Mond ist da! Kommt, laßt uns auf dem Dorfplatz tanzen!« Und das Sonnenkind heißte das Segel und fuhr nach Tonga.

Die ganze Nacht, den nächsten Tag und die nächste Nacht segelte es über das Wasser, bis es am Morgen des zweiten Tages endlich Land in Sicht bekam. Da wollte es nicht länger warten, denn das Sonnenkind war ein eigenwilliger, ungeduldiger Knabe; es hob das Bündel, das ihm die Muhme gegeben hatte, vom Boden des Bootes auf, und löste die Schnur, mit der es zugebunden war. Dann wickelte es die Tapa, eine nach der anderen ab, bis es schließlich das Monuja zu Gesicht bekam. Es war eine wunderbar schöne Perlschale; sie war nicht silberweiß, wie bei uns zu Lande, sondern sie hatte einen rötlichen Schein, wie man ihn nie vorher und nachher gesehen hat; und der Knabe freute sich sehr darüber und malte sich aus, wie die anderen Jungen ihn wohl beneiden würden, wenn sie das Schmuckstück an seinem Halse erblickten. Aber während er sich die Schale besah, hörte er hinter sich ein gewaltiges Rauschen und Plätschern. Als er aufblickte, bemerkte er eine ungeheure Menge Fische, die alle eiligst hinter ihm herschwammen – Wale, Haie, Meerschweine, Delphine, Schildkröten und viele, viele andere mehr. Sie stürzten in blinder Hast auf ihn los, um das Monuja zu bekommen; und in einem Nu war das Boot so voll, daß es überladen in die Tiefe sank. Die Haie zerrissen ihn in Stücke. Das war das Ende des Sonnenkindes.

Quelle:
Hambruch, Paul: Südseemärchen. Jena: Eugen Diederich, 1916, S. 91-97.
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