5.
Der Fuchs, der Wolf und der Löwe.
(Aus Tawastland.)

[226] In uralter Zeit, als noch die Thiere auf Erden herrschten, erkrankte einst der Löwe und war nicht mehr im stande das Leben und Treiben seiner Unterthanen zu beaufsichtigen, sondern musste auf seinem Schmerzenslager liegen. Dieses benutzte Schlaumichel, der Fuchs: er liess alle seine Arbeit ruhen und lief müssig in der Welt herum, wer weiss, wo er sich umhergetrieben haben mag. Der Wolf sah das[226] Treiben des Fuchses scheel an und nahm es ihm sehr übel, denn er selbst hätte sich die Arbeit gern erleichtert und sich manch ein Erholungsstündchen in den Wäldern gegönnt; aber er hätte nie gewagt, es auf eigene Verantwortung zu thun. Endlich ging er zum kranken Löwen und verklagte den Fuchs mit den Worten: »Dieser Lump von einem Fuchs hält bei keiner Arbeit aus, sondern läuft ohne Mass und Ziel in aller Herren Ländern umher.«

Darüber entbrannte der Löwe in heftigem Zorn; er liess den Fuchs holen und fuhr ihn an: »Wo treibst du dich müssig umher? warum verrichtest du nicht deine Arbeit, wie es dir geziemt?« – »Ich habe ja dabei immer einen guten Zweck im Auge gehabt«, winselte der Fuchs zur Antwort; »ich habe nach einer Arzenei für den kranken Löwen gesucht.«

»Nun, hast du eine gefunden?« fragte der Löwe schon ganz besänftigt und erfreut. – »Noch nicht, aber ich war ganz nahe daran«, antwortete der Fuchs; »ich suchte Rath bei einer Spinne, welche im Winkel einer Dreschtenne haust, und sie versprach mir ein gutes Mittel zu entdecken.« – »Nun, so laufe denn geschwind wieder zur Spinne, um sie zu befragen. Du hast eine glatte Zunge; siehe zu, ob du nicht einen guten Spruch mit heimbringst.«

Der Fuchs wanderte wieder lustig über die Berge und durch die Lande und kehrte nach einiger Zeit von seinen Streifereien zurück. »Hast du ein Mittel erkundet?« fragte ihn der Löwe.

»Das, wonach ich suchte«, antwortete der Fuchs. – »Sprich doch, welchen Rath gab dir die Spinne?« – »Sie meinte,« erklärte der Fuchs, »wenn man dem Wolf das Fell abziehen wollte und es Euch auf die kranke Stelle thäte, würdet Ihr alsbald genesen.«[227]

Was war dabei zu thun? Als der Löwe dieses vernahm, liess er den Wolf in seine Behausung bringen und ihm sofort das Fell über die Ohren ziehen. Der schlaue Fuchs zog seiner Wege.

Quelle:
Schreck, Emmy: Finnische Märchen. Weimar: Hermann Böhlau, 1887, S. 226-228.
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