XXIII. Sonne und Mond.

[66] Es war einmal ein König; der musste auf eine Reise ziehen, und seine Frau blieb mit seiner Mutter daheim. Erstere gebar[66] zwei Kinder, deren Namen waren Sonne und Mond. Die Mutter des Königs schrieb nun ihrem Sohne, dass seine Frau einen Kater und eine Katze (geboren) habe. Und zur Nachtzeit schloss die Königin-Mutter die junge Frau im Keller ein und gab ihr allemal bloss ein Stück Brot und etwas Wasser. Und als der König von seiner Mutter erfahren hatte, dass seine Frau einen Kater und eine Katze geboren habe, zerkratzte er sein Gesicht; und doch war das, was ihm seine Mutter geschrieben hatte, gar nicht wahr!

Später einmal sprach seine Mutter bei sich: »Wie soll ich's nun mit dieser Frau anfangen? Wenn mein Sohn jetzt von der Reise zurückkommt, wird er mich töten!« Was tat sie? Sie holte ihre Schwiegertochter aus dem Keller heraus, und ging hin und beförderte sie hinaus auf ein Feld und schnitt ihr die Hände ab. Da konnte jene Frau nicht mehr essen. Auf dem Felde standen Feigenbäume: die Frau pflegte sich nun unter den Feigenbaum zu stellen und riss immer ein paar Feigen mit ihrem Munde los.

Ihr Gemahl kam von der Reise zurück. Er begab sich zu seiner Mutter und fragte sie: »Wo ist meine Frau?« Seine Mutter versetzte: »Ich habe sie fortgejagt! Sie gebar einen Kater und eine Katze!«

Einst zog der König auf die Jagd und begann auf jenem Felde umherzupirschen; dabei erblickte er eine junge Frau, die dasass. Er redete sie an: »Meine Tochter, was machst du hier?« Sie erwiderte: »Wohin willst du, dass ich gehen soll?« »Willst du mit mir gehen?« »Jawohl!« »Bevor du mit mir kommst, erzähle mir deine Geschichte, – was es mit dir ist!« Da begann sie: »Ich war mit einem König verheiratet, und der König zog auf die Reise und liess mich bei seiner Mutter zurück –«; da erkannte der König seine Frau und sprach zu ihr: »Komm jetzt mit nach meinem Hause!« Sie folgte ihm dahin, mit jenen beiden Kindern auf ihren Armen. Ihr Gemahl sagte ihr: »Hab' keine Furcht! Jetzt wollen wir sie für das büssen lassen, was sie dir angetan hat; denn das, was mir meine Mutter schrieb, war lauter Unwahrheit; sie schrieb mir nämlich, du habest einen Kater und eine Katze geboren!«

Als der König nach seinem Palaste gelangt war, entbot er drei Männer zu sich und sprach zu ihnen: »Nehmt sie fest!« Jene fragten: »Wen?« Er erwiderte ihnen: »Meine Mutter!« Da nahmen sie sie fest und zogen ihr die Haut ab und machten aus ihrer Haut einen Fussabtreter, damit jeder, der hereinwollte, sich seine Füsse auf ihm abtreten solle.

Quelle:
Stumme, Hans: Maltesische Märchen. Gedichte und Rätsel in deutscher Übersetzung, Leipziger Semitistische Studien, Band 1, Heft 5, Leipzig: J.C. Hinrichsche Buchhandlung, 1904, S. 66-67.
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