809. Die heilsame Ohrfeige.

[207] 1. Ein Bauer beklagte sich bei seinem Knecht, wie es in seinem Berggut so furchtbar ung'hyrig sei. Da sagte der Knecht: »So lasset mich einmal hinaufgehen!« Und er ging. Als er zur Haustüre hineintrat, kam auch im nämlichen Augenblick auf der anderen Seite des Hausganges Einer herein, ein brandschwarzer Mann. Der Knecht liess sich nicht stören. Als Abendessen bereitete er sich einen währschaften Fänz, stellte ihn auf den Tisch und liess sich's wohlschmecken. Der Schwarze setzte sich stumm an die andere Seite des Tisches und schaute ebenso stumm zu. Der Knecht fragte, ob er auch mithalten wolle, aber der Schwarze antwortete mit keiner Silbe. Darauf holte der Knecht einen Teller und einen Löffel und schöpfte dem unbekannten Tischgenossen eine tüchtige Portion zu. Dieser fuhr mit seinen schwarzen Händen in den köstlichen fetten Brei und salbte ihn im Gesicht herum. Der Knecht schaute ihn zornig an und drohte: »Wenn nyt anders chasch! – i will di scho leernä! Mit d'r Gab Gottes gaht mä nid äso um!« Aber der Schwarze fuhr fort mit seinem unappetitlichen Manöver. Endlich stund der Knecht auf und verabreichte dem Schmierfink eine schallende Ohrfeige. Aber jetzt kam er zur Sprache und rief ganz fröhlich: »Das isch etz rächt! Uff dass han-i scho lang 'blanget; jetz bin-i erleest.« Und da war er verschwunden, und das Berggut hatte seine Ruhe.


Frau Zurfluh-Loretz, Amsteg, 70 J. alt.


2. Einem Älpler warf es beim Essen immer Russ in den Milchreis hinunter. Endlich rief er ihm und lud es ein, zu kommen und mitzuhalten. Es kam wirklich und ass mit ihm, aber versudelte die kostbare Speise. Da schlug er ihm tadelnd auf die Finger. Jetzt fing es an zu reden und sagte, er habe es erlöst; es sei im Leben mit Speis und Trank nicht sorgfältig umgegangen und dafür nicht bestraft worden.


Frau Mattli-Bissig, Bürglen, 80 J. alt.

Quelle:
Müller, Josef: Sagen aus Uri 1-3. Bd. 1-2 ed. Hanns Bächtold-Stäubli; Bd. 3 ed. Robert Wildhaber. Basel: G. Krebs, 1926, 1929, 1945, S. 207.
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