37. Das Herz der armen Frau.1

[259] Es war einmal eine arme Frau, die fasste den Vorsatz, zur heiligen Jungfrau von Bistritz zu wallfahrten. Wie sie so darauf los geht, kommt sie auf einmal in einen dichten Wald zwischen den Bergen. In der Mitte des Waldes wurde sie von Räubern angehalten, die sie frugen, wohin sie wolle. Da sagte die arme Frau, dass sie nach Bistritz wolle, um zur heiligen Jungfrau von Bistritz zu wallfahrten.

Dann durchstöberten die Räuber alle Bündel und Sachen der Frau, und weil sie durchaus kein Geld bei ihr fanden, wurden sie sehr zornig.[259]

»Was willst du, Bettlerin, denn dann der Jungfrau Maria bringen, wenn du nicht einen Kreuzer bei dir hast?« frug sie der Räuberhauptmann.

Da sagte die Frau: »Ich bringe der heiligen Jungfrau von Bistritz mein Herz zum Geschenk.«

»Nun gut, wenn du ihr dein Herz hinbringen willst, da können wir dir ja behilflich sein.«

Hierauf schlitzte der Hauptmann der armen Frau mit seinem grossen Messer die Brust auf, riss ihr das Herz heraus und warf es in die Schürze: »Da! jetzt trage dein Herz zur heiligen Jungfrau von Bistritz.«

Das arme Weib nahm ihre Schürze auf und ging weiter nach Bistritz; kaum war sie zur Stadt gelangt, da begannen die Glocken von selbst zu läuten, die ganze Stadt und die ganze Geistlichkeit zog ihr mit Fahnen entgegen und führte die arme Frau in die Kirche hinein. Die arme Frau aber war kaum in die Kirche gelangt, so kniete sie vor der heiligen Jungfrau nieder, nahm ihr Herz aus der Schürze und legte es der Mutter Gottes zu Füssen. – Aber bis sie ein »Gegrüsset seist du, Maria« hergesagt, hatte sie die gebenedeite Jungfrau geheilt, dass nicht einmal eine Narbe auf ihrer Brust zu sehen war.

1

Die Übersetzung ist der Ungarischen Revue 1885 V. Jahrg. S. 638 entnommen.

Quelle:
Sklarek, Elisabet: Ungarische Volksmärchen. Einl. A. Schullerus. Leipzig: Dieterich 1901, S. 259-260.
Lizenz:
Kategorien: