Berg

›Bergformen‹.

Nur sehr wenige Berge zeigen noch ihre ursprüngliche Form, d.h. die Form, die das Gestein, aus dem die Berge bestehen, alsbald nach seiner Bildung besessen hatte (so manche Vulkane [Tafel I, Fig. 4], Korallenriffe, Geschiebewälle, Dünen). Weitaus die meisten Berge sind ausgearbeitete oder Erosionsberge; sie haben eine mehr oder weniger starke Denudation (s.d.) erfahren und stellen nur noch Ruinen der ursprünglichen Berge oder Gebirgsmassen dar. Die Formen der Erosionsberge sind sehr mannigfaltig, je nach der Natur der Gesteine, aus denen sich die Berge zusammensetzen, und je nach der Art der Zerklüftung, die jene zeigen, dann aber auch je nach den klimatischen Verhältnissen, unter denen die Denudation der Gesteinsmassen erfolgte. Die feinere Gliederung in der Gestalt des Gipfels und in dem Bau der Abhänge, durch die sich fast jeder Berg von den andern unterscheidet (vgl. Fig. 1, 2, 4 und 5 der Tafel Gebirgsbildungen), ist vorwiegend die Folge der Verwitterung und hängt demgemäß ab von der Lagerung der Gesteine und ihrer Widerstandsfähigkeit gegen die Atmosphärilien. Im allgemeinen kann man unter den Bergformen drei verschiedene Typen unterscheiden, die durch Zwischenformen miteinander verbunden sind.

1) Ist das Gestein massig ausgebildet, ist es in allen Richtungen nahezu gleich fest, und teilen es die Spalten, die es durchsetzen, in Stücke von etwa gleichen Dimensionen, dann entstehen, falls das Gestein im ganzen leicht verwittert, niemals scharfe, kühne Gipfelformen, sondern konische, oben rundliche Klippen, wie sie manchen Porphyren, Graniten, Gabbros, auch Basalt eigentümlich sind (vgl. Tafel I, Fig. 2, sowie die Berge im Vordergrunde der Fig. 1 auf Tafel Gebirgsbildungen); Felsenmeere und Blockkuppen sind ziemlich häufig, aber nicht immer vor handen.

2) Bei den Sedimentgesteinen dagegen, deren aufeinanderfolgende Schichten aus verschiedenem Material bestehen, erhalten die härtern, widerstandsfähigem Bänke bei der Verwitterung eine steilere Böschung als die leichter verwitterbaren, weichern Schichten. Es entstehen deshalb da, wo die Schichten flach gelagert sind, terrassierte Kuppen und Profillinien. Ein Wechsel von festen Kalksteinen oder Sandsteinen mit tonreichen Kalksteinen oder Mergeln und Schiefertonen bringt den Treppenbau besonders scharf zum Ausdruck (vgl. Tafel III, Fig. 2 u. 3). Während z.B. in den Bayrischen Alpen der horizontal gelagerte feste, kompakte Wettersteinkalk, der Hauptdolomit und der Dachsteinkalk steil geböschte, fast senkrechte, vegetationslose Abhänge mit oft grotesken Verwitterungsformen, tiefen Klammen und Wasserrunsen mit mächtigen Schutthalden liefern, entsprechen den Kössener Schichten, die aus Mergel mit eingeschalteten Kalkbänken bestehen, flache Terrassen mit sumpfigen Grasböden. Auch der Säntis, Glärnisch, Pilatus und Rigi sind Beispiele für derartig terrassierte Berge. Wo die Schichten etwas steiler aufgerichtet und gefaltet sind, bleiben die Erscheinungen im allgemeinen die gleichen, wenn auch die Bergformen dadurch vielfach modifiziert werden (Tafel III, Fig. 1 u. 8). An der Biegung und Lage der grasbewachsenen flachen Bänder und der kahlen Felsenmauern, die jene trennen, erkennt man dann schon von weitem die Biegung und Lage der Schichten (Tafel III, Fig. 5). Steil gestellte Schichten verursachen aber tief eingeschnittene und ausgezackte Berggipfel, die die Namen Nadel, Spitz, Horn etc. mit Recht verdienen (Tafel III, Fig. 4 u. 8, und Tafel Gebirgsbildungen, Fig. 4).

3) Gesteine, die aus mehr oder weniger dicken Platten von nahezu gleicher Widerstandsfähigkeit bestehen, wie die kristallinischen Schiefer, manche Tonschiefer (Tafel II, Fig. 1), aber auch viele Phonolithe und plattig ausgebildete Granite und Porphyre oder dickbankig abgesonderte Kalksteine und Dolomite, bilden, einerlei, ob die Stellung der Schiefer und Platten steil ist oder nicht, im großen und ganzen Gehänge von gleichmäßigem Gefalle, aber niemals terrassierte Profile. So sind die Berge, die aus kristallinischen Schiefern oder aus Gneis und Granit von gleichmäßiger petrographischer Ausbildung bestehen, wie der Bristenstock, die Berge in der Tatra (s. Tafel I, Fig. 1), charakterisiert durch eine scharfkantige pyramidale Gestalt ohne Terrassenbau. Je mehr die Plattung und Schieferung zurücktritt, je kompakter das Gestein ist, um so steiler sind die Gehänge. Kompakte Kalksteine liefern gern steilwandige, oben oft plateauartig verbreiterte Kuppen (z.B. die Kalkberge bei Gerolstein [Tafel II, Fig. 2]der Apenninenkalk des Gran Sasso d'Italia [Tafel II, Fig. 4] oder der Dachsteinkalk der Alpen [Tafel III, Fig. 2]), dickplattig abgesonderte Phonolithe sargförmig gestaltete Kuppen und steilwandige Pyramiden, wie sie im Böhmischen Mittelgebirge und in der Rhön (Milseburg, Tafel I, Fig. 3) in großer Mannigfaltigkeit bekannt sind.

Nur da, wo das Gestein regelmäßig verlaufende Absonderungsklüfte besitzt, denen entlang das eindringende meteorische Wasser eine raschere Verwitterung hervorruft, können ganz abenteuerliche, grotesk gestaltete Formen (sogen. Auswaschungsformen) entstehen. Bald sind dieselben, wie in dem Quadersandstein bei Adersbach in Schlesien und vielorts in der Sächsischen Schweiz, von säulenförmiger, schlanker Gestalt, wahre Felsnadeln, bald mehr pfeiler- und ruinenartig, wie im Granit am Waldstein im Fichtelgebirge und an den Buntsandsteinfelsen bei Dahn (Tafel II, Fig. 3); selbst bogenartige Gewölbe (Felsentore, Nadelöhre) werden zuweilen beobachtet (vgl. die Tafeln Erosion, Absonderung und Gebirgsbildungen). Auswaschungsformen sind auch die Karsterscheinungen (s.d.) und die Erdpyramiden (s. Tafel Erosion).

Während unter der vereinten Wirkung von Verwitterung und äolischer Abtragung in manchen Wüsten Berge entstehen, die den nur durch Verwitterung und Erosion entstandenen vollkommen gleichen (vgl. Tafel III, Fig. 7, u. Sahara), schleift dagegen das sich bewegende Eis alle klippenförmigen Abtragungen des Untergrundes ab und verwandelt sie in runde, flache Buckel (Rundhöcker, roches moutonnées, vgl. Tafel Erosion, Fig. 5). Die untern Abhänge der Berge sind häufig bedeckt von Schuttkegeln oder Schutthalden aus oft hausgroßen eckigen Blöcken oder kleinern Trümmern, die sich im Laufe der Zeit von den der Verwitterung ausgesetzten Felsen an den Abhängen losgelöst und durch freien Fall (s. Bergsturz) oder mit Hilfe von Lawinen und Wasser (s. Murgang) zur Tiefe gestürzt sind. Von nach außen konvexer, kegelförmiger Gestalt und mit gleichmäßig flacher Böschung lehnen sie sich meistens so an den Fuß der Berge, daß ihre Spitzen an der Mündung der Schluchten oder Nischen liegen, durch welche die Trümmer herunterstürzen (Tafel III, Fig. 6).


Bergformen I. Bergformen massiger Gesteine.
Bergformen I. Bergformen massiger Gesteine.
Bergformen II. Bergformen sedimentärer Gesteine.
Bergformen II. Bergformen sedimentärer Gesteine.
Bergformen III.
Bergformen III.
Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 2. Leipzig 1905.
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