Mozart und die Freimaurerei

[55] Mozarts Zugehörigkeit zum Freimaurerorden hat in seinem menschlichen und künstlerischen Bilde so tiefe Spuren hinterlassen, daß sie unbedingt ein eigenes Kapitel verdient; ja sie ist geradezu unerläßlich für die Kenntnis seiner gesamten weiteren geistigen Entwicklung1.

Die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts trägt ein merkwürdig zwiespältiges Gesicht. Rousseau hatte das Gefühl von der Tyrannis des Rationalismus befreit und den Einzelnen seinen Wert gegenüber der Gesellschaft kennen gelehrt, aber trotzdem war die Aufklärung alten Schlages noch nicht tot, sondern wirkte weiter, sei es in unverfälschter Form oder in Anpassung an die neuen Ideale mit dem Bestreben, das Neue, das sie nicht hindern konnte, doch wenigstens mit ihrem Geiste zu durchdringen. So kreuzten sich geraume Zeit hindurch die verschiedensten Strömungen, mystische Schwärmerei, die nicht selten in überspannte Empfindelei ausartete, und nüchternster Rationalismus, idealstes Streben nach Menschheitsbeglückung und realster, schrankenloser Lebensgenuß. Das Ergebnis dieser Gärung war schließlich ein neues Humanitätsideal, das in verschiedenartiger Abschattierung in Lessings »Nathan«, Schillers »Carlos«, Goethes »Iphigenie« und – Mozarts »Zauberflöte« seinen höchsten künstlerischen Ausdruck fand. Man begann jetzt »den Menschen« zu studieren, ihn auf sich selbst zurückzuführen und die von den Fesseln der Konvention befreite Kultur aus dem eigenen Inneren neu aufzubauen. Diese Selbsteinkehr, die oft bis zur Selbstquälerei ging, sollte das Verhältnis des Menschen zu Gott und dem Nächsten erkennen und regeln und so den Weg zum Ideal des »tugendhaften« Menschen frei machen. Tugend aber bezeichnete im tätigen, strebenden Sinne das höchste geistige Gut, das dem gebildeten Menschen von damals überhaupt erreichbar schien. Was religiös veranlagte Naturen zur Erkenntnis ihres Verhältnisses zu Gott anwandten, sollte den weltlich gestimmten dazu dienen, die eigene Persönlichkeit auszubilden und zu vertiefen. Aber dieser Zug zur Selbstbeobachtung war weit davon entfernt, den einzelnen von seinesgleichen[56] abzuschließen. Im Gegenteil, das nach der Entwurzelung des Glaubens an die allein selig machende gesellschaftliche Konvention mächtig erstarkende Gefühl, daß alle Menschen Brüder seien, erweckte die Überzeugung, daß jenes ethische Ideal nur durch gegenseitige Unterstützung zu erreichen und nur durch solche wechselseitige Hilfe jener schöne Traum des 18. Jahrhunderts vom allgemeinen Menschenglück zu verwirklichen sei. So entstand ein schwärmerischer Kultus der Freundschaft, wie ihn die Welt seitdem nicht wieder erlebt hat, und auch die Auswüchse, die das entfesselte Gefühl hervorbrachte, sind ja sattsam bekannt. Zahllose offene und geheime Gesellschaften schlossen sich zu solcher Selbstbildung zusammen, in denen viel positive ethische Arbeit geleistet, aber auch viel unklare und ungesunde Mystik getrieben wurde. Die Kirche aber war, zumal im josephinischen Wien, durchaus in die Verteidigung gedrängt, die ihr um so schwerer wurde, je mehr auch sie unter dem Einfluß der »Freigeisterei« zu leiden hatte2. Es fehlte ihr außerdem gerade damals die Fähigkeit, besonders die Gebildeten zu fesseln, ihre wirksamste Waffe aber, der Jesuitenorden, war ihr 1773 entwunden worden. Wohl regten sich in den radikalen Kreisen, namentlich in dem 1777 gestifteten Illuminatenorden, unmittelbar kirchenfeindliche Bestrebungen, im allgemeinen aber bestand auch in religiösen Dingen Toleranz, und so kam es, daß z.B. der Freimaurerorden eine ganze Menge gläubiger Katholiken in seinen Reihen sah.

Es war unter diesen Umständen kein Wunder, daß gerade er damals in eine besondere Blütezeit eintrat. Seine eigenen Reihen erfuhren einen beträchtlichen Zuwachs, aber auch eine ganze Anzahl anderer, ursprünglich selbständiger geheimer Verbände schloß sich ihm in irgendwelcher Weise an. Seine Riten bildeten für den damaligen mystischen Drang nach Wunder und Geheimnis einen starken Anziehungspunkt, und vielen Gebildeten erschien er als die gegebene Stätte, sich unter brüderlichem Seelenaustausch dem ethischen Ideal der Zeit zu nähern. Endlich kam unter dem geheimnisvollen Zeremoniell auch die rationalistische Seite des damaligen Geisteslebens zu ihrem Rechte. Gewiß deckte dieses verlockende Gewand auch allerlei Unklarheit, Aberwitz, ja positiven Betrug. Aber das lag weniger an der Freimaurerei als an den allgemeinen Strömungen der Zeit: wo von Weltbeglückung geträumt wird, pflegt auch das Geschäft der Wundermänner und Schwindler zu blühen. Sie entbehrten dabei damals sogar eines gewissen genialen Anstrichs nicht, wie die Beispiele Casanovas, Cagliostros und – Schikaneders zeigen3. Andererseits standen aber gerade die Besten der Nation,Friedrich d. Gr., Lessing, Herder, Wieland und Goethe dem Orden mehr oder weniger nahe. Man lese nur nach, was Goethe, der sich nach seinem Briefwechsel mit Ludwig Ysenburg von Buri schon 1764/65 einem maurerischen Kränzchen genähert hatte, noch 1813 zum Andenken »des edlen Dichters, Bruders und Freundes Wieland« gesagt hat4. Wieland selbst[57] aber erklärte5, daß durch den »geistigen Tempelbau« des Freimaurerordens nichts anderes angedeutet sei, als »das ernste, tätige und anhaltende Streben aller echten und redlichen Maurer, vor allem sich selbst, und dann auch soviel möglich die übrigen mit ihm verbrüderten Menschen dem Ideal der Humanität, dem was der Mensch, gleichsam als ein lebendiger Stein in der ewigen Stadt Gottes zu sein bestimmt ist, und wozu er schon in seinem rohen Naturzustand alle Anlagen hat, durch unermüdete Bearbeitung immer näher zu bringen6«.

In Wien begannen bald nach dem Regierungsantritt Josephs II. dank dessen bekannten Toleranzbestrebungen auch für die Freimaurerei goldene Tage. Die Seele der Bewegung wurde der Wirkl. Hofrat Ignaz Edler von Born (1742–1791), der 1781 die Loge »zur wahren Eintracht« begründete7. Ihr Zweck war Schutz und Förderung der neu errungenen Gedankenfreiheit und Bekämpfung des für abergläubisch und schwarmgeistig gehaltenen Mönchtums. Es gelang Born bald, die angesehensten geistigen Führer des damaligen Wiens, wie Feßler8, K.L. Reinhold, Alxinger, Blumauer, Haschka, Leon, Ratschky, Denis, Gemmingen, Gebler und Sonnenfels um sein Banner zu scharen9 und mit den Seinen, gedeckt von der stillschweigenden Gunst des Kaisers, eine ausgedehnte literarische Tätigkeit zu entfalten, deren wirkungsvollste Früchte seine und Blumauers Satiren auf das Mönchtum waren. Das wissenschaftliche Organ des Kreises war die von Blumauer herausgegebene Wiener Realzeitung, die einen hartnäckigen Feldzug gegen Aberglauben und Vorurteile aller Art eröffnete; allgemeinen freimaurerischen Interessen diente das gleichfalls von Blumauer redigierte »Journal für Freymaurer« (1784–1786).

Das Beispiel Borns fand bald Nachfolge: 1785 gab es in Wien bereits acht Logen. Freilich hielt mit dieser äußeren Erweiterung die innere Vertiefung keineswegs gleichen Schritt. Die Freimaurerei wurde bei den leichtlebigen Wienern Mode; viele traten ihr aus Neugierde, plattem Wunderglauben oder gar aus Streberei bei10.


Der Orden der Freimaurerei trieb sein Wesen mit einer fast lächerlichen Öffentlichkeit und Ostentation. Freimaurerlieder wurden gedruckt, componirt und allgemein gesungen. Man trug Freimaurerzeichen als »joujoux« an den Uhren, die Damen empfingen weiße Handschuhe von Lehrlingen und Gesellen, und mehrere Modeartikel hießen »à la franc-maçon«. Viele Männer ließen sich aus Neugier aufnehmen, traten in den Orden und genossen wenigstens die Freuden der Tafellogen. Andere hatten andere Absichten. Es war damals nicht unnützlich, zu dieser Brüderschaft zu gehören, welche in allen Collegien Mitglieder hatte und überall den Vorsteher, Präsidenten, Gouverneur in ihren Schoß zu ziehen verstanden hatte. Da half dann ein Bruder dem andern; die Bruderschaft unterstützte sich überall, wer nicht dazu gehörte, fand oft Hindernisse: dies lockte viele. Wieder Andere,[58] die ehrlicher oder beschränkter waren, suchten mit gläubigem Sinn höhere Geheimnisse und glaubten Aufschlüsse über geheime Wissenschaften, über den Stein der Weisen, über Umgang mit Geistern in dem Orden zu erhalten. – Wohlthätig waren die Freimaurer gewiß; in ihren Versammlungen wurden sehr oft Collecten für Arme und Verunglückte gemacht.


Da griff Kaiser Joseph selbst ein11: in einem Handbillett vom 11. Dezember 1785 erkannte er den Orden unter dem Vorbehalt gewisser Reformen zwar an und stellte ihn unter den Schutz des Staates, befahl aber zugleich die Zusammenziehung jener acht Logen in drei. Er betonte dabei, daß er von seinen Geheimnissen weder etwas wisse, noch zu wissen begehre; tatsächlich scheint es ihm darauf angekommen zu sein, den Orden unter straffere Aufsicht zu bekommen und dadurch vor den immer zahlreicher werdenden Anfeindungen zu schützen; hatte doch in Bayern zusammen mit dem Kampf gegen die Illuminaten bereits auch eine Verfolgung der Freimaurer begonnen. Es war darum kein Wunder, daß jener Erlaß von den einen als ein Zeichen besonderer Gunst, von den andern aber als ein gefährlicher Schlag gegen die Maurerei überhaupt empfunden wurde. Zu diesen gehörte auch Born, der jetzt mannigfach angegriffen wurde12. Er zog sich 1786 ganz von der Loge zurück13, und seinem Vorgang folgten andere, so z.B. auch Gebler14. Trotzdem und trotz den wachsenden Angriffen auf den Orden behielt er doch noch zahlreiche Anhänger, darunter z.B. den uns bereits bekannten Loibl15, in dessen Wohnung die Sitzungen der Loge stattfanden, und Mozart.

Wann Mozart in den Orden eingetreten ist, läßt sich nicht genau feststellen. Es muß vor März 1785 gewesen sein, da Leopold um diese Zeit aufgenommen wurde und Wolfgang damals bereits Mitglied war16. Sein Eintritt wurde einer neueren Vermutung zufolge durch Otto Frhrn. von Gemmingen, Mozarts altem Bekannten von Mannheim her, veranlaßt, der im Sommer 1782 von dort nach Wien übergesiedelt17 und bald Großmeister der Loge »Zur Wohltätigkeit« geworden war. Mozart trat in die Loge »Zur gekrönten Hoffnung im Orient in Wien« ein, der viele adlige und reiche Männer angehörten; man machte ihr auch aus diesem Grunde eine Vorliebe[59] für glänzende Festessen zum Vorwurf18. Am 11. Dezember 1785 wurde Mozarts Loge mit denen »Zur Wohltätigkeit« und »Zu den drei Feuern« zu einer neuen »Zur neugekrönten Hoffnung« verschmolzen, deren GroßmeisterFranz Graf von Esterhazy war.

Die Gründe, die Mozart zum Eintritt veranlaßten, liegen in seinem Charakter und seiner bisherigen Entwicklung klar zutage. Wer Streberei dahinter wittert, hat den Meister nie gekannt19. Wir haben sein Bedürfnis nach Freundschaft und das Humanitätsideal als die immer deutlicher hervortretende Grundlage seiner Sittlichkeit bereits kennengelernt20. Aus dem kleinbürgerlichen Stilleben in Salzburg hatten ihn seine Reisen wie im Fluge fast durch die ganze gebildete Welt dahingeführt, und mit Mühe hatte seine Persönlichkeit alle die wechselnden Eindrücke verarbeiten können. Jetzt war er seßhaft und zugleich des ganzen in ihm beschlossenen Reichtums bewußt geworden. Da war es nur natürlich, daß sich in ihm, wie in jedem großen Manne, der instinktive Drang regte, sich bewußt in der Welt zurechtzufinden, zumal in einer Welt wie der seinigen, die an unausgeglichenen Widersprüchen besonders reich war. Die Kirche allein befriedigte ihn nicht mehr, obwohl er nach wie vor ihr treuer Sohn blieb. Daß er, wie sein Vater, gegen ihre Diener, die »Pfaffen«, gelegentlich sehr kritisch war, wissen wir bereits21, und diese Kritik ist nach dem Eintritt beider in den Orden natürlich noch schärfer geworden. Aber das allein hätte ihn sicher nicht zum Eintritt bewogen, vielmehr ergriff ihn der allgemeine Drang jener Zeit, den Glauben vom äußerlichen Gottesdienst loszulösen und die Forderung des persönlichen Verhältnisses zu Gott durch das religiöse Erlebnis zu verwirklichen. Nach dem Verhältnis zu Gott aber kam unmittelbar das Verhältnis zum Nächsten, zum Menschenbruder. Auch dieses wurde aus den Fesseln des Herkömmlichen befreit und ganz auf das persönliche Gefühl gestellt. Alle diese Ziele aber wurden im damaligen Wien in erster Linie durch die Freimaurer vertreten. Mozart traf in ihren Reihen die Mehrzahl der gebildeten Männer wieder, denen er auch in der Gesellschaft auf Schritt und Tritt begegnete; mit ihnen sich zur Lösung der höchsten Fragen zu vereinen22, seine Hilfsbereitschaft zu betätigen und seinem Freundschaftsbedürfnis[60] bedürfnis zu genügen, schien ihm besonders erstrebenswert. Es ist ihm darum auch bis an seinen Tod heiliger Ernst mit der Freimaurerei gewesen, wie allein schon sein letzter Brief an den Vater lehrt23. Wie weit das geheimnisvolle Zeremoniell des Ordens seine künstlerische Phantasie angezogen hat, läßt sich nicht mehr entscheiden; wichtig ist jedoch sein Plan, eine eigene geheime Gesellschaft »Die Grotte« zu stiften und deren Satzungen zu entwerfen24; es ist nicht undenkbar, daß ihm an seiner eigenen Loge manches nicht zusagte und er sich deshalb mit Reformplänen trug.

Von dem Ansehen, das er bei seiner Loge genoß, legt die auf ihn gehaltene Trauerrede ein beredtes Zeugnis ab25:


Dem ewigen Baumeister der Welt gefiel es, eines unserer geliebtesten, unserer verdienstvollsten Glieder aus unserer Bruderkette zu reißen. Wer kannte ihn nicht? wer schätzte ihn nicht? wer liebte ihn nicht, unseren würdigen Bruder Mozart? Kaum sind einige Wochen vorüber und er stand noch hier in unserer Mitte, verherrlichte noch durch seine zauberischen Töne die Einweihung unseres Maurertempels. – Wer von uns, meine Brüder, hätte ihm damals den Faden seines Lebens so kurz zugemessen? Wer von uns hätte gedacht, daß wir nach drei Wochen um ihn trauern würden? – Es ist wahr, es ist das traurige Loos der Menschheit, mitten im Keimen die oft schon ganz ausgezeichnete Lebensbahn verlassen zu müssen; Könige sterben mitten in ihren Planen, die sie unausgeführt der Nachwelt überlassen; Künstler sterben, nachdem sie die ihnen verliehene Lebensfrist anwandten, die Vervollkommnung ihrer Kunst auf den höchsten Grad zu bringen – allgemeine Bewunderung folgt ihnen in ihr Grab, ganze Staaten bedauern sie, und das allgemeine Loos dieser großen Männer ist – vergessen zu werden von ihren Bewunderern. Nicht so wir, meine Brüder! Mozarts früher Tod bleibt für die Kunst ein unersetzlicher Verlust – seine Talente, die er schon im frühesten Knabenalter äußerte, machten ihn schon dazumal zum seltensten Phänomen seines Zeitalters – halb Europa schätzte ihn – die Großen nannten ihn ihren Liebling und wir nannten ihn – Bruder. So sehr es aber die Billigkeit erfordert, seine Fähigkeiten für die Kunst in unser Gedächtnis zurückzurufen, ebensowenig müssen wir vergessen ein gerechtes Opfer seinem vortrefflichen Herzen zu bringen. Er war ein eifriger Anhänger unseres Ordens; Liebe für seine Brüder, Verträglichkeit, Einstimmung zur guten Sache, Wohlthätigkeit, wahres inniges Gefühl des Vergnügens, wenn er einem seiner Brüder durch seine Talente Nutzen bringen konnte, waren Hauptzüge seines Charakters – er war Gatte, Vater, Freund seiner Freunde, Bruder seiner Brüder – nur Schätze fehlten ihm, um nach seinem Herzen hunderte glücklich zu machen.
[61]

Und in dem der Rede angehängten Gedicht heißt es:


Er war im Leben gut und mild und bieder,

ein Maurer nach Verstand und Sinn;

der Tonkunst Liebling! – denn er schuf uns wieder

zu höheren Empfindungen.

Getrennt ist nun das Band! ihn soll begleiten

der Maurersegen, froh und kühn –

denn unsere Bruderliebe soll ihn leiten

auch in das Land der Harmonien:

Die wir im Stillen folgten seinen Schritten

zu suchen, die das Schicksal schlug,

wo er so oft in armer Wittwen Hütten

die ungezählte Gabe trug;

Wo er sein Glück auf Waisen-Segen baute,

das Kleid der nackten Armuth gab,

und Gottes Lohn dafür sich anvertraute,

der ihn begleitet bis ans Grab;

Der, eingewiegt durch die Sirenenlieder

der Schmeicheley, sich konnte freun

des frohen Blickes seiner armen Brüder,

und nicht vergaß ein Mensch zu seyn.


Die Musik spielte bei den Versammlungen der Freimaurer von jeher eine große Rolle, und so fühlte sich Mozart auch nach dieser Seite hin angeregt. Tatsächlich ist eine ganze Reihe von Werken von ihm vorhanden, die zu bestimmten freimaurerischen Veranstaltungen geschrieben sind. Sie beschränken sich natürlich auf Männerstimmen und stellen mit wenigen Ausnahmen auch keine großen technischen Anforderungen.

Das erste davon, die Gesellenreise, haben wir bereits kennengelernt26. Im nämlichen Jahr 1785 sind offenbar noch zwei weitere Lieder entstanden, zur Eröffnung und zum Schluß einer Loge; der Text deutet darauf hin, daß es sich um die Eröffnung der auf Josephs II. Befehl durch Verschmelzung entstandenen neuen Loge »Zur neugekrönten Hoffnung« handelte (K.-V. 483, 484, S. VII. 23, 24)27. Diese beiden Lieder fügen dem Solo noch einen dreistimmigen Chor hinzu; das begleitende Instrument ist, wie bei der Gesellenreise, die Orgel. Neben diesen Liedern steht aber eine Zahl von Kantaten, so z.B. die von Mozart unvollendet gelassene, vielleicht schon 178328 entstandene Kantate »Dir Seele des Weltalls« (K.-V. 429, S. XXIV. 36a/b), die in zwei Fassungen erhalten ist, einer für zwei Tenöre und Baß mit Klavierbegleitung und einer für vierstimmigen Chor mit Begleitung[62] von Streichquartett, je zwei Oboen und Hörnern und Fagott – sicher einer Umarbeitung aus späterer Zeit29. Die kunstvolle Ausführung der Tenorpartie weist in dieser und den folgenden Kantaten auf einen ausgebildeten Sänger hin: Adamberger.

Am 24. April 1785 wurde eine weitere Freimaurerkantate Mozarts »Die Maurerfreude« (K.-V. 471, S. IV. 2) aufgeführt, die der Vater bei seinem Aufenthalt in Wien noch gehört hat. Die Loge hatte sich zu Ehren Borns versammelt, dem wegen der Erfindung einer neuen Amalgamationsmethode vom Kaiser eine glänzende Anerkennung zuteil geworden war30. Der Textdichter war der Br. Petran, die Partitur wurde später mit einem von Mansfeld gestochenen Titelblatt zum Besten der Armen veröffentlicht31. Die Begleitung besteht aus einem Streichquartett, je zwei Oboen und Hörnern und einer Klarinette, die auf die Mitwirkung Stadlers hindeutet32. Eine zweite »kleine Freimaurerkantate« (K.-V. 623, S. IV. 3), von Schikaneder gedichtet33, wurde am 15. November 1791 abgeschlossen und wenige Tage darauf bei der Einweihung eines neuen Maurertempels aufgeführt; es ist die letzte Arbeit, die Mozart vollendet hat.

Nicht unmittelbar, aber doch ideell steht mit der Freimaurerei die Kantate: Die ihr des unermeßlichen Weltalls Schöpfer ehrt (K.-V. 619, S. VII. 40) aus dem Juli 1791 in Verbindung34. Der Dichter, der Hamburger Kaufmann Franz Heinrich Ziegenhagen, fühlte sich dazu berufen, die Fragen der Erziehung, wie sie seit Rousseau in Mode gekommen waren, auf seine Weise zu lösen, indem er, Rousseau noch übertrumpfend, in seinen Straßburger Kolonien die Rückkehr zur nackten Kultur auch praktisch durchzuführen suchte. Die bisherigen Religionen konnten, wie er in seiner Schrift35 nachwies, einem wirklich aufgeklärten Geschlechte nicht genügen. Zum Schmucke dieses Buches, das ein entsprechender Beweis für die Verheerungen ist, die die neue Erziehungslehre in manchen Köpfen anrichtete, mußte [63] Chodowiecki acht Kupfer stechen, Mozart aber sollte zum Gebrauche der Ziegenhagenschen Kolonie ein Lied komponieren. Gesehen hat er das Buch Ziegenhagens selbst sicher nie; er willfahrte seiner Bitte wohl nur, weil der Text den freimaurerischen Gedanken verwandt war; das half ihm offenbar auch über diese Dichtung, die seltsame Ausgeburt eines toll gewordenen Rationalismus, hinweg.

Die bedeutendste unter diesen freimaurerischen Kompositionen Mozarts ist aber die im Juli 1785 entstandene »Maurerische Trauermusik bei dem Todfalle der Br. Br. Meklenburg und Esterhazy«36 für Orchester (K.-V. 477, S.X. 12), und zwar Streichquartett, 2 Oboen, 1 Klarinette, 2 Hörner, 3 Bassetthörner und Kontrafagott37. Von dieser hochbedeutenden Komposition spinnen sich die Fäden zu dem Werk hinüber, in dem das damals noch mit allerhand Erdenresten behaftete Freimaurertum seine höchste künstlerische Verklärung von Mozarts Hand erfahren sollte, der ›Zauberflöte‹, über deren Beziehungen zur Freimaurerei später zu reden sein wird.

Fußnoten

1 Vgl. darüber J II4 105 ff. G. Schubert, Mozart und die Freimaurerei, Berlin 1890. A. Fellner, MBM Oktober 1902. R. Koch, Mozart, Freimaurer und Illuminaten, Reichenhall 1911. Kreitmaier, Mozart 1919, S. 113 ff. Im allgemeinen vgl. L. Lewis, Geschichte der Freimaurerei in Österreich, Wien 1861.


2 Kreitmaier S. 104 f.


3 Engel, Gesch. des Illuminatenordens, Berlin 1906


4 Werke (Jubil.-Ausg.) XXXVII 11 ff.


5 Werke LIII 435.


6 Vgl. auch (Keßler v. Sprengseisen) Anti-Saint-Nicaise S. 62.


7 K.L. Reinholds Leben S. 18 f. Schubert S. 14 f.


8 Über ihn vgl. Schubert S. 43 f.


9 Gebler trat 1784 der Loge bei, vgl. Werner, Aus dem josephin. Wien S. 157.


10 C. Pichler, Denkwürd. I 105 f. Werner a.a.O. S. 124, 126.


11 Auch von Joseph II. wird berichtet, er habe sich eine Zeitlang mit dem Gedanken an den Eintritt in den Orden getragen, zumal als der russische Großfürst aufgenommen worden war. Es kam indessen nicht dazu, Engl S. 193.


12 Dazu gehört sein Zusammenstoß mit Jos. Kratter, das sog. Freimaurerautodafé, das eine ganze Reihe Flugschriften hervorrief.


13 Voigt an Hufeland (Aus Weimars Glanzzeit S. 46 f.) Baggesen, Briefw. I 304.


14 Brief an Nicolai vom 17. April 1786 bei Werner a.a.O.


15 I 843. Seine Tochter erinnerte sich noch, wie ihr Vater im Talar beim Kerzenschimmer sich vor einem Kruzifix in der Bibel lesend auf die Sitzungen vorbereitete. Die Kinder sahen bei diesen mit Erstaunen die Herren um den Tisch sitzen und mit ernsten Gesichtern Reden halten.


16 Nissen S. 642. Koch vermutet a.a.O., Mozart sei schon im Herbst 1784 eingetreten, da er im März die Gesellenreise (s.o.) komponiert habe und die Beförderung zum Gesellen erst 6–12 Monate nach der Aufnahme erfolgt sei. Indessen ist durchaus nicht ausgemacht, daß Mozart das Lied für seine eigene Beförderung zum Gesellen geschrieben hat. Vgl. Kreitmaier a.a.O. S. 117. Jedenfalls gehörte Mozart der Loge seit März 1785 an. Vgl. Engl, Mozart, S. 7, Fellner a.a.O.


17 I 456, 618. Meyer, L. Schröder I 380.


18 Briefe eines Biedermanns über die Freimaurer in Wien, München 1786, S. XLf.


19 So Abbé Goschler, »Mozart d'apres de nouveaux documents«, Paris 1866 (Wilder p. 209), auch Kreitmaier a.a.O. S. 117 neigt dazu. Aber die Darlehnsgesuche an Puchberg sind keine genügenden Beweise dafür.


20 S.o.S. 6 f., 11.


21 S.o.S. 19. Leopolds gegen die Betschwesterei und die Weiberklöster gerichteter Brief vom 14. Oktober 1785 (J II4 110) steht bereits sichtlich unter dem Einfluß der Freimaurerei.


22 Nach Koch a.a.O. hatte die Loge eine Bibliothek von 1900 Bänden, ein maurerisches Archiv, ein Lesezimmer und ein physikalisches Kabinett, auch unterstützte sie die Armen mit namhaften Summen. Ein geplantes literarisches Unternehmen scheiterte an dem Reformpatent Josephs II. Allerdings schloß auch sie eine ganze Reihe von Schwarmgeistern ein, so waren z.B. Alchimisten und Goldmacher vertreten, auch Rosenkreuzer, Illuminaten und »Asiatische Brüder« schlichen sich ein. 1788 zählt Koch unter den Mit gliedern einen regierenden Fürsten (Anton von Hohenzollern-Sigmaringen), 36 Grafen, 1 Marchese, 14 Freiherrn, 42 Adelige, Offiziere, Gesandte, Kammerherren, Domherren, Beamte usw. auf.


23 S.o.S. 21.


24 Konstanze teilt den Aufsatz ihres Mannes über diese Gründung am 27. November 1799 und 21. Juli 1800 Härtel in Leipzig mit (Nottebohm S. 131, 133) und nennt als seinen Vertrauten in dieser Angelegenheit Stadler, der sich jedoch bei den damaligen, für die Freimaurerei ungünstigen Umständen seiner Mitwisserschaft scheue. Auch Stadler gehörte zu den recht zweifelhaften Ordensleuten (vgl. I 846 f.); seine Zugehörigkeit zum Orden erklärt aber, wenigstens zum Teil, Mozarts sonst sehr befremdliche Vertrauensseligkeit ihm gegenüber.


25 Maurerrede auf Mozarts Tod. Vorgelesen bey einer Meisteraufnahme in der sehr ehrw. S. Joh. Mozart und die Freimaurerei zur gekrönten Hoffnung im Orient von Wien vom Bdr. H ... r. Wien, gedruckt beym Br. Ignaz Alberti 1792. 8.


26 S.o.S. 54. Der Text mit drei Strophen in F.J. Ratschkys Gedichten, neue Aufl. Wien 1791, S. 151 (vgl. Vaupèl a.a.O.). Sowohl die Fassung »Gesellenweise« der Witwe bei Notteb. S. 123, als »Gesellen weihe« bei Kreitmaier S. 117 ist falsch.


27 Beteiligt waren dabei nach Lewis a.a.O. S. 162 die Brüder Sch-g und Mozart. Das »dreifach Feuer«, von dem der Text des ersten Liedes redet, ist vielleicht eine Anspielung auf die Loge »Zu den drei Feuern«, S.o.S. 60.


28 Köchel und WSF II 413 nehmen dieses Jahr an.


29 Nach Nissen (Anh. S. 18, Nr. 10) und André (Hs. Verz. F), der das Autograph besaß, war der erste Chor für 2 Tenöre und Baß mit Orchester (Quartett, 1 Flöte, 1 Klarinette, 2 Oboen und 2 Hörner) in den Singstimmen mit beziffertem Baß vollständig niedergeschrieben und die Begleitung in Mozarts gewöhnlicher Art skizziert, ebenso die folgende Tenorarie. Von einem sich daran anschließenden Duett sind nur 17 Takte niedergeschrieben. Die Fassung mit Klavierbegleitung scheint also nur ein Notbehelf zu sein.


30 Wiener Zeitung 1785, Nr. 32.


31 Lewis a.a.O. S. 119 f.


32 Eine Abschrift in der Münchner Konservatoriumsbibliothek bringt einen zum Gebrauch der Kirche umgeänderten Text sowie eine Bearbeitung des Schlußchors für vier Stimmen: Sopran, Alt, Tenor und Baß, und im Orchester Trompeten und Pauken.


33 Lewis a.a.O. S. 39.


34 Über die äußere Veranlassung dazu vgl. G. Weber, Caecilia XVIII 210 f. Eine später verworfene Erweiterung des eingeschobenen Allegrosatzes im R.-B., vgl. auch Chrysander AMZ 1877, S. 163.


35 Lehre vom richtigen Verhältnisse zu den Schöpfungswerken und die durch öffentliche Einführung derselben allein zu bewürkende allgemeine Menschenbeglückung, Hamburg 1792 (unter dem neuen Titel »Physidicaeologia« und ohne den Namen des Verfassers 1794). Mozarts Lied ist auf vier Blättern im Typendruck angehängt. Z. war 1753 geboren, kam dann nach ursprünglich glänzenden Verhältnissen immer mehr herunter und endete 1806 im Steintale bei Straßburg durch Selbstmord.


36 Es waren Herzog Georg August von Mecklenburg-Strelitz, k.k. Generalmajor, und der Ungarisch-siebenbürgische Hofkanzler Franz Esterhazy von Galantha, der Großmeister von Mozarts Loge (s.o.), was die Ausnahmestellung der Komposition erklärt.


37 Die beiden höheren Bassetthörner und das Kontrafagott sind später hinzugeschrieben. Die in der Anm. der G.-A. ausgesprochene Behauptung, jene Bassetthörner seien als Ersatz der beiden Hörner hinzugefügt worden, will mir nicht einleuchten, weil dadurch verschiedene Leeren entstünden. Wahrscheinlich hat Mozart, wie das Verzeichnis (Nr. 26) zeigt, an etwas ähnliches zunächst gedacht, sich aber dann doch nach Vollendung der Arbeit für das erweiterte Orchester entschieden.


Quelle:
Abert, Hermann: W. A. Mozart. Leipzig 31955/1956, S. 64.
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