Vorwort.

Der vorliegende Band behandelt im Leben Richard Wagners einen – der bloßen Zeitdauer nach – verhältnismäßig kurzen, nämlich fünfjährigen Abschnitt: das erste Bayreuther Bühnenfestspiel in seinem Werden und Entstehen, seinem Verlauf und schließlich seinen Rückwirkungen auf den, nach dem Verrauschen der Festtage völlig vereinsamten, von allen verlassenen und aufgegebenen Meister. Mit einem Wort: die Periode von 1872 bis 1877. Fünf kurze Jahre, aber wie erfüllt von wechselnden Wendungen und Ereignissen, Eindrücken und Erfahrungen! Von den hoffnungerfüllten Grundsteinlegungstagen geht die Linie noch eine kleine Weile hindurch scheinbar aufwärts. Dann kommen die großen Krache in Wien und Berlin, als Abschluß der traurigen Gründerperiode; ein Versagen hier und dort, Versprechungen, welche nicht gehalten, Zeichnungen, die nicht effektuiert werden: die Krisis macht sich fühlbar. Sie wird so weit überwunden, daß das beispiellose Unternehmen endlich gewagt und durchgeführt werden kann; die erdrückende Defizitlast fällt sodann mit ihrer ganzen, durch nichts gemilderten Wucht auf den kühnen Reformator zurück. ›Ich dachte von unseren höheren Kreisen zu gut‹ ....

Die Aufgabe für den Erzähler war hier vor Allem, den Gang der Dinge in großen, kenntlichen Hauptzügen in voller Klarheit zu vergegenwärtigen, mit entsprechender Eingliederung der – hier nicht etwa zu übergehenden und beseitigenden Details und reichhaltigen Episoden aus den beiden Gebieten des privaten häuslichen Lebens auf der einen, der öffentlichen Betätigung nach der anderen Seite. Eine einseitige Behandlung des vorhandenen Materiales ausschließlich nach der einen, zuletzt genannten Richtung hin: der erzwungenen Betätigung als reisender Konzertgeber in den deutschen Großstädten und als Leiter der Aufführungen seiner Werke am prunkenden Hoftheater der österreichischen Kaiserstadt, – könnte eben diese schweren, enttäuschungsreichen Jahre des Ringens und Leidens leicht in das trügerische Licht einer Kette öffentlicher Triumphe rücken; es war daher jedesmal hervorzuheben, wie wenig [3] diese rein äußerlichen Triumphe und begeisterten Beifallskundgebungen als etwas an sich Erfreuliches von ihm gewünscht und erstrebt wurden, wie jede einzelne dieser Betätigungen nur ein schweres Opfer von seiner häuslichen Schaffensstille und seinem Privat- und Familienleben waren, aus dessen ruhigem Genuß sie ihn – statt des ihm so nötigen Schonens und Sparens seiner Lebenskräfte für höchste reformatorische Kunsttaten – unerbittlich immer wieder herausrissen, um diese edlen Kräfte schonungslos auf den aufreibenden Umwegen bloßer Vorbereitungsarbeiten zu verbrauchen. Aber auch zur Darstellung eben dieses häuslichen Privatlebens gebrach es uns glücklicherweise nicht an lebensvollen Zügen; ohne zu wohlfeilem, in seiner Echtheit unerwiesenem und unerweisbarem Anekdotenkram herabzusteigen, standen uns solche aus den, zum Teil selbst in Buchform erschienenen, durch reiche mündliche Mitteilung ergänzten Erinnerungen Mitlebender, wie Heckel, Kietz, Malwida von Meysenbug, Edward Dannreuther, H. von Wolzogen u.s.w., wie auch durch eigene Anschauung, durchweg in reicher Fülle zu Gebote.

Im einzelnen umfassen die drei ersten Kapitel dieses Bandes zunächst die Vorfälle und Begebenheiten nach der Grundsteinlegung bis zur Vollendung der ›Götterdämmerung‹ in der Orchesterskizze. Die Aufführung war damals noch für das Jahr 1874 angesetzt; die Hoffnung auf eine fördernde Mithilfe von außen her, durch Patrone und Wagner-Vereine, noch ungebrochen, durch nichts zerstört und geknickt. ›Wer die Weihestunden jenes Tages (der Grundsteinlegung) mit erlebte‹, sagt der Meister selbst ›mußte die Empfindung gewinnen, als sei die Ausführung meines weiteren Unternehmens zu einer gemeinsamen Angelegenheit vielverzweigter künstlerischer und nationaler Interessen geworden.‹1 Es galt nun, sich durch eigenen Einblick eine Kenntnis von dem Bestande der vorhandenen darstellenden Kräfte an den, so lange von ihm nicht betretenen, verdorbenen deutschen Theatern zu verschaffen. Der Gewinnung dieser Kenntnis sollte die große Rundreise im Winter von 1872 bis 1873 dienen (Kap. I u. II). Um einem, bereits sich geltend machenden Stocken der materiellen Zuflüsse von außen vorzubeugen, die Teilnahme anzuregen und zu bestärken, stellt sich die Notwendigkeit auswärtiger Konzertunternehmungen als unumgänglich heraus: Hamburg, Berlin und Köln sind die nächsten dafür ausersehenen Orte (Kap. III). Unmöglich aber ist es, für jedes weitere Tausend Taler ein neues besonderes Konzert zu veranstalten: ›ich hätte dann ungefähr noch 200 Konzerte zu geben.‹ Ein ›zögernder Fortgang‹ (Kap. IV), endlich völliger Stillstand, ist die Folge dieser Enthaltung; [4] sie führt, unter Mitwirkung mancher ungünstigen Verhältnisse, zu der entscheidenden ›Krisis des Unternehmens‹ (Kap. V). Es ist nicht mit kurzen Worten zu schildern, sondern nur an der Hand der Tatsachen mit- und nachzuerleben, was es auf sich hatte, daß der ursprüngliche Termin für die Aufführungen, der Sommer 1874, unter diesen Umständen nicht einzuhalten war, daß dieselben zuerst auf das Jahr 1875, dann noch um ein weiteres Jahr hinaus verschoben werden mußten. Während, trotz der angeblich so schlechten Zeiten, überall, ›an Höfen und an nied'rer Statt‹, ein Überfluß an Wohlleben und nichtigen großstädtischen Zerstreuungen sich bemerkbar macht, werden die kostbaren, unersetzlichen Lebensjahre des großen produktiven Genius eines um das andere sinnlos verschwendet! ›Gewiß,‹ schreibt er Ende Dezember 1873 in einem soeben erst veröffentlichten Briefe an den Schwager Prof. Hermann Brockhaus in Leipzig,2 ›gewiß könnte mir manches leichter gemacht worden sein: ich gebrauche eine zähe Gesundheit und ein langes Leben, um der Stumpfsinnigkeit und boshaften Mattherzigkeit. Das abzuringen, was mit minderer Mühe wohl ebenso gut zutage getreten wäre, wenn der Boden unserer Zeit nur mit etwas mehr Gunst gedüngt wäre.‹ Wie viel bedeutungsleere Prunk- und Luxusbauten, die wir hier nicht aufzählen wollen, entstanden nicht um die gleiche Zeit, wo der einfach schlicht erhabene Festspielhausbau um seine Vollendung rang, mit ungeheueren Kosten in den verschiedenen Residenzen des deutschen Reiches! Welche Summen wurden an wesenlos nichtige Hof- und Theaterfestlichkeiten verschleudert! Was alles galt nicht im Zeitalter der Museumskunst als Förderung idealistischer Interessen, während dem höchsten lebendigen Kunstwerk die Teilnahme der höheren Regionen und herrschenden Mächte versagt blieb und der Meister – nachdem er seine eigenen Kräfte für diese undankbaren Vorarbeiten erschöpft – dicht daran war, die offenen Wände seines halbvollendeten Theaters ›mit Brettern zu verschlagen, damit nicht die Eulen darin nisteten‹!

›Deutschlands Kultur‹, sagt Dr. M. G. Conrad in seiner kürzlich erschienenen, heiligen Zornes vollen Schrift3, ›Deutschlands Kultur hatte unmittelbar nach dem großen Krieg ihren tiefsten Stand erreicht. Die Musikprofessoren, die Hochschulästhetiker, die Kritiker der großen führenden Preßorgane haben damals in die Klagen über den Verfall des Theaterwesens, über den Niedergang des bürgerlichen Kunstgeschmackes etc. tapfer mit eingestimmt, in dem nämlichen Atemzug aber die heilsamen Reformgedanken und Wiedergeburtsversuche Richard Wagners mit dem giftigsten Hohn verfolgt. Es gab keine [5] Lüge, keinen Witz, kein Zerrbild schäbig genug, um nicht das Werk des nationalen Meisters damit zu besudeln. Die führenden Herrschaften in Staat, Kirche, Schule und Presse hatten keinen Sinn für die verantwortungsvollen Aufgaben der Kunst. Blut und Eisen hatten ihre Wunder vollbracht, Kaiser und Reich prangten in junger Glorie, der Milliardensegen der französischen Kriegskostenentschädigung hatte sich über das Land ergossen – was wollte man mehr? Nicht ein winziges Tröpflein vom Gold- und Machtsegen des Reiches durfte das Werk von Bayreuth befruchten helfen. Viel lieber grub man mit Reichsmitteln das alte griechische Olympia aus, unterstützte mit einem Haufen Gold die römische Limesforschung und den lateinischen Sprachschatz. Wagners Nibelungen in Bayreuth! Der Meister konnte betteln gehen mit seinen »Nibelungen«, als 1876 das große Defizit nach den ersten Festspielen über ihn hereingebrochen war ...‹4

Unter solchen Beunruhigungen und unter vergeblicher Anrufung der herrschenden Autoritäten und gekrönten Häupter des neuen Reiches gewann er zunächst sich mühsam die Zeit zur Vollendung jenes seines ›im Vertrauen auf den deutschen Geist entworfenen‹ Riesenwerkes, der Ausführung ihres letzten Teiles, der ›Götterdämmerung‹, in Partitur (Kap. VI). ›Ich gebe keine Konzerte mehr‹, hatte er gleich nach Abschluß der ersten Konzertperiode im Frühjahr 1873 gesagt. ›Sie schaden nur; anstatt zu Weiterem anzuregen, glaubt alles mit dieser Konzerteinnahme genug getan zu haben, und die Sache ist nun aus‹.5 Und nun war doch, alsbald nach dem Abschluß seines großen Werkes, das Allererste, daß er wieder an Konzertveranstaltungen in Wien, Pest und Berlin zu denken hatte! (Kap. VII). Sonst hätten die Zuflüsse völlig gestockt. Nach mühevoller Gewinnung der Kräfte für die Darstellung seines Werkes sollte dieses nun in einer Folge von Studien und Proben Gestalt gewinnen. Aber zwischen Kapitel VIII und XI unserer Erzählung, die sich mit diesen Studien eingehend beschäftigen, liegen zwei andere, die von ganz abliegenden Anstrengungen zu berichten haben, von den Aufführungen des ›Tannhäuser‹ und ›Lohengrin‹ in Wien und des ›Tristan‹ in Berlin (Kap. IX und X). So ohne eigentliche Ausspannung und Erholung, seit Jahren an einer regelmäßigen Brunnen- und Badekur verhindert, geht es unmittelbar von den unerhörten Anspannungen der letzten Proben an die Aufführung selbst: an die Heldentat des ersten deutschen Bühnenfestspieles (Kap. XII). ›Unsere Sorgen sind groß, und schließlich muß ich den Vorsatz, die Aufführungen noch in diesem Jahr stattfinden zu lassen, für tollkühn ansehen‹,[6] hatte er im voraus gesagt. Immerhin mußte es ihm als etwas anderes erscheinen, einem allgemein angezweifelten Unternehmen im voraus Vorschüsse zu verschaffen, als einem zum Erstaunen aller Welt durchgeführten eine nachträgliche, auf eine fruchtbare fernere Zukunft derselben abzielende Teilnahme zuzuwenden. Aber nicht eine seiner berechtigten Forderungen und Erwartungen hat ihm seine Mitwelt erfüllt. Während er, um einer lastenden Schwermut zu entgehen, in Italien Erholung und Zerstreuung sucht, wird ihm der finanzielle Abschluß der Unternehmung brieflich mitgeteilt: er besteht in einer Schuldenlast von über 100000 Mark (Kap. XIII: ›Von allen verlassen‹). Er sehnt sich der Schaffensruhe entgegen, das Bühnenweihefestspiel ›Parsifal‹ drängt zu seiner Geburt; kaum gewinnt er aber nur die Zeit, die Dichtung zur Niederschrift zu bringen, so reißt ihn der Londoner ›Festival‹-Plan aus der Muße heraus, um aus eigener Kraft das von niemand ihm abgenommene Defizit zu decken (Kap. XIV). Neue Enttäuschung, neue erhebliche Verluste! Auf eine Wiederholung der ›Ring‹-Aufführung im Sommer 1877 ist bereits zuvor verzichtet. Dafür wird der ›Schulplan‹ entworfen. Durch einen genossenschaftlichen Zusammenschluß der größeren deutschen Theater, denen er dafür seinen ›Nibelungenring‹ zur Aufführung ausliefert, soll ihm das Personale für eine reinere vollendetere Bayreuther Produktion seines Werkes gewährleistet und dieses an seinen eigenen früheren Werken in einer Folge von Jahren planmäßig in dem neuen Stile geschult und herangebildet werden. Aber auch dieser Plan gelangt nicht zur Durchführung (Kap. XV). Selbst Taten, wie seine Bayreuther Aufführungen, waren von der herrschenden deutschen ›Öffentlichkeit‹, rein – ›hinweggeredet‹ worden. ›Was wollen Sie nun der großen Zeitungspresse gegenüberstellen? welche Macht?‹ – Keine Macht, wohl aber eine moralische Kraft hatte sich in den nächstfolgenden Jahren langsam zu erproben: mit der Begründung der ›Bayreuther Blätter‹ und des ›Allgemeinen Patronatvereines‹ schließt dieser Abschnitt unseres Lebensberichtes. Daß auch diese letztere Vereinigung den Meister schließlich täuschen mußte und wie es dazu kam, daß er selbst ihre Auf lösung für eine der nötigsten letzten Handlungen zur Sicherung seines Lebenswerkes hielt, – ist ebenso charakteristisch für die heute noch in vollem Glanz fortbestehende moralische Beschaffenheit unseres vortrefflichen deutschen ›Publikums‹, wie es andererseits ein letztes Erlebnis des Reformators in bezug auf alles Vereinswesen war und daher nur im Zusammenhange mit seinen sonstigen Erlebnissen in einem folgenden Bande berichtet werden kann.

Jeder einzelne der bisherigen Abschnitte unserer Lebensschilderung des gewaltigsten, zugleich schöpferischen und reformatorischen Künstlergeistes hat[7] noch mit einem hoffnungsreichen Ereignis seinen Abschluß gefunden: der erste Band mit der Heimkehr aus dem Pariser Exil und dem Eintritt in eine – dem Anschein nach – wohlwollende heimische Umgebung; der zweite mit dem Abbrechen aller Brücken und dem Entwurf des großen Nibelungenwerkes, zunächst für Zürich, welches dadurch eine Weltbedeutung erlangt haben würde; der dritte mit dem hoffnungsvollen Eintritt in München unter dem Schutz eines begeisterten jungen Königs; der vierte mit der Bayreuther Grundsteinlegung. Von all diesen Hoffnungen und Verheißungen haben sich immer nur diejenigen erfüllt und verwirklicht, deren Erfüllung und Verwirklichung in seiner eigenen persönlichen Macht lag; die äußere Welt hat ihn, bis auf wenige, zu ihm selbst gehörige Freunde, wo es irgend darauf ankam, immer nur im Stiche gelassen. Auch dieser Band schließt mit einer Hoffnung: mit der Vollendung und Publikation der ›Parsifal‹-Dichtung, der Begründung der ›Bayreuther Blätter‹ und des allgemeinen Patronatvereines. Es ist aber bezeichnend, daß wir im Vorhergehenden bereits die Tatsache der notwendigen ›Auflösung‹ dieses Vereines vorwegnehmen mußten, und zwar einer Auflösung zum Zwecke der Sicherung seines Lebenswerkes vor den törichtesten Anmaßungen Derer, die zu seiner Förderung trotz eines fünfjährigen Vereinsbestandes nichts Wesentliches beigetragen hatten. Wiederum hat nur Stich gehalten, was von ihm selbst, nicht von den Zeitgenossen, ausging: das erhabene Bühnenweihefestspiel als eigentlicher unantastbarer Hort des von ihm begründeten Reformationswerkes. Und auch dieses sehen wir heutzutage in seinem, durch hingebendste Treue gepflegten. Dasein von einem Schwarm gieriger Nachtgeister umlagert und bedroht. Wird es noch in letzter Stunde gelingen, durch ein neues Autorengesetz dessen Rechtsschutz auf weitere zwanzig Jahre über den hundertjährigen Geburtstag des Meisters hinaus zu erwirken, oder wird diese Hundertjahrsfeier bloß zur Befriedigung ungezähmter Begierden Derjenigen dienen, die schon jetzt die frevelnde Hand danach ausstrecken? – – –

Der vorliegende Abschnitt unserer Erzählung hat für die endgültige Fassung, in welcher er gegenwärtig vorliegt, nicht bloß eine einmalige, sondern fast in seiner vollen Ausdehnung eine zweimalige Durcharbeitung des gesamten Stoffes erfahren. Die Absicht war ursprünglich die, ihn als Schlußband zu behandeln, der das ganze sechste Buch in sich zusammenfassen sollte, und das darin enthaltene Material demgemäß ungefähr auf die Hälfte des jetzt darauf verwendeten Raumes zusammenzudrängen. Spät, aber für den Verfasser wahrhaft erleichternd, stellte sich die Unmöglichkeit eines solchen Verfahrens und der darauf begründete notwendige Entschluß einer Teilung dieses [8] sechsten Buches heraus. Auch in diesem Falle sind die äußere Begrenzung und innere Durchführung eben nicht durch einen willkürlichen Vorsatz des Autors, sondern einzig durch den Gegenstand selbst und seine Anforderungen diktiert worden. Die Reduzierung des hier Gebotenen auf den halben Umfang hätte eine weitgehende Benachteiligung der gesamten Darstellung zur Folge gehabt, wie sie dem Empfänger und Leser der bisherigen Bände nicht zuzumuten war. Besteht doch der spezifische Vorzug unseres Werkes in der kritisch zuverlässigen, dabei aber gleichzeitig in einem gewissen Sinne erschöpfenden Behandlung ihres Gegenstandes, die nach keiner Richtung ungelöste Probleme und Zweifel übrig läßt, auf Grund der vorliegenden Quellen. Diese letzteren sind einerseits die berichtenden, schildernden und ausführenden Zeugnisse Mitlebender, andererseits die Selbstzeugnisse des Meisters in seiner gleichzeitigen Korrespondenz oder zuverlässig berichteten mündlichen Äußerungen. Aus beiden zusammen ergiebt sich ein quellenmäßiges Gesamtbild, aus welchem nicht – wie wir dies so häufig antreffen – die unzulänglich subjektive Reflexion eines beliebigen Biographen, sondern der Gegenstand selbst uns objektiv überzeugend entgegentritt. Weder nach der einen, noch nach der anderen Richtung hin war im gegebenen Falle eine wesentliche Beschränkung möglich, ohne dem Charakter unserer Arbeit zu nahe treten, ja ihn in gewissem Grade, im Verhältnis zu den früheren Teilen, durch ein Verkürzen, ein Beschneiden am unrechten Orte, geradezu aufzuheben.

Die Erfahrung lehrte uns dies, indem wir diese Verkürzungen und Auslassungen, in der vorschwebenden löblichen Absicht einer Zusammendrängung grundsätzlich durchzuführen suchten, um sie am Ende doch aufzugeben und Übergangenes wieder in seine Rechte einzusetzen. Nachdem wir Jahre lang uns bemüht, bis in die einzelnen Episoden dieses unvergleichlichen Lebensganges hinein, uns im brieflichen und mündlichen Verkehr mit den hier in Betracht kommenden Zeitgenossen, über dessen einzelne Wendungen und Vorkommnisse zu unterrichten, meinten wir den Er trag dieser Bemühungen dem Leser doch nicht, durch einfache Übergehung so mancher anschaulicher Züge, vorenthalten zu sollen. Wo diese mündlichen Berichte, wie beispielsweise von Seiten Heckels und Gustav Kietz', inzwischen selbständige Buchgestalt angenommen hatten, haben wir es nicht unterlassen, dieselben in der ihnen durch den jedesmaligen Gewährsmann selbst gegebenen Form und Fassung anzuführen. Sie aber aus diesem Grunde zu übergehen und nicht in das Ganze unserer Erzählung mit hineinzuverarbeiten, würde in unseren Augen eine empfindliche Schädigung des Ganzen bedeutet haben. Wiederum würde eine biographische Darstellung, ausschließlich auf solche – mehr oder weniger episodische –[9] Überlieferungen aufgebaut, uns – wie bereits auch in den früheren Bänden – als ein allzu lustiges Gebäude erschienen sein. Wir haben daher auch in dem vorliegenden Abschnitt die eigenen Lebenszeugnisse Richard Wagners in Schriften und Briefen, als Hauptrichtschnur und wesentlichsten Bestandteil überall mit eingeflochten, so daß erst aus der Verschmelzung beider das uns vorschwebende objektive Bild sich ergab. Es war uns bei dieser erneuten Durcharbeitung recht auffällig, wie nach dem Aufgeben des, ursprünglich mit einiger Überwindung eingehaltenen Grundsatzes der Zusammendrängung, alles bisher Zurückgehaltene und Eingedämmte nunmehr in die ihm naturgemäß bestimmten Bahnen wieder einströmte. Erst hierdurch gewann der gegenwärtige fünfte Band ein den früheren entsprechendes Aussehen.

Er bietet somit in seinem Inhalt ein ganz bestimmt abgegrenztes, einzelnes Gebiet: die Geschichte des ersten Bayreuther Bühnenfestspiels mit Einschluß des dazu gehörigen Nachspiels der Defizitsorgen und des Londoner Festivals. Wer sich vergegenwärtigt, nach wieviel Richtungen hin das Leben und die Betätigung des Meisters gerade auch in dieser Periode sich verzweigt, wie fast an jeden seiner auswärtigen Aufenthalte, zu Konzertveranstaltungen oder zur Auffindung geeigneter künstlerischer Kräfte, buchstäblich unzählige, unübersehbare Erinnerungen und Traditionen sich knüpfen; wie allein unter den weit über hundert Mitwirkenden ein jeder seine besonderen Erinnerungen und Erfahrungen aufzuweisen hatte,6 wird sich leicht sagen, daß die hier erstrebte ›Vollständigkeit‹ nur eine relative, ideelle sein konnte. Indeß dürfen wir getrost hinzufügen, daß ein großer Teil der hier gemeinten Erinnerungen Einzelner sich mit dem von uns Gebotenen entweder bereits deckt oder auch auf einen biographischen Wert überhaupt keinen Anspruch erheben kann. Gar manches in Zeitungsartikeln oder mündlicher Mitteilung uns bekannt Gewordene ist in diesem Sinne von uns ohne weitere Erwähnung, wie auch schon in den früheren Abschnitten, einfach still schweigend übergangen. Das Bedeutende liegt niemals in der Masse der Einzelheiten; aus der materiellen Anhäufung vieler kleiner Züge, selbst wenn ihre Echtheit zu erweisen wäre, wird niemals ein Bild des Großen entstehen.

Der Verfasser.


Fußnoten

1 Gesammelte Schriften X, S. 142.


2 ›Familienbriefe von Richard Wagner‹ (Berlin, Verlag Alexander Duncker), S. 286/87.


3 ›Wagners Geist und Kunst in Bayreuth‹, München-Schwabing, E. W. Bonsels, 1906.


4 A. a. O., S. 23, 18/19, 22 f.


5 S. 81 des vorliegenden Bandes.


6 Als eines der hervorragendsten Beispiele für das hier Gemeinte sind die Frickeschen Tagebücher (unter dem Titel ›Bayreuth vor dreißig Jahren‹, Dresden, Richard Bertling 1906) an das Licht getreten, gerade noch zur rechten Zeit, um mit manchen einzelnen Zügen in dem bereits im Drucke befindlichen gegenwärtigen Bande mit benutzt zu werden.


Quelle:
Glasenapp, Carl Friedrich: Das Leben Richard Wagners in 6 Büchern. Band 5, Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1905.
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