3.

Die Schule in Hainburg.1

Wir folgen nun Mathias Haydn und seinem Sohne auf der Fahrt nach Hainburg. War der Kleine in Erwartung einer ihm neuen Welt wohl sehr erregt, so war es gewiß nicht minder der Vater, der den einzigen Sohn im zartesten Alter fremder Obhut anvertrauen und zugleich die Vaterstadt nach langer Abwesenheit wieder begrüßen sollte. Auf dem Wege gab es genug zu schauen und zu erinnern, und der Vater wird es gewiß nicht unterlassen haben, des Kleinen Neugierde nach rechts und links hin zu fesseln, denn die Gegend gewinnt hier an Interesse, je mehr man sich vom Orte entfernt. Die über einen flachen Höhenrücken nordwärts ziehende Straße führt von Rohrau in einer Stunde nach Petronell. Hier betritt der Wanderer klassischen Boden; jeder Schritt erinnert an längst entschwundene Zeit. Schon unterwegs erblickt man zur Linken in freiem Felde hoch aufgerichtet einen römischen Triumphbogen, im Volksmunde als das »Heidenthor« bekannt (das auch die Marktgemeinde Petronell seit dem Jahre 1719 als Wahrzeichen im Schilde führt). Es ist eines der noch erhaltenen Denkmäler der ehemaligen[18] Besitzer dieser Gegend, denn hier waren lange Zeit die Römer ansässig und nahebei der Standort ihrer Donauflotte; an der Stelle des, nach dem Brande vom Jahre 1830 größtentheils neu erbauten Marktes Petronell erhob sich die ausgedehnte, im Jahre 375 zerstörte römische Stadt Carnuntum, ein Municipium, wo Septimius Severus zum Kaiser ausgerufen wurde und der edle, geistvolle Marc Aurel thronte. Die Bauwerke jener Zeit sind verschwunden, doch verfehlen selbst die einzelnen Ueberreste nicht, auf den Beschauer einen ernsten Eindruck auszuüben. Bei Petronell wendet man sich ostwärts und ist in abermals einer Stunde in Deutsch-Altenburg und mit jedem Schritt wird die Gegend interessanter. Die Straße zieht sich fortwährend längs der stromabwärts führenden Donau hinderen üppig grünen Auen das Auge mit Wohlgefallen folgt. Vor Altenburg geht die Straße über die Stätte des hier bestandenen Römerpalastes. Trümmer von Wartthürmen, Grundvesten des Standlagers der Legion, dreifache Wasserleitung, Spuren römischer Bäder bezeichnen die ehemalige Bestimmung dieser Gegend, von den Einwohnern die »alte verfallene Stadt« genannt. Vor dem Orte erhebt sich inmitten eines Friedhofes auf einem ansehnlichen Hügel die Kirche zu St. Peter und Paul, eines der schönsten Denkmäler altdeutscher Baukunst, und in ihrer unmittelbaren Nähe steht eine nicht minder merkwürdige und wohlerhaltene byzantinische Rotunde.

Noch eine kurze Strecke und Hainburg, die landesfürstliche, nach dieser Seite hin letzte reindeutsche Stadt, tritt den Blicken entgegen. Ein malerisches, prächtiges Bild gewähren die alterthümlichen Stadtmauern mit ihren Thürmen, von denen besonders der an der westlichen Umfangsmauer (das Wiener-Thor) durch seine besondere Bauart imponirt; nicht minder der kühn sich erhebende Felsenkegel im Hintergrunde mit der alten, noch in ihren Ruinen stolz die Gegend beherrschenden und schon im Nibelungenliede besungenen Heunenburg, deren Ringmauern bis zum unteren Schlosse herabreichen.2

Zur Zeit, als unsere Reisenden ihren Einzug durch das Wiener-Thor und die Wiener Straße hielten (zur Linken, nach dem Thore, wohnte Haydn's Großmutter), hatte sich die Stadt,[19] Dank eines im Jahre 1690 ausgestellten und noch vorhandenen Sammlungs-Briefes der »von den Turkhen und Tartaren ruinirten Stadt Hainburg«, vom Unglücksjahre 1683 längst wieder erholt. Wir haben es zunächst nur mit der Schule zu thun, wo Haydn seine erste Schulzeit verlebte. Das jetzige Schulhaus, im Jahre 1783 neu und wohl auch vergrößert wieder aufgebaut, steht in der ziemlich breiten Ungargasse, dem Bezirksgericht gegenüber, und hat nebst Parterre zwei Stockwerk und fünf Fenster Straßenfront; das Schild führt die Aufschrift »Hauptschule«. Hainburg, wegen der hier bestandenen Wasser- und Landmauth und anderer Gefälle frühzeitig von vielen Beamtenfamilien bewohnt, hatte schon im Jahre 1343 einen Schulmeister und im Jahre 1544 einen Chorregent aufzuweisen. Beide Posten wurden dann zu einem Amte verbunden unter dem gemeinsamen Titel: Schulrector. Vom Jahre 1783 angefangen wurde die Vereinigung beider Stellen nicht weiter gestattet, da jede für sich ihren Mann ernähren konnte. Aus einem Bericht des Stadtpfarrers Palmb an das fürst-erzbischöfliche Consistorium in Wien (1761) sind die Pflichten des Schulrectors zu ersehen: Derselbe hat zu jedem »gesungenen« Gottesdienste (Hochamt, Vesper, Litanei) die Chormusik wohl zu versehen mit Orgelschlagen, mit Gesang durch die dazu angestellten Vocalisten, und mit Violinisten und Trompetern (wozu die Kirche die Instrumente beistellt); ferner hat er die Knaben zum Ministranten-Dienst abzurichten und durch die zwei besoldeten Präceptoren im Singen und in der Musik überhaupt, im Lesen, Schreiben und Rechnen gut zu unterweisen und die Schulkinder namentlich in christlicher Zucht und Ehrbarkeit im Beten zu belehren. Zum Gottesdienste und nach üblicher Gewohnheit wider die Ungewitter hatte er auch das Glockengeläute zu besorgen.

Der Vorgänger von Haydn's Lehrer war ein gewisser Philipp Pudler, der am 23. Mai, 1730 die Witwe Katharina Barbara Arbeißer von Weißenburg zum Weibe nahm. Seine Quittung für halbjährige Besoldung mit 60 Fl. kommt noch unterm 1. Juli 1732 vor. Am 6. August finden wir nun ein Gesuch der Frau, worin sie dem Stadtrath anzeigt, daß ihr Mann »in Folge einer Ehetragung« (häuslichen Zwist) sie verlassen habe, sie hoffe aber daß er bald wiederkehren werde und bitte, ihr unterdessen den Schuldienst zu belassen. Die gute[20] Frau wartete vergebens – Pudler kam nicht wieder und die verlassene Schulrectorin erhielt am 1. Oct. ihr letztes Quartal ausbezahlt. Die nächste Quartal-Quittung, am letzten December 1732, ist bereits unterzeichnet mit Johann Mathias Frankh. Es war dies derselbe Mann, den wir schon in Rohrau als Anverwandten Haydn's kennen lernten und der nun dessen erster Lehrmeister werden sollte. Die erwähnte »Ehetragung« wurde somit entscheidend für Haydn's ersten wichtigen Schritt ins Leben und vielleicht für seine ganze Laufbahn, denn Frankh wäre wohl nie in das, ihm nun nachbarliche Rohrau gekommen; seine Verwandtschaft mit der Familie Haydn – eine Folge seiner Anstellung – erleichterte nicht minder des Vaters Einwilligung zur Uebersiedelung des Sohnes nach Hainburg.

Bei diesem Frankh also, einem tüchtigen aber auch strengen Schulmanne, war es Haydn vergönnt »die musikalischen Anfangsgründe sammt andern jugentlichen Nothwendigkeiten zu erlehrnen«. Und daß er Talent und Fleiß zeigte, deutet er in seiner bescheidenen Weise nur so obenhin an, indem er, dankerfüllt gegen seinen Schöpfer, weiterhin bemerkt: »Gott der Allmächtige (welchem ich alleinig so unermessene Gnade zu danken habe) gab mir besonders in der Musik so viele Leichtigkeit, indem ich schon in meinem sechsten Jahre ganz dreist einige Messen auf dem Chor herabsang und auch etwas auf dem Klavier und Violin spielte.« Nach Griesinger (S. 8) lernte er aber überhaupt den Gebrauch aller dort üblichen Instrumente kennen, denn Frankh ging gleich aufs Praktische los und den Vortheil dieser Methode anerkannte Haydn oft im Leben. Jener Lehrzeit und seines Lehrers noch im hohen Alter gedenkend, äußert sich Haydn gegen Griesinger: »Ich verdanke es diesem Manne noch im Grabe, daß er mich zu so vielerley angehalten hat, wenn ich gleich dabey mehr Prügel als zu essen bekam.«

Frankh, geboren am 15. Mai 1708, war das vierte Kind des Nachbars (Hausbesitzers) Kaspar Frankh zu Ketzelsdorf3, einem kleinen Dorfe bei Walterskirchen in Nieder-Oesterreich und nahe der mährischen Grenze. Als er, 24 Jahre alt, die Schulrector-Stelle[21] in Hainburg erhielt, war seine nächste Sorge, am 1. Febr. 1733 die Witwe Elisabeth Lehrl aus Hainburg zu heirathen, die aber nach wenigen Monaten, am 13. Juli, starb. Den Witwenstand hielt Frankh nicht lange aus; schon am 6. Sept., zwei Monate nach dem Tode seiner ersten Frau, führt er die schon erwähnte Juliana Rosine, Tochter des Wagnermeisters Seefranz, zum Traualter. Seefranz war, wie wir gesehen, der zweite Mann der Großmutter Haydn's und Juliana, geboren am 15. Febr. 1711, das vierte Kind dieser Ehe. Frankh wurde daher mit Haydn im entfernten Grad verwandt und dieser nannte seinen Lehrer schlechtweg Vetter und dessen Frau Muhme. Der Muhme fiel nun die Aufgabe zu, bei Haydn Mutterstelle zu vertreten, für sein leibliches Wohl zu sorgen und ihm durch treue Pflege und Liebe das Elternhaus zu ersetzen. Die junge Frau, die bereits mit zwei eigenen Kindern gesegnet war, scheint diesen Verpflichtungen wenig entsprochen zu haben. Ohne sie gerade anzuklagen, hat Haydn seinen damaligen Zustand gegen Dies und Bertuch4 eingehend geschildert. Von seinen Eltern stets sauber und sorgfältig an Körper und Kleidung gehalten (er trug schon damals »der Reinlichkeit wegen« eine Perücke) zeigte er unter der nunmehrigen Obhut bedeutende Vernachlässigung. Seine wenigen Kleidungsstücke reichten zum öfteren Wechsel nicht aus und die damit verbundenen Folgen erschreckten und betrübten ihn sehr. »Ich mußte mit Schmerzen wahrnehmen, daß die Unreinlichkeit den Meister spielte und ob ich mir gleich auf meine kleine Person viel einbildete: so konnte ich doch nicht verhindern, daß auf meinem Kleide nicht dann und wann Spuren der Unsauberkeit sichtbar wurden, die mich auf das empfindlichste beschämten – ich war ein kleiner Igel.«

Ein Theil der Schuld fällt hier wohl auch auf den Schulrector selbst, dessen Bild, aus Haydn's wenigen Worten uns so vortheilhaft entgegensehend, beim Durchblättern der Raths-Protokolle mitunter auch getrübt erscheint. Im Jahre 1740 wird gegen Frankh Klage geführt, daß er sein Amt nachlässig verwalte; in der Pfarrkirche werde das Glockengeläute sehr unordentlich betrieben und die Kirchen-Musikinstrumente seien in[22] schlechtem Zustande. Ferner wird ihm und einigen genannten Musikanten bei Geldstrafe anbefohlen, sich im Fasching des Geigens zu enthalten. Schlimmeres kommt im nächsten Jahre vor: Frankh wird wegen Spiels mit falschen Würfeln vorgeladen (die Würfel hatte er, aber zu spät, durchs Fenster ins Wasser geworfen) und muß drei Dukaten in Gold erlegen. Im September 1762 ist Frankh entwichen; ein Rathsmitglied wird mit Ordnung der zurückgelassenen Wirthschaft betraut und ihm die vorgefundenen Schriften über Vermögen und Schuldenstand eingehändigt. Auf seine Stelle in Schule und Kirche hatte Frankh schriftlich resignirt, kehrte aber, im Gegensatz zu seinem Vorgänger Pudler, schon nach zwölf Tagen zurück, reumüthig um Verzeihung und um Wiederverleihung seines Postens bittend. Es spricht gewiß zu seinem Vortheil, daß man ihn in Gnaden aufnahm und ihm den Dienst, einstweilen auf ein Jahr, wieder übertrug. Zugleich aber wird der Flüchtling ermahnt, einen guten Wirth abzugeben, seinen Vermögensstand zu vermehren, sich wohl aufzuführen und namentlich die Pupillengelder sicher zu stellen und abzuführen. Frankh muß später in geordneten Verhältnissen gelebt haben, denn er erwarb sich Haus und Feld; das Haus verkaufte er im Jahre 1774 um 700 Fl. und 11/2 Joch Acker dazu um 79 Fl. Im Jahre 1780 erscheint Frankh vor dem Rath, resignirt in Rücksicht seines hohen Alters auf die Chor- und Schulrectorstelle und verlangt eine Pension. Der Stadtrath aber meint, er solle die Stelle fortführen, bis man ein taugliches Subject gefunden habe, worauf über seine weitere Bitte das Nöthige veranlaßt werden würde. Unterdessen ward ihm auf sein Ansuchen zur Beischaffung von Instrumenten auf den Kirchenchor eine mäßige Summe Geldes angewiesen und, ebenfalls auf seine Bitte, der jährliche »Gehalt« des Orgelziehers von 4 auf 6 Fl. erhöht.5 Ein taugliches Subject für die Schulrectorstelle war aber zur Zeit nicht ausfindig zu machen; im Gegentheil wurden im Januar 1782 der greise Rector und seine Präceptoren vom Stadtrath vorgeladen und ihnen in ehrender Weise aufgetragen, die Lehrart und gute Leitung der Schulordnung auch fernerhin fortzuführen. Nicht lange aber und Haydn's Lehrer starb im 75. Lebensjahre am 10. Mai 1783,[23] nachdem er sein Amt gerade fünfzig Jahre lang versehen hatte. Seine Frau hatte er schon im Jahre 1760 durch den Tod verloren; von seinen zahlreichen Kindern überlebten ihn nur drei Töchter, alle drei verheirathet. Die jüngste, Anna Rosalia, geb. am 3. Sept. 1752, hatte den Schulgehülfen und nachherigen Chorregent Philipp Schimpel geheirathet. Auch diesen Beiden gegenüber zeigte sich Haydn's dankbares Gemüth, denn, das Andenken an seinen ersten Lehrer noch in den letzten Lebenstagen treu bewahrend, hatte Haydn in seinem zweiten Testamente §. 30 folgendes bestimmt: »Vermache ich dem Philipp Schimpel, Chormeister zu Hainburg, und seiner Gattin zusammen 100 Fl., wie auch das in meinem Hause zu ebener Erde befindliche Porträt ihres Vaters, Namens Frank, welcher mein erster Lehrmeister in der Musik war.«6 Haydn's Vermächtniß blieb unvollzogen, denn die Eheleute waren bereits todt. Beide starben in ein und demselben Jahre, der Mann am 28. März, die Frau am 19. Dec. 1805. Das Porträt Frankh's, das doch Dies, Griesinger, Neukomm, Carpani u.a. gesehen haben mußten, ist spurlos verschwunden.

Der Maler Dies hat uns (S. 15) aus Haydn's Schulzeit eine Anekdote aufbewahrt, die zeigt, wie der Kleine gleich beim Eintritt in seinen neuen Wirkungskreis praktisch verwendet wurde. Es war in der Kreuzwoche, in welcher besonders viele Processionen um die Pfarrkirche am Hauptplatze abgehalten wurden. Namentlich der Festtag St. Florian, 4. Juni, wurde wie alljährlich mit Hochamt und Opfergang gefeiert. Von den begleitenden Musikanten war diesmal ganz unerwartet der Paukenschläger gestorben und Niemand da, der ihn hätte ersetzen[24] können. In seiner Verlegenheit griff der Schulrector zum Aeußersten. Sein neuer Schüler, so klein und unerfahren er war, sollte in Eile die Pauke schlagen lernen. Frankh giebt ihm die nöthige Anleitung sich einzuüben und überläßt ihn seinem Eifer. Der Kleine nimmt nun einen beim Brodbacken benutzten Mehlkorb, spannt ein Tuch über ihn, stellt das neu erfundene Instrument auf einen Sessel und beginnt wacker drauflos zu schlagen, die Wolken Mehls nicht beachtend, die sich um ihn zusammen ziehen, noch weniger das immer drohendere Aechzen seines Opfers. Wohl gab es, als der Lehrer dazu kam, in der ersten Hitze einen Verweis, doch der Paukenschläger war fertig und die Procession konnte unbeanstandet vor sich gehen. Der kleinen Statur Josephs halber mußte man aber auch statt des gewöhnlichen Paukenträgers einen Mann von kleinem Wuchse wählen. Ein solcher war allerdings bald gefunden, allein leider war er mit einem Höcker behaftet. So andächtig nun auch die Zuschauer dem ersten Theil der Procession folgten, so heiter stimmte sie der nachfolgende Aufzug. Dies war das Debut Haydn's als Virtuose im Paukenschlagen – einer Kunst, in der er sich gerne loben ließ und noch in London bei einer Probe dem überraschten Musiker mit einem gewissen Selbstgefühl durch eigene Verbesserung nachhalf. Die Pauken aber, die Haydn in Hainburg schlug, sind noch jetzt auf dem Chor der Kirche in Gebrauch.

Zwei Jahre hatte Haydn bei dem Vetter bereits zugebracht, als sein Schicksal unerwartet eine Wendung nahm. Der kaiserl. Hofcompositor und seit kurzem auch Domkapellmeister bei St. Stephan in Wien, Georg Reutter (er war damals noch nicht geadelt) war auf einer Geschäftsreise in Hainburg angekommen und bei seinem Freunde, dem Stadtpfarrer und Dechant Anton Johann Palmb abgestiegen. Da seine Reise hauptsächlich bezweckte, die Zahl seiner Sängerknaben im Kapellhause zu Wien zu ergänzen, gab ihm sein Freund, der die Pfarre seit dem Jahre 1733 leitete, Gelegenheit, die Kräfte seines Kirchenchores beim nächsten Gottesdienste selbst zu prüfen. Hier mag es gewesen sein, daß Reutter (wie Haydn sagt) »von ungefähr die schwache doch angenehme Stimme« des siebenjährigen Knaben hörte und von ihr aufs angenehmste überrascht wurde. In den Pfarrhof zurückgekehrt fragte er um Namen und Herkunft des[25] kleinen Sängers, über den sein Freund nur Gutes zu berichten wußte, und da Reutter des Knaben Stimme und Talent eingehender zu prüfen wünschte, wurde derselbe sammt dem Schulrector sogleich herbeigeholt. Schüchtern und verschämt, im Bewußtsein seines verwahrlosten Aeußeren, trat der Knabe vor Reutter hin. Seine Ehrfurcht vor dem hohen Herrn hinderte ihn jedoch nicht, mit lüsternem Blicke nach einem Teller voll Kirschen zu schielen, die auf dem Mittagstische standen. Reutter verstand den Wink und warf ihm eine Handvoll in die Mütze, legte ihm dann Allerlei zum Singen vor und war mit ihm zufrieden. »Büberl«, fragte er ihn (diesen Ausdruck behielt er auch später bei), »kannst du auch einen Triller schlagen?« – ›Nein!‹ erwiederte unerschrocken der Knabe, ›das kann auch mein Herr Vetter nicht.‹ Lachend weidete sich Reutter an der Verlegenheit des Schulrectors, zeigte dem Knaben, was er dabei zu beobachten habe und schlug nun selbst einen Triller. Voll Unbefangenheit suchte ihn der Schüler nachzuahmen und mit jedem Ansatz gelang der Versuch besser und besser, so daß Reutter voll Freude ausrief: »Bravo! du bleibst bei mir« und zugleich griff er in die Tasche und beschenkte den kleinen Sänger mit einem blanken Siebzehner. Zugleich erklärte Reutter, daß er, sobald die Eltern des Knaben ihre Einwilligung gegeben hätten, für dessen Fortkommen sorgen wolle, doch müsse er noch bis zum vollendeten achten Jahre in Hainburg verbleiben und sich unterdessen fleißig üben. Die Nachricht, daß Sepperl nach Wien, der großen Kaiserstadt, kommen solle, rief Jubel im Elternhause hervor und die Einwilligung erfolgte, wie es zu erwarten war, rasch. Der glücklichste Mensch in ganz Hainburg war nun im Schulhause zu finden. Selbst der gleichzeitig eingetretene, schon früher erwähnte Todesfall der Großmutter (17. Mai 1739) mag den Knaben nur vorübergehend schmerzlich berührt haben, denn mit verdoppelter Macht weiß sich die alles beflügelnde Hoffnung des jugendlichen Herzens zu bemeistern. Vor Haydn's freudig erregter Seele stand fortan nur Ein Bild – Wien und dessen Kapellhaus am St. Stephansfriedhofe. Dort finden wir ihn wieder.

Fußnoten

1 Quellen, die Schule Hainburgs betreffend: Stadtkammeramts-Rechnungen; Rathhaus-Protokolle; Gedenkbuch der Stadt Hainburg; Gedenk- und Kirchenbuch der l. f. Stadtpfarre; Pfarr-Visitations-Protokoll; Acten des fürstl. erzb. Consistoriums in Wien. – Geschichtliches über Hainburg und die Gegend um Petronelli [siehe u.a. Sitzungsberichte der kaiserl. Akademie der Wissenschaften in Wien philos. hist. Classe, Bd. IX, Jahrg. 1852, Heft IV (von Dr. Eduard Freih. v. Sacken).


2 Das herrschaftliche Schloß am Fuße des Berges ist ein neuerer Bau.


3 Im Trauungs-Register ist allerdings Kötzelstorff eingetragen, ein solcher Ort existirt aber nicht. Die Umfragen bei den verschiedenen zahlreichen Ketzels- und Katzelsdorf führten schließlich auf den oben bezeichneten Ort.


4 Dies, biographische Nachrichten, S. 16. – C. Bertuch, Bemerkungen auf einer Reise nach Wien etc. Bd. II, S. 183.


5 Diese 6 Fl. wurden erst im Jahre 1860 aufs Doppelte erhöht.


6 Bei der früher erwähnten Festlichkeit in Rohrau (1841) befand sich auch die Schullehrerswitwe A.M. Staindl, deren erster Mann, Benedict Gotschlig (wie sie sagte), »den Haydn-Buben zuerst die Notenlehrte«. (Siehe Sonntagsblatt, 1842, Nr. 36.) Auch Joh. R. v. Lucam behauptet in Bäuerle's Theaterzeitung, 1852, Nr. 134, daß Jos. Haydn den Elementarunterricht von diesem Gotschlig erhalten habe. Es kann dies nur auf die jüngeren Brüder, Michael und Johann, bezogen werden und ist auch wahrscheinlich, da der Vater, aufmerksam gemacht auf den Erfolg Joseph's, bei Zeiten daran denken mochte, auch die jüngeren Söhne zu einer gleichen Laufbahn vorzubereiten. Gotschlig starb am 17. Juni 1793, alt 76 Jahre; seine Witwe, an den Schullehrer Jos. Staindl verheirathet, starb am 12. Dec. 1846, alt 93 Jahre.

Quelle:
Pohl, Carl Ferdinand / Botstiber, Hugo: Joseph Haydn. Band 1, Leipzig, Breitkopf & Härtel, 1878.
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