[417] Seit dem 2. Dezember also waren Onkel und Neffe in Wien. Das erste war, daß ein Arzt gesucht wurde. Beethoven selbst schrieb (so erzählt Johann) an seinen alten Arzt Dr. Braunhofer, der aber nicht kam, weil ihm der Weg zu weit war (er wollte wohl nicht kommen!). Dann wurde zu Dr. Staudenheimer geschickt, der auch zu kommen versprach, aber nicht kam.1 Erst dann wandte man sich an den Professor Dr. Wawruch, Arzt am Zivilspital, der auch alsbald kam: »Erst am dritten Tage wurde ich gerufen« erzählt er selbst in seinem ärztlichen Rückblicke; das war also Dienstag den 5. Dezember. Diesen Tag gibt auch der Neffe Karl im Konversationshefte als den an, an welchem Wawruchs erster Besuch stattfand.
Wawruch wurde Beethoven, wie der Bruder Johann in seinen Aufzeichnungen erzählt, von seinen Freunden geschickt. Dabei scheint Holz beteiligt gewesen zu sein. Beethoven hatte Holz gleich nach seiner Rückkehr zu sehen gewünscht; er schrieb an ihn folgenden Brief:2
»Euer beamtliche Majestät.
Gleich nach meiner Ankunft, welche seit wenig Tagen Statt fand, hatte ich Ihnen geschrieben, der Brief ward aber verlegt, darüber bin ich aber unpäßlich geworden, so daß ich es für besser halte das Bett zu hüthen.
Es wird mich also sehr freuen, wenn Sie mich besuchen. Es wird Ihnen jetzt minder beschwerlich werden, da von Döbling alles in der Stadt ist.
[418] Schließlich setze ich nur noch hinzu
wie immer
ihr Freund
Beethoven.«
Holz folgte der Aufforderung und ließ Wawruch zu Beethoven bestellen. Im Konversationsbuch schreibt er:
»ich habe den Professor Wawruch zu Ihnen bestellen lassen; Vivenot ist selbst krank. Ich kenne den Wawruch zwar nicht persönlich; doch ist er als einer der geschicktesten Aerzte hier bekannt. – Er ist bei Bogener Arzt. – Er ist Professor im Spital. – Nach Tische wird er kommen.«
Das war also am 5. Dezember.
Durch diese Angaben, denen den Glauben zu versagen kein Anlaß vorliegt, wird Schindlers Darstellung, wie Wawruch zu Beethoven gekommen sei (Biogr. II S. 132), nach meiner Überzeugung beseitigt.4 Schindler erzählt nämlich, er habe erst nach mehreren Tagen von Beethovens Rückkehr und seinem Zustande erfahren, sei dann gleich zu ihm geeilt und habe dann die Schwierigkeiten wegen der Ärzte erfahren. Es verging jedoch, nach den Konversationen zu schließen, eine etwas längere Reihe von Tagen, ehe er zu Beethoven kam. Er vergißt hinzuzufügen – wußte es vielleicht auch nicht – daß Holz inzwischen bei Beethoven gewesen war und sich seiner angenommen hatte; Beethoven selbst hatte Holz zu sehen gewünscht; die bisherigen Beziehungen bestanden also fort. Wenn aber von jetzt an Schindler wieder öfter bei Beethoven erscheint, so wollen wir gern annehmen, daß ihn Beethoven dazu aufgefordert [419] hatte. Weiter erzählt Schindler, Beethovens Neffe Karl habe, als er einige Tage vorher (!) Billard gespielt, dem Marqueur den Auftrag gegeben, einen Arzt für Beethoven zu suchen, dieser aber habe wegen Unwohlseins diesen Auftrag nicht ausführen können und erst dann, als er selbst ins Krankenhaus gekommen, den Dr. Wawruch ersucht, zu Beethoven zu gehen. Das will Schindler von Wawruch selbst gehört haben. Dem widerspricht Wawruchs eigenes Wort »am 3. Tage wurde ich gerufen«; er kam also nicht zufällig. Auch widerspricht der Erzählung die Kürze der Zeit, welche bis zu Wawruchs erstem Besuch verfloß, und die ausdrückliche Angabe Holzs, daß er es war, der für den Arzt sorgte. Aber auch wenn diese zwingenden Gründe nicht wären, trägt doch die ganze Erzählung Schindlers den Stempel der Unwahrscheinlichkeit. Wenn Schindler sich auf Wawruch selbst als Quelle beruft, so müssen sich dessen Äußerungen in seinem Gedächtnisse wunderlich verschoben haben. Wir halten solche Legenden von Beethovens Geschichte fern.
Wawruch kam also und führte sich mit folgenden Worten im Konversationsbuche bei Beethoven ein:
»Ein großer Verehrer Ihres Namens wird alles Mögliche anwenden, bald Erleichterung zu schaffen. Prof. Wawruch.«
Es werden dann in seiner Gegenwart die erforderlichen Fragen von Karl aufgeschrieben, die sich, soweit wir das beurteilen können, zum Teil auch auf die Unterleibskrankheit beziehen.5 Doch wir lassen hier lieber Wawruch selbst das Wort.6 Nachdem er erzählt hat, daß er am 3. Tage gerufen worden sei, fährt er fort:
»Ich traf Beethoven mit den bedenklichen Symptomen einer Lungenentzündung behaftet an, sein Gesicht glühte, er spuckte Blut, die Respiration drohte mit Erstickungsgefahr und der schmerzhafte Seitenstich gestattete nur eine quälende Rückenlage. Ein streng Entzündungswidriges Heilverfahren schaffte bald die erwünschte Linderung, seine Natur siegte und befreite ihn durch eine glückliche Krise von der augenscheinlichen Todesgefahr, so daß er [420] am fünften Tage sitzend im Stande war, mir sein bisher erlittenes Ungemach mit tiefer Rührung zu schildern. Am siebenten Tage fühlte er sich erträglich wohl, daß er aufstehen, herumgehen, lesen und schreiben konnte.«
G. v. Breuning (S. 83) erhebt Einspruch gegen die Annahme einer Lungenentzündung (von der auch Schindler spricht), es sei vielmehr eine Bauchfellentzündung gewesen; denn nur die letztere könne eine Bauchwassersucht hervorrufen, auch hätten Beethovens Lungen sich später als gesund erwiesen und er habe in seiner Krankheit nicht gehustet und keine Atmungsbeschwerden gehabt. Es hat natürlich Bedenken, gegen eine medizinische Autorität zu sprechen; aber wir haben es doch daher mit dem Zeugnisse eines Arztes zu tun, der Beethoven behandelt, während G. v. Breuning nur als Knabe um ihn war. Wawruch ist uns hier mit Recht Quelle. Es ist zu beachten, daß Wawruch hier nur von dem ersten heftigen Krankheitsanfall spricht, den Beethoven gleich nach seiner so bedenklichen Rückreise erlebte, und der nach Wawruchs Zeugnis nach einigen Tagen wieder vorüberging, so daß Beethoven aufstehen und umhergehen konnte; das war nach den angegebenen Symptomen7 Lungenentzündung, und wir haben kein Recht, Wawruchs Diagnose als eine falsche zu bezeichnen; wie denn ein erfahrener Arzt die Symptome der Lungenentzündung nicht leicht verkennen wird. Daß ihm der Hauptsitz von Beethovens Krankheit nicht verborgen blieb, wird sich noch ergeben, einzelne seiner ersten Fragen und Anordnungen deuten schon darauf hin, daß er von dem wassersüchtigen Zustande wußte.
Über Beethovens neuen Arzt Professor Dr. Wawruch werden einige Angaben gestattet sein.8 Andreas Wawruch war 1771 zu Nemtschütz in Mähren geboren, studierte anfangs in Olmütz Theologie, nahm aber, ehe er geweiht war, eine Stellung als Erzieher an, kam mit seinen Zöglingen nach Wien und wandte sich dort der Medizin zu, wurde Dr. med. und Assistent des Professors von Hildebrand, der auch Direktor des allgemeinen Krankenhauses war; später wurde er dessen Schwiegersohn. Er wurde dann zuerst Professor der allgemeinen Pathologie und Pharmakologie in Prag und später Professor der speziellen Pathologie und medizinischen Klinik für Wundärzte in Wien. Er starb 1842. Wawruch war ein vorzüglicher Lateiner; berühmt waren seine orationes funebres. Als Arzt war er alten Theorien zugetan und verhielt sich ablehnend gegen [421] die neuen Forschungen der pathologischen Anatomie. Eine eingehende Forschung widmete er der Lehre vom Bandwurm. Er trieb eifrig Musik, spielte Violoncell und Kontrabaß und war ein großer Verehrer Beethovens.
Den hauptsächlich gegen ihn gerichteten Vorwurf, er habe Beethovens Krankheit nicht erkannt und fälschlich für eine Lungenentzündung gehalten, glauben wir schon beseitigt zu haben, indem wir darauf hinwiesen, daß seine hierauf bezüglichen Bemerkungen die erste heftige Erkrankung, nicht die Hauptkrankheit Beethovens betrafen. Daß er die Hauptursache der letzteren in einem verjährten Leberleiden und in organischen Fehlern der Unterleibseingeweide fand, ist ausdrücklich in seinem »ärztlichen Rückblick« zu lesen; wann er diese Gewißheit erlangte, sagt er nur andeutungsweise; am achten Tage erkannte er die Wirkungen der fortschreitenden Krankheit (Gelbsucht, geschwollene Füße usw.), und es entwickelt sich von da an die Wassersucht. Dieser »Rückblick« macht durch die hohe Verehrung für Beethoven einen durchaus wohltuenden Eindruck und trägt, trotz einzelnem Irrtümlichen, das er enthält, ganz das Gepräge lauterer Absicht; er will die Wahrheit sagen, ist aber über einiges Tatsächliche nicht genügend unterrichtet. Die Kritik Schindlers an diesem Aufsatze (II S. 295) ist ziemlich gegenstandslos. Sie wendet sich besonders gegen zwei Punkte: daß Wawruch Beethoven als seinen Freund bezeichnet, was er nie gewesen sei (Beethoven liebte ihn nicht, wie wir aus den sonstigen Erzählungen über die Krankheit wissen), und daß er ihm Liebe zu geistigen Getränken nachgesagt, was Schindler geradezu ehrenrührig nennt. Als Freund im allgemeinen hat Wawruch sich nicht bezeichnet, auch ein solches Verhältnis nicht hervortreten lassen, er nennt sich nur einmal den »befreundeten« Arzt und Beethoven den »befreundeten« Dulder; war das auch vielleicht schon etwas zu viel gesagt, so werden wir ihm, nach seiner Gesinnung und nach vielwöchentlicher Behandlung, dies wohl gestatten dürfen und es ihm nicht zum Verbrechen anrechnen. Was aber Beethovens Neigung zu geistigen Getränken betrifft, so ist dieselbe auch anderweitig bezeugt9 und spielt in den Konversationsheften ihre Rolle; wir erinnern an die Zusammenkünfte mit auswärtigen Besuchern. Welche Mühe machte es seinem früheren Arzte Dr. Braunhofer, seiner Vorschrift der Enthaltung vom Weingenusse Nachdruck zu verschaffen! Darum hat ihn aber niemand zum Trinker gemacht, und alles, was wir von seiner Lebensweise[422] wissen, widerspricht dem. Daß einmal ein Übermaß stattgefunden, ist möglich; Schindler gibt das für die letzte Zeit selbst zu und schreibt es dem Einflusse Holzs zu.10 Das ist aber doch weit entfernt von der Eigenschaft eines Trinkers. Beethoven hat sich nie die Begeisterung zum Schaffen im Wein geholt; er komponierte nicht, wenn er getrunken hatte. Also diesen Vorwurf hat Wawruch nicht erheben können und auch tatsächlich nicht erhoben. – Wir halten uns bezüglich der Krankheit an den ärztlichen Rückblick als an eine glaubwürdige Quelle. Auch mag noch hinzugefügt werden, daß nach Johanns Aufzeichnung Dr. Staudenheimer zu einer Konsultation kam (vgl. S. 429) und mit Wawruchs Behandlung einverstanden war.
Wawruch zeigte sich von Anfang als sorgfältiger Arzt. Der Neffe verzeichnet im Konversationsbuch die ersten Besuche Wawruchs, wohl der Berechnung wegen, und es ergibt sich, daß der Arzt vom 5. bis zum 14. Dezember täglich, an einem Tage (den 6.) sogar zweimal bei Beethoven war.11 Da erlebte er denn das Fortschreiten der Krankheit. Wir geben die Fortsetzung seines Berichts, aus welchem oben (S. 419 f.) die Worte über den Anfang seiner Krankheitsbeobachtung angeführt wurden.
»Doch am 8ten Tage12,« fährt er fort, »erschrak ich nicht wenig. Beim Morgenbesuche fand ich ihn verstört, am ganzen Körper gelbsüchtig; ein schreckbarer Brechdurchfall drohte ihn die verflossene Nacht zu tödten. Ein heftiger Zorn, ein tiefes Leiden über erlittenen Undank und unverdiente Kränkung13 veranlaßte die mächtige Explosion. Zitternd und bebend krümmte er sich vor Schmerzen, die in der Leber und in den Gedärmen wütheten, und seine bisher nur mäßig aufgedunsenen Füße waren mächtig geschwollen. – Von diesem Zeitpunkte an entwickelte sich die Wassersucht, die Urinaussonderung wurde sparsamer, die Leber bot deutliche Spuren von harten Knoten, die Gelbsucht stieg.14 Ein liebevolles Zureden seiner Freunde besänftigte bald [423] den drohenden Aufruhr und der Versöhnliche vergaß jede ihm angethane Schmach. Doch rückte die Krankheit mit Riesenschritten vorwärts. Schon in der 3ten Woche stellten sich nächtliche Erstickungszufälle ein; das enorme Volum der Wasseransammlung forderte schnelle Hülfe, und ich fand mich bemüßigt den Bauchstich vorzuschlagen, um dadurch der plötzlichen Berstungsgefahr vorzubeugen.«
Die Fortsetzung lassen wir später folgen. Wir unterbrechen hier, gerade vor der ersten eingreifenden Operation, für eine kurze Zeit die Erzählung von der Krankheit, um einige andere Beethoven berührende Ereignisse zu erwähnen, die gerade in diesen Monat fallen. Durch seine Freunde, durch Briefe und Besuche wurde ihm manches zugetragen, was mit Bezug auf seine Werke oder sonst in der Welt geschah; und insbesondere muß uns das weitere Geschick des Neffen interessieren.
Da kommt z.B. Artaria, erzählt ihm von dem Stich der Fuge (Op. 133) und zeigt ihm den Titel derselben, da sie dem Erzherzog gewidmet wird. Am 10. Dezember waren mehrere Musikaufführungen, so das B-Dur-Quartett (Schuppanzigh), die A-Dur-Symphonie. Holz teilt ihm mit, daß Linke das B-Dur-Quartett mit dem neuen letzten Satze zu seinem Vorteil geben wolle. Die Kapellmeisterstelle in Dresden, erzählt ihm Holz, habe nicht Hummel erhalten, sondern ein »junger Mann Namens Reißiger«. Die Korrespondenz mit Schott in Mainz wegen der dort herauszugebenden Werke dauerte noch fort; am 9. Dezember schrieb Beethoven an ihn (d.h. für ihn der Neffe) und noch einmal im Dezember. An dieser Stelle müssen wir auf Wiedergabe dieser Briefe verzichten; auf Schott haben wir noch zurückzukommen.
Inzwischen war auch der Bruder Johann wieder nach Wien gekommen, am 10., wie er selbst bezeugt. Er besuchte Beethoven gleich und war dann weiterhin an den Sorgen um ihn beteiligt. Die Besprechungen und Verhandlungen wegen des Brillantringes, den er vom König von Preußen erhalten sollte, aber nicht erhielt, fallen auch in diesen Monat Dezember. Wir haben davon schon früher gesprochen (S. 369 f.).
In dieser Zeit erhielt Beethoven einen Brief von dem Grafen Alphonse de Feltre in Paris, datiert vom 12. Dezember 1826, welchen [424] Beethoven aufbewahrt aber wohl nicht beantwortet hat. Er befindet sich in der Sammlung der Berliner Bibliothek. Der Schreiber bekennt sich als großen Bewunderer Beethovens, obwohl er ihm persönlich nicht bekannt. Von früh an (auch jetzt noch jung) habe seine Freude in der Beschäftigung mit Musik bestanden; Beethovens Werke hätten immer das größte Interesse für ihn gehabt. Er sammelt Handschriften von Musikstücken der Komponisten selbst, und bittet ihn um »une ligne de votre musique écrite et signee de votre main«, sie werde die erste Stelle in seiner Sammlung einnehmen.
Daß Beethoven keine Lust hatte, einem Unbekannten gegenüber darauf einzugehen, besonders in seinem gegenwärtigen Zustande, kann man sich denken.
Aber eine andere Sendung erhielt er in diesen Dezembertagen, die ihn hoch erfreute und für ihn von hohem Werte war, die von Händels Werken durch Stumpff in London. Wir haben dieses vortrefflichen Mannes beim Jahre 1824 gedacht (vgl. S. 122 ff.); damals besuchte er Beethoven in Wien und faßte den Entschluß, ihm Händels sämtliche Werke zum Geschenk zu machen. Das führte er jetzt aus, und noch 1826 (s. Schindler II S. 139) kam die Arnoldsche Prachtausgabe in 40 schönen Bänden bei Beethoven an.15 G. v. Breuning (Schwarzsp. S. 94) schildert uns die große Freude Beethovens über dieses Geschenk, welches er selbst, im Vergleich mit dem Ringe des Königs von Preußen, ein königliches nannte; er habe ihm die Bücher, die auf dem Klavier aufgehäuft lagen, aufs Bett reichen müssen, nachdem Beethoven gesagt:
»Schon lange hab ich sie mir gewünscht; denn Händel ist der größte, der tüchtigste Compositeur; von dem kann ich noch lernen.«
Er habe dann die Bände durchblättert, bei einzelnen Stellen länger verweilt, und sich weiter in lebhaften Lobeserhebungen Händels ergangen, den er als den klassischsten und gründlichsten aller Tondichter bezeichnet habe.
Nach Breuning fand das alles gegen Mitte Februar 1827 statt; Beethoven erzählte ihm, er habe dies »heute« geschenkt erhalten. Ein Bericht in Bäuerles Theaterzeitung vom 17. Februar 1827 erzählt von dem Geschenke. Stumpff habe, nachdem er von Beethovens Wunsch Kenntnis erhalten, nach seiner Rückkehr keine Mühe gescheut, die Arnoldsche[425] Prachtausgabe, von welcher die Platten längst vernichtet gewesen, zu erhalten, und nachdem es ihm endlich gelungen, sie in 40 prächtigen Foliobänden an seinen Freund Herrn Streicher Sohn mit dem Ersuchen geschickt, »sie dem größten jetzt lebenden Tonkünstler, Hrn. Ludwig van Beethoven, als ein Zeichen größter Hochachtung und innigster Verehrung zu überreichen.« Trotz dieser an sich so interessanten und wichtigen Zeugnisse hat es doch mit Schindlers Jahresangabe (1826) seine Richtigkeit. Stumpff bewahrte Beethovens Quittung, welche lautet:
»Wien den 14. Dezember 1826.
Herrn J. A. Stumpff in London.
Ich bestätige hiermit den Empfang der mir durch Sie zugesandten sämmtlichen Händelschen Werke, bestehend in 40 Bänden, nebst einem Briefe an mich und Reichardts Taschenbuch für Reisende.
Ludwig van Beethoven.«
Wir müssen also annehmen, daß Beethoven, obgleich er das Geschenk schon erhalten hatte, unter der Einwirkung der Krankheit sich erst einige Wochen später in den rechten Genuß desselben setzte. Es wurde ihm noch einmal darüber von Stumpff geschrieben. Wir kommen daher später noch einmal darauf zurück.
In Beethovens Hauswesen stehen wir in dieser Zeit insofern einer Änderung gegenüber, als nicht mehr »die Alte« (Frau Schnaps) bei ihm ist, sondern eine Magd Thekla in den Konversationen genannt wird, die auch Beethoven warten soll.16 Dieselbe wurde aber unredlich befunden und das Verhältnis zu ihr daher bald wieder gelöst (am Ende des Monats, vgl. S. 430). Dann kam die Alte wieder.
Wichtig vor allem war, daß jetzt die Angelegenheit des Neffen geordnet wurde. Gleich nach der Rückkehr begab sich Karl mit Breuning17 zum Feldmarschallleutnant Stutterheim, der ihn zuvorkommend empfing und seine Zusage erneute, ihn in sein Regiment zu nehmen.
»... er sprach über Verschiedenes, auch von Diretc. – Breuning wird den Tag bestimmen wo ich assentirt werde. Uniformirt werde ich hier gar nicht, sondern erst beim Regiment, die ganze Sache ist also in wenig Tagen abgemacht. Bevor ich gehe, wünscht er mich noch einmal zu sehen. Breuning weiß das alles.«
[426] So erzählt der Neffe Beethoven und schreibt eine Anzahl Bücher auf,18 die er an seinen neuen Bestimmungsort mitnehmen oder sich nachschicken lassen will. Nach einer daran sich anschließenden Unterhaltung schreibt er weiter:
»Du irrst, wenn du glaubst, daß ich wankend geworden bin. – Ich freue mich im Gegentheil, daß die Sache so nach meinem Wunsche sich endigt, und werde mei nen Entschluß nie bereuen.« – – – »Ich werde ärztlich untersucht, dann wird mir die Eidesformel vorgelesen, die ich nachspreche.«
Nicht lange darnach ging er nochmals zu Stutterheim; bei diesem mußte er auf den Adjutanten19 warten:
»... sobald der kam, trug er ihm auf, mich in die Alserkaserne zu begleiten, wo ich zum Regimentsarzt gehen mußte. Dieser ließ sich bloß von mir das Ehrenwort geben, daß ich keinen Leibschaden oder dergleichen habe, worauf er sagte, daß er mir ohne Weiteres das Zeugniß ausstellen werde. Aber um 3 Uhr muß ich es selbst abhohlen, und gleich zum Ftm. Stutterheim bringen. Er war übrigens sehr artig, und sagte, daß ich vor meiner Abreise auch noch zu ihm kommen solle. Die wirkliche Assentirung wird übermorgen Statt haben. – Ich werde heut Nachmittag erst fragen. – 5–6 Tage werde ich noch hier sein. Zusammen können wir auf keinen Fall gehen, weil Du binnen 6 Tagen noch nicht wirst mitgehen dürfen, wie mir der Arzt gesagt hat.«20
Bald darauf (nach dem 10. Dez.) schreibt Karl wieder:
»Er [Breuning?] sprach unter Andern über meine Abreise und die dazu erforderlichen Anstalten. Morgen werde ich zu Stutterheim gehen, der Adjutant wird wieder mit mir, wahrscheinlich zu einem Kriegscom missär, oder vielleicht auch zum General-Kommando gehn. Vor meiner Abreise muß ich aber nochmal zum Fml., der mir einen Brief an den Obersten mitzugeben versprochen hat. Ich gehe erst zu Breuning ins Bureau, um 9 –«
Und weiter:
»Ich werde hier völlig adjustirt, wahrscheinlich werden mir morgen die Uniformen angemessen. Mit der Bezahlung wendet sich der Adjutant an [427] Breuning, dem ich daher alles zu überlassen bitte. – Ich bekomme alles durch den Hauptmann des hiesigen 2ten Grenadier-Bataillons; Hofrath B. wird nachher die Rechnung zugestellt, daher nichts voraus zu entrichten ist.– Bei dem Hauptmann, der die Sache zu besorgen hat. – Ich habe bei der ganzen Geschichte nichts zu thun, als mir die Kleider anmessen zu lassen; alles übrige liegt am Hauptmann, der alles besorgen wird. Ich bekomme 3 Anzüge, die Uniform vom Regiment, einen Mantel, und die Galla-Uniform. Nun steht es bei Dir, die Tuchforte zu bestimmen, von welcher letztere gemacht werden soll. Ueber die Preise wirst Du schon vorläufig unterrichtet werden. Ich habe das alles voraus gewußt. Es geht jedem Grafen und Fürsten so, so lang er Kadet ist. Uebrigens wirst Du sehen, daß die Uniform so schlecht nicht ist; nur muß sie gut gemacht sein, und da wird man dem Schneider ein Trinkgeld extra versprechen müssen.«21
Und etwas später:
»Also soll ich morgen assentirt werden? – Wo soll ich hinkommen? Breuning wird nicht dabei sein?« usw.
Breuning war vielleicht inzwischen bei Beethoven gewesen. Etwa um den 19. (näher vermögen wir es nicht zu bestimmen) schreibt Karl:
»Ich bin schon assentirt.22 Heut muß ich noch zum Regimentsarzt von Gulay, dessen Zeugniß auch erforderlich ist, und morgen wieder zum Feldmarschallleutenant.«
Kurz nachher schreibt dann Breuning:
»Karl ist heute assentirt worden; er braucht jetzt nur dasjenige zu kaufen, was man hier am besten haben kann, dann kann er abreisen, weil alles übrige in Iglau gemacht wird. – Das läßt er sich alles in Iglau machen, hier kauft er nur Czako und Säbel u.s.w. – Die Rechnung wird durch den Hauptmann geschickt, und hier nachher bei den Grenadiers bezahlt. – Der Adjutant von Stutterheim wird ihn deshalb schon anweisen. – Du hast ihm diktirt. – Ich werde schon die Rechnung machen und kann auch die Anschaffungen und Reisekosten für Carl bestreiten, damit Du ja nicht aufstehst, es wäre wahrlich nicht der Mühe werth.«
Nachher schreibt Karl noch einmal:
»Ich bekomme 2 Uniformen, die ordinaire von gröberem, und die Galla Uniform von feinerem. – Von heute an bekomme ich alles vom Regiment. [428] Löhnung, Brot etc. – Ich wollte nur sagen, daß von heut an schon alles gerechnet wird als wenn ich schon dort wäre.«
Und weiter:
»Alles das wird mir anprobirt werden. – Es läßt sich da nichts machen. Man muß es den Herrn überlassen, wie sie es einrichten wollen. Ich glaube gar nicht daß die Sachen aus einem Gewölbe gekauft werden. – Ich glaube immer 800 Fl. W. W.«
Ob Karl damit die Gesamtkosten seiner Ausstattung meint, können wir nicht wissen. Wenn er gleich darauf die Datumsangabe folgen läßt: »am 20ten«, so kann das wohl auf die bevorstehende Operation bezogen werden, die an diesem Tage stattfand.
Aus den weiteren Unterhaltungen sehen wir, daß die Abreise Karls bevorsteht und die Art ihrer Ausführung besprochen wird.
»Ein Platz auf einer Landkutsche. – Mit der Landkutsche fahre ich 2 Tage, und es kostet vielleicht 12 fl., während es auf dem Eilwagen auf 50 fl. kommt. – Beschwerlicher ist gewiß mit den Eilwagen. – Iglau ist noch in Mähren.«
In derselben Zeit geschieht die Operation, von welcher wir gleich sprechen. Nach derselben lesen wir von Karls Hand:
»Eine Uniform ist fertig. – Samstag bekomme ich alles; morgen ist aber sehr viel zu thun; der Bruder muß mit mir das Nöthige kaufen; es ist die höchste Zeit; nach den Feiertagen muß ich in Iglau beim Regiment sein.«
und weiter:
»Um etwas Geld muß ich Dich schon bitten, weil ich dem Schweider ein Geschenk versprechen mußte. Heut wird alles fertig sein,« und Johann sagt, ohne Zweifel mit Bezug auf Karl »du brauchst jetzt nichts mehr zu kaufen, denn er hat alles.«
Wir sehen, daß der Bruder pflichtmäßig mitsorgt und überlegt, wenn er auch zuweilen seine eigenen Ansichten hat. Von dem Hauptmann und der Ausstattung ist noch wiederholt die Rede; Karl hofft zu erfahren, wann er noch einmal zu Stutterheim zu gehen habe. Da gibt er sich auch einmal sanguinischer Hoffnung hin:
»Wir haben Hoffnung, in 3–4 Monathen zu marschiren. Nach Portugall werden Hülfstruppen gesandt. Das wäre der beste Weg zum Avancement.« Weiter erzählt er, daß er mit dem Hauptmann und dem Leutnant gesprochen. »Morgen wird er wahrscheinlich mit mir die Gelegenheit nach Iglau bestellen.«
[429] »Ich muß nochmahl zum Feldmarschalllieutnant. – Am 2. Jänner.– Heut wird der Wagen bestellt, in der Leopoldstadt. – Landkutsche.« »Mit 15 bis 20 fl.,« meint Johann, »ist die Reise in 2 Tagen gemacht.«
Also für den 2. Januar des neuen Jahres war die Abreise Karls festgesetzt.
Noch manches wurde vorher besorgt und erwogen. Breuning erhob seine Stimme für ein auskömmliches Kostgeld. Er besteht, wie Johann erzählt, auf 10 fl CM monatlich,
»denn er wisse, daß er dort nur gutes Mittags Essen mit Trinken an der Offiziers-Tafel um 24 x Rhein. bekomme.«
Außer anderen Dingen wird auch eine Uhr gekauft; die Karl hatte, erschien nicht elegant genug.23 Von den Kosten wird Beethoven in Kenntnis gesetzt; in der Tat, dieser Umzug legte ihm noch einmal große Opfer auf.
Nachdem also Karl seine Abschiedsbesuche gemacht hatte und auch die Neujahrswünsche erledigt waren, reiste er am 2. Januar nach Iglau ab. Von besonderen Szenen bei dem Abschied erfahren wir nichts. Da aber Beethoven gleich die Sorge für die Zukunft des Neffen in die Hand nahm, und der Neffe nicht lange nachher an ihn schrieb, so darf man annehmen, daß alles friedlich und freundlich verlaufen ist. Schindler erzählt ausdrücklich, daß Beethoven nach der Trennung besonders guter Dinge gewesen sei. –
Wir greifen nunmehr etwas zurück und fahren in dem Bericht über die Krankheit fort. Den Rückblick Wawruchs haben wir bis zu der Stelle mitgeteilt, wo er die Notwendigkeit des Bauchstichs erwähnt. Wir folgen vorzugsweise den Konversationsheften. Der Neffe Karl ist noch anwesend.
Wawruch fährt fort, den Kranken genau zu beobachten und seine Vorschriften zu geben. Die Zeit der Operation, die auch Staudenheimer als notwendig bezeichnet hatte, rückte heran. Man sagte es Beethoven; »nach ein paar Augenblicken ernsten Nachsinnens willigte Beethoven in die Operation ein,« um so mehr als auch Staudenheimer sie für nötig erklärt hatte. – Das Konversationsbuch führt mitten in die Szene. Wir erfahren, daß die Verhandlungen wegen Entlassung der Magd (Thekla) mitten in die Vorbereitung der Operation fallen. Dadurch läßt sich denn auch das Datum der letzteren feststellen.
[430] Die Operation soll der Primärwundarzt des allgemeinen Krankenhauses Herr Seibert ausführen, den Wawruch alsbald aufforderte. Wawruch war Vormittags da, stellte die Sachlage fest und sagte:
»Da müssen wir sobald als möglich die Entleerung zu bewerkstelligen trachten. Denn bis Sonntag wäre es unnütz Sie fortleiden zu lassen.24 Ich werde also die gehörige Vorkehrung treffen. Nachmittag komme ich wieder.«
Inzwischen schreibt Schindler:
»Er sagt, daß es schnell dann besser werden wird. Er ladet den Hr. Seybert aus dem Allg. Krankenhaus ein, der sehr geschickt ist.«
Dann bringt Karl den Wechsel der Magd zur Sprache, für die vorübergehend »die Alte« wieder eintreten soll.
»Er25 will die Alte auf Morgen bestellen, da könnte also die Thekla gleich abgefertigt werden. Die Alte verlangt 1 fl. W. W. und die Kost täglich, ungefähr so viel als sie früher hatte, nur hast Du den Vortheil, daß Du sie nachher an jedem beliebigen Tage wegthun kannst, wenn die andere eintritt. – Kochen kann die Alte nicht mehr, also könnte man noch die Tage abwarten und ihr mit 14 Tagen aufsagen. – Dann kannst Du ihr die übrigen paar Tage, um die sie eher weggeht, Kostgeld geben.« [Beethoven ist offenbar einverstanden.] »Ich sage ihr also auf.« – Am 20ten der Thekla aufgesagt. Donnerstag den 3. Jänner ist ihre Zeit aus. Die neue kommt Dienstag den 1ten Jänner. – Am letzten Dez. thut man sie weg, und dann bekommt sie für 4 Tage Kostgeld, per Tag 30 X.
Daraus geht also hervor, daß die erste Operation am 20. Dezember (Mittwochs) war, nicht wie Schindler schreibt, am 18. Dezember. Auch Karl notiert im Konversationsbuch den ersten Besuch Seiberts auf den 20. Dezember.
Wawruch kam also, wie er versprochen, wieder zurück und Seibert machte den Bauchschnitt »mit der ihm gewöhnlichen Kunstfertigkeit.« Schindler notiert im Konversationsbuch: »1te Operation, wobei der Neffe, Beethovens Bruder und Schindler anwesend waren.« Beethoven gab dabei eine Probe seines Humors, der ihn auch in solchen kritischen Momenten nicht verließ. Rechnungsrat Seib erzählte26 nach einer Mitteilung des Professors Wawruch, daß Beethoven, »nachdem ihm von [431] Prof. Seibert die Sonde an den Bauch gesetzt worden, und das klare Wasser herausgespritzt sei«, gesagt habe:
»Herr Professor, Sie kommen mir vor wie Moses, der mit seinem Stab an den Felsen schlägt.«
Wawruch erzählt in seinem Rückblicke dasselbe.
Im Konversationsbuch sagt dann Wawruch:
»Gott Lob, es ist glücklich vorbei. – Fühlen Sie schon eine Erleichterung? – Wenn Sie sich unwohl befinden, so müssen Sie es mir sagen. – Haben Sie den Stich sehr empfunden. – Von heute an geht ja die Sonne schon immer höher. – God save you! – Laue Mandelmilch. – Fühlen Sie jetzt keinen Schmerz? – Bleiben Sie nur ruhig auf der Seite liegen. – Fünf und eine halbe Maß.27 – Ich hoffe daß Sie heute Nacht ruhiger schlafen werden. – – – Sie haben sich ritterlich gehalten.« – –
Wir schalten hier die Fortsetzung von Wawruchs eigener Erzählung ein:
»Eine Unvorsichtigkeit, die den Wundverband Nachts löste, vermuthlich um alles enthaltene Wasser schnell zu entfernen, hätte beinahe die Freude des Besserbefindens ganz verleidet. Eine heftige rothlaufartige Entzündung stellte sich ein und wies die ersten Brandspuren, doch das sorgfältigste Trockenhalten der Wundlippen setzte dem Uebel bald Schranken. Zum Glück waren die folgenden drei Operationen ohne die geringsten Anstände.« –
Diese Operation machte natürlich fortgesetzt neue Wartung und Pflege nötig, die Nahrung für den Kranken mußte beobachtet und beaufsichtigt werden. Er darf Mandelmilch trinken, nur nicht in zu großer Quantität; auch Kasse nur wenig. Er muß fest liegen, es kommt darauf an zu erkennen, ob eine zweite Operation nötig wird. Seine Umgebung beschäftigt sich mit den Fragen seiner Ernährung und seines Ergehens; wir sehen außer dem Arzte den Bruder und Neffen bei ihm, etwas seltener Holz und Schindler, statt des erkrankten Breuning läßt sich dessen junger Sohn Gerhard öfter sehen; auch andere Freunde suchen ihn auf; in der Stadt beginnt die Teilnahme für ihn sich zu zeigen. Von alledem werden wir noch mehr zu sagen haben; vorher aber müssen wir noch eines auswärtigen Besuchers aus dieser Zeit gedenken, dessen Erwähnung uns etwas weiter führt.
Beethoven erhielt nämlich in diesen Tagen, vor der ersten Operation, (etwa um den 19. Dezember) den Besuch von Joh. Bapt. Jenger, [432] welcher Kanzleibeamter bei dem Generalkommando in Graz und Sekretär des Steiermärkischen Musikvereins gewesen und von dort an den Hofkriegsrat in Wien versetzt worden war. Er war Klavierspieler und ein Freund des Pachlerschen Hauses in Graz. Er hatte Beethoven zwei Briefe der Frau Marie Pachler-Koschak zu bringen, von denen der eine schon im Jahre vorher geschrieben, aber verloren gegangen und erst später wieder aufgefunden war.28 Es wird erlaubt sein, das Gedächtnis dieser verehrungswürdigen Dame, deren Bekanntschaft wir schon früher (IV S. 59 f.) gemacht haben, zu erneuern und die Briefe hier mitzuteilen.29 Der erste, ein Jahr vorher geschriebene, lautet:
»Lieber verehrter H. v. Beethoven!
Sie werden sich vielleicht kaum meiner – noch weniger aber des Versprechens erinnern, welches Sie mir vor zwei Jahren gaben, sich einmal in unserer freundlichen Steiermark ein Bischen umzusehen. Ich habe Sie seitdem oft daran mahnen wollen, allein es fehlte mir immer an Muth, so geradezu an Sie zu schreiben und dazu noch in einer Angelegenheit, wobei ich selbst so sehr interessirt bin. Gegenwärtig dient mir der Wunsch des Ueberbringers dieser Zeilen, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen – als Vorwand, mich schriftlich an Sie zu wenden. Hr. Joh. B. Jenger ist ein Freund unseres Hauses und ein inniger Verehrer Ihrer Muse. Er ist durch und durch musikalisch, und obgleich ihm als Staatsbeamten nicht vergönnt ist, die Tonkunst zu seiner Hauptbeschäftigung zu machen, so spielt er doch fast alle Instrumente und insonderheit das Klavier sehr brav. Seine Beförderung nach Wien raubt dem hiesigen Musikverein einen Grundpfeiler, und allen die ihn sonst kennen, einen durch Herzlichkeit und frohe Laune angenehmen Gesellschafter. Besitzt er nebst diesen Vorzügen auch den, ein eben so warmer Sprecher für meine Sache zu sein, als ich es für die Seinige bin, so wird er Sie mündlich jenes hohen Grades von Verehrung zu versichern, der allein es entschuldigen kann, daß ich Ansprüche geltend zu machen versuche, wozu außer Ihrem gegebenen Worte, mich nichts berechtigt. Lassen Sie dies nicht unerfüllt und kommen Sie! Der Herbst ist bei uns stets die angenehmste Jahreszeit und der Monat Sept. der schönste im ganzen Jahre. Zudem wohnen wir aber heuer auf einem recht niedlichen Landgute, in einer der herrlichsten Umgebungen unserer Stadt. Ich habe da mehr als 10 Zimmer zu meiner Disposition und also Raum genug, Sie und Ihren Neffen bequem aufzunehmen. Mit dem Eilwagen sind Sie in 24 Stunden hier. Gewiß ein solcher Ausflug wird Ihrer Gesundheit sehr zuträglich sein und zugleich Ihrem Geiste ohne ihn müßig zu lassen, eine wohlthätige Ruhe gewähren. Ich könnte vielleicht noch manches zu Gunsten meines Wunsches anführen, allein ich will nicht alles meinen guten [433] Gründen, sondern auch einiges Ihrer freien Meinung zu danken baden, und füge daher nur schriftlich noch die Bitte hinzu, mir den Tag Ihrer Ankunft hier vorläufig anzuzeigen, damit wir Ihnen entgegen fahren und Sie unverzüglich auf unsern Landsitz geleiten können. Sollten Sie es vorziehen in der Stadt zu wohnen, was ich jedoch bei Ihrer Vorliebe fürs Landleben nicht glaube, so steht Ihnen der ganze zweite Stock in unserem eigenen Hause dort, der nun wähend unsers Sommeraufenthaltes ohnehin unbewohnt ist, zu Gebothe.
Mein Mann und mein Schwager empfehlen sich Ihnen und hoffen mit mir, daß Sie keine abschlägige Antwort geben werden.
Ihre in Verehrung ergebene
Marie L. Pachler-Koschak.
Hallerschloß bei Graz
15. August 1825.
Meine Adresse ist:
Marie L. Pachler
Koschak
Graz
Herrengasse Eigenen
Hause.«
Dieser liebenswürdige, schöne Brief war Jenger durch Privatgelegenheit nachgeschickt worden, ging verloren und fand sich später wieder. So schrieb sie denn später, als sich Beethovens Verhältnisse so ganz verändert hatten, einen zweiten Brief.
»Herr van Beethoven!
Durch ein höchst sonderbares Zusammentreffen von Umständen, welches der Ueberbringer dieser Zeilen Ihnen näher erklären kann, erhalten Sie meinen Brief, der schon vor mehr als einem Jahre in Ihren Händen sein sollte, erst jetzt. Ich nehme ihn nicht zurück, weil der eine Theil seines Inhalts, nähmlich die Ausdrücke meiner Verehrung für Sie, sowie das was zu Empfehlung des Genannten gesagt ist, immer gilt. Was die Einladung angeht, auf deren Annahme ich so freudig rechnete, so übertrage ich sie bloß für das nächste mahl, wo wir wieder einen so angenehmen bequemen Landsitz zum Sommeraufenthalt bekommen, was mir wahrscheinlich auch künftiges Jahr gelingen wird. Wollten Sie sich aber entschließen, in jetziger Jahres zeit zu reisen, so wird es uns sehr angenehm sein, Sie dort in unserem Hause aufzunehmen. Wir haben eine geräumige Wohnung von 12 Zimmern und unsere Familie ist klein. Ueberdenken Sie meinen Vorschlag Hr. v. Beethoven und fügen Sie zu dem Mißvergnügen, welches das unglückliche Schicksal meines Briefes mir verursachte, nicht noch das einer abschlägigen Antwort.
Marie L. Pachler.
Gratz, 5. November 1826.«
Zu spät! Beethoven war in Gneixendorf. Als er zurückkehrte, war an Ausflüge nicht mehr zu denken. Er erhielt die Briefe durch Jenger; [434] er hat sie aber nicht mehr beantwortet. Die Antwort erfolgte indirekt durch Jenger.
Jenger führt sich im Konversationsbuche so ein:
»Herr Jenger mit dem Bruder.« – »Geht es denn noch nicht besser und was spricht davon der Arzt? – Wenn Sie nur bald das Bett verlassen dürften, es ging schneller. – Bach grüßt Sie herzlich und läßt Ihnen sagen, daß er sich bald über einen Zuwachs seiner Familie freuen wird, der auch für die Musik bestimmt ist. – Er ist wie ein Herkules zurückgekommen.« –
Was ihm Beethoven antwortete, erfahren wir aus einem Briefe, den Jenger am 29. Dezember an Frau Pachler schrieb. Aus diesem Briefe waren die auf Beethoven bezüglichen Stellen schon von Thayer ausgezogen und sind seither von Dr. Pachler a.a.O. (S. 24) mitgeteilt. Jenger schreibt:30
(Wien Dec. 29. 1826).
»Nun entrichte ich der lieben guten Ludlams-Herbergs Mutter31 den innigsten, verbindlichsten Dank für das durch Freund Rettig erhaltene Schreiben vom 5ten November d.J., welches mir die lange gewünschte Gelegenheit verschaffte, den großen Ton-Heros van Beethoven kennen zu lernen, leider aber in einem Zustande, der mich tief erschütterte. Durch viele Verdrießlichkeiten und Kränkungen, die sein liederlicher Neffe Karl dem großen Meister verursachte – Zu einem Ausfluge nach Oberoesterreich zu Beethovens Bruder bestimmt, trat er seine Reise mit seinem Neffen an, und blieb über 6 Wochen von hier weg. Üble Behandlung auf dem Lande im Hause des Bruders, wo er für schlechte Kost und schlechtes Quartier täglich 4 fl. C. M.32 dem Bruder – welcher ihn zu sich aufs Land geladen – bezahlen mußte, dann die schon lange angehaltene schlechte Witterung warfen ihn aufs Krankenlager, wo ich ihn vor etwa 10 Tagen fand. Er verlangte nach mir, weil er von meinem Freunde Schindler – welcher bei B. viel gilt33 – gehört hatte, daß ich von Gratz Briefe für ihn habe. Ich erschrak beim Eintreten in sein Zimmer, wo alles durcheinander lag, wie in einer alten Rüstkammer. Er selbst lag sehr leidend im Bette, und da er wenigstens schon 3 Wochen sich nicht rasirt hatte, so mögen Sie gnädige Frau sich leicht vorstellen wie er aussah. Er grüßte mich sehr freundlich und ich mußte mich zu ihm ans Krankenbett set zen. Ich schrieb ihm das nöthige auf und übergab ihm Ihre beiden Briefe, die er aufmerksam durchlas und sich höchlich [sichtlich Pachler] darüber freute. Nachdem er mir für die Briefe gedankt und aufgetragen hatte, [435] Ihnen, hochverehrte gnädige Frau, dafür ebenfalls mit dem Beisatze recht herzlich zu danken, daß er, sowie er im Stande sein werde – selbst an Sie schreiben wolle – so sprach er von Ihren besonderen musikalischen Talenten mit vieler Freude und schloß damit, daß es für ihn gescheidter gewesen wäre, er wäre zu Ihnen nach Gratz als zu seinem Bruder nach Ob. Oestr. gegangen. Indessen hofft er aber doch noch Sie in Gratz ein mal zu sehen, was vielleicht im nächsten Jahr geschehen wird und wozu ich ihm noch öfter rathe, und vielleicht die Reise dahin mit ihm machen werde.
Heute vor 8 Tagen34 wurde er nun das erstemal angezapft, weil er an der Brustwassersucht leidet. Er hält sich nicht gehörig und deßhalb soll er bald noch einmal angezapft werden. Wollte Gott er wäre schon wieder gesund! – Nur so viel von B.«
Im weiteren Verlaufe werden wir noch ein paar Briefe Jengers mitzuteilen haben.
Aus den Konversationsbüchern aus dieser Zeit teilen wir, ehe wir weitergehen, noch folgendes mit. Schuppanzigh besucht ihn, freut sich, daß es ihm »heute« gut geht (es war noch vor der Operation) und sagt u.a.
»Ist sein Bruder hier? – Es war ein unglückseliger Gedanke, es war voraus zu sehen, wie es dort zugehen wird.«
Diese Worte scheinen sich auf Gneixendorf zu beziehen, und geben vielleicht die Anschauung Schindlers wieder, vielleicht die des kranken Beethoven selbst, die wir nun richtiger zu beurteilen in der Lage sind. In derselben Unterhaltung notiert Beethoven, nachdem ihm Schuppanzigh von der Aufführung des B-Dur-Quartetts erzählt, das uns bekannte Motiv:
»Muß es sein? es muß sein«
worauf Schuppanzigh weiter sagt:
»Aber weiß er, daß mich der schmutzige Kerl darum anfeindet?«
Aus der früheren Erzählung über die Entstehung dieses Motivs darf man entnehmen, daß hier Dembscher gemeint war. Da ist nun bemerkenswert eine folgende Unterhaltung mit Schindler, in der es sich um den vom Könige von Preußen geschenkten Ring handelt, den Beethoven von dem Hofrat Wernhard erhalten sollte. Da steht wieder (wie es scheint, von Schindlers Hand) das
»Es muß sein,«
und unter die Noten schreibt Schindler die Worte:
[436] »Die alte braucht wieder ihr Wochengeld.«
Das entspräche der ersten Version über die Entstehung des Themas, welche Schindler neben der anderen (II S. 157) brachte. Hierzu macht nun Thayer unseres Erachtens mit Recht darauf aufmerksam, daß diese Worte im Konversationshefte viel später beigeschrieben sein müssen, weil sie zu dem Zusammenhange nicht stimmen. Das »es muß sein« kann da, wo es steht, nur auf die Worte von dem Erhalten des Ringes bezogen werden, und »die Alte« (Frau Schnaps) war zu der Zeit, da die Worte geschrieben wurden, gar nicht in Beethovens Dienst.
Weiter ermutigt ihn Schindler, der Einladung nach Graz zu folgen. Was wir sonst hier von der Angelegenheit des Ringes lesen, können wir übergehen. –
In den folgenden Unterhaltungen (nach der Operation) ist von einer Pension die Rede, die Karl erheben will; das wird die von Lobkowitz gewesen sein, dessen Name auch einmal genannt wird. Die Geldfrage spielte in dieser schlimmen Zeit natürlich ihre Rolle. Schuppanzigh richtet ihm eine Antwort von Holz aus und sagt, ersichtlich mit Bezug auf diesen:
»Die Heirathsangelegenheiten packen ihn nun ein bischen viel an.«35
Holz schreibt damals einmal auf:
»Was macht der Bruder? Mylord hat ihm neulich gesagt, daß Sie sich wegen schlechter Kost Ihre Krankheit dort geholt haben.«
Diesen sicherlich ganz grundlosen Vorwurf wird Johann wohl leicht abgeschüttelt haben.
Statt des erkrankten Breuning besuchte ihn der Sohn Gerhard öfter und leistete ihm in seiner freien Zeit Gesellschaft, wie er uns selbst in rührender Weise im »Schwarzspanierhaus« erzählt; das Breuningsche Haus nahm, wie die Konversationshefte ergeben, an Beethovens Verpflegung teil und versorgte ihn z.B. mit Suppe. Johann bringt Grüße von Breuning, bleibt also mit bei den Familienbeziehungen. Interessant ist, daß Johann sich mitunter in die Behandlung, wie Wahl der Nahrung, einmischt; es scheint, daß er glaubte, als Apotheker davon etwas zu verstehen. Dem Kranken wird eine leichte Lektüre, z.B. Walter Scott, empfohlen; er begann auch wirklich darin zu lesen, doch hatte dies [437] keine lange Dauer.36 Daß die alte Frau Schnaps wieder zu ihm kam, war auch eine Erleichterung für ihn; Schindler spricht seine Freude darüber aus. Die Heilung der Wunde macht noch Schmerzen. Beethoven scheint zeitweise unruhig und unzufrieden zu sein. Es wird ihm begütigend zugeredet. Stellenweise lesen wir Bemerkungen über Musik von Holz; da steht u.a.:
»Kiesewetter bittet Sie, ihm den Klavierauszug von Saul zurückzusenden. Da Sie jetzt ohnehin die Partitur haben, so würden Sie den Auszug leicht entbehren.«
Saul beschäftigt also noch seine Gedanken, auch sehen wir, daß die Händelausgabe schon in seinen Händen ist. Auch über die Widmung des Cis-Moll-Quartetts schreibt Holz:
»Ich meine es wäre gar nichts zu setzen als: Seinem Freunde Wolfmayer von Beethoven. – Das wird ihm lieber sein als alle Titel.«
Über diese Frage war also damals noch keine Entscheidung getroffen.
Neue Ansammlung des Wassers führt zu Gesprächen über eine zweite Operation, die aber als letzte Zuflucht aufgeschoben bleibt. Aus seiner Umgebung (Schindler) wird die Notwendigkeit eines neuen ärztlichen Konsiliums betont.
Unter so trüben Verhältnissen sah er dieses Mal das neue Jahr herankommen. Zum neuen Jahre erhält er die Glückwünsche der Breuningschen Familie, ver bunden mit dem Wunsche für Wiedererlangung der Gesundheit; auch der Neffe gratuliert, und so noch andere.
Das Jahr war angebrochen, ohne die gewünschte Erfüllung seiner Hoffnungen zu bringen. In den Konversationsheften, verbunden mit Breunings Schilderung (Aus dem Schwarzspanierhaus), blicken wir in die lange Leidenszeit Beethovens, in welcher er, ohne viel zu klagen, seine quälende Krankheit ertrug, nicht ohne die Hoffnung auf Besserung. Wir weisen hier vor allem hin auf die teilnahmsvolle rührende Schilderung Gerhards von Breuning (Schwarzsp. S. 86 ff.), der, ein Knabe, seine freie Zeit von 12–2 und von 4–5 bei dem kranken Freunde [438] zubrachte und entweder das Konversationsbuch oder die Schiefertafel zur Unterhaltung mit ihm benutzte.
»Der kranke Beethoven lag,« erzählt Breuning »wie in seinen gesunden Tagen, in dem zweifenstrigen Zimmer (in jenem, bevor man in sein Arbeitszimmer gelangte). Das Bett stand an der der Eingangsthüre gegenüber befindlichen, das große Zimmer von dem Compositionscabinete trennenden Wand, mit dem Kopfende an die hintere Mauer angerückt, so daß Beethoven mit dem Gesichte nach den zwei Fenstern, mit der linken Seite aber der Mitte des Zimmers zugewandt, die ganze Stube übersah.«
Auch die nächste Ausstattung beschreibt er noch; das würde uns hier zu weit führen. Nach der weiteren Erzählung Breunings war Beethovens Abneigung gegen seinen Arzt Dr. Wawruch eine tiefe, er gab ihr öfters drastischen Ausdruck; seine Behandlung, lesen wir, habe eine dauernde Erleichterung nicht gebracht und den Hauptsitz des Leidens nicht getroffen. Auch wirst er ihm vor, daß die Häufigkeit seiner Besuche eigensüchtigen Beweggründen entsprungen sei. Wir können hier Frimmel nicht widersprechen, der (S. 75) diese Vorwürfe für übertrieben hält. Wir begeben uns nicht auf medizinisches Gebiet; aber zweierlei dürfen wir nicht vergessen: Breuning war zu der Zeit ein 13–14jähriger Knabe, und konnte, was sich auf Beethovens Krankheit und Behandlung bezog, nur von andern erfahren haben, so daß neben seinem auch noch so achtungswerten Zeugnisse doch Wawruchs Rückblick seine Beweiskraft behält, und ferner, die Ärzte befanden sich einem unheilbaren Leiden gegenüber und auf den Hauptsitz des Leidens, den Wawruch wohl erkannte, vermochten sie nicht nachhaltig zu wirken; es konnte ihnen nur darauf ankommen, zeitweilige Erleichterung zu schaffen, und das gelang, wie sich ergab, Malfatti besser als Wawruch. Übrigens genoß Wawruch, wie die Konversationshefte er geben, das Vertrauen von Beethovens Umgebung, z.B. Schindlers; nur der Neffe schreibt später, er habe auch Mißtrauen gehegt, aber es wird nicht angegeben, was er in Beethovens Behandlung positiv Unrichtiges getan, wenn auch, was er tat, wirkungslos blieb.37 Aber Beethovens Stimmung war natürlich von solcher momentanen Erleichterung abhängig, und die Abneigung gegen den Arzt, den er früher nicht gekannt hatte, ist uns erklärlich; das darf aber unser Urteil nicht bestimmen.
[439] Das wichtigste Ereignis aus dem Anfange des neuen Jahres haben wir schon erwähnt (S. 429), die Abreise des Neffen nach Iglau, welche am 2. Januar erfolgte, und zwar allem Anscheine nach in freundlicher Form; Beethoven war nach Schindlers Zeugnis nachher besonders heiter. War es doch eine wirkliche Erleichterung für ihn.
Da ist es nun ergreifend, daß Beethoven gleich nach der Trennung von Karl an die Zuwendung seines Nachlasses an denselben denkt. Wir sehen dies aus folgendem Briefe an seinen alten, bewährten Rechtsfreund Dr. Bach, an den er, nach dem Konversationsbuche, schon in den vorherigen Tagen hatte schreiben wollen:38
»Wien, Mittwochs 3ten Jenner
1827.
Hrn. Dr. Bach.
Verehrter Freund!
Ich erkläre vor meinem Tode Karl van Beethoven meinen geliebten Neffen als meinen einzigen Universalerben von allem meinem Hab und Gut, worunter Hauptsächlich 7 Bankactien und was sich an Baarem vorfinden wird.
Sollten die Gesetze hier Modifikationen vorschreiben, so suchen sie selbe so sehr als möglich zu seinem Vortheile zu verwenden. – Sie ernenne ich zu seinem Kurator und bitte sie mit Hofrath Breuning seinem Vormund Vaterstelle bei ihm zu vertreten – Gott erhalte Sie – tausend Dank für ihre mir bewiesene Liebe und Freundschaft. –
(L. S.) Ludwig van Beethoven m. p.«
Von Außen:
»An Seine Wohlgebohrn Hr: von Bach Doctor der Rechte wohnhaft in der Wollzeil.«
Nach dem Schlusse des Briefes steht, außer dem Aktenzeichen, folgendes:
B.
»Dieses vom Hr. Dr. Bach heute offen zu Gericht gebrachte, in dessen Gegenwart kundgemachte Testament des Herrn Ludwig Beethoven aufzubehal ten, Abschriften zu ertheilen. –
Vom Wiener Magistrate
den 27. März 1827.
Schütz m. p.«
Das Testament wurde also gleich nach Beethovens Tode vorgelegt, und gleich darauf die letztwillige Anordnung, von der noch zu sprechen [440] sein wird. Den Brief an Bach ließ Beethoven seinen Freund Breuning vorher lesen, der ihm darüber folgendes schreibt:39
»Liebster Freund!
Ich bin noch zu schwach, Dir viel zu schreiben, aber folgende wenige Worte glaube ich aus redlichem Herzen Dir sagen zu sollen. Da Du mir durch Gerhard sagen ließest, daß ich den Brief an Hr. Dr. Bach lesen solle, so habe ich es gethan und schicke ihn Dir vorläufig mit folgender Bemerkung zurück. Daß Du Carln für den hoffentlich noch weit entfernten Fall wo wir alle das Zeitliche verlassen müssen zum Erben ernennst, ist dem was Du schon für ihn gethan hast, es40 Deiner Gesinnung angemessen. Allein da Karl sehr leichtsinnig bis jetzt sich gezeigt hat und man nicht weiß, wie sich sein Charakter in seinem jetzigen Leben gestalten wird, so wäre ich der Meinung, daß Du zu seinem eigenen Besten und zu Sicherheit seiner Zukunft ihm die Befugniß über das Kapital zu disponiren, entweder auf die ganze Lebenszeit oder wenigstens noch mehrere Jahre, nach erlangter Großjährig keit von 24 Jahren beschränktest. Mit dem jährlichen Einkommen würde er vor der Hand jedenfalls genug haben und die Beschränkung würde ihn gegen die Folgen leichtsinniger Handlungen, ehe er zum soliden Manne reist, schützen. Rede darüber mit Hr. Dr. Bach, den Du, wie ich es für das beste halte, zu Dir kommen lassen solltest. Er wird alles am einfachsten berichtigen; lieb würde es mir sein, mit Dir oder mit Hr. Dr. Bach über meine Bemerkung sprechen zu können, denn ich fürchte, daß eine bloß zeitliche Beschränkung kein Mittel ist Carl vom Schuldenmachen abzuhalten, die er nachher mit dem ganzen Erbe bezahlen muß.
Ich umarme Dich mit treue.«41
Übrigens schrieb der Neffe schon nicht lange Zeit nach seiner Abreise an Beethoven42 (Antwort auf einen Brief Beethovens):
»Iglau am 13. Jänner 1827.
Mein theurer Vater,
Deinen durch Schindler geschriebenen Brief habe ich erhalten, nur bitte ich Dich in Zukunft das Datum beisetzen zu lassen, damit ich den Gang der Post ersehe, Deinen Gesundheitszustand betreffend, freut es mich, Dich in guten Händen zu wissen, auch bei mir hatte das Verfahren Deines früheren Arztes (oder noch jetzigen?) einiges Mißtrauen erregt, hoffentlich wird es nun recht gut gehen.
[441] Ich habe vor einigen Tagen an den Hofrath geschrie ben, und dasjenige angezeigt, was ich noch zu haben wünschte. Ich würde Dir selbst deshalb geschrieben haben, wenn ich Dir nicht hätte alle Mühe ersparen wollen. H. von Breuning wird alles auf die beste Art besorgen.
Du wünschest genaue Nachrichten über meine Verhältnisse. Der Hauptmann unter dem ich stehe, ist ein sehr gebildeter Mann, mit dem ich recht wohl auszukommen hoffe. Ich weiß nicht, ob ich schon geschrieben habe, daß ich ein hübsches Zimmer mit dem Feldwebel der Compagnie, einem recht artigen jungen Mann bewohne. – Mit der Offizierstafel ist es hier nichts. Jeder geht essen, wohin es ihm beliebt. Ich selbst habe aus ökonomischen Rücksichten, meinen Speiseort schon ein paar Mahl geändert, jetzt soll aber eine gemeinschaftliche Tafel für Cadeten errichtet werden, – wenn es dazu kommt. Abends aber muß jeder sich außer der Kaserne um etwas umsehen. Ich habe einen Purschen zur Bedienung, der monatlich 1 fl. C. Münze bekommt, nebst den Auslagen für Bleiweiß und Kreide zum Putzen der Uniformen. Die Wäsche kommt auch auf ein paar Gulden, wenn man sie sauber haben will. Ein Theater ist hier ebenfalls, welches ich auch mit Erlaubniß des Hauptmanns besuche. – Dies sind so die Hauptumstände, wovon ich Dir jetzt Nachricht geben kann. – Von dem was ich noch brauche und bereits in dem Brief an den Hofrath angezeigt habe, kann natürlich der Hauptmann nichts besorgen, bevor er nicht die Genehmigung in den Händen hat, ich bitte Dich daher, hierüber mit Hr. v. Breuning zu sprechen. Willst Du mir der Ausgaben wegen, welche ich nicht vermeiden konnte, und ebenfalls angezeigt habe, noch einen Zuschuß schicken, so würde es mir lieb sein. Ich habe auch darauf gerechnet, daß ich meine Gage, von dem Tage meiner Assentierung (12. Dezemb. 1826) erhalten würde, welches aber nicht geschah, da die Assentliste in Wien liegt. Ich muß daher jetzt noch sparsam leben. – Und nun noch eine Bitte. Ein Oberlieutenant vom Regiment, der die Musik und insbesondere Deine Werke liebt, will nächster Tage dasConcert pour le piano-forte dedié a Mr. Charles Nickel, Œvre 19. Vienne chez Hoffmeister Comp. bei sich produziren lassen. Durch einen Zufall ist aber die Flötenstimme verloren gegangen, er hat sich daher an mich gewendet. Ich bitte Dich daher die Flötenstimme besorgen zu lassen, und sie mir aber recht bald zu schicken. – Meine Adresse ist von wenig belang. Ich erhalte die Briefe durch den Regimentsadjutanten. – Schreibe mir recht bald wieder. Ich umarme Dich herzlich. Meine Empfehlungen an Hr. Hofrath.
Dein Dich liebender Sohn
Carl.
P. S.
Glaube ja nicht, daß die kleinen Entbehrungen, denen ich jetzt unterworfen bin, mir meinen Stand zuwider machen, sei vielmehr überzeugt, daß ich wohl zufrieden lebe und nur bedauere, so weit von Dir entfernt zu sein. Mit der Zeit wird aber auch das anders werden.
Für ein Petschaft mit meinen Nahmen
habe ich wie Du siehst selbst gesorgt.«
Beethoven hatte also ausführliche Nachricht von seinem Neffen und durfte im allgemeinen zufrieden sein; Karl hatte offenbar kein Bewußtsein [442] davon, wie schlimm es um den Onkel stand. Aus der nächsten Zeit vermißt man Nachrichten, man deutete dieses dahin, daß der Neffe vielleicht durch die Faschingsfreuden in Iglau in Anspruch genommen sei. Beethoven hatte ihn um eine Gefälligkeit gebeten, wie es scheint Übersetzung eines Briefes an Smart, auch damit ließ er warten; wir lesen namentlich von Schindler bittere Vorwürfe gegen ihn. Doch hatte er gegen Ende Februar den Empfang von Geld angezeigt, und am 4. März haben wir wieder einen Brief von ihm.43
»Iglau am 4. März 1827.
Mein theurer Vater.
So eben erhalte ich die mir überreichten Stiefel und danke Dir recht sehr dafür.
Die Uebersetzung des Briefes an Smart wirst Du erhalten haben; ich zweifle nicht daß es den günstigen Erfolg haben wird.
Eben heut kehrte auch ein Kadet zum Bataillon zurück der einige Zeit in Wien auf Urlaub war, er berichtet, gehört zu haben, daß Du durch ein gefrornes gerettet worden bist und Dich recht gut befindest. Ich wünsche nur, daß das letztere wahr sei, welches auch immer das Mittel gewesen sei.
Von mir ist wenig neues zu sagen, der Dienst geht seinen gewöhnlichen Gang fort, nur mit dem Unterschied, daß das Wetter weit milder, also auch die Wachen leichter zu bestreiten.
Schreibe mir recht bald, wie es mit der Gesundheit geht; auch an den H. Hofrath bitte ich meine herzliche Empfehlung zu machen. Ich küsse Dich,
Dein Dich liebender Sohn Charl.
P. S.
Deine Briefe bitte ich Dich zu frankiren,44 weil ich hier viel Porto zahlen muß, und aber mit meiner Rechnung schwer auslange.«
Der Neffe war also auch jetzt nicht genau unterrichtet, hatte nur ältere und zufällige Nachrichten.
Wir kehren im Zusammenhange zu der Krankheit Beethovens zurück. Die zweite Operation nahte heran; darüber und über die näheren Umstände unterrichtet uns das Konversationsbuch, aus dem wir hier natürlich nicht alles einzelne mitteilen können. Da treffen wir den Bruder Johann, der verschiedenes anrät und äußert, unter fortgesetzter Berufung auf den Arzt. Am Schlusse seiner Worte steht u.a.:
»Morgen ist Samstag. 3 König Tag.«45
[443] wodurch uns zugleich die Zeit dieser Unterhaltung an gegeben wird. Dann hören wir Schindler, der u.a. fragt:
»Haben Sie denn stets Appetit?« – und zufügt: »und da hat Hr. Seibert wirklich Recht, wenn er die 2te Operation noch aufschiebt, denn wohl wahrscheinlich wird es eher sein, daß er dadurch eine 3te unnöthill macht,«
auch aus der musikalischen Welt allerlei zu erzählen hat und von einem Gespräch mit dem Bruder berichtet, den er nach seinen Absichten mit dem Vermögen ausgefragt hat (Johann scheint sich abwehrend verhalten zu haben). Nach weiteren wegwerfenden Worten über den Bruder sagt Schindler am Schlusse:
»Sie wären ein glücklicher Mensch, wenn Sie vergessen könnten, dall Sie Verwandte haben, und wessen Geistes sie sind.«
Weiter erzählt er:
»Gestern erhielt H. Jenger einen Brief von der Frau Pachler,46 worin sie äußerst beklagt, daß sie nicht im Stande sei Ihnen in diesem kranken Zustande hülfreiche Hand zu leisten, allein vielleicht kommt sie bald nach Wien.«
Auf eine Äußerung des Mißtrauens von Beethoven, wie es scheint, antwortet Schindler:
»Doch ist es besser und gerathener, Sie verlieren noch nicht das Zutrauen zu dem Arzte, denn er hat denn doch schon viel gethan. – Das ist ein ganz bekannter Fall, daß Wassersucht langsam zu heilen ist. – Soll ich kommen, wenn der Arzt hier ist? – Mir ist es lieber!« – usw.47
Schindler stimmt hier in das Mißtrauen gegen Wawruch nicht ein. In einer folgenden Unterhaltung spricht auch er gegen Johanns Versuche, sich einzumischen, der den Arzt zu Mitteln bestimmen wolle (Digitalis), die dieser verwerfen müsse.
Einige Tage nachher, am 8. Januar (nach Schindler) wurde durch Seibert die zweite Operation ausgeführt; Schindler war anwesend. Sie ging leichter vonstatten als die erste; das Wasser, sagte Seibert, war [444] klarer und in größerer Quantität vorhanden als das erste Mal; bei 10 Maaß seien abgeflossen.
Am 11. Januar fand auch das gewünschte neue Konsilium der Ärzte statt, zu welchem, nach einer Bemerkung Johanns, vielleicht Braunhofer oder wieder Staudenheiner, den neben jenem Schindler anrät, sowie Malfatti gerufen wurden. Das Datum erfahren wir aus einem Briefe Jengers an Frau Pachler, den wir hier einrücken:48
(Wien 12. Januar 1827.)
»Hochverehrte gnädige Frau
Gestern ist über Beethoven Consilium gehalten worden, welches ich abwarten wollte, um Ihnen auf Ihr liebes Schreiben vom 1ten d. Mts. so viel als möglich genaue Auskunft über die Krankheit des großen Meisters geben zu können.
Der Professor Wawruch – welcher als Arzt ziemlich gescheidt sein soll – hat B. bisher behandelt. BeimConsilium hat aber der sehr renomirte Dr, Malfatti erklärt daß B. – welcher in früheren Zeiten vonMalf, behandelt worden war und letzterer B.s Naturell sehr gut zu kennen vorgegeben hat – in seiner dermaligen Krankheit bisher ganz falsch behandelt wurde. Er verordnete dem B. hierauf nichts als Obst-Gefrorenes und Einreibung des Bauches mit eiskaltem Wasser, mit welcher Kur Malfatti erst kürzlich einen ähnlichen Patienten völlig hergestellt haben soll.
Ob aber B. diese Cur auch aushaltet? ist eine Frage die die Zeit beantworten wird. Auf die zweite Anzapfung, vor ungefähr 5–6 Tagen, befindet sich B. zwar etwas besser; doch ist für seine gänzliche Herstellung nur wenig – aber doch immer noch Hoffnung vorhanden.
Ich würde Ihrem Wunsche gemäß B. öfter besuchen und sollten darunter wirklich auch andere Bekanntschaften leiden – doch B. läßt Niemand selbst nicht seine vertrautesten Freunde vor sich und so bleibt es blos bei meinem guten Willen für die Sache. Wenn sich etwas besonderes ergiebt, so werde ich Ihnen beste gnädige Frau gleich Nachricht davon geben, weil Sie an B. Schicksal so herzlichen innigen Anteil neh men, was mich und alle Freunde B.s ungemein freut.
Jedenfalls ist jetzt Beeth. in den besten ärztlichen Händen und auch sonst mangelt es ihm an Nichts. Wenn also Rettung noch möglich ist so wird er auch gerettet werden. Schubert läßt Ihnen gnädige Frau unbekannterweise die Hände küssen und auch er freut sich sehr die Bekanntschaft einer so warmen Anhängerin an Beethovens Schöpfungen zu machen.
Gott gebe,49 daß unser allseitiger Wunsch, dieses Jahr nach Gratz kommen zu können, in Erfüllung gehe.«
Das Wichtigste in der Erzählung von diesem Konsilium ist die Erwähnung des dabei anwesenden Dr. Malfatti, der ehemals mit Beethoven [445] befreundet gewesen war und ihn behandelt hatte, aber mit ihm in unfreundlicher Weise auseinander gekommen war, da sich Beethoven von ihm falsch behandelt glaubte. Darüber berichtet uns Schindler (II S. 135) und erzählt, wie schwer es ihm geworden sei, Malfatti zu einem Besuche bei Beethoven zu bewegen, und wie dann eine Aussöhnung zwischen ihm und Beethoven stattgefunden habe.50 Über die Zeit jenes Zerwürfnisses sind wir nicht unterrichtet; »vor zwölf Jahren«, sagt Schindler; über 1817 dürfen aber wir nicht hinabgehen.51
Daß ihn Dr. Malfatti jetzt regelmäßig besuchte, berichtet Schindler, und das läßt sich mit Wawruchs Darstellung wohl vereinigen; festzuhalten ist nur, daß Wawruch immer der dirigierende Arzt blieb, und daß Malfatti keinen Zwiespalt mit Wawruch haben wollte, der auch tatsächlich nicht eintrat. Daß Malfatti ein neues Heilverfahren vorschlug – Punscheis –, erzählt neben Schindler auch Wawruch selbst in seinem Rückblick; wir setzen die Stelle hierher; nachdem Wawruch von der Abnahme der Eßlust und dem Schwinden der Kräfte infolge des Säfteverlustes gesprochen, fährt er fort:
»Daher kam Dr. Malfatti, der von nun an mich mit seinem Rathe unterstützte und als langjähriger Freund Beethoven's vorherrschende Neigung für geistige Getränke zu würdigen verstand, auf den Einfall, Punschgefrorenes anzurathen. Ich muß eingestehen, daß diese Verordnung wenigstens ein paar Tage trefflich wirkte, Beethoven fühlte sich durch das weingeisthaltige Gefrorene so mächtig erquickt, daß er gleich die erste Nacht ruhig durchschlief und mächtig zu schwitzen anfing. Er wurde munter und voll witziger Einfälle und träumte sogar, sein begonnenes Oratorium ›Saul und David‹ endigen zu können.52
Doch dauerte, was vorauszusehen war, seine Freude nicht lange. Er fing an die Verordnung zu mißbrauchen und sprach dem Punsche wacker zu. Das geistige Getränk verursachte bald einen heftigen Andrang des Blutes nach dem Kopfe, er wurde soporös und röchelte gleich einem im tiefen [446] Rausche sich Befindenden, fing an irre zu reden und einige mal gesellte sich ein entzündlicher Halsschmerz mit einer Heiserkeit, ja sogar mit Stimmlosigkeit dazu. Er wurde stürmischer, und als nun von der Verkühlung der Gedärme Kolik und Durchfall entstand, war es hoch an der Zeit ihm diese köstliche Labung zu entziehen.«
Auch Gerhard von Breuning bezeugt (S. 92), daß die Erfrischung »gar zu bald« vorüberging.
Die Bemerkung über Beethovens Neigung zu geistigen Getränken wird Wawruch von Schindler besonders übel genommen und bildet für ihn die Grundlage zu dem Vorwurfe der Verleumdung und Ehrenkränkung; er habe u.a. glauben machen wollen, Beethoven habe durch übermäßigen Genuß von Spirituosen sich seine Krankheit zugezogen. Wir geben zu, daß Wawruchs Äußerung unvorsichtig war, weil daraus unzutreffende Schlüsse gezogen werden konnten; er kannte Beethoven nicht genug, um ein solches Wort allgemein hinzustellen. Aber er beruft sich auf Malfatti und wir können nicht wissen, ob nicht vielleicht Worte Malfattis zu Grunde liegen. Jedenfalls – zum Trinker hat er Beethoven nicht gemacht.
Über die Zeit des ersten Besuchs Malfattis seien noch einige Worte gestattet, da hier, so unwichtig die Sache an sich scheinen mag, ein kleiner Widerspruch beseitigt werden muß. Aus dem Briefe Jengers (s. o. S. 444) entnehmen wir, daß Malfatti am 11. Januar (wenige Tage nach der zweiten Operation) bei dem zweiten consilium der Ärzte anwesend war, und daß von da an die neue Behandlung mit dem Punscheis ihren Anfang nahm; darauf wird sich auch das »von nun an« bei Wawruch beziehen. Das war aber nicht was Beethoven wollte, er wollte Malfatti als eigentlichen Arzt an seinem Krankenbette sehen, und so blieb jener Besuch zunächst vereinzelt. Jetzt erst begannen die Versuche Schindlers (von denen dieser II S. 135 erzählt), Malfatti zu bewegen, zu Beethoven zu kommen; dies war nach der zweiten Operation, wie Schindler ausdrücklich sagt, sie konnten sich aber nicht auf das consilium beziehen; dieses nennt Schindler garnicht, erzählt vielmehr, daß Beethoven ihn allein, ohne Wawruch, sehen wollte; auch erstreckten sich diese Bitten Schindlers über einen etwas längeren Zeitraum. Das entnehmen wir aus seinen eigenen Worten. In seiner Entgegnung auf Wawruchs ärztlichen Rückblick53 sagt er:
[447] »Niemals werde ich die harten Worte jenes Mannes vergessen, die er mir für den todkranken Freund und Lehrer aufgetragen, als ich ihm nach der zweiten Operation [8. Januar] die inständigsten Bitten Beethoven's wiederholt überbrachte, sich seiner anzunehmen, sonst müßte er sterben, Dr. Wawruch kenne seine Natur nicht, ruinire ihn mit zu viel Mediciniren, schon habe er bis dahin 75 Flaschen, ohne die verschiedenen Pulver gerechnet, ausleeren müssen, überhaupt habe er kein Vertrauen zu diesem Arzt u.s.w. Auf alle diese Vorstellungen entgegnete mir Malfatti kalt und trocken: ›Sagen Sie Beethoven, daß er als Meister der Har monie wissen werde, daß ich mit meinen Collegen auch in Harmonie leben muß.‹ Beethoven weinte bittere Thränen, als ich ihm diesen Bescheid brachte, was ich, so schwer es mir fiel, thun mußte, damit er dort keine Hülfe mehr suche. – Schindler kann leider noch keine Einzelheiten geben, ›darum beschränke ich mich (berichtet er), hier zu sagen, daß nachdem Dr. Malfatti sich endlich doch des armen Beethoven erbarmte und Wawruchs Medicinflaschen mit einem Mal beseitigt und ein ganz anderes Verfahren vorgeschrieben54 hatte, doch selbst auf mündliches Bitten des Patienten nicht zu bewegen war sein Ordinarius zu bleiben und ihn öfters zu besuchen; im Gegentheil, er kam nur selten und ließ es sich gefallen durch mich dann und wann von dem Befinden des Kranken benachrichtigt zu werden; nicht einmal wollte er einen seiner Assistenten zu Beethoven schicken – folglich blieb Dr. Wawruch trotz Beethovens Widerwillen der tägliche Besucher.‹« – –55
Als Ergänzung dieser Mitteilung diene ein Brief Schindlers an Beethoven.
»19. Januar 1827.56
Mein großer Meister!
Weil ich heute schon um halb 9 Uhr Probe habe, von der ich nicht wegbleiben kann, so muß ich Ihnen hiermit schriftlich das Resultat meines 2ten Besuches bei Malfatti melden.
Er kommt also heute schon um halb 10 Uhr zu Ihnen. Wohl wissend, daß der Professor bis 10 Collegium hat, sagte ich ihm doch, daß wir ihn bis halb 10 Uhr zu kommen einladen werden. – Um uns beyde in keine Sauce zu setzen, so dürfen Sie sich bei Mals. bloß entschuldigen daß Ihnen erst heute der Prof. habe melden lassen, er könne wegen dem Collegium erst um 10 Uhr kommen. Mals. hat erst um 10 Uhr consilium in der Stadt: Sie haben daher Gelegenheit, mit ihm nach Wunsch allein zu sprechen. –
Was ich aber bitte, bei dieser Gelegenheit nicht außer Acht zu lassen, ist, sich mit ihm über das Vergangene gänzlich auszusöhnen, denn es stößt [448] ihm noch immer auf, obwohl in sehr gelinden Worten; aber er ließ mir doch heute wieder merken, als könne er diese verursachte Kränkung, wie er es nannte, nicht verschmerzen. – Einige Worte Aufklärung von Ihnen werden alles beseitigen, und in das alte freundschaftliche Gleise bringen.
Gegen 2 Uhr werde ich wieder die Ehre haben, bei Ihnen zu sein. Indessen, summa cum reverentia
Ihr dienstfertigster
Ant. Schindler.«
Schindler gibt, außer der Verweisung auf seine Biographie, noch folgende Anmerkung:
»NB. Beethoven war mit Dr. Malfatti einstens sehr befreundet. 1817 behandelte er ihn ärztlich. Da die Krankheit aber nicht so schnell wich, als Beeth. es wollte, so beschuldigte er Dr. Malfatti der schlech ten Behandlung u. noch weit mehr. Ein anderer Arzt, ein Gegner von Malfatti, verleitete Beethoven zu diesem Benehmen. Mals. verließ ihn zur Stelle u.s.w.«
Es fand, wie Schindler erzählt, noch ein dritter Versuch statt. Genug, Malfatti kam nun, nachdem die Aussöhnung mit Beethoven stattgefunden, etwa seit der zweiten Hälfte des Monats Januar in der von Beethoven gewünschten Weise zu ihm ans Krankenbett und behandelte ihn neben Wawruch, mit dem er sich auch über die Krankheit aussprach; sie waren, wie man aus den Angaben anderer im Konversationsbuch entnehmen möchte, nicht immer einer Meinung; doch von einer Beseitigung Wawruchs aus der Tätigkeit des leitenden Arztes ist keine Rede, wenn ihn auch Beethoven weniger gern kommen sah, während ihn Malfattis Erscheinen immer freudig erregte. Das schildert G. von Breuning anschaulich. Ende Februar war Malfatti selbst krank und konnte nicht kommen; in solchem Falle schickte er seinen Assistenten Röhrich. Im allgemeinen mag man sagen: Wawruch behandelte ihn, wenn auch mit Sachkunde, doch mehr geschäftsmäßig, seiner Pflicht entsprechend, während bei Malfattti das Herz mehr mitsprach; wenigstens empfand Beethoven es so. Freilich Heilung konnte auch Malfatti ihm nicht bringen; er wollte ihm aber die Hoffnung nicht zu früh rauben. Wir sind überzeugt, daß er als Arzt recht wohl wußte, daß hier ärztliche Kunst nichts vermöge, daß es vielmehr nur darauf ankommen könne, ihm zeitweilige Erleichterung zu schaffen. Dies und nur dies war sicherlich die Absicht bei der Verordnung des Punschgefrorenen, welches in der Tat, wie es auch Wawruch eingesteht, eine Belebung des Organismus brachte, in höherem Grade, als es Wawruch gelungen war. Malfatti gestattete es in nicht zu großen Quantitäten, beschränkte es später und wünschte, daß es nicht in [449] flüssigem Zustande genommen werde. Nur in der letzten Zeit schrieb er kein Maß mehr vor. Wir lassen hier noch die folgende Stelle aus Schindlers Artikel gegen Wawruch folgen, obgleich wir hierdurch eigentlich schon vorgreifen:
»Die erlaubte Portion von dem Punscheis überstieg in den ersten Wochen nicht ein Glas per Tag; erst nach der vierten Operation [27. Februar], wo man den Kranken rettungslos verloren sah, wurde ihm in dessen Genuß kein Maß mehr vorgeschrieben, indeß der Edle durch die auffallenden Wirkungen des verdoppelten öfters auch verdreifachten Maßes sich schon für halb gerettet hielt, daher an der zehnten Symphonie zu arbeiten verlangte, was wir ihm aber nur wenig gestatteten. Aus jenen, für seine ihn umgebenden Freunde äußerst merkwürdigen Tagen datiren die letzten an mich geschriebenen Zeilen vom 17. März – 9 Tage vor dem Hinscheiden und wirklich auch das allerletzte eigenhändig geschriebene Blatt des unsterblichen Meisters folgenden Inhalts:
›Wunder, Wunder, Wunder! Die hochgelahrten Herren sind beide geschlagen. Nur durch Malfatti's Wissenschaft werde ich gerettet. Es ist nöthig, daß Sie einen Augenblick doch diesen Vormittag zu mir kommen.‹
Der Ihrige
Beethoven.«57.
Hier machen wir Halt. Schindler ist bei der Datierung dieser Zuschrift sichtlich von seinem Gedächtnis verlassen. Dieser Freudenruf einer wieder erwachenden Lebenshoffnung kann nicht aus einer Zeit stammen, in welcher Beethoven selbst keine Hoffnung mehr hatte, sondern gehört in die Zeit der ersten Wirkung von Malfattis neuer Behandlung wie sie uns auch Wawruch schildert (S. 445), also in den Januar. Wawruch erwähnt selbst die wieder erwachende Luft zu arbeiten, nennt allerdings nur das Oratorium Saul und David, nicht die 10. Symphonie. Auf jenen Zettel hatte jemand (Schindler?) nach Nohl (Br. B. S. 340) mit Bleistift das Rezept des Heublumenbades geschrieben, welches Beethoven ohne besonderen Erfolg benutzte; das würde auch noch in den Januar führen, kann aber hierher keinen Bezug haben. Nach der vierten Operation gab er, nach Wawruchs Zeugnis, die Hoffnung auf; zu dem Briefe an Schindler »vom Monat Februar 1827« (S. 470), den dieser den letzten [450] eigenhändigen nennt, bemerkt er, daß Beethoven an diesem Tage nicht mehr zusammenhängend denken konnte.58 Am 16. März, erzählt Johann, erklärten ihn die Ärzte für verloren. Jenes kurze Billet ist also aus Beethovens letzten Tagen auszuscheiden; es gehört in den Januar oder nur wenig später. –
Übrigens stimmt auch Gerh. v. Breuning, was hier nicht verschwiegen werden darf, keineswegs in das unbedingte Lob Malfattis ein. Er war bei seinem ersten Besuche zugegen und schildert uns Beethovens sehnsüchtige Erwartung Malfattis und seine Freude bei seinem Eintritte.59
»Allein,« fährt Breuning fort, »der sonst so geistreiche Arzt scheint bei Beethoven wenig inspirirt gewesen zu sein. Der bei der ersten Visite verordnete Eispunsch ›zur Hebung des durch Wawruchs Arzneiüberladung übermäßig erschlafften Tones der Verdauungsorgane‹ hatte zwar erwünschte, aber gar zu bald vorübergehende Erfrischung zur Folge; dagegen bei einer folgenden, freilich wenige Tage nach der leidiger Weise schon ausgeführten zweiten Punktion,60 gemachten Visite: eine Art Dunstbad verschlimmerte des sehnsüchtig Hoffnenden Zustand derart augenfällig, daß es nach nur einmaliger Anwendung allsogleich weggelassen werden mußte. – Mit heißem Wasser gefüllte Krüge waren in einer Wanne geschichtet, darüber Birkenlaub dicht gelegt, und darauf der Kranke gesetzt worden, während Wanne und Körper – mit Ausnahme des Kopfes – mit einem Laken zugedeckt wurden. Malfatti meinte hierdurch bethätigend auf die Haut einwirken und den Organismus in ergiebigen Schweiß versetzen zu können; doch stellte sich gerade das Gegentheil als unmittelbare Wirkung heraus; der gleich einem Salzblocke den sich entwickelnden Wasserdunst mächtig an sich ziehende Körper, welcher durch die kaum gemachte operative Anzapfung seines Wassers eben erst entledigt worden war, quoll noch im Apparate sichtlich an, und machte schon nach wenig Tagen die erneuerte Einführung der Operationscanüle in die noch nicht verheilte Operationswunde erforderlich.«61
[451] Die Konversationshefte wissen von einer Darlegung Malfattis über die Natur von Beethovens Krankheit zu erzählen, der Wawruch beschämt habe zustimmen müssen, und lassen Malfatti von einem andern (Smetana) erzählen, den er von derselben Krankheit geheilt habe. Wenn er wirklich hoffte, Beethoven ganz heilen zu können: dann können wir doch nicht sagen, daß Malfatti den tieferen Sitz der Krankheit richtiger erkannt hätte als Wawruch. Daß er Wawruchs Diagnose als falsch bezeichnet hatte, glauben wir nicht. Glaublich aber ist, daß es ihm wesentlich auf zeitweilige Erleichterung des Kranken ankam, und daß ihm diese besser gelang als Wawruch; die Abneigung des kranken Beethoven gegen letzteren ist daraus völlig erklärt.62
Die Konversationshefte, die uns sonst so ganz in die Krankenstube führen, sind in dieser Zeit nicht so zusammenhängend und reichhaltig. Es ist zu bemerken, daß nach Breunings Zeugnis nicht nur ins Buch geschrieben wurde, sondern auch auf Tafeln, so daß manches nicht mehr vorhanden ist. Wir müssen uns auch hier Beschränkungen auferlegen, besonders hinsichtlich dessen, was nicht die Krankheit betrifft.
Da spricht z.B. Schindler einmal von dem Testament für Karl mit Bezugnahme auf Bach, welches noch einmal zur Erwähnung kommen wird; am Schlusse seiner Worte sagt er: »Morgen oder übermorgen Mozarts Titus«, der (nach Thayers Feststellung) am 30. Januar aufgeführt wurde. Daß er zurzeit nichts Größeres arbeiten kann, scheint Beethoven einmal zu Schindler zu sagen, wie aus dessen Antwort zu entnehmen ist. In dem Gespräche über die Krankheit wird einmal der 23. Januar (Johann), einmal am Schluß eines Heftes der 24. Januar (Schindler) und bald nachher der 25. Januar genannt. Die Freunde (Schindler, Breuning) [452] sprechen über Karl, das Testament, auch über Politik (Breunings Rede) unterhalten sie ihn. Holz erscheint selten und unterstützt ihn noch in musikalischen Dingen (Abschriften), erzählt ihm von Schuppanzighs Aufführungen63 usw.
Schindler äußert sich hier mehrfach sehr abfällig über Holz, wirft Beethoven vor, daß er ihm zu sehr die Zügel haben schießen lassen, und hatte auch, wie er erzählt, Auseinandersetzungen mit Holz selbst. Es sei uns hier eine kleine Abschweifung gestattet. Schindler hat hier den Konversationen eine längere Bemerkung beigegeben, mit starken Vorwürfen gegen Holz. Darin erzählt er die Entstehung von Holz' Verhältnis zu Beethoven, wie jener zu einer Zeit, als Schindler mit ihm gespannt war, Beethoven in seiner Dreistigkeit durch übergroße Fraternität, auch seine Geschicklichkeit zu imponieren gewußt, wie ihn Beethoven durch übergroße Nachsicht verwöhnt, Holz dagegen, der die Bedeutung des großen Mannes nicht erkannte, andere bei ihm verdächtigt und verleumdet, und Beethoven selbst in unangenehme Intrigen verwickelte habe. Als echter Wiener Lebemann habe er Beethoven in die verschiedenen Weinhäuser gezogen und sei der Major domus seines Haushalts geworden. Dies sei Beethovens Gesundheit sehr nachteilig gewesen. Es sei zu erwarten gewesen, daß Beethoven seiner bald überdrüssig werden würde; auch habe er so seinem Neffen kein gutes Beispiel geben können. Er (Schindler) habe ernstlich gewarnt; erst die Katastrophe mit dem Neffen im August 1826 habe ihn wieder an Beethovens Seite gebracht.64 Die strenge Beurteilung des Neffen durch Holz habe Beethoven verletzt. Dies und die Unzufriedenheit des Vaters Breuning über Holz' dreistes und »oftmals rüdes« Benehmen habe Beethovens Erkaltung gegen Holz hervorgerufen und den Wunsch, ihn nicht mehr zu sehen. Da er aber mit Beethovens Staatspapieren zu tun gehabt und noch mit Abschriften für ihn beschäftigt gewesen, sei er noch einigemal bei Beethoven erschienen; sein seltenes Kommen habe er mit seiner Verlobung bemänteln können. Auch bei Breunings sei er nicht wohl gelitten gewesen. Da er nun gesehen habe, daß er Beethovens Neigung nicht mehr besitze, so habe sich seine Verleumdung auch gegen Beethoven gerichtet; er habe erzählt, daß Beethoven stets viel getrunken habe; das habe Breuning von ihm gehört, dann u.a. Wawruch und die Gesellschaft bei Haslinger, [453] und so sei die Nachricht entstanden, Beethoven liege an der Wassersucht infolge unmäßigen Weintrinkens. Beethoven habe das selbst die Rache genannt, die Holz jetzt an ihm nehme. Schindler bezieht sich hier auf Äußerungen Piringers und Haslingers im Konversationsbuche; Haslinger habe Holz darüber zur Rede gestellt. Beethoven habe nicht geleugnet, von Holz verleitet oft gegen seine Gewohnheit Wein getrunken zu haben; da er aber immer daneben Wasser trank und jenes sich nur über einen kürzeren Zeitraum erstreckte, so habe das nicht die Ursache seiner Todeskrankheit sein können. Diese habe vielmehr zunächst in der vom Arzte übersehenen Richtung gelegen, die die vorangegangene Lungenentzündung nach ihrer Krisis genommen, dann in den Gemütsbewegungen infolge der Aufführung des Neffen, wie Malfatti geäußert habe. Dann spricht sich Schindler noch kurz über Wawruchs ärztlichen Rückblick aus. Er datiert seine Beischrift aus Aachen vom Juni 1845.
Schindler hat von dem Hauptinhalte dieser Anmerkung, besonders von den schweren Vorwürfen gegen Holz in seine Biographie Beethovens nichts aufgenommen, hält sogar (II S. 103) mit der Bezeugung persönlicher Achtung für Holz nicht zurück; wenn er daher meint, seine Anmerkung dürfte in der Folgezeit von Bedeutung sein, so hat er wenigstens selbst eine derartige Konsequenz nicht gezogen. Wir wiederholen hier, daß wir durchaus nicht die Absicht haben, Holz ganz zu reinigen und gegen alles, was man ihm vorwerfen will, zu verteidigen; seine Fehler kennen wir recht wohl, auch Beethoven waren sie nicht unbekannt, und doch enthielt er ihm seine Freundschaft nicht vor. Wir müssen nur immer festhalten, daß Schindler gegen Holz, der ihn für eine Zeitlang aus Beethovens Nähe verdrängt hatte, eine tiefe Abneigung empfand, und daß er daher für die Nachrichten über Holz keine unbefangene und objektive Quelle ist. Beethoven hat Holz bis zuletzt als Freund behandelt, wenn er auch kälter gegen ihn geworden sein mag. Holz war dem Meister sehr viel wert, nicht blos in Geldsachen; bei der Katastrophe mit dem Neffen hat er ihm treu beigestanden. Daß Schindler nach dieser Katastrophe wieder an Beethovens Seite gekommen sei, ist ein Irrtum, wir wollen sagen ein Gedächtnisfehler; das erfolgte erheblich später. Daß Holz Beethovens Größe nicht erkannt hätte, wird durch die Konversationen widerlegt. Von unangenehmen Szenen, von Intrigen, von denen Schindler hier erzählt, erfahren wir sonst nichts. Daß Holz den Meister in verschiedenen Lokalen herumgeführt hat, kann ganz wohl sein, zumal, wie wir wissen, Beethoven selbst gern öffentliche Lokale besuchte; und daß er durch Holz verleitet [454] worden sei, zeitweise mehr als ihm zuträglich war zu trinken, und daß Holz das weiter erzählte, kann auch einzelnes Tatsächliche zum Grunde haben, obwohl Übertreibungen hier obwalten mögen; wir möchten uns Beethoven nicht so unselbständig denken, wie ihn Schindler hier erscheinen läßt. Doch wollen wir hier Holz' lose Zunge nicht in Schutz nehmen. Daß er aber für das Gerede verantwortlich sei, Beethoven habe sich dadurch seine Krankheit zugezogen, sagt Schindler hier nicht und hat es auch in sein Buch nicht aufgenommen. Nach Beethovens Tode soll Holz, nach einer anderen Anmerkung Schindlers, ausgestreut haben, Beethoven habe sich durch Weintrinken die Wassersucht zugezogen. Im allgemeinen darf in dieser Sache gesagt werden, daß Schindler für die Zeit, da er von Beethoven fern war, nicht über alles, was dieser tat und ließ, genau unterrichtet sein konnte. Und daß Holz den Meister durch die Beurteilung seines Neffen verletzt hätte, klingt ganz absonderlich, diese Beurteilung stand bei allen Wohldenkenden fest, und Holz konnte Beethoven darüber nichts anderes sagen, als alle sagten, und als Beethoven sich selbst sagen mußte; wenngleich seine Zärtlichkeit mehr zum Verzeihen geneigt sein mochte; die Tatsachen lagen doch vor. Auch von Schindler lesen wir später im Konversationsbuche sehr scharfe Bemerkungen über den Neffen. Holz war in jenen Tagen immer um Beethoven und erlebte die ganze Sache mit ihm, Beethoven war über das Verhalten des Neffen genügend orientiert; da konnte ihm Holz kaum etwas sagen, was er nicht schon selbst bedacht hätte. Was Breuning betrifft, so lesen wir allerdings im Konversationshefte einmal eine sehr abfällige Bemerkung des Knaben Gerhard, daß Holz für falsch gelte und niemand ihn leiden möge, wobei aber doch dessen tiefe Liebe zu Beethoven hervorgehoben wird. Das kann ja ein Nachklang von Bemerkungen sein, die Gerhard zu Hause gehört hatte. Doch lesen wir, wie der Vater Breuning einmal im Konversationsbuch Holz wegen seiner Dienstwilligkeit lobt; und besonders bemerkenswert ist, daß Gerhard von Breuning im »Schwarzspanierhause« zwar Holz einfach unter den Besuchern Beethovens während der Krankheit nennt, aber niemals auch nur die geringste tadelnde Bemerkung über ihn äußert, während er sich über den Bruder und Neffen stark genug ausspricht. Daß Holz sein selteneres Kommen zu Beethoven, welches ihm Schindler in Beethovens Sinne vorgeworfen zu haben scheint, mit seinem Brautstande65 »bemäntelt« habe,[455] daraus kann ihm doch niemand ernstliche Vorwürfe machen. Daß ihn aber Beethoven später weniger gern sah, wollen wir nicht in Abrede stellen; Holz empfand, daß er für Beethoven in seiner Krankheit nicht mehr wie früher tätig sein konnte, es scheint ihm auch peinlich gewesen zu sein, jetzt immer wieder Schindler dort zu sehen. Das ist menschlich verständlich, und wir brauchen darum nicht die schweren Vorwürfe gegen ihn zu erheben; er fing eben an sich überflüssig zu finden. Darum hat ihm aber Beethoven nicht den »Laufpaß« gegeben, wie vormals Schindler. Er ist bis zuletzt Freund geblieben; wir wissen nichts vom Gegenteil. Zu beachten bleibt immer, daß Schindler die schwersten seiner Vorwürfe nicht oder doch nur ganz verblümt in seine gedruckte Darstellung aufgenommen hat. Wir hätten daher seine Bemerkungen vielleicht der verdienten Vergessenheit überlassen dürfen; nur weil Schindler meinte, sie könnten für die Folgezeit einmal Bedeutung gewinnen, haben wir sie kurz besprochen. Von Holz nehmen wir für jetzt Abschied und haben ihn nur noch einmal kurz zu erwähnen.
Von andern Freunden, die Beethoven in der Krank heit besuchten, begegnen uns im Konversationsbuch Tobias Haslinger, Piringer, dann später der alte uns bekannte Genosse Dolezalek, Schickh, Streicher und außerdem Bernard. Piringers Worte: »eine unedle Rache« bezieht Schindler wohl nicht mit Unrecht auf Holz;66 Haslinger schreibt gleich darauf, »Holz hat es gelesen was ich geschrieben.« Weitere Erörterungen mit Bach, Breuning, Schindler über Karls Verhältnisse (Testament usw.) übergehen wir hier. Es wird erzählt (Schindler), daß Weigl zweiter Hofkapellmeister geworden und sich über Beethovens Gratulation sehr gefreut habe. Unter denen, die sich nach seinem Befinden umsahen, war auch Fräulein Schechner, die ihn auch noch später besuchte; ihre Mutter beteiligte sich mit Ratschlägen für die Behandlung von Beethovens Krankheit (vgl. S. 450, Anm. 4).
Von dem Bevorstehen einer neuen Operation war schon vorher gesprochen worden; sie fand, wie aus den Konversationen geschlossen werden darf, am 2. Februar statt, nicht am 28. Januar, wie Schindler angibt.67 Dieselbe ging auch, wie Wawruch bezeugt, ohne Anstände vorüber, wenn auch nachher Sorge und Aufmerksamkeit z.B. wegen des [456] Verbandes erforderlich war. Malfatti läßt sich von dem Wundarzt über die Operation Bericht erstatten. Schindler schreibt im Konversationsheft:
»Es fällt mir eben ein, ob nicht Malfatti heute von dem Zustande der Leber und des Bauches wird sich überzeugen wollen. Es wäre daher sehr gut, wenn man zur Vorsicht doch den Hr. Seybert um 5 Uhr bestellen wollte. Er sagte ja, daß er Sie heute noch besuchen wolle – vielleicht um sich zu überzeugen. Das Wasser geht ja durch die Leber – daher der gute Zustand der Leber der Hebel der ganzen Krankheit ist. – Sie kann sich ja seit dieser wieder gebessert haben. – Es wäre in jeder Hinsicht gut, wenn er hier wäre, weil er vielleicht sich selbst von allem überzeugt hat. So kann Malfatti hierüber die beste Auskunft geben. –«
Also war von der Leber unter Beethovens Freunden damals die Rede. Ob die Erkenntnis von dem Hauptsitze der Krankheit Schindler und auch Malfatti damals aufgegangen war, entscheiden wir nicht.
Neben den Freunden, welche Beethoven in seiner Krankheit besuchten, haben wir hier auch der alten Freunde in der Ferne zu gedenken, die an ihm Anteil nahmen. Wir teilten oben (S. 391) den schönen Brief Beethovens an Wegeler vom 7. Oktober 1826 mit, durch den er Wegelers Brief von 1825 beantwortete. Als Beethoven krank lag, schrieb Wegeler wieder am 1. Februar 1827:68
Koblenz 1/2 1827.
»Lieber alter Freund!
Aus einer Zusendung einiger Musikalien von Schott in Mainz ist uns die freudige Überzeugung geworden daß Du Dich unserer in freundschaftlicher Güte erinnerst. Dein hartnäckiges Stillschweigen auf meine letzten Briefe ließ mich beinahe das Gegentheil fürchten. Nun sage ich mir: Du hast keinen fleißigen Correspondenten haben wollen. Und doch würde Dich keiner so in Deine Jugendjahre zurückgeführt, Dich an hundert Begebenheiten lustiger und trauriger Gestalt haben erinnern können, als ich, besonders da meine Frau meinem Gedächtniß durch Erzählungen von Fräulein Westerhold, Jeanette Hohnrath, und wie die et caeteras alle geheißen haben, treu nachhilft. Ueberhaupt kennen Dich meine beiden Kinder (von 20 und 13 Jahren) so genau daß sie suchen würden, falls Du uns besuchtest, das alles anzuordnen, von dem sie wissen, daß es dir angenehm war. Das Wort: Besuch, erinnert mich aber schmerzlich an Deine Krankheit, obschon ich in derselben ein Mittel sehe, einen meiner sehnlichsten Wünsche zu realisiren. Du wirst von der Krankheit, an welcher Du gegenwärtig leidest in den ersten Monaten genesen, dafür bürgt mir nicht so sehr Dein rüstiges Mannesalter, Deine ganze Constitution, die vorübergehenden Ursachen derselben, als die Natur der Krankheit selbst, die zwar hartnäckig ist und langwierig [457] aber der ungeschwächten Natur und den Bemühungen der Kunst dennoch weicht. Nun aber wird e