[510] Die drei Männer waren erregt, als sie in das öde, fast ärmliche Zimmer traten, das der große Ludwig bewohnte. Der Raum war in der größten Unordnung. Musik, Geld, Kleidungsstücke auf dem Fußboden, auf dem unsaubern Bette Wäsche gehäuft, der offenstehende Flügel mit dickem Staub bedeckt, zerbrochenes Kaffeegeschirr auf dem Tische.
Beethoven trat ihnen entgegen.
Benedikt sagt: so muß Lear oder die ossianischen Barden ausgesehen haben. Das Haar dick, grau, in die Höhe stehend, hie und da ganz weiß, Stirne und Schädel wunderbar breit gewölbt und hoch, wie ein Tempel, die Nase viereckig, wie die eines Löwen, der Mund edel geformt und weich, das Kinn breit, mit jenen wunderbaren Muschelfalten, die alle seine Porträts zeigen, und aus zwei Kinnbackenknochen gebildet, die dafür geschaffen schienen, die härtesten Nüsse knacken zu können. Ueber das breite, blatternarbige Gesicht war dunkle Röthe verbreitet, unter den finster zusammengezogenen, buschigen Brauen blickten kleine, leuchtende Augen mild auf die Eintretenden. die cyklopisch viereckige Gestalt, welche die Weber's nur wenig überragte, war in einen schäbigen, an den Aermeln zerrissenen Hausrock gekleidet.
Beethoven erkannte Weber, ehe er ihm genannt war, schloß ihn in die Arme und rief: »Da bist du ja, du Kerl, du bist ein Teufelskerl! Grüß dich Gott!« und nun reichte er ihm gleich jene berühmte Schreibtafel und es entspann sich ein Gespräch, während dessen Beethoven zunächst die Musikalien vom Sopha warf und dann sich ungenirt in Gegenwart seiner Gäste zum Ausgehen ankleidete.
Beethoven klagte bitter über seine Lage; schimpfte auf die Theater-Verwaltung, die Concertunternehmer, das Publikum, die Italiener, den Geschmack, besonders aber über die Undankbarkeit seines Neffen. Weber, der sehr bewegt war, rieth ihm, sich diesen widerlichen, entmuthigenden Verhältnissen zu entreißen und eine Kunstreise durch Deutschland zu machen, wo er sehen werde, was die Welt von ihm[510] halte. – »an spät!« rief Beethoven, machte die Pantomime des Clavierspielens und schüttelte den Kopf. »So gehen Sie nach England, das Sie bewundert,« schrieb Weber. »Zu spät!« schrie Beethoven, nahm Weber demonstrirend unter die Arme und zog ihn mit nach dem Sauerhof, wo er speiste.
Hier war Beethoven ganz Herzlichkeit und Wärme gegen Weber. Dieser schreibt:
»etc. Wir brachten den Mittag mit einander zu, sehr fröhlich und vergnügt. Dieser rauhe, zurückstoßende Mensch machte mir ordentlich die Cour, bediente mich bei Tische mit einer Sorgfalt wie seine Dame. Kurz, dieser Tag wird mir immer denkwürdig bleiben, so wie allen, die dabei waren. Es gewährte mir eine eigne Erhebung, mich von diesem großen Geiste mit so liebevoller Achtung überschüttet zu sehen. etc.«
Beethoven lenkte das Gespräch auf »Euryanthe«, was Weber indeß ablehnte. Da fragte Beethoven Haslinger über den Tisch: »Wie ist das Buch?« und während Weber aufschrieb: »Ganz erträglich! voll schöner Stellen«, hatte Beethoven Haslinger's Kopfschütteln gesehen, lachte laut auf und rief: »Immer die alte Geschichte! die deutschen Dichter können keinen guten Text zusammenbringen!« »Und Fidelio?« schrieb Weber. »Das ist ein französisches Original,« sagte Beethoven, »in's Italienische und dann erst in's Deutsche übersetzt.« »Und welche Texte halten Sie für die besten?« frug Weber. »Vestalin und Wasserträger!« rief Beethoven ohne Besinnen. –
So verkehrten die großen Meister in Liebe miteinander, und die Andern saßen dabei und sahen, wie sich die Stirnen zusammenneigten, hinter denen die »Eroica« und die C moll-Symphonie und »Fidelio«. und »Freischütz« und »Leyer und Schwert« und »Preciosa« gewohnt hatten und – des Schönen noch viel wohnte, und verglichen Weber's schmalen, langen, dünnumlockten Schädel, sein seines, geistvolles, zartes Gesicht mit Beethoven's breitem, dichtbewaldeten Hirngewölbe, seinem gerötheten Löwenangesicht, und dachten, wie Verschiedneres als diese Beiden nicht auf Erden sei, wie die Individualität beider aber so wunderbar das Wesen ihres Genius spiegle, und wie doch diese so[511] abweichend gestalteten Hüllen derselbe göttliche Funken erhelle, dieselbe Tönewelt erfülle und über beiden der Schimmer der Unsterblichkeit schwebe. – Beim Abschiede umarmte und küßte Beethoven Weber mehrere Male, behielt lange seine schmale Hand in seiner Faust und rief: »Glück auf zur neuen Oper! Wenn ich kann, komme ich zur ersten Aufführung!«
Tief bewegt und erhoben kehrte Weber nach Wien zurück.
So war eine äußere Annäherung zwischen diesen großen Menschen in schöner Form angebahnt. In ihrem Schaffen konnten sie sich nie ganz verstehen und schätzen, sonst wäre Beethoven eben nicht Beethoven und Weber nicht Weber gewesen, aber sie hätten sich gelten lassen und als Menschen immer lieber gewinnen können. wenn nicht böse, auf eine kleine Jugendsünde Weber's3 gestützte Zwischenträgereien das gute Vernehmen bald wieder in gewisser Weise gestört hätten, ohne daß die Meister sich jemals gegenseitig hindernd in den Weg getreten wären.