Schreiben an Herrn Pastenacci zu Schippenbeil in Ostpreußen.

[207] (5. August 1819.)


Eine sehr langwierige Krankheit hat mich seit Monaten von allen Geschäften entfernt. Sehen Sie darin die Ursache meiner verzögerten Antwort auf ihre geehrte Zuschrift vom 1. Mai.

Mit Theilnahme habe ich das mir Uebersendete durchgesehen, und Ihre vertrauensvolle Offenheit hat mich herzlich angesprochen. Ich gebe Ihnen dafür, was jedem Menschen das Heiligste sein muß – Wahrheit – so weit meine Einsicht nämlich sie mir zu geben erlaubt, und nach meiner Ueberzeugung. Ich würde Ihres Vertrauens nicht werth zu sein glauben, wenn ich es nicht thäte. Könnte ich doch Aug' in Auge Ihnen gegenüber stehen und der herzliche Ton des treu meinenden Freundes meinen Worten die Wärme geben, die Sie von der Reinheit meiner Ansicht, Ihnen nützlich zu sein, überzeugen, und vielleicht manchem bittern Tropfen die scheinbare Schärfe nehmen könnte, die von dem kalten Papier so starr und theilnahmlos den Leser anblickt.

Ihre Arbeiten zeugen von fleißigem Studium, das, Sie so weit gebracht, als man ohne Rath und Erfahrung kommen kann. Sie wühlen in Harmonien-Fülle, und, finden sich wohl in Aufsuchung den wohlklingendsten Lagen. Dies beweist Sinn für das wahre Grundgebände der Kunst, aber meist, geht darüber die Sorgfallt für das eigentlich Melodische verloren, für die eigentliche Erfindung und[207] für die Haltung des Ganzen. Fremde Eindrücke haben Sie aufgeregt; so etwas wollen Sie auch machen. Nun ja, das ist der erste Anstoß des Genius, der erste Schritt zum Ziele, das er wirklich schauet, aber erst viel später frei sich bewegen und nach dem Idealen hin streben lernt, was ihn dann aus sich selbst sprechen lehrt, und nicht mehr seine Gedanken in die vorhandenen Formen preßt. Die Werke jedes Anfängers wimmeln von Reminiscenzen. Zu jedem Stück kann man das Vorbild finden, nach dem es zugeschnitten. So auch bei Ihnen. Sie gestehen, keinen Harmonie-Unterricht gehabt zu haben, und leider bestätigt sich dies fast auf jeder Zeile. Falsche, unrichtige Schreibart des in sich Richtigen findet man häufig, und zwar so gestellt, daß es nicht mit einem Federstrich gut gemacht ist.

So wie die mir übersendeten Arbeiten jetzt sind, kann ich Ihnen nicht zur Herausgabe rathen. Es thut mir herzlich weh, Ihnen das so offen sagen müssen, denn Sie hoffen auch Erwerb davon, aber ich kann nicht anders. Wollen Sie sich gedruckt das sagen lassen, was ich Ihnen jetzt allein, und mit Liebe sage? Wollen Sie durch ein vielleicht zu hartes Urtheil Sich selbst, und für künftig jeden Verleger zurückschrecken lassen? Ich glaube aus Ihrem Briefe zu entnehmen, daß Sie vielleicht wünschen, ich solle diese Arbeit reinigen, und sie dann in die Welt fördern. Das kann ich nicht, lieber Freund. Ja, wären Sie bei mir, könnte ich Sie selbst zur Verbesserung anleiten, mit Freuden würde ich es thun. Aber so ist es eine Arbeit, die mir meine Zeit und Verhältnisse nicht erlauben, und wo andern Theils die Werke noch nicht genug den Stempel der eignen Schöpfung tragen, um durch das Vertilgen einiger Flecken zu etwas Selbstständigem oder Bedeutendem zu werden.

Lassen Sie sich hierdurch nicht abschrecken. Glauben Sie nicht, daß ich Ihnen Erfindung abspreche. Nein, Sie haben schon zu viel des Achtungswerthen eingesogen und geleistet, um es fahren zu lassen, aber schlagen Sie künftig den Weg ein, die Partituren klassischer Meister, ihrem Plan und ihren Anlagen nach zu studiren. Beobachten Sie den Gang, den Fluß der Rede. Sehen Sie, wie die Hauptgedanken entwickelt, nicht hereingeführt sind.[208] Vor Allem aber suchen Sie sich gründliche Harmonie-Kenntnisse zu erwerben.

Wenn man nicht Herr über die Mittel sich auszusprechen ist, wie soll da nicht der Ideen-Fluß jeden Augenblick gehemmt werden? Wer schon erst daran denken oder sich vornehmen muß – hier soll ein Uebergang kommen – der geht über, aber wer wird es ihm Dank wissen? Er wird immer erscheinen wie einer, der zur Gesellschaft sagt: »geben Sie Acht, jetzt werde ich wahrscheinlich einen guten Einfall haben.« –

Ihre Walzer enthalten viel Löbliches. Es sind aber doch mehr Redensarten, als eigentliche Gedanken. Im Rhythmus ist manches fehlerhaft. Z.B. Nr. 1. Schluß des 2. Theils 5. Takte statt 4. weil Ihr Gefühl den Haupt-Accent auf den Takt


Schreiben an Herrn Pastenacci zu Schippenbeil in Ostpreußen

fallen ließ, und zwar ganz richtig; dann nimmt aber das Gefühl des Hörers den ersten Takt


Schreiben an Herrn Pastenacci zu Schippenbeil in Ostpreußen

stets für eine Art Auftakt, wodurch das Ganze eigentlich die Haltung von 6/8 Takt bekommt: daraus folgt, daß die dem 3/4 Takt eigenthümlich rhythmische Bewegung verfehlt ist. Der harmonischen Unrichtigkeiten sind viele, wenn ich auch manches nur für Stichfehler, und noch anderes für Härten passiren lassen will.

Auch muthen Sie der Spannung der Hände zu viel zu. Ein Fehler, den man mir auch häufig vorwirft, obwohl ich es mir nur da erlaube, wo es mir unausweichbar zur Wesenheit des Gedankens nöthig scheint. Nun, es wird Ihnen auch überall nöthig vorgenommen sein.

Der Klavierauszug scheint mir, so viel ich mich ohne die Partitur zur Hand zu haben, erinnere, gut, vollständig, fast überfleißig verfaßt zu sein. Stellen, wie


Schreiben an Herrn Pastenacci zu Schippenbeil in Ostpreußen

muß man im[209] Clavierauszug nicht schreiben, sie stören mehr in der Ausführung, als das Gelingen derselben Gewinn bringt. Sie irren sich, wenn Sie glauben, die Tonart des Thema's der Variationen in Es verändert zu haben. Sie ist ursprünglich also, und zwar von Umlauf und nicht von Hiller aus der Oper: Der Irrwisch, und heißt: »zu Steffen sprach im Traume,« auch Mozart hat es variirt. In dem Augenblicke, wo ich dies schreibe, sehe ich, daß ich mich irre, und daß: »Als ich auf meiner Bleiche« eine solche Aehnlichkeit durch die Versetzung in Es mit dem Steffen bekommen hat. DasScherzo gefällt mir im Ganzen recht wohl, doch wendet und dreht sich alles gar zu harmonisirend. Das Trio ohne allen Unterschied fast wie das erste. Nichts als Würze, darüber schmeckt man am Ende das eigentliche Fleisch gar nicht. Der zweite Theil entfernt sich gar zu schnell weit von der Haupttonart, und verlöscht das Gefühl derselben. In dem Takt 5. 6. 7. 8. des zweiten Theils sind sie reinen Octaven trotz der Vorhalte nicht zu vertilgen, und die Octaven den Bratsche mit dem Baß ganz unstatthaft. Dagegen hat das Ganze Feuer Leben.

Mein lieber, junger Componist; ich wünsche nichts sehnlicher, als daß Sie, was ich Ihnen hier zu sagen mich gedrungen fühlte, auch richtig würdigen mögen, daß es Sie weder abschrecken noch muthlos machen, oder wohl gar erbittern möge. Lassen Sie es sich Fingerzeige zum weitern Fortschreiten auf einer wirklich ehrenvoll betretenen Bahn sein, und glauben Sie, daß es viel lohnender und leichter ist, mit ein paar nichtssagenden Phrasen einen Kunstjünger abzuspeisen, als ihn auf die dornenvollen Schwierigkeiten des Kunstwegs aufmerksam zu machen. Ich gab Ihnen aus treuem Herzen meine Ansicht, nehmen Sie sie sich so auf, wohl uns Beiden; wo nicht, so, müßte ich Sie zur Masse der Uebrigen rechnen, was ich nicht gern möchte. Gewiß aber werde ich immer an jedem Emporstrebenden wahren Theil nehmen, und also auch an Ihnen, dem ich Heil, Glück und Ausdauer und Geduld wünsche zum fernern Fortschreiten.


Mit freundschaftlicher Achtung u.s.w.[210]

Quelle:
Weber, Max Maria von: Carl Maria von Weber. Ein Lebensbild. Band 3, Leipzig: Ernst Keil, 1866, S. 207-211.
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