Streifenlippfisch (Labrus mixtus)

[166] Unter den Lippfischen im engeren Sinne (Labrinae), insbesondere aber unter den Mitgliedern der gleichnamigen Sippe (Labrus), verdient der Streifenlippfisch (Labrus mixtus, dispar, coeruleus, variegatus, formosus, lineatus, vittatus, larvatus, coquus, vetula, carneus, trimaculatus und exoletus, Sparus formosus, Gramnistes variegatus) allgemeinere Beachtung, weil er auch in den nordischen Meeren vorkommt. Er kennzeichnet sich durch dicke, fleischige, doppelte Lippen, kegelförmige Kieferzähne, stachel- oder zahnlose, beschuppte Vorder-und Kiemendeckel und fünf Strahlen in der Kiemenhaut sowie insbesondere dadurch, daß Männchen und Weibchen sehr verschieden gefärbt sind. Das Männchen ist auf braunröthlichem Grunde prachtvoll blau in die Länge gestreift, oft so, daß diese Färbung zur vorherrschenden wird, das Weibchen dagegen auf lichtrothem Grunde am hinteren Theile des Rückens mit drei dunklen Flecken gezeichnet. In der Rückenflosse finden sich siebzehn und dreizehn, in der Brustflosse funfzehn, in der Bauchflosse ein und fünf, in der Afterflosse drei und zehn, in der Schwanzflosse elf und sechs oben und unten aufliegende Strahlen. Die Länge beträgt etwa dreißig Centimeter, selten mehr, das Gewicht ein Kilogramm und darüber.

Vom Mittelländischen Meere an, welches als die eigentliche Heimat des Streifenlippfisches angesehen wird, verbreitet er sich durch das Atlantische Weltmeer, nach Norden hin bis zu den Küsten Großbritanniens und Norwegens, wie die übrigen Arten untermeerische Felsen erwählend und hier vorzugsweise in Spalten und Löchern zwischen größerem Seegrase sich aufhaltend, der Jahreszeit entsprechend aber sei nen Standort verändernd. Während des Sommers tritt er, nach Couch, oft in kleine Buchten oder Häfen ein und treibt sich hier zwischen den Steinen hart am Strande umher; im Herbste und Winter hingegen zieht er sich in mäßige Tiefen zurück. An den britischen Küsten laicht er im März und April, im Mittelländischen Meere hingegen, laut Risso, zweimal im Jahre, was wohl so viel bedeuten soll, daß die Laichzeit hier nicht an einen bestimmten Monat sich bindet. Kleine Krebsarten bilden die bevorzugte Nahrung; Fische und Seegewürm werden ebenfalls angenommen. Der Fang hat wenig Schwierigkeiten, weil alle Lippfische leicht an die Angel gehen, wird jedoch nirgends in großartigem Maßstabe betrieben; denn das Fleisch steht in geringer Achtung und dient den Fischern gewöhnlich nur als Köder zum Fange werthvollerer Arten.

Seiner prachtvollen Färbung halber wird der Streifenlippfisch gern in Gefangenschaft gehalten, läßt sich mit Muschelfleische und Gewürme ernähren, dauert auch in zweckmäßig eingerichteten Seewasserbecken recht gut aus und vereinigt in sich überhaupt für die Gefangenhaltung so viele Vorzüge wie wenig andere Seefische. Im hohen Grade fesselnd wird die Beobachtung seines Gebarens während der Fortpflanzungszeit. »Wiewol das ist«, sagt unser alter Freund Geßner, »daß dieser Fisch eine sondere anmuhtung vnd begierd hat viel Weiblin zu haben, so sol er doch in solchem ein grosser Eyfferer sein.« Das ist vollkommen richtig: in Sachen der Minne zeigt sich der Lippfisch allerdings als »grosser Eyfferer«. So friedlich er sonst mit seinesgleichen lebt, so eifersüchtig und rauflustig gebart er sich vor und während der Laichzeit. Nicht ohne Kampf mit [166] anderen Bewerbern erwirbt er sich das Recht auf ein Weibchen, geleitet dieses fortan getreulich, wohin es sich auch wenden möge, und leuchtet dabei förmlich auf in Pracht und Schönheit. Hat er sich einmal bestimmt entschieden, so duldet er keinen Nebenbuhler mehr, fällt vielmehr ingrimmig über jedes nahende Männchen her und streitet mit ihm auf Tod und Leben. Aber während die Liebe ihn verschönte, verhäßlicht ihn die Eifersucht: angesichts eines Gegners wird er am ganzen Leibe fast eintönig grau. Wie immer die Angaben der Alten zusammenstellend, berichtet Geßner weiter, daß der Lippfisch »eine sondere anmuhtung und liebe zu seine Jungen tragen sol, vor vnd ehe sie geboren: dann so das Weiblin oder Röchlin anhebt zu loychen, so verschliefft es sich in eine Hüle, vor welches Loch oder Ausgang der Milchling sitzt zu hüten eine gute Zeit, ohne Essen vnd andere Speyß, als auß Vernunfft, die Jungen zu beschirmen«.


Streifenlippfisch (Labrus mixtus). 1/3 natürl. Größe.
Streifenlippfisch (Labrus mixtus). 1/3 natürl. Größe.

Es ist keineswegs unglaublich, daß auch diese Angaben auf thatsächlichem Grunde beruhen; unsere Beobachtungen angefangenen Lippfischen reichen jedoch nicht aus, um bestimmtes sagen zu können.


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Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Achter Band, Dritte Abtheilung: Kriechthiere, Lurche und Fische, Zweiter Band: Fische. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 166-167.
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