Aland (Idus melanotus)

[289] Der mäßig gereckte und nur wenig zusammengedrückte Leib, der breitstirnige Kopf, das endständige, schief gespaltene Maul, die hinter dem Ende der Rückenflosse beginnende Afterflosse und die beiderseits in drei Reihen zu drei und fünf geordneten Schlundzähne, deren Kronen seitlich zusammengedrückt und an der Spitze hakenförmig umgebogen sind, sind die Merkmale der Nerflinge (Idus), deren bekanntester Vertreter der Aland, auch Gängling, Gäntling, Gentling, Gengl, Schwarznerfling, Rohrkarpfen, Hessel, Kilps, Hart- und Dickkopf, Pagen- und Bratfisch, Göse, Geese, Gaise, Gäse, Giesen, Jense, Gösenitz, Geslitz, Rodden, Rotten, Rottel, Döbler, Karpfen wächter usw. genannt (Idus melanotus, Cyprinus idus, idbarus, microlepidotus und Jeses, Leuciscus idus, neglectus, cephalus, Orfus und Jeses, Orfus ruber), ist.


1 Aland (Idus melanotus), 2 Rothauge (Scardinius erythrophthalmus), 3 Plötze (Leuciscus rutilus), 4 Döbel (Squalius cephalus). 1/6 natürl. Größe.
1 Aland (Idus melanotus), 2 Rothauge (Scardinius erythrophthalmus), 3 Plötze (Leuciscus rutilus), 4 Döbel (Squalius cephalus). 1/6 natürl. Größe.

Auch dieser Fisch gehört unter die größeren Karpfenarten und kann funfzig bis fünfundfunfzig Centimeter Länge [289] und mehr als drei Kilogramm an Gewicht erreichen, obschon er gewöhnlich kleiner bleibt. Seine Färbung ändert nach Aufenthalt, Jahreszeit, Alter usw. wesentlich ab. Im Frühlinge und während der Zeit der Fortpflanzung ist der Aland auf dem Rücken grauschwarz, goldig glänzend, an den Seiten heller, auf dem Bauche silberglänzend, auf dem Kopfe und den Deckelstücken goldfarben; die Rücken- und Schwanzflosse spielen von Graublau ins Violette, die übrigen Flossen sind roth. Im Herbste wird die Färbung dunkler, die des Rückens geht von Blaugrün ins Schwärzliche über, und der goldige Glanz wandelt sich in Gelblichweiß um. Unter dem Namen Orfe oder Orf, Urf, Urs, Gold- und Rothorfe, Goldnerfling, Erfel, Elft und Röthling (Idus miniatus, Cyprinus und Leuciscus orfus, Orfus ruber) unterscheidet man schon seit Geßners Zeiten eine ständige Abart des Aland, welche an Pracht der Färbung mit dem Goldfische wetteifern [290] kann. Rücken und Seiten sind hochorangegelb oder mennigroth, die unteren Theile silberglänzend; eine breite, undeutlich begrenzte oder verschwimmende violette Längsbinde verläuft längs den Seiten und trennt das höhere Roth des Rückens von dem blässeren der Oberbauchgegend; die Flossen sind roth an der Wurzel und weiß an den Spitzen.

Der Aland findet sich in allen mittleren und größeren Seen Europas und Nordwestasiens, die Orfe als Zuchtfisch in mehreren Flüßchen, Bächen und Teichen, so in dem Parksee des Lustschlosses Laxenburg bei Wien, in der Regnitz, Pegnitz, Rednitz, der Wörnitz und einigen Weihern der Umgegend von Dinkelsbühl in Mittelfranken, außerdem noch hier und da am Rheine und am Maine, ist in Norddeutschland jedoch bis jetzt nicht gezüchtet worden. Jener soll, nach Eckström, auch im Meere, beispielsweise zwischen den Schären Norwegens, leben und hier ebenso gemein sein wie in den klaren Flüssen und Seen Skandinaviens. Reines, kaltes und tiefes Wasser scheint zu seinen Lebensbedingungen zu gehören. Selten kommt er an das seichte Ufer, abends nur an die ruhige Wasserfläche. Während des Winters hält er sich auf tiefen Stellen der Gewässer auf. Seine Nahrung besteht aus Gewürme und Kerbthieren, vielleicht auch aus kleinen Fischen; ein Raubfisch wie der Schied aber ist er nicht. Gegen Anfang des Mai kommt bei den Männchen der Hautausschlag zum Vorscheine; bald darauf steigt der Aland aus den Seen in den einmündenden oder durchgehenden Flüssen auf und sucht sich hier sandige oder an Wasserpflanzen reiche Stellen zum Laichen aus. In günstigen Frühjahren geschieht dies früher, im April, zuweilen selbst im März, unter maßgebenden Umständen auch später, im Juni, Juli, sogar im August. Während dieser Zeit betreibt man seinen Fang mit Netz und Angel. Zum Köder für letztere wählt man Heuschrecken, Mistkäfer oder kleine Fischchen. Das Fleisch gilt für schmackhaft und wird trotz der vielen Gräten gern gegessen, nirgends aber hoch bezahlt, da das Kilogramm desselben nur ausnahmsweise mehr als eine Mark werthet. Auch die Orfe wird hier und da für die Küche, laut Jäckel, häufiger aber als »Karpfenwächter« benutzt, da sie gern in den oberen Schichten des Wassers umherstreicht, deshalb eher als der Karpfen den über dem Weiher schwebenden Flußadler sieht und durch rechtzeitiges Tiefgehen jenen schreckt und warnt. Neuerdings verwerthet man sie auch nach Art des Goldfisches, um Weiher und Springbrunnenbecken zu schmücken. Von Dinkelsbühl aus wird gegenwärtig ein ziemlich lebhafter Handel mit ihr getrieben und sie unter dem Namen »falscher Goldfisch« oder »Goldnerfling« auf weithin versendet.


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Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Achter Band, Dritte Abtheilung: Kriechthiere, Lurche und Fische, Zweiter Band: Fische. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 289-291.
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