Gründling (Gobio fluviatilis)

[274] Der Gründling, welcher auch Grundel, Greßling, Gräßling, Kresse, Gringel, Grimpe, Läufer, Mannfresser, Krebs- und Weberfisch heißt (Gobio fluviatilis, vulgaris, venatus, lutescens, obtusirostris, benacensis und Pollinii, Cyprinus und Leuciscus gobio), erreicht eine Länge von zwölf bis funfzehn, höchstens achtzehn Centimeter und ist oben auf schwärzlichgrauem Grunde dunkelgrün oder schwarzblau gefleckt, besonders deutlich längs der Seitenlinie, unten silberglänzend mit mehr oder minder deutlichem röthlichen Schimmer; Rücken- und Schwanzflosse zeigen auf gelblichem Grunde schwarzbraune Flecke; die übrigen sind einfarbig blaßgelb oder roth. In der Rückenflosse stehen drei und sieben, in der Brustflosse ein und vierzehn, in der Bauchflosse zwei und siebzehn, in der Afterflosse drei und sechs, in der Schwanzflosse neunzehn Strahlen.

Ueber einen großen Theil Europas und Westasiens verbreitet, herbergt der Gründling vorzugsweise in Seen, Flüssen und Bächen, findet sich jedoch auch in Sümpfen und selbst in unterirdischen Gewässern, wie zum Beispiele in der Adelsberger Grotte. In den deutschen Strömen gehört er zu den gewöhnlichen Fischen; in Großbritannien und Irland ist er ebenso häufig wie auf dem Festlande, in Rußland ebenfalls nicht selten, in Westsibirien und der Mongolei, nach eigenen Beobachtungen zum Beispiele im Altai, überaus gemein. Reines Wasser mit Sand- oder Kieselgrunde zieht er jedem anderen vor und kommt dementsprechend auf einzelnen Stellen selten, auf anderen außerordentlich häufig vor. Fast immer sieht man ihn in zahlreichen, dicht gedrängten Scharen, da ihm Geselligkeit Bedürfnis zu sein scheint. Seine Nahrung besteht aus Fischbrut, Würmern, faulendem Fleische und Pflanzenstoffen. Wegen seiner großen Vorliebe für Aas sagt man, daß er ein Todtengräber sei. Als man nach der Belagerung von Wien 1683 die erschlagenen Türken nebst den getödteten Pferden, um sie los zu werden, in die Donau warf, fand man später, wie Marsigli erzählt, sehr viele Gründlinge in der Nähe des Aases oder in den Leibeshöhlen desselben und bemerkte dabei, daß sie menschliche Leichen dem Aase der Rosse entschieden vorzogen.

Im Frühlinge steigt der Gründling massenweise aus den Seen in die Flüsse empor, um hier seinen Laich abzusetzen. Während der Fortpflanzungszeit dunkelt seine Färbung, und gleichzeitig entwickelt sich beim Männchen ein feinkörniger Ausschlag auf dem Scheitel, auf den Schuppen des [274] Rückens und der Seiten und den Brustflossenstrahlen, außerdem eine eigenthümliche Hautwucherung. Das Laichen erfolgt vom Mai an in Absätzen und währt etwa vier Wochen. »Als ich«, erzählt Rusconi, »in Desio war, ging ich an einem der schönsten Tage des Juli frühmorgens an dem Ufer des kleinen Sees der Villa Traversi spazieren. Plötzlich traf mein Ohr ein Geräusch. Ich glaubte zuerst, daß jemand mit Stöcken oder mit der breiten Fläche eines Ruders auf das Wasser schlüge, ließ meine Angen über die Ufer streifen und entdeckte bald den Ort, woher der Lärm kam, und die Ursache desselben: es waren laichende Fische.


1 Bitterling (Rhodeus amarus), 2 Uckelei (Alburnus lucidus) und 3 Gründling (Gobio fluviatilis). Natürl. Größe.
1 Bitterling (Rhodeus amarus), 2 Uckelei (Alburnus lucidus) und 3 Gründling (Gobio fluviatilis). Natürl. Größe.

Begierig, das Schauspiel in der Nähe zu genießen, näherte ich mich ihnen unmerklich, und unter dem Schutze der Gesträuche und Büsche, welche die Ufer des Sees zieren, kam ich so nahe, daß ich sie bequem und ohne von ihnen gesehen zu werden beobachten konnte. Sie befanden sich in der Mündung eines Bächleins, welches kühles und klares Wasser führte, aber in so geringer Menge, daß die kleinen Kiesel in seinem Bette fast trocken lagen. Es waren Gründlinge. Sie näherten sich der Mündung des Baches; dann, indem sie plötzlich rasch schwammen und dadurch ihrem Körper einen heftigen Stoß gaben, stiegen sie etwa einen Meter in dem Bache auf, ohne zu springen, gewissermaßen über den Kies hingleitend. [275] Nach diesem ersten Anlaufe hielten sie an, beugten Stamm und Schwanz abwechselnd nach rechts und links und rieben sich so mit der Bauchfläche auf dem Kiese. Dabei lag, mit Ausnahme des Bauches und des unteren Theiles des Kopfes, ihr ganzer Körper im Trockenen. Sieben bis acht Sekunden blieben sie in dieser Lage; dann schlugen sie heftig mit dem Schwanze auf den Boden des Baches, daß das Wasser nach allen Seiten herausspritzte, wandten sich und liefen wieder in den nahen See hinab, um bald darauf dasselbe Spiel zu wiederholen. Ein Naturforscher hat behauptet, daß die Fische, wenn sie laichen, sich auf die Seite legen, so daß der Bauch des Männchens unmittelbar oder wenigstens nahe an dem Bauche des Weibchens ruht. Ich will diese Thatsache nicht bestreiten, aber so viel kann ich versichern, daß die Fische, welche ich hier beobachtete, niemals eine solche Bewegung ausführten. Männchen und Weibchen stiegen auf die angegebene Weise in den Bach; jene ließen den Samen, diese die Eier von sich.« Die kleinen Eierchen sehen hier blau aus und werden, da sie den belebenden Sonnenstrahlen ausgesetzt sind, bald gezeitigt. Brut von zwei Centimeter Länge gewahrt man im Anfange des August oft in unglaublich dichten Schwärmen. Nach vollendeter Brutzeit kehrt der Gründling wieder in tiefere und bezüglich in stehende Wässer, also auch in seine Wohnseen zurück.

In Nordostdeutschland wird unser Fisch im Spätjahre regelmäßig in bedeutender Menge gefangen. Während des Sommers betreibt man den Fang vorzugsweise mit der Angel, weil der Gründling zu denjenigen Fischen gehört, welche auch das Vorhaben des ungeschickten Anglers lohnen. Die Engländer pflegen vor dem Fange mit der Angel den Grund mit einer eisernen Hacke aufzukratzen, weil der Greßling beim Vorüberschwimmen an derartigen Stellen zu verweilen pflegt, um nach kleinem Gethiere zu suchen. Bei einiger Geschicklichkeit hält es nicht schwer, binnen kurzer Zeit mehrere Dutzend dieser niedlichen Fischchen zu erbeuten.

Das wohlschmeckende Fleisch, von welchem das Kilogramm in Norddeutschland oft nur zehn, durchschnittlich vierzig, höchstens achtzig Pfennige werthet, wogegen es in Süddeutschland mit Recht besser geachtet und doppelt so hoch bezahlt wird, macht den Gründling trotz seiner geringen Größe überall beliebt. Außerdem läßt er sich als Futterfisch für bessere Edelfische mit Vortheil in der Teichwirtschaft verwenden. Wegen seiner Lebenszähigkeit eignet er sich auch für längere Gefangenschaft: selbst die englischen Fischhändler halten ihn in gewöhnlichen Trögen, durch welche sie Wasser strömen lassen, monatelang.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Achter Band, Dritte Abtheilung: Kriechthiere, Lurche und Fische, Zweiter Band: Fische. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 274-276.
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