Wels (Silurus glanis)

[199] Das Urbild der Familie, unser Wels oder Waller, Weller, Wallerfisch, Schade, Schaden, Schaid, Schait, Schaiden, Schaidl, Scharn, und wie sonst er noch heißen mag (Silurus glanis; – Abbildung auf Seite 183), Vertreter der Sippe der Waller (Silurus) und einer besonderen Unterfamilie (Silurinae), hat mit einigen asiatischen Verwandten gemein: nackten Rumpf, kurze Rückenflosse ohne Stachelstrahlen, sehr lange Afterflosse, weites Maul und in Binden gereihte, hechelförmige Zähne auf Zwischen-, Unterkiefer und Pflugscharbeinen. »Dieß scheußliche Thier«, sagt unser alter Freund Geßner, »möcht ein teutscher Wallfisch genennt werden. Ist ein sehr scheußlicher, grosser Fisch, hat ein scheußlich weit Maul vnd schlauch, grossen Kopff, keine Zän, sondern allein rauhe Kynbacken, ist an der gantzen Gestalt nit vngleich einer Trüschen, so grosse ding kleinen zu vergleichen sind, hat keine schüppen, sondern eine glatte schlüpfferige Haut.« In der That, schön oder wohlgestaltet kann man den Wels nicht nennen, und der Name »deutscher Walfisch« ist auch nicht übel gewählt; denn der Waller, Scheit usw. ist wirklich der größte aller europäischen Flußfische und hat als solcher schon lange vor Geßner die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen, ja selbst Dichter begeistert. Ausonius singt:


»Nun wirst, mächtiger Wels, Meerthier, auch du mir gepriesen,

Der, als wäre der Rücken mit attischem Oel dir gesalbet,

Du ein Fluß-Delfin mir bedünkst, so gewaltig den Strom durch

Ziehest du, schwer fortschleppend die Massen des wuchtigen Körpers,

Bald von niedrigen Furchen gehemmt, bald wieder von Flußschilf;

[199] Aber sobald in der Tiefe des Stroms du mächtig dahinwogst,

Dich anstaunen dann grüne Gestad' und blauliche Scharen

Schwimmender, dich die lautere Flut; es tritt aus dem Bette

Brandung, und über den Saum hin rollen die äußersten Wellen.

Also wenn aus dem tiefen Atlantischen Meere den Walfisch

An des Festlands Küste der Wind und eigne Bewegung

Antreibt, wälzt er verdrängend die Meerflut, thürmend erheben

Wogen sich, und das Gebirg' in der Näh', es fürchtet zu schwinden.

Dieser jedoch, so friedlich, der Walfisch unsrer Mosella,

Ist vom Verderben entfernt und Zier dem herrlichen Flusse.«


An Größe kann unter den Flußfischen Europas nur der Hausen mit dem Welse wetteifern. In der Donau erreicht er bei einer Dicke, daß ihn kaum zwei Männer umspannen können, laut Heckel und Kner, nicht selten eine Länge von drei Meter und ein Gewicht von zweihundert bis zweihundertundfunfzig Kilogramm. Scheitel, Rücken und Flossenränder sind blauschwarz, die Seiten grünlichschwarz, gegen den Bauch hin auf hellerem Grunde mit ölgrünen Flecken gezeichnet; die Unterseite ist röthlich oder gelblichweiß, bläulichschwarz gemarmelt; Bauch- und Afterflossen haben in der Mitte eine hellere gelbliche Binde; die zwei Bärtel des Oberkiefers sind weißlich, die vier kurzen des Unterkiefers röthlich. Die Rückenflosse hat einen harten und vier weiche, die Brustflosse einen stacheligen und siebzehn weiche, die Bauchflosse elf bis dreizehn, die Afterflosse neunzig bis zweiundneunzig, die Schwanzflosse siebzehn bis neunzehn Strahlen.

Von Südschweden an verbreitet sich der Wels über das ganze mittlere und östliche Europa, auch einen Theil von Westasien, fehlt jedoch hier und da, so beispielsweise im Rhein- und Wesergebiete, fast gänzlich, kommt ebensowenig in Frankreich, Spanien, Portugal und Italien vor und soll in Großbritannien nur ein einziges Mal erbeutet worden sein. Besonders häufig ist er in der unteren Donau, tritt jedoch auch im oberen Laufe dieses Stromes, seinen Nebenflüssen und den mit diesen in Verbindung stehenden Seen auf, ebenso wie er, welcher im Rheine zu den seltensten Erscheinungen zählt, im Bodensee gefangen wird. Unsere Meere besucht er erwiesenermaßen nicht, meidet sogar die schwachsalzigen Haffe der Ostsee, wogegen er dem Schwarzen und Kaspischen Meere nicht fehlt, hier wie da sogar einen wichtigen Gegenstand der Fischerei bildet. Ruhige Tiefen mit Schlammgrunde bilden seinen Standort. Hier lauert er träge hinter Steinen, versenkten Baumstämmen, Schiffstrümmern und dergleichen auf Beute, spielt mit seinen Bärteln und fängt die nach diesen schnappenden Fische weg, frißt aber außerdem Krebse, Frösche, Wasservögel, überhaupt alles, was er erreichen und verschlingen kann. »Ob der gestalt des Thieres«, fährt Geßner fort, »ist wol abzunemmen sein tyrannische, grimmige vnd frässige art. Also daß zu zeiten in eines Magen ein Menschenkopff vnd rechte Handt mit zweyen güldinen Ringen sind gefunden worden; dann sie fressen allerley daß sie bekommen mägen, Gänß, Enten, verschonen auch dem Viehe nit, so man es zur Weth oder wäschen, oder sonst zu träncken führt, also daß sie auch zu zeiten die Pferd zu grund ziehen vnd ersäuffen, verschonnt dem Menschen gar nit wo er jn kriegen mag.« Letzteres ist keine Uebertreibung; denn man kennt mehrere Fälle, welche Geßners Angaben bestätigen. In dem Magen eines bei Preßburg gefangenen Welses fand man, laut Heckel und Kner, die Reste eines Knaben, in einem anderen einen Pudel, in einem dritten Gänse, welche er ersäuft und verschlungen hatte. »Die Bewohner der Donau sowohl wie anderer Gegenden«, sagen die genannten Forscher, »fürchten sich daher vor ihm, und der Aberglaube der Fischer meinte früher, daß ein Fischer sterben müsse, wenn ein Wels gefangen werde.« An anderen Orten urtheilt man günstiger über ihn, indem man ihn für einen Wetterpropheten ansieht, wohl deshalb, weil er nur bei Gewitterluft die Tiefen des Gewässers verläßt und in die Höhe steigt.

Die Laichzeit fällt in die Monate Mai bis Juli. So lange sie währt, findet man die Welse gewöhnlich paarweise zusammen. Sie nähern sich dann dem Ufer, um im Riede und Rohre ihre Eier abzusetzen, und bleiben auch, was sie sonst nicht zu thun pflegen, übertages in seichtem [200] Wasser liegen. Nach angestellten Zählungen legt der Roggener nur etwa siebzehntausend Eier ab, aus denen nach sieben bis neun Tagen die Jungen, sonderbar aussehende Geschöpfe, welche mit Kaulquappen wirklich überraschende Aehnlichkeit haben, hervorkommen. Bei hohem Wasserstande erreicht die Brut schon im ersten Jahre bis dreiviertel, im zweiten bis anderthalb Kilogramm, bei niederem hingegen im ersten nur einviertel, im zweiten bis höchstens ein Kilogramm Gewicht. Erfahrene ungarische Fischer geben, laut Heckel und Kner, die Lebensdauer des Welses auf zehn bis zwölf Jahre an, unzweifelhaft mit Unrecht, da man, wie Baldner erwähnt, einen in der Ill bei Straßburg gefangenen Wels von Fußlänge in einem Weiher von 1569 bis 1620 am Leben erhalten und beobachtet hat, daß derselbe in dieser Zeit erst eine Länge von anderthalb Meter erreicht hatte. Wenn man nun auch annehmen darf, daß gefangene, bezüglich im engeren Raume eingesperrte Welse viel langsamer wachsen als solche, welche in der Donau oder einem anderen großen Strome nach Belieben jagen, sich tummeln und mästen können, darf man doch glauben, daß Riesen von drei Meter Länge eine viel höhere Anzahl von Jahren zählen müssen. Vielleicht zum Glücke für unsere Gewässer erreichen nur wenige Welse ein so hohes Alter. Die meisten der aus den verschont gebliebenen Eiern ausschlüpfenden Jungen werden in der ersten Zeit ihres Lebens von Quappen und anderen Raubfischen, die größeren wohl auch von ihren eigenen Eltern weggeschnappt, viele außerdem in der Blüte ihrer Jahre von Fischern gefangen, kaum weniger vielleicht durch allerlei Krankheiten, welche bei hoher Wärme nicht selten seuchenartig auftreten und dann zahlreiche Opfer fordern, hinweggerafft.

Ungeachtet des nicht sonderlich geschätzten Fleisches, welches, so lange der Fisch jung, sehr fett, wenn er alt, zähe und thranig ist, wird dem Welse doch nachgestellt, weil das Fleisch als Speck oder bei der Lederbereitung Anwendung findet und die Schwimmblase als schlechte Hausenblase in den Handel gebracht oder zu Leim verarbeitet wird. Für das Kilogramm Welsfleisch bezahlt man in Preußen und Pommern dreißig bis achtzig, in Sachsen achtzig bis hundert, in Bayern einhundertundzwanzig bis einhundertundachtzig Pfennige. Junge Welse erbeutet man meist mit der Angel, alte am häufigsten während der Laichzeit bei Nacht, gewöhnlich mit dem Wurfspieße. Sehr große Stücke machen den Fischern viel zu schaffen. Richter versichert, selbst gesehen zu haben, daß ein großer, an der Angel zappelnder Wels mit Schwanzschlägen einen Kahn umwarf.

Wie die meisten Welse überhaupt hält auch der europäische ohne Schaden längere Zeit außerhalb des Wassers aus, läßt sich demgemäß leicht versenden und in Gewässern, denen er fehlt, einbürgern. Letzteres soll neuerdings wiederholt geschehen sein, indem man von Preußen aus Welse nach Frankreich versandte. In engerem Gewahrsame halten junge Welse, falls man sie nur ordentlich füttert, leidlich aus.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Achter Band, Dritte Abtheilung: Kriechthiere, Lurche und Fische, Zweiter Band: Fische. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 199-201.
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