Fieberklee-Schilfkäfer (Donacia clavipes)

[179] Da wir von der zahlreichen Familie nur wenige Formen vorführen können, lassen wir uns auf eine weitere Gliederung nicht ein, sondern greifen einige der wichtigsten heraus in der Reihenfolge, in der sie die Systematiker zu bringen pflegen. Die schönen Schilfkäfer (Donacia) kommen in zahlreichen Arten in Europa und Nordamerika vor und sitzen Ende Mai oder anfangs Juni oft massenhaft auf Schilf, Riedgräsern und den übrigen grasartigen, am Wasser wachsenden Pflanzen oder auf den schwimmenden Blättern anderer, in deren Theilen ihre Larve gelebt hat. Dem Sammler sind sie durch Säure in ihrem Körper übel berüchtigt; denn kein anderer Käfer erzeugt an der ihn durchbohrenden Nadel so viel Grünspan, verwandelt mit der Zeit den in ihm steckenden Nadeltheil völlig in solchen, wie sie; dieser treibt die Flügeldecken und den Hinterleib auseinander und zerstört die Thiere. Man pflegt sie darum wohl wochenlang austrocknen zu lassen, wieder [179] etwas anzufeuchten, damit sie beweglich werden, und dann erst an die Nadeln zu bringen, auch übersilberte dazu zu verwenden, und noch erhält man keine Sicherheit, der Zerstörung vollständig vorgebeugt zu haben, weshalb es am zweckmäßigsten ist, sie auf ein Papierstreifchen neben die Nadel zu kleben, was man sonst bei Käfern ihrer Größe nicht zu thun pflegt. Wie nahe die Schilfkäfer ihrem Ansehen nach den Böcken stehen, sieht man daraus, daß Degeer eine auf Seerosenblättern anzutreffende Art, Donacia crassipes, als Leptura aquatica beschrieben hat. Der keulenbeinige Schilfkäfer (D. clavipes, auch menyanthidis) möge uns statt aller eine Vorstellung von diesen hübschen Kerfen geben. Er gehört zu den gestreckteren und den wenigeren, bei denen das Männchen sich nicht durch einen oder zwei Zähne an der Unterseite der Hinterschenkel, sondern nur durch geringere Größe von seinem Weibchen unterscheidet. Die Oberfläche ist goldgrün, die untere dicht silberweiß behaart, die mitten auf der Stirn eingelenkten, fadenförmigen Fühler von Körperlänge und die in einfache Klauen ausgehenden Beine röthlich. Das viereckige, vorn beiderseits gehöckerte und in der Mitte leicht ausgebuchtete Halsschild wird von feinen Querrunzeln und einer Längsfurche durchzogen. Die tief punktstreifigen und äußerst fein gerunzelten Flügeldecken, welche sich hinten einzeln abrunden und etwas verschmälern, sind über doppelt so lang wie zusammen breit; die Hinterschenkel erreichen die Spitze derselben, die walzigen Vorderhüften berühren sich. Bemerkenswerth ist noch bei allen Schilfkäfern der erste Bauchring dadurch, daß er die Gesammtheit aller folgenden an Länge noch übertrifft.


Fieberklee-Schilfkäfer (Donacia menyanthidis) nebst Larve und Puppengehäuse, natürl. Größe.
Fieberklee-Schilfkäfer (Donacia menyanthidis) nebst Larve und Puppengehäuse, natürl. Größe.

Diesen im weiblichen Geschlecht bis reichlich 11 Millimeter messenden Schilfkäfer fand ich, wie alle anderen Arten, nur im Mai und anfangs Juni beispielsweise 1866 sehr häufig und gepaart am gemeinen Schilfe unserer Saalufer und zwar an einer Stelle, wo weit und breit kein Froschlöffel (Alisma plantago) wächst, welchen Heeger als Futterpflanze bezeichnet, so daß ich annehmen muß, die Larve komme außer dieser auch an anderen Pflanzen vor. Ebensowenig habe ich den Käfer im Oktober oder November beobachtet. Er muß aber wohl zu dieser Jahreszeit anzutreffen sein, denn der eben genannte zuverlässige Beobachter behauptet von ihm, daß er gewöhnlich im Oktober bei Tage aus dem Wasser vorkomme und sich nach einigen Tagen bei Windstille begatte; die gegen Ende dieses Monats oder gar erst im November sich entwickelnden Käfer thun dies erst im nächsten Frühjahre, nachdem sie den Winter im Wasser unter faulen Pflanzenbestandtheilen zugebracht haben.

Das im Frühjahre befruchtete Weibchen geht nach sechs bis acht Tagen wieder unter Wasser und legt bei Tage seine Eier einzeln an die dicken Wurzeln der Futterpflanzen; vierzig bis funfzig hat es abzusetzen, die in vierzehn bis achtzehn Tagen untergebracht sind. Aus ihnen kommt nach zehn bis zwanzig Tagen die Larve zum Vorscheine, ernährt sich anfangs von den zarten Haarwurzeln, später von den stärkeren und nach der dritten Häutung von der äußeren Haut der dicken Ausläufer. Sie häutet sich in ungleichen Zwischenräumen und braucht zur vollkommenen Ausbildung fünf bis sechs Wochen. In erwachsenem Zustande hat sie eine Länge von 11 bis 13 Millimeter und eine Dicke von 3,37 Millimeter erreicht, ist fast walzig, am Bauche etwas ausgehöhlt, blaß grünlichgrau von Farbe, hat einen sehr kleinen, runden und einziehbaren Kopf, sechs Beine und am vorletzten (elften) Bauchringe zwei braune, hornige, auswärts gebogene und am Grunde genäherte, lange Dornen, welche in der Ruhe nach vorn am Bauche anliegen, beim Kriechen aber als Nachschieber dienen. Der hornige Kopf erreicht kaum den vierten Theil von der Breite des mittleren [180] Brustringes, trägt dreigliederige Fühler, keine Augen, sehr kleine zweigliederige Lippentaster und einen Unterkiefer, dessen innere Lade lederartig und verkehrt eiförmig, die äußere ebenso gebildet, aber kürzer ist, und dessen Taster gleichfalls nur aus zwei Gliedern bestehen. Die Oberlippe ist quer viereckig und jede Kinnbackenhälfte einfach zugespitzt, an der inneren Kaufläche stumpf zweizähnig. Zuletzt fertigt die Larve an der Wurzel der Futterpflanze ein pergamentartiges, schwarzviolettes, inwendig weißes, eiförmiges Gehäuse, in welchem die Puppe vollkommen wasserfrei zwanzig bis fünfundzwanzig Tage ruht. Wie bereits erwähnt, kommt der Käfer vor Winters daraus hervor, nachdem er ein Deckelchen abgenagt hat, hält sich eine Zeitlang an der Futterpflanze fest, bis er sich vom Wasser bis zur Oberfläche heben läßt; hier angelangt, steigt er an der ersten besten Pflanze empor, fliegt auch fort, wie alle Schilfkäfer; denn man findet einzelne weit entfernt von ihren Geburtsstätten und auf Pflanzen, denen sie entschieden nicht entsprossen sind. – Im heißen Asien und Afrika vertreten riesigere, 12 bis 35 Millimeter lange und gewölbtere Formen unsere Schilfkäfer: die prächtigen, durch ihre überaus dicken, auf der Unterseite beim Männchen stark gezähnten Hinterschenkel und die gekrümmten zugehörigen Schienen leicht kenntlichen Arten der Gattung Sagra, welche man an die Spitze der Familie zu stellen pflegt.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Neunter Band, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere, Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 179-181.
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