Erste Ordnung: Die Käfer [24] (Coleoptera, Eleutherata)

Beißende Mundtheile, eine freie Vorderbrust, ein angewachsener Hinterleib und zu Decken erhärtete Vorderflügel, welche eine Naht bilden, sind die äußerlichen Kennzeichen, eine vollkommene Verwandlung die Entwickelungsweise der Käfer.

Der Kopf steht in den seltensten Fällen frei vor dem Halsschilde, sondern ist mehr oder weniger tief in dasselbe eingelassen und daher in seiner Beweglichkeit verschiedenartig beschränkt. Auf seine Anheftungsweise und auf seine Gestalt, von der die Verlängerung der vorderen Gegend zu einem Rüssel als die auffälligste erwähnt sein mag, begründen sich die mannigfachsten Unterschiede. Hinsichtlich der beißenden Mundtheile wurde auf S. 5 u.f. das nöthige gesagt, in Bezug auf die Käfer sei hier nur noch bemerkt, daß ihre Kiefertaster aus vier, die Lippentaster aus drei Gliedern zusammengesetzt sind, und daß an der Unterlippe das Kinn gegen die meist ungetheilte Zunge bedeutend überwiegt. Die Netzaugen sind ganz oder ausgerandet, und zwar manchmal so tief, daß sie jederseits in eine obere und eine untere Gruppe von Aeugelchen zerfallen, dagegen kommen mit sehr wenigen Ausnahmen Punktaugen gar nicht vor. Nirgends findet sich eine so wechselnde Verschiedenheit der Fühler, wie bei den Käfern. Am beständigsten zeigen sie sich in der Gliederzahl elf, obschon Schwankungen zwischen vierunddreißig Gliedern nicht ausgeschlossen sind; größere Unterschiede kommen in der Länge vor, die größten jedoch in der Form, welche an Borste, Faden, Keule, Säge, Kamm, Fächer und anderes erinnert, auch ihrer Unregelmäßigkeit wegen keinen Vergleich zulassen. Manche dieser Formen sind für gewisse Familien, wie Kammhörner, Blatthörner usw., bei der Eintheilung von Bedeutung geworden, wie wir später sehen werden.

Der freie Vorderbrustring gelangt hier, wie bei allen anderen ihn besitzenden Kerfen, gegen die übrigen zu der vollkommensten Entwickelung und übt durch seine Form wesentlichen Einfluß auf die Gestalt des ganzen Käfers aus. Der Mittelbrustring tritt entschieden in den Hintergrund denn er bedarf keines größeren Innenraumes für die Anheftung von Muskeln, weil die Mittelbeine die am meisten untergeordnete Rolle spielen und die Flügeldecken keine Flugwerkzeuge sind; wo das Schildchen deutlich entwickelt ist, schiebt es sich in einen Ausschnitt der Deckschilde ein. Auch der hinterste Brustring bleibt unentwickelt, namentlich nach oben. Nur bei solchen Käfern, deren Hinterbeine beim Schwimmen oder Springen zu besonderen Kraftanstrengungen verurtheilt sind, reicht er an der Bauchseite weit nach hinten und bedeckt theilweise die ersten Bauchschuppen.

Charakteristisch für die Käfer werden ihre Flügeldecken insofern, als dieselben in der sogenannten Naht geradlinig in der Mittellinie des Körpers zusammenstoßen, vielleicht richtiger gesagt, sich aneinander falzen. Bei anderen Kerfen, deren Vorderflügel zu Decken erhärtet sind, greift die [25] eine unbestimmt über die andere über und die Nahtbildung geht verloren, wie in den »klaffenden« Flügeldecken bei Meloë und einigen anderen Käferausnahmen gleichfalls beobachtet wird. Meist liegen die Flügeldecken dem Rücken nicht einfach auf, sondern sie umfassen mit ihrem umgebogenen »Außenrande« die Körperseiten mehr oder weniger innig. Der Zusammenstoß des Außen- mit dem Vorderrande bildet die Schulter, und je weniger scharf diese hervortritt, desto mehr verschwindet der Gegensatz der eben genannten Ränder, desto kürzer wird der Vorderrand. Nur bei den gestutzten Flügeldecken kommt auch ein Hinterrand zur Geltung sowie ein Nahtwinkel und Außenwinkel; in den meisten Fällen spitzen sich die Flügeldecken am Ende zusammen oder jede einzeln so zu, daß sie mit der Leibesspitze zusammen aufhören, oder daß sie von letzterer den dann auch auf dem Rücken mit Chitin bedeckten äußersten Theil als Steiß (pygidium) frei lassen. Ein solcher bleibt bei den gestutzten Flügeldecken stets sichtbar, es fehlt aber auch nicht an Käfern (Kurzflügler), bei denen die Flügeldecken so kurz sind, daß der größte Theil des Hinterleibes frei bleibt und wie am Bauche, so auch auf dem Rücken einen Chitinpanzer trägt. Die Hinterflügel pflegen von wenigen kräftigen Adern durchzogen zu sein und in der Mittelgegend des Vorderrandes einen Chitinfleck, das Mal, zu tragen, an welchem sie sich umklappen, um durch weitere Längsfaltung unter die Decken verborgen werden zu können. Hinsichtlich dieser Zusammenfaltung hat man allerlei Unterschiede beobachtet und mit Namen belegt, die wir hier mit Stillschweigen übergehen. Diese dünnhäutigen Hinterflügel befähigen allein zum Fluge, und wo sie fehlen oder verkümmern, was nicht selten vorkommt, geht daher auch das Flugvermögen verloren, und die Verwachsung der Flügeldecken in der Naht ist dann öfters eine weitere Folge dieser Unregelmäßigkeit.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Neunter Band, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere, Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 24-26.
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