Fünfzeher (Coleoptera pentamera)

[26] Je nach Aufenthalt und Lebensweise der Käfer verwandeln sich die vorherrschend dem Gange und Laufe dienenden, mehr schlanken Beine in Schwimm-, Grab- oder Springbeine. Erstere sind in allen ihren Theilen breitgedrückt, durch Borstenwimpern noch weiter verbreitert, nur in wagerechter Richtung beweglich und sitzen meist ausschließlich am letzten Brustringe. Die Grabbeine zeichnen sich durch schwache, bisweilen verkümmerte Füße, breite, am Außenrande gezähnte Schienen und kurze, dicke Schenkel aus, eine Bildung, welche in ihrer höchsten Entwickelung den Vorderbeinen zukommt. Das Springen wird nur durch die Hinterbeine bewirkt, wenn sie aus stark verdickten Schenkeln und geraden, verhältnismäßig langen Schienen bestehen. Auf die Anzahl der Fußglieder hat man bei der Eintheilung wenigstens früher großes Gewicht gelegt und diejenigen Käfer fünfzehige (Pentamera) genannt, welche an allen Füßen fünf Glieder tragen, vierzehige (Tetramera), deren nur vier oder wenigstens scheinbar vier, wenn das eine sehr kleine unter seinem Nachbargliede versteckt liegt. Die Verschiedenzeher (Heteromera) zeichnen sich durch fünf Glieder an den vorderen, bei nur vier an den hintersten Füßen aus, und die Dreizeher (Trimera) setzen wenigstens die Hinterfüße aus nur drei Gliedern zusammen.

Die innige Verwachsung des Hinterleibes mit dem Brustkasten geht so weit, daß der erste Bauchring die Gelenkpfanne für die Hinterhüften bilden hilft, ihm folgen gewöhnlich noch sechs Bauchringe nach, ihre Gesammtzahl kann jedoch auch bis vier herabsinken. Auf der Rückenseite lassen sich meist acht Ringe unterscheiden, welche weichhäutig sind, soweit sie sich unter dem Schutze der Flügeldecken befinden. Außer röhrenförmiger oder stachelartiger Verengung an der Spitze des Hinterleibes, welche zur Ablage der Eier dient (Legröhre), finden sich bewegliche und paarige Anhängsel dort bei Käfern nicht, und in diesem Umstande liegt ein sicheres Unterscheidungsmittel zwischen einem Käfer und einem Geradflügler, dessen Flügeldecken ausnahmsweise in einer Naht zusammenstoßen (Ohrwurm).

Form und gegenseitiges Verhältnis der drei Hauptabschnitte des Körpers sind so mannigfach, daß sich die Gestalt der Käfer unmöglich auf eine gemeinsame Grundform zurückführen läßt, denn zwischen der Linienform finden sich alle denkbaren Uebergänge bis zu der Kreisform, von der flachen Scheibenform bis nahe zu der Kugel. Hier treten die drei Hauptkörpertheile in ihren Umrissen scharf getrennt auf, dort schließen sie sich eng und fest in ihren Grenzen aneinander. [26] Buckel, Hörner, Spitzen, manchmal bis zu überwuchernder Größe entwickelt und die betreffenden Theile, Kopf oder Halsschild, fast zur Unkenntlichkeit umgestaltend, bilden hier, Stacheln, Borsten, Flaumhaare oder Schuppen auf glattem oder rauhem Untergrunde dort eine drohende Bewehrung, einen prunkenden Schmuck, ein schlichtes Kleid. Die Farben sind vorherrschend trübe und eintönig, namentlich bei den Kindern gemäßigter und kalter Erdstriche, aber auch bunt, prachtvoll glänzend, und in dieser Hinsicht den edlen Steinen und Metallen nicht nachstehend.

Unsere Kenntnis von den Larven der Käfer ist zur Zeit noch sehr mangelhaft; denn auch angenommen, daß zu den sechshunderteinundachtzig als bekannt von Chapuis und Candèze (1853) aufgezählten Arten noch eine gleiche Anzahl hinzugekommen wäre, was entschieden nicht der Fall, so bleibt eine Menge von rund dreizehnhundert Arten noch gewaltig zurück hinter der der Käfer selbst, die man doch immer auf achtzigtausend schätzen darf. In ihrer äußeren Erscheinung bieten die Larven auch nicht annähernd die Mannigfaltigkeit der Käfer. Da die meisten verborgen leben, gehen ihnen die vom Lichte bedingten bunten Farben ab und ein schmutziges oder gelbliches Weiß ist vorherrschend. Sie haben alle einen hornigen Kopf und außer diesem zwölf (elf) Leibesglieder, keine Beine oder deren sechs hornige an den drei Brustringen. Dieselben bestehen aus fünf Gliedern und endigen in eine, bei einigen Familien in zwei und in einzelnen Fällen in drei Krallen. Der Kopf, der sich öfters etwas in den ersten Leibesring zurückziehen läßt, ist geneigt, so daß sich die Mundtheile der Brust nähern, oder er steht gerade aus und zeigt in seinen Formen mancherlei Unterschiede. Die einfachen Augen, wenn sie nicht, wie häufig genug, ganz fehlen, stehen zu eins bis sechs jederseits des Kopfes. Faden- oder kegelförmige Fühler finden sich bei vielen zwischen den Augen und der Wurzel der Kinnbacken. Sie bestehen in der Regel aus vier, jedoch auch aus weniger Gliedern, deren drittes nicht selten mit einem seitlichen Anhängsel versehen ist. Die Freßwerkzeuge, bei denen, welche ihre Nahrung kauen, in der Mundöffnung angebracht, bei anderen, welche sie saugend zu sich nehmen, vor jener stehend und dieselbe bedeckend, entsprechen denen der Käfer. Bei den Fleischfressern fehlt meist die Oberlippe und die verlängerte Stirn, oder ein davon abgesondertes Kopfschild übernimmt den Schluß der Mundöffnung von oben her. Obgleich einzelne Theile der Unterlippe fehlen können, so bildet sie doch einen beständigeren Mundtheil als selbst der Unterkiefer. Die zwölf Leibesglieder sind glatt und hart, weich und querrunzelig, entweder so ziemlich gleich unter sich, oder die drei vordersten zeichnen sich, weil dereinstiger Brustkasten, irgendwie vor den übrigen aus; auch das letzte wird durch andere Form oder durch Anhängsel, die wie der ausstülpbare After vieler beim Fortkriechen als »Nachschieber« dienen, charakteristisch. An der Seite des ersten oder in dessen nächster Nähe und an den Seiten noch acht weiterer Ringe vom vierten ab liegen bei den zwölfringeligen Käferlarven die Luftlöcher; bei den nur elfgliedrigen der Wasserkäfer und einiger anderen (Donacia) zählt man jederseits nur deren acht, indem sich das neunte mit der Leibesspitze vereinigt.

Die Puppen gehören zu den Mumienpuppen und lassen alle Theile des künftigen Käfers, Beine, Fühler, Flügel, jeden mit feinem Häutchen umschlossen und frei dem Körper anliegend, erkennen; sie zeigen sich bei Störungen ungemein beweglich, liegen frei in einem Lager, welches die Larve vor der Verwandlung durch Ausnagen ihres bisherigen Aufenthaltsortes kunstlos hergerichtet hat, ruhen in nur seltenen Fällen in einem zusammengeleimten Gehäuse oder hängen, wie viele Schmetterlingspuppen, mit ihrer Leibesspitze an einem Blatte, wenn die Larve frei auf diesem lebte.

Je nach der Größe des Käfers bedarf er nach dem Ausschlüpfen eine kürzere oder längere Zeit, um zu erhärten und sich, besonders seine Flügeldecken, vollkommen auszufärben, immer aber eine entschieden längere Frist als die meisten übrigen Kerfe, wie dies in der reichlicheren Chitinbekleidung der Käfer seine Begründung findet.

Obschon gewisse Käfer äußerst lebhaft im Sonnenschein umherfliegen, andere die Nachtzeit hierzu wählen und dann etwa nur dem Jäger auf dem Anstande oder dem Gelehrten auf seinem Arbeitstische [27] zu Gesicht kommen, wenn er in den Sommernächten bei offenen Fenstern studirt und jene durch den Lichtschein herbeilockt, so sind doch die geflügelten Käfer mehr als die meisten anderen Kerfe an den Boden oder die ihn bedeckenden Pflanzen gebunden, leben hier geräuschlos und versteckt, unbemerkt und nicht vorhanden für die Mehrzahl der Menschen, die allenfalls dem neckisch in der Luft sich schaukelnden, bunten Schmetterlinge, der wilden Libelle mit ihren glitzernden Flügeln, dem lärmenden Grashüpfer, der brummenden Hummel und summenden Biene ihre Aufmerksamkeit schenken. Den Bewohnern eines Flußthales bietet sich dann und wann die beste Gelegenheit dar, nicht nur Käfer in ungeahneten Massen bei einander zu sehen, sondern auch deren Gebundensein an die Erdscholle so recht zu erkennen. Zum erstenmale im Jahre sind es die oft mit dem Eisgange verbundenen Ueberschwemmungen, das andere Mal solche im Hochsommer, wenn anhaltende Gewitterregen die Flüsse bis zum Uebertreten angeschwellt haben. Beide Ueberschwemmungen liefern der Kerfwelt gegenüber ein höchst interessantes Bild, und zwar jede ein anderes.

Zu der Zeit des Eisganges liegen die Tausende von Kerbthieren, unter denen die Käfer die überwiegende Mehrzahl liefern, in der winterlichen Erstarrung, und nur einzelne, die an höheren, länger von der Sonne beschienenen Berglehnen schliefen, haben etwa den wohlthuenden Einfluß von deren Strahlen empfunden und fangen an, ihre Gliedmaßen zu recken. Da kommen die kalten Fluten dahergebraust, wühlen alles, was lose ist, auf und nehmen auf ihrem Rücken mit sich weg, was den physikalischen Gesetzen nachschwimmt. Kleine Holzstückchen, Schilfstengel, Pflanzensamen und das übrige Gekrümel, an welchem alle Flußufer keinen Mangel leiden, kommen schließlich an den Rändern des Wasserspiegels zur Ruhe und lagern sich beim allmählichen Zurücktreten des Wassers ab, in langen Reihen die Stellen bezeichnend, bis zu welchen es gestanden hatte. Diese Ablagerungen sind die redenden Zeugen von dem, was auf dem überfluteten Boden gelegen hat, ihre Untersuchung eine bequemere oder mühevollere, je nachdem man sie vornimmt. Greift man gleich anfangs eine Partie der noch feuchten Ablagerungen auf, trägt sie heim, füllt Glasgefäße mit ihnen theilweise an, welche in der warmen Stube aufgestellt werden, so wird man ein reges Insektenleben in denselben bemerken, sobald die Feuchtigkeit verschwunden ist und die wohlthuende Wärme ihre Wirkungen geltend macht. Stellt man einige längere Holzstäbchen in diese Gefäße, so sind diese bald von unten bis oben mit Käfern der verschiedensten Art bedeckt, die eine in größerer Stückzahl als die andere. Gründlicher fällt die Untersuchung an Ort und Stelle aus, nur muß man die Zeit abwarten, bis die wärmenden Sonnenstrahlen die Schläfer erweckt und das Angeschwemmte so ziemlich getrocknet haben, so daß die Feuchtigkeit nur noch an den unteren Schichten haftet. In diesen zeigt sich dann ein Kribbeln und Krabbeln von allen denjenigen Insekten, welche angeflutet sind und sich zunächst noch unter diesem sicheren Verstecke heimisch fühlen, bis sie sich nach und nach bei mehr vorgeschrittener Luftwärme zerstreuen, der Nahrung und der Fortpflanzung nachgehend. Außer den Käfern und deren Bruchstücken sind es Wanzen, Spinnen, diese und jene Schmetterlingsraupe, Tonnenpüppchen und andere, je nach der Gegend für das bestimmte Flußthal oder für verschiedene Flußthäler. Beiläufig bemerkt, ist dem eifrigen Forscher ein sicheres Mittel hierdurch geboten, die in vollkommenem Zustande überwinternden Käferarten seiner Gegend kennen zu lernen.

Gleich im Endverlaufe für das Geschick der Schiffbrüchigen, aber verändert in der anfänglichen Erscheinung gestaltet sich das Bild bei sommerlicher Gewitterüberschwemmung. Die Fluren sind jetzt belebt von allerlei Gethier, namentlich auch die Wiesen, in der Regel die nächsten Nachbarn der Flüsse. Die unmittelbare Umgebung der Stelle, an welcher die entfesselte Natur ihre himmlischen Schleusen öffnete, läßt selbstverständlich keine Beobachtungen der in Rede stehenden Art zu, sondern nur die ferneren, wo die Gewässer langsamer vordringen und von Stunde zu Stunde immer tiefer in das Land einfressen. Faßt man diese allmählich sich vorschiebende Grenze zwischen der Wiese und dem Wasser in das Auge, so wird man ein sehr bedrängtes, darum ungemein reges und dabei vollkommen lautloses Leben gewahr. An einem Grasstengel eilt ein Laufkäfer [28] empor, ihm folgt ein rothes Sonnenkälbchen und eine schwerfälligere Chrysomele bildet die Nachhut auf der Flucht; gleich daneben klimmt ein schwarzer Läufer in die Höhe, aber ach! das schwache Blatt biegt sich unter seiner Last und das Wasser bespült ihn. Er verliert die Besinnung nicht, hält fest noch den Halm, der ihn retten soll, und kehrt um, nach oben. Vergeblich, er ist zu schwer, er zieht sein Blatt mit sich hinunter und versinkt. Nun läßt er los; ängstlich zappelnd rudert er im ungewohnten Elemente, aber er hält sich oben und kommt vorwärts. Der starke Stengel eines Doldengewächses ist glücklich erreicht, er hat noch Kraft genug, ein Stück in die Höhe zu kommen. Da trifft er einen Blattkäfer, eilt in Hast über ihn fort; dieser ist erschreckt, läßt sich fallen und befindet sich in gleicher Lage wie eben er, der sich endlich ermattet hinsetzt, die Fühler durch die Freßzangen zieht, mit den Vorderbeinen sich putzt und – weiterer Gefahr entgangen zu sein scheint. Da kommt ein anderer geschwommen, hier wieder einer, jeder in seiner Weise, die ihm die Noth eben lehrt. Da ein dritter, es ist ein gestreckter, schön kupferglänzender, der viel am Wasser verkehrt. Wie erstarrt streckt dieser Schilfkäfer seine sechs Beine von sich, die Fühler gerade vor und läßt sich vom Wasser forttreiben, anscheinend vollkommen in sein Schicksal ergeben. Die Fühler stoßen an etwas, mechanisch gehen sie auseinander und gleiten mit ihren Innenflächen an jenem Etwas entlang. Der günstige Umstand wird benutzt, die Beine zeigen Leben und gemächlich sehen wir unseren Schwimmer an einem Grashälmchen herankriechen, als wäre ihm nichts widerfahren. Hier am Rande sitzen gedrängt an einander auf einem Blatte rothe und schwarze, grüne und blaue Käfer und scheinen zu berathen, was zu thun sei, um der Gefahr zu entrinnen; denn aufgerichtet sind ihre Vordertheile und die Fühler in steter Bewegung. Ein paar grüngläserne Augen stierten von der Seite her schon längst nach ihnen. Schwapp! und sie befinden sich bereits auf dem Wege in einen Froschmagen; was nicht erschnappt ward, zappelt rathlos in allerlei Stellung im Wasser. Ein Weidenbüschchen von wenigen Ruthen ragt weit über die benachbarten Gräser und Kräuter hervor, eine mächtige Schutzwehr für seine ursprünglichen Bewohner, ein sicherer Hafen für manchen Schiffbrüchigen. Darum ist es aber auch belebt von jeglichem Volke. Ruhig kneift der schlanke Schnellkäfer in die jungen Johannistriebe oder neben ihm der untersetzte breitschulterige Weber (Lamia textor). Ein grüner Rüßler mit schwefelgelbem Saume der Flügeldecken (Chlorophanus viridis), sein Männchen auf dem Rücken, marschirt eben etwas höher hinauf, weil es da unten zu feucht wird. Sie alle saßen und fraßen und kosten hier, ehe die Flut kam und werden das Geschäft fortsetzen, wenn jene sich verlaufen hat; sie wohnen hier, ziehen allenfalls ein Stockwerk höher, wenn es noth thut, und halten gute Nachbarschaft mit noch manchen anderen, grünen oder blauen, hüpfenden oder nur kriechenden Blattkäferlein. Unser Bild: »die Käfer in Wassernoth« soll einen schwachen Begriff von einem Akte dieses Drama's geben, welchem sich noch andere vor unseren Blicken abspielen, wenn wir nur die rechte Stelle gefunden haben, wie etwa eine freie Wasserfläche, welche die kahlen, noch hervorragenden Ränder einer kleinen Bucht bespült. Hier ist die Hülflosigkeit entschieden noch größer und an ein Flüchten auf das Trockene, und wäre es nur für wenige Augenblicke, nicht zu denken. Das Wasser treibt Blätter, Schilf, Holz, Baumrinde und anderes in größeren oder kleineren Bruchstücken in Menge an, Korkpfropfen, Pflanzensamen usw., alle reich belebt von unfreiwilligen Schwimmern. Da kommt auf einem Schilfstückchen ein kleiner Mistbewohner (Aphodius) angesegelt, der gewiß schon eine tüchtige Wasserreise auf diesem gebrechlichen Fahrzeuge zurückgelegt hat; dort läßt sich eine Landassel, ein Tausendfuß, die beide den Kerfen nicht angehören, herbeiflößen oder in den ruhigeren Hafen treiben. Ruhe herrscht in demselben, aber die Ruhe der Verzweiflung. Die angetriebenen Stückchen schwanken auf und nieder, stoßen und drängen einander, das eine sinkt, um seinem eben auftauchenden Nachbar den Platz einzuräumen. Alles kocht und wallt durch einander, ohne Feuer, ohne Geräusch. Zwischen dem allen nur lebende Landbewohner, denen es nicht möglich, an dem Ufer emporzukommen oder auch nur auf der Oberfläche des Wassers sich auf Augenblicke zu erhalten. Man denke sich an die Stelle dieser Bedrängten und man wird die Traurigkeit ihrer Lage in voller Größe begreifen. Ihre Lebenszähigkeit ist jedoch [29] größer als man glauben sollte: sie bietet den Naturkräften, welche Häuser umwerfen und Steinblöcke fortwälzen können, Trotz und – sie sind gerettet. Hier strandet eine Schicht Röhricht, gehoben von sanfter Welle, dort bleibt sie im Trockenen zurück, sobald das Wasser zurückweicht, was in der Regel bald geschieht, und es wiederholt sich für die Streifen des angeschwemmten Röhrichts das, was schon oben erzählt wurde, nur mit dem Unterschiede, daß das Krabbeln und Kribbeln und Durcheinanderrennen des Insektenheeres sofort beginnt, wenn die haftende Kraft des Wassers aufgehört hat. Wenn man aber zu diesem Zeitpunkte die Schar der Geretteten mustert, muß man sich wundern, eine große Menge solcher anzutreffen, welche unter Mittag im Sonnenscheine, oder des Abends vom Geruche ihrer Nahrung angelockt, oder sonst zum Vergnügen lustig umherfliegen. Hatte sie die Flut überrascht? Mochten sie keinen Gebrauch von ihrer Flugfertigkeit machen, weil es eine ungewöhnliche Zeit, eine außergewöhnliche Veranlassung war? Auch bei anderen Gelegenheiten, z.B. wenn sie in die vom Forstmann angelegten Fanggräben gerathen sind, befreien sie sich nicht durch Wegfliegen, sie sind eben vorherrschend und mit Vorliebe Fußgänger.

Damals, als größere Wassermassen unsere Erde bedeckten und ganz andere Umwälzungen auf ihr vorgingen, als eine heutige Ueberschwemmung erzeugen kann, ging, wie zur Jetztzeit, mancher Käfer zu Grunde, der nach und nach, aber in fossiler Form, den Forschern wieder zu Gesicht gekommen ist. Man kennt jetzt gegen tausend Arten; sie beginnen im Steinkohlengebirge, mehren sich aber im Tertiär und im Bernsteine.

Was die Eintheilung der Käfer betrifft, so haben sich seit Linné eine nicht unbedeutende Anzahl der tüchtigsten Entomologen bemüht, eine möglichst natürliche Anordnung herzustellen; denn es läßt sich nicht leugnen, daß keine andere Insektenordnung von so zahlreichen Männern der Wissenschaft bearbeitet worden ist, wie gerade die Käfer. Ein Fabricius, Latreille, Westwood, Burmeister, Erichson, Le Conte und wie alle die Neueren heißen mögen, welche einzelne Familien bearbeitet und sich mit ersteren hohe Verdienste um die Erkenntnis und Klassifikation der Käfer erworben haben. Da es jedoch hier nicht am Platze ist, weder die Gründe zu erörtern für die Zweckmäßigkeit der einen oder der anderen Methode, noch eine annähernde Vollständigkeit eines Systems zu geben, so führen wir die paar näher zu besprechenden Arten unter den Familien und in der Reihenfolge auf, welche Lacordaire annimmt. Derselbe hat uns in seinen »Genera des Coleoptères« ein unsterbliches Werk hinterlassen, das seit dem Jahre 1854 die volle Thätigkeit seines Verfassers in Anspruch genommen hat, aber leider unvollendet geblieben ist, weil der Tod jenen zu frühzeitig abgerufen hat; es schließt mit den Bockkäfern im neunten Bande ab und charakterisirt keine Art, sondern nur die Gattungen und Familien.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Neunter Band, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere, Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 26-30.
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