Dritte Familie: Schwimmkäfer (Dyticidae)

[43] Der sinnige Spaziergänger, welcher Gefallen an der schönen Natur findet und auch das Kleine und Unbedeutende bemerkt, welches sich seinen Blicken darbietet, bekommt diesen und jenen Laufkäfer zu sehen, mit den im Wasser lebenden Kerfen hat es freilich eine andere Bewandtnis. Um diese zu beobachten, muß man mehr Muße und Interesse haben als ein gewöhnlicher Spaziergänger; man muß an Dümpfeln, Lachen, Gräben mit stehendem Wasser sich umhertummeln und aufmerksam ausschauen. Da gibt es allerlei wunderbare Dinge zu sehen und viel zu berichten für den, welcher sich einigermaßen kümmert um das Geschmeiß, das hier zeitweilig oder für immer lebt, um zu fressen und gefressen zu werden. Denn nimmt das Morden unter dergleichen Gesindel in der Luft und auf der weiten Erdoberfläche kein Ende, so gehört es zum fast ausschließlichen Handwerke derer, welche das Geschick in ein Wasserloch einsperrte, wo so leicht kein Entkommen ist und der Schwächere dem Stärkeren immer unterliegen muß. Könnten wir durch die Berichte, die sich auf die Schwimmkäfer beziehen, unsere Leser für einen nur kleinen Theil jener Wasserbewohner interessiren und sie veranlassen, selbst hinzugehen und zu sehen, so würden wir unseren Zweck erreicht haben, und sie wären reichlich belohnt; denn sie würden mehr sehen, als wir ihnen hier erzählen können.

Die Schwimmkäfer, Tauchkäfer (Dyti cidae oder Hydrocanthari), um welche es sich zunächst handelt, sind für das Wasserleben umgeschaffene Laufkäfer. Da aber dieses weniger Abwechselung bietet als das Leben in der freien Luft, so finden wir auch bei weitem nicht den Wechsel der Formen von vorher. Mundtheile und Fühler der Schwimmkäfer unterscheiden sich nicht von denen der Läufer, namentlich ist die äußere Lade der Unterkiefer in die charakteristische Tasterform übergegangen, der Körper jedoch verbreitert und verflacht sich ganz allgemein; indem der Kopf tief im Halsschilde sitzt, dieses sich mit seinem Hinterrande eng an die Flügeldecken anschließt, Rücken und Bauch sich so ziemlich gleichmäßig wölben und in den Umrissen mehr oder weniger scharfkantig zusammenstoßen, so stellt dieser Umriß in ununterbrochenem Verlaufe ein regelmäßiges Oval dar. In gleicher Weise werden die Beine, vorzugsweise die hintersten, breit und bewimpern sich zur Nachhülfe stark mit Haaren, denn sie dienen als Ruder, ihre Hüften sind meist groß, quer, reichen fast bis zum Seitenrande des Körpers und verwachsen mit dem Hinterbrustbeine vollständig. Bisweilen verkümmert das vierte Fußglied der Vorderbeine, während beim Männchen die drei ersten desselben Paares, manchmal auch des folgenden in zum Theil eigenthümlicher Weise sich erweitern. Bis auf die Verwachsung der drei vordersten von den sieben Bauchringen erstreckt sich die Uebereinstimmung mit den Gliedern der beiden voraufgehenden Familien. [43] Neben der Fähigkeit zum Schwimmen fehlt den Dyticiden keineswegs die zum Fliegen. Da sie fast ausschließlich in stehenden Wässern leben, deren manche im Sommer austrocknen, so würden sie einem sicheren Tode entgegengehen, wenn nicht die Flugfertigkeit vorgesehen wäre. Am Tage verlassen sie ihr Element nicht, sondern des Nachts von einer Wasserpflanze aus, an der in die Höhe gekrochen wurde, und daher ist es zu erklären, daß man in Regenfässern, in Röhrtrögen und in ähnlichen Wasserbehältern manchmal gerade die größeren Arten zu sehen bekommt, daß sie des Morgens, weit entfernt von ihrem gewöhnlichen Aufenthalte, auf dem Rücken hülflos daliegend, auf den Glasfenstern von Treibhäusern und Warmbeeten gefunden worden sind, die sie entschieden für eine glänzende Wasserfläche gehalten haben mußten. Sehr viele benutzen ihr Flugvermögen, um unter Moos in den Wäldern ihr Winterquartier zu suchen, wo ich sie schon neben Laufkäfern, Kurzflüglern und anderen in der Erstarrung angetroffen habe. Da sie nicht durch Kiemen athmen, so bedürfen sie der Luft oberhalb des Wassers, kommen dann und wann aus der Tiefe hervor und hängen gleichsam mit ihrer Hinterleibsspitze, wo das letzte Luftröhrenpaar mündet, an dem Wasserspiegel, um frische Luft auf- und am filzig behaarten Bauche mit in die Tiefe hinabzunehmen. Warmer Sonnenschein lockt sie besonders an die Oberfläche und belebt ihre Tätigkeit, während sie sich an trüben Tagen im Schlamme verkriechen oder verborgen unter Wasserpflanzen sitzen; denn fehlen diese einem Wasserdümpfel, so fehlen auch sie. Die überwiegende Anzahl von ihnen, mit sehr großen und nach vorn erweiterten Hüften, schwimmen unter gleichzeitiger Bewegung der Hinterbeine, also nach den Regeln dieser edlen Kunst, einige kleinere Arten, mit schmalen Hinterhüften, unter abwechselnder Bewegung der Hinterbeine; diese sind die Wassertreter.

In Bezug auf die Larven müssen wir wieder unsere große Unwissenheit bekennen; von den paar beschriebenen läßt sich nur anführen, daß sie mit sechs schlanken, bewimperten und zweiklauigen Beinen ausgerüstet sind, aus elf Leibesgliedern bestehen, welche auf dem Rücken von Chitinschildern bedeckt werden; nur das letzte röhrenförmige ist durchaus hart und läuft in zwei ungegliederte, aber eingelenkte und gefiederte Anhängsel aus, welche mit dem letzten Luftlochpaare in Verbindung stehen und früher (S. 13) als Tracheenkiemen bezeichnet worden sind. Der wagerecht vorgestreckte platte Kopf zeichnet sich durch einfache, sichelförmige Kinnbacken, freie Kinnladen mit eingliederigen Tastern, ein kurzes, fleischiges Kinn mit zweigliederigen Tastern und keine Spur einer Zunge, durch den Mangel der Oberlippe, durch viergliederige Fühler und jederseits durch eine Gruppe von sechs, in zwei Senkstrichen stehenden Punktaugen aus. Die Kinnbacken dienen diesen Larven nicht nur zum Festhalten und Verwunden ihrer Beute, wie den Laufkäferlarven, sondern in Ermangelung einer Mundöffnung gleichzeitig als solche. Sie sind nämlich hohl, vor der Spitze in einer Spalte offen und bilden ein Saugwerk, mit welchem die flüssige Nahrung aufgenommen wird. Wegen der Uebereinstimmung hinsichtlich der Freßwerkzeuge bei dieser mit den beiden vorangehenden Familien sind alle drei von früheren Systematikern als Fleischfresser (Adephagi) zu einer Gruppe zusammengestellt worden.

Die etwa sechshundert bekannten Schwimmkäfer breiten sich über die ganze Erde aus, vorwiegend jedoch in der gemäßigten Zone, und stimmen wie in der Gestalt auch in der meist eintönigen Färbung überein, so zwar, daß hier in keinerlei Weise die Bewohner heißerer Erdstriche eine Auszeichnung vor unseren heimischen aufzuweisen haben. Schwarz, braun, bei den größten wohl auch olivengrün mit oder ohne schmutziggelbe Zeichnung, welche vorherrschend einige Ränder trifft, sind die einzigen Farben, welche den Schwimmkäfern zukommen. Gegen den Herbst findet man sie am zahlreichsten und, wie es scheint, alle als Neugeborene und zur Ueberwinterung Bestimmte.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Neunter Band, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere, Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 43-44.
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